Eine Fiktion des Geistes

Über die Zukunft

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wochenzeitung "Die Furche", Nr.6 / 9. Februar 2006

 

Nach und nach hat sich in uns düsteren und von Zweifeln geschüttelten Europäern der Gedanke festgesetzt, dass wir in der jüngsten Vergangenheit nur allzu oft falschen Propheten hinterhergelaufen sind. Die Führer von Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten etwa wurden von Massen euphorisch verehrt. Wohl jeder zweite Europäer identifizierte sich im 20. Jahrhundert mit ihren Ideen, nicht zuletzt, weil damit ein verführerisches Bild von der Zukunft entworfen werden konnte. Und doch – oder eben gerade deshalb – haben diese Ideen Millionen von Menschen den Tod gebracht, niemals gab es größere Gräuel als im 20. Jahrhundert. – Man bleibe uns also fürderhin vom Leibe mit Ideen und daraus abgeleiteten Entwürfen einer glorreichen Zukunft, die hatten es nämlich immer schon faustdick hinter den Ohren.

Wir, die Enkel der Verführten, sind demnach "abgesotten in der Einsicht und in ihr kalt und hart geworden, dass es in der Welt durchaus nicht göttlich zugeht, ja noch nicht einmal nach menschlichem Maße vernünftig, barmherzig oder gerecht", wie bereits Nietzsche für seine Zeitgenossen formulierte. Und "dass die Welt nicht das hält, was man sich von ihr versprochen hat, ist vielleicht das Sicherste, dessen unser Misstrauen endlich habhaft werden konnte". Wer hinsichtlich glorreicher Ideen für die Zukunft also kein Pessimist oder nicht zumindest ein Melancholiker ist, begeht einen Erkenntnisfehler, ja, der ist geradezu verstockt. Auch als überzeugter Christ, Sozialdemokrat oder Liberaler muss man heute einsehen, dass wir stets die Teufel und die von Teufeln Gequälten in Personalunion waren, dass wir uns in regelmäßigen Abständen das Leben zur Hölle machten, um vermeintlich großen Ideen für die Zukunft den Weg zu bereiten.

Aber, gesetzt den Fall, man würde auf das Christentum alle Hoffnung für die Zukunft setzen und erst einmal absehen von Inquisition, Folter und fundamentalistischen Tendenzen in der Vergangenheit, dann müsste man sich freilich im Klaren darüber sein, dass wahre Christen immer auch schon Kommunisten waren, der kommunistische Gedanke der Gleichheit aber jedem ehrgeizigen Menschen ein Unding ist. Denn will sich das Leben nicht "in die Höhe bauen", wie es Nietzsche formulierte, "mit Pfeilern und Stufen" und "in weite Fernen blicken und hinaus nach seligen Schönheiten"? Und braucht das Leben deshalb nicht "Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden", die "Herausbildung immer höherer, seltenerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus ‚Mensch‘"? Man stelle sich einmal eine Welt vor, in der jeder alles mit jedem teilen muss, also jeder arm ist wie eine Kirchenmaus, und in der jeder jeden lieben muss, also jeder zu Naivität und Einfalt verpflichtet wäre! Erschiene es da manchem nicht erstrebenswerter, den Heldentod zu sterben?

Trotz aller Ernüchterung bleibt freilich auch uns guten Europäern nichts anderes übrig, als das Künftige mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Wer denkt, wer existiert, erwartet etwas, ob er nun will oder nicht, ob er nun Zweifel hat oder glaubt. So bleiben wir im Ungewissen. Trotzdem wünschen wir die Folgen unserer Handlungen im Voraus zu kennen. Dabei denken wir an Handlungen in der Vergangenheit und deren Folgen – in der Annahme, dass gleiche Handlungen zu gleichen Ergebnissen führen. Diese Art von Gedanken, so Thomas Hobbes in seinem Leviathan, nennt man "Klugheit oder Vorsehung und manchmal Weisheit, obwohl solche Mutmaßung wegen der Schwierigkeit, alle Umstände zu beachten, sehr trügerisch sein mag. [...] Nur die Gegenwart existiert in der Natur; vergangene Dinge existieren nur in der Erinnerung, aber kommende Dinge existieren überhaupt nicht, denn die Zukunft ist nur eine Fiktion des Geistes, der die Folge vergangener Handlungen auf die gegenwärtigen Handlungen anwendet, was der am sichersten tut, der die meiste Erfahrung hat, aber nicht sicher genug."

Wenn unsere Zukunft nun aber gar nicht in dieser Welt, sondern "im Himmel" zu finden wäre? Gibt es hierfür Zeichen? Zuständig für solche Zeichen wären jene, die mit der Transzendenz Kontakte pflegen und die man seit jeher "die Heiligen" nennt. Aber wo sind sie, die vor Gottessehnsucht Wahnsinnigen, die mit dem Teufel ringen, Stigmen tragen, mit den Tieren reden, die Ausgezehrten mit den glühenden Augen, die vielleicht wirklich wissen, wo Gott wohnt? Wo bleibt die maßlose Verzückung, mit der uns von einer Zukunft im Himmel berichtet wird? Man würde sie nur allzu gerne sehen, die Heiligen in unserer modernen Welt, aber man sieht sie nicht. Freilich, man sieht charismatische Sozialhelfer und freut sich. Aber man sieht vor allem auch Verwalter und Event-Manager des Glaubens, die Kirche, "das einzige absolutistische System in der westlichen Welt, das sich nach der Französischen Revolution noch gehalten hat", wie es der Theologe Hans Küng formuliert hat. Was haben sich doch die Philosophen aller Zeiten vor den Verwaltern der Religionen fürchten müssen!

Und was haben auch Philosophen nicht alles für die Zukunft erdacht, was letztlich von Übel war! Doch vergessen wir nicht, dass das Üble stets daher rührte, dass sich Spätere bemüßigt fühlten, das Erdachte in die soziale Wirklichkeit zu überführen, also politisch zu exekutieren. Wäre es demnach nicht besser, ja heilsamer, wenn die Zukunft, als eine meist philosophische Fiktion des Geistes, auch eine solche bliebe, in einem anregenden Gespräch, einem erfrischenden Gedankenspiel, einer berückenden Theorie, wenn solche "Höhe", solche "Stufen" und solches "Steigen" niemals eine neue, überschwängliche oder gar glorreiche Realität ergeben würden? Dann würden wir, die wir Zukunft bloß bedenken, auch niemals zu jenen falschen Propheten gehören, die andere ins Unglück treiben. Haben wir jenen "seligen Schönheiten", von denen Nietzsche zu wissen meint, dass sich das Leben zu ihnen aufschwingen will, nicht tatsächlich zu entsagen – gerade des Lebens wegen, das sich ja nicht bloß optimal entwickeln, sondern auch schlichtweg weiterleben will?

Was für die Zukunft dann letztlich übrig bliebe, wäre bloß eine Vielzahl kleiner, pragmatischer Schritte, die freilich allesamt keinen großen Wurf ergäben, jedoch auch niemanden in großem Stil erschlagen würden. Vielleicht ist es in Wahrheit besser, ein Kleingeist zu sein, was das Handeln betrifft. Bedenken wir doch, wie fabelhaft bereits eine Zukunft wäre, welche uns eine Welt bescherte, die "nach menschlichem Maße vernünftig, barmherzig oder gerecht" wäre. – Kann man von einer Zukunft mehr erwarten?

 

 

Die Zukunft als Fiktion des Geistes
(alternative Textversion)

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Kundenzeitschrift der HMP-Consulting GmbH (Mai 2006)

 

Das, was in der Natur vorhanden ist, ist vor allem die Gegenwart. Tiere etwa leben in der Gegenwart, auch Kinder, speziell sehr kleine. Wir Erwachsenen, die wir die Natur verlassen haben – vor allem dadurch, dass wir arbeiten – leben nur dann in der Gegenwart, wenn wir uns etwa im Konzert befinden oder ein Buch lesen, wenn wir in kreative Tätigkeiten versunken sind oder wenn wir philosophieren, wenn wir zu beten versuchen oder auch wenn wir anderen Menschen helfen, die in Not sind. Warum das so ist? Weil wir in der Kunst, in der Welt der Kreativität, in der Philosophie, in der gelebten Religion oder im Zuge karitativer Tätigkeit unser Ich in den Hintergrund stellen. Unser Ich, dieses kläffende Hündchen, das immer etwas will und muss und soll, dieses Ich verschwindet gleichsam, während wir diese Dinge tun. Und das erleben wir als angenehm. Warum? Weil, während wir in der Gegenwart sind und dort unser Ich vergessen, während wir im Reich der Ideen und der schönen Dinge sind, nicht über die Vergangenheit nachdenken, uns keiner Vergangenheit mehr bewusst sind, weil wir in diesen Momenten, die durchaus länger andauern können, gleichsam keine Vergangenheit mehr haben. Doch vielleicht ist das gar kein wirklicher Verlust, denn die Vergangenheit ist ja bloß in unserer Erinnerung vorhanden, etwas, das gewesen ist, demnach nicht mehr existiert, etwas, auf das wir keinen Zugriff mehr haben und so auch nicht verändern können.

Real ist also nur die Gegenwart (aber auch nur dann, wenn wir uns in ihr befinden, was, wie gesagt, selten der Fall ist). Die Vergangenheit ist nicht mehr, vorbei, gewesen, nicht mehr revidierbar. Und die Zukunft? Die Zukunft ist eine Fiktion des Geistes, eine Hoffnung, eine Befürchtung, ein Wunsch, eine Chimäre. Und trotzdem: Obwohl sie eine Fiktion des Geistes ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Wer denkt, wer existiert, erwartet etwas, ob er nun will oder nicht. Stets wünschen wir die Folgen unserer Handlungen im Voraus zu kennen. Dabei denken wir an Handlungen in der Vergangenheit und deren Folgen, in der Annahme, dass gleiche Handlungen zu gleichen Ergebnissen führen. Diese Art von Gedanken, schreibt Thomas Hobbes (ein englischer Philosoph aus dem Barock), nennt man "Klugheit oder Vorsehung und manchmal Weisheit, obwohl solche Mutmaßung wegen der Schwierigkeit, alle Umstände zu beachten, sehr trügerisch sein mag". Mutmaßungen über die Zukunft geschehen also in der Art, dass man die Folgen vergangener Handlungen auf die gegenwärtigen Handlungen anwendet. Und wer tut dies am sichersten? Derjenige, der die meiste Erfahrung hat, aber stets, fügt Hobbes hinzu, "nicht sicher genug".

Launig könnte man sich jetzt die Frage stellen: Wo sind wir dann, wo leben denn bloß? - wenn wir kaum, oder bestenfalls gelegentlich, in der Gegenwart leben, die Vergangenheit bloß in der Erinnerung vorhanden, im Grunde nur ein Schatten ist, die Zukunft jedoch eine Fiktion des Geistes darstellt. Wo sind wir? Und: Sind wir wirklich da?

Die Zukunft bleibt also ein Fiktion des Geistes, selbst für diejenigen, die sich professionell mit der Zukunft beschäftigen, wie etwa die Leute von der Wetterstation oder Politiker oder Theologen oder Zukunftsforscher oder auch Philosophen. Solche Leute glauben stets nur, etwas über die Zukunft zu wissen. In Wirklichkeit sagen sie dies und das voraus, wovon dann dies und das in Zukunft eintrifft oder auch nicht, was die ganze Angelegenheit, wie man zugeben muss, zumindest fragwürdig macht.

Aber wenn die Sache bloß fragwürdig wäre, wäre das ja nicht weiter ein Problem. Wenn etwa ein Zukunftsforscher uns die Zukunft präsentiert, wir interessiert sind und hohe Beträge dafür zahlen, an seinem stets hypothetischen Wissen teilzuhaben zu können, dann ist dies ja im Grunde eine harmlose Angelegenheit. Schlimmstenfalls kann man hier von Scharlatanerie sprechen – in jedem Fall aber von einer guten Geschäftsidee, die ordentlich was einbringt.

Aber wie steht es demgegenüber mit den Kommunisten etwa oder den Faschisten und Nationalsozialisten, denen wir Europäer, so gut wie jeder zweite von uns, im 20. Jahrhundert hinterhergelaufen sind. Wir sind ihnen hinterhergelaufen und haben sie in Massen verehrt. Warum? Weil sie ein verführerisches Bild von der Zukunft entworfen haben. Sie haben uns glauben machen, dass die Zukunft so und so aussieht wenn wir das und das tun. Und mindestens jeder zweite von unseren unmittelbaren Vorfahren hat ihnen geglaubt, hat sich eine glorreiche und grandiose Zukunft vorgestellt. Aber wir wissen, wie das alles ausgegangen ist: Millionen von Menschen haben den Tod gefunden, niemals gab es größere Gräuel auf dieser Welt als gerade im 20. Jahrhundert, niemals hat es mehr Tote durch Ideologie und große Ideen über die Zukunft gegeben als im 20. Jahrhundert.

So drängt sich im Grunde die Meinung auf, dass einem eine großartige, glorreiche Zukunft gestohlen bleiben kann, dass man auf sie getrost verzichten sollte. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Und wenn wir vernünftig sind, müssen wir zugeben, dass die Welt durchaus nicht das gehalten hat, was man sich stets von ihr versprochen hatte. Dieses Misstrauen sollte uns mittlerweile tief in den Knochen sitzen, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen wollen. Denn wenn wir vernünftig sind, müssen wir auch zugeben, wie Friedrich Nietzsche einmal schrieb, "dass es in der Welt durchaus nicht göttlich zugeht, ja noch nicht einmal nach menschlichem Maße vernünftig, barmherzig oder gerecht". Wer hinsichtlich glorreicher Ideen für die Zukunft also kein Pessimist oder kein Melancholiker ist, begeht einen Erkenntnisfehler, zweifellos.

Trotzdem müssen wir die Zukunft gestalten. Wir alle wollen ein gutes Leben haben. Es geht ja im Leben im Grunde um nichts anderes, als darum, ein gutes Leben zu haben. Denn ein schlechtes Leben zu haben ist ein wirkliches Übel – und gesetzt den Fall, wir haben nur ein Leben, auch eine heillose Verschwendung. Deshalb müssen wir nachdenken, wie wir zum guten Leben kommen, denn geschenkt bekommen wir es in der Regel nicht – und es ergibt sich auch niemals nur von ganz alleine. Wir müssen etwas tun, damit wir das bekommen, was wir wollen. Zuvor aber müssen wir uns darüber im Klaren sein, welche Möglichkeiten wir haben. Dann müssen wir aus den vorhandenen Möglichkeiten ein Kriterium destillieren, damit wir diese bewerten können. Dann müssen wir uns entscheiden und schließlich die Entscheidung auch in die Tat umsetzen – wo wir dann wieder bei der Zukunft, die eine Fiktion des Geistes ist, angelangt wären, die nur der weiß, der die Folgen vergangener Handlungen auf die gegenwärtigen Handlungen anwendet. Und wer tut dies am sichersten? Derjenige, der die meiste Erfahrung hat, aber stets, fügt Hobbes hinzu, "nicht sicher genug".