Erhaben über Gunst
und Zorn

Epikurs Lustprinzip und der philosophische
Materialismus der Antike

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 19. Februar 1999

 

Epikurs Lehren entstanden um 290 vor Christus, in einer Zeit des Umbruchs und der Wende. Politische Verwirrung, soziale Unsicherheit und der Verlust der religiösen Traditionen prägten den Alltag der Bevölkerung. Idealistische Visionen aller Art verloren zunehmend an Kraft und wurden durch pragmatisch-resignative Denkmuster ersetzt. Die Folge war ein allgemeiner Rückzug ins private Leben. Hatten Platon und Aristoteles noch ihre höchste Hoffnung in den Staat gesetzt, stand nun der Wert des individuellen, "kleinen" Glücks im Zentrum. Das Zeitalter der griechischen Expansion ging seinem Ende zu, und "Lebe im Verborgenen", eine der Lebensregeln Epikurs, wurde zum Wahlspruch einer neuen Zeit.

 

Ideologischer Kampf

Der philosophische Materialismus, jene von Religion und Metaphysik befreite Geisteshaltung, wurde von Demokrit begründet. Mit den Schriften Epikurs aber fand dieses Denken erstmals Popularität. Den griechischen und später römischen Eliten blieb der Materialismus bis zuletzt jedoch ein Dorn im Auge. Man hielt ihn für vulgär und sah in ihm eine Gefahr für die Moral, seine Verfechter hatten einen schlechten Ruf. In der Spätantike und im christlichen Mittelalter wurde Epikur dann regelrecht zum Feindbild. Dies erklärt, warum die Schriften dieses Philosophen, die zu den umfangreichsten der Antike zählten, heute nur mehr in Bruchstücken vorhanden sind. Im Gegensatz zu Platons Dialogen wurden sie nach und nach vernichtet. Dies war Ausdruck eines ideologischen Kampfes.

Erst im 18. Jahrhundert fand das epikuräische Weltbild eine glänzende Erneuerung. Voltaire, Diderot, später aber auch Marx, Schopenhauer und Nietzsche sahen in dem alten Epikur ein Vorbild. Revolutionäre Denker begannen ihn zu schätzen. Den anderen war er nach wie vor ein Ärgernis.

Epikur, der Aufklärer, war von der Lust fasziniert. Sie bedeutete ihm Ursprung, Weg und Ziel alles Wertvollen, schlichtweg den zentralen Wert: "Jedes Lebewesen erstrebt, sobald es geboren ist, die Lust und freut sich an ihr als an dem höchsten Gute und flieht den Schmerz als das größte Übel. Und zwar tut es dies, während es noch nicht verdorben ist und während die Natur selbst noch unverdorben und unverfälscht urteilt".

Die Beobachtung am Säugling - der noch Natur und noch nicht Kultur hat, für den die Lust das einzig Erstrebenswerte ist - war demnach Basis für die Einsicht in das tatsächliche Wesen des Menschen. Aus welchem Grund die Lust das Erste und das Beste ist, musste dann gar nicht mehr bewiesen werden. Epikur meinte, man spüre es einfach, "so wie man spürt, dass das Feuer wärmt, der Schnee weiß ist und der Honig süß". Dieses Bewusstsein einer Evidenz war die Basis der epikuräischen Ethik.

Die Lust, so Epikur, ist jedoch nicht nur Säuglingsglück. Sie spielt im Leben aller die zentrale Rolle. Motiv ist immer nur der Lustgewinn: "Ursprung und Wurzel alles Guten ist die Lust des Bauches, denn selbst das Weise und Feine beziehen sich darauf zurück", d.h. alle Handlungen, selbst die weisen und feinen, werden letztlich um ihres Vorteils willen begangen.

Das egoistische Motiv des Handelns wurde in der griechischen Philosophie jedoch stets geächtet. Gehandelt werden sollte aus Gründen der Vernunft und der Moral. Aus Lust zu handeln war verpönt. Dies füge aber, in den Augen Epikurs, unserem Bewusstsein Schaden zu. Denn, falls wir von Kindesbeinen an dazu erzogen werden, unser Primärmotiv, den Lustgewinn, als schändlich anzusehen, und dann als mündige Erwachsene bloß Idealen folgen müssen, wir demnach fremdgesteuert sind und unsere wahre Absicht gar nicht kennen, so belügen wir uns selbst, ein Leben lang. Moralisch-psychische Verwirrung und Verkrampfung werden dann zwangsläufig die Folge sein. "Ich spucke auf das Edle", meinte Epikur, "und auch auf jene, die es in nichtiger Weise anstaunen, wenn es keine Lust erzeugt". Heuchelei war ihm zutiefst zuwider.

Nach Epikur hatten die Denker der Antike es verabsäumt, der Lust auf ihren wahren Grund zu gehen. In ihren Augen war sie Angelegenheit des Pöbels und des Viehs. Ein Weiser hatte "Höheres" im Sinn zu haben. "Weisheiten" dieser Art, so Epikur, beruhten aber bloß auf einem Missverständnis, denn "kein Mensch verachtet die Lust, bloß weil sie Lust ist, oder hasst sie oder flieht sie deshalb, sondern nur, weil auf sie große Schmerzen folgen, und zwar für jene, die nicht mit Überlegung der Lust nachzugehen verstehen". Die "elitäre" Verachtung der Lust beruht demnach bloß auf der philosophischen Unkenntnis darüber, wie sie unbeschadet zu erfahren und zu bewahren ist. Das Wissen um das Wesen der Lust, sowie die Technik zu ihrer dauerhaften und ungetrübten Erlangung, wird so zum vordringlichsten Bildungsziel.

 

Schmerzvolles Streben

Was kann nun über das Wesen der Lust gesagt werden, und zwar derart, dass wir für dieses höchste Gut, dieses angestrebte Ziel, empfänglicher werden, es begreifen, ihm näher kommen? Für Epikur grundlegend war zunächst die Annahme, dass die Lust kein endlos steigerbares Phänomen ist. In der Antike - wie heute - war es dagegen weitgehend üblich, genau das Gegenteil zu vermuten. Das Wesen der Lust wurde für grenzenlos und unendlich gehalten, und das war - speziell in der Antike - auch das Hauptargument für ihre Wertlosigkeit: Wie sollte man auf etwas bauen, wie sollte man etwas als höchsten Wert verstehen können, wenn es sich unermesslich zeigt und niemals fassbar ist? Wie kann das, was kein Maß und kein Ende findet, je ein Telos, je ein erstrebenswertes Endziel sein?

Diesem Einwand begegnete Epikur mit der These, dass "die oberste Grenze der Lust die Befreiung von allem Schmerz" bedeute, die Lust sich über diese Grenze hinaus zwar "wandeln und differenzieren kann, nicht aber vermehrt oder bereichert zu werden vermag". Für die größte Lust wird demnach jene Lust gehalten, die nach der Beseitigung alles Schmerzenden empfunden wird. Die Schmerzlosigkeit macht ihre Grenze, ihr verständliches Maß und ihre Endlichkeit aus. Alles darüber hinaus, alles Streben nach Quantität, müsse insofern scheitern, als die höchste Qualität der Lust in der Schmerzlosigkeit bereits erreicht ist und sich nur mehr geringfügig verändern kann.

Tatsache ist, dass hartnäckiges Drängen auf mehr Lust bereits beginnende Unlust und Frustration bedeutet, zunehmend den Schmerz und die Verzweiflung nach sich zieht. Das Streben nach Lust ist somit qualvoll, aber nur insofern, als die absurde Vorstellung ihrer endlosen Steigerbarkeit den Motor dieser Bestrebung ausmacht. Um den höchstmöglichen Lustgewinn aus unserem Dasein ziehen zu können, ist es bloß notwendig, alles Schmerzende zu beseitigen. Denn der Lust kann nicht verzweifelt nachgestiegen werden; sie ist keine Frage aktiven Konsums: Sie ergibt sich zwangsläufig aus der Reduktion alles Schmerzenden.

Wenn wir uns, so Epikur, verbissen und mit heiligem Ernst um Geld, Ämter, Macht und Ruhm bemühen, so zielen wir auf einen erhofften, zukünftigen Lustgewinn ab. Um diesen Gewinn einstens abschöpfen zu können, müssen zwangsläufig Umstände in Kauf genommen werden, die jeder gegenwärtigen Lust entgegenstehen. Nur durch ein hastiges Konsumieren kann diese stete Schmach in Schach gehalten werden; nur durch gezielte Verschwendung wird uns dieses Joch erträglich. Wir geraten also bestenfalls in andauernde innere Unruhe und Anspannung, was man heutzutage Stress nennt, und schlimmstenfalls, sollten sich unsere Ziele als nicht erreichbar herausstellen, in üble Depression, auf jeden Fall aber nicht dorthin, wohin wir eigentlich wollten, nämlich zur ungetrübten Lust, zum schmerzlosen Zustand.

"Wir sind nur einmal geboren. Zweimal geboren zu werden ist nicht möglich, und eine Ewigkeit dürfen wir nicht mehr sein. Du aber, der du nicht Herr über den morgigen Tag bist, schiebst die Freude auf. Das Leben verrinnt, während wir zaudern, und jeder einzelne von uns stirbt mitten aus rastloser Tätigkeit heraus".

 

Alles in Maßen

Epikurs Reden geben zu denken, bedenken das, was er die "Seelenruhe" nennt. Sie ist die Lust des souveränen Gottes, der erhaben über Zorn und Gunst dem Wahnsinn lachend trotzt. Für uns Menschen bleibt zu hoffen, sich der göttlichen Schmerzlosigkeit und Unbelästigtheit zumindest annähern zu können: durch vernünftige Einsicht. Der erster Schritt zur Einsicht ist die negative Auffassung der Lust, ihre Gleichsetzung mit dem schmerzlosen Zustand. Dies führt dann zur Vermeidung gewisser "lustbringender" Aktivitäten, doch nicht auf Grund moralistischer Dünkel, sondern um der Luststeigerung willen. Weiters, so Epikur, benötigen wir gewisse Grundkenntnisse in den Wissenschaften, und zwar deshalb, um die Furcht vor dem Unbekannten sowie die geistige Leere bekämpfen zu können. Indem wir Zusammenhänge aller Art denkend begreifen, fördern wir den subjektiven Sinn. Unerlässlich sind für Epikur ein sorgsam gewählter Freundeskreis, politische Nichteinmischung, vorteilhafte Ernährung und ein zurückgezogenes Leben. Und generell von Vorteil ist es, immer und überall das Maß zu bewahren. Indem wir sowohl unsere Talente und Fähigkeiten, als auch unsere finanziellen Mittel adäquat einschätzen und einsetzen, bleiben uns niederschmetternde Enttäuschungen und Abhängigkeiten erspart.

Was an Schmerzen unvermeidlich ist, wird ebenfalls gezielt bekämpft. Körperlichem Schmerz gegenüber wird Haltung bewahrt, falls er im Rahmen des Erträglichen bleibt. Bei unerträglichem und anhaltendem Schmerz hingegen beendet man das Leben vorsichtshalber vorzeitig, wie man bei einer miserablen Inszenierung das Theater verlässt. Denn wurde das Wesen der Lust zu Lebzeiten durchschaut und somit lustvoll gelebt, kann auch beruhigt gestorben werden. Man hat alles gehabt und nichts versäumt. Das, was zählt, ist allemal die Qualität. Der Tod schließlich ist nicht zu fürchten, denn der Körper zerfällt und hat keinerlei Empfindung mehr. Was aber keinerlei Empfindung hat, geht uns nichts an.

Auch dem seelischen Schmerz, so Epikur, sollten wir stets nüchtern und illusionslos begegnen. Denn für den Weisen wird das Maß der Lust letztendlich überwiegen. Um dieses Vorteils willen wird schließlich philosophiert. Denn man würde "die Weisheit, welche die Kunst des Lebens ist, nicht erstreben, wenn sie kein Ergebnis hervorbrächte. Nun wird sie aber erstrebt, weil sie gewissermaßen Künstler ist im Aufsuchen und Erwerben der Lust". So wird selbst psychische Labilität besiegbar, "denn es ist nur die Weisheit, die aus der Seele die Traurigkeit vertreibt und die uns daran hindert, vor Angst zu erstarren".

 

Lebendiges Kunstwerk

Die Lebenskunst liegt im gekonnten Wechselspiel zwischen Materie und Geist: Das vernünftig zu gestaltende Materielle schafft Freiraum und beflügelt das Geistige; das Geistige benutzt und bewertet das Materielle mit einer ihm adäquaten und zweckmäßigen Einstellung. Die Harmonie zwischen diesen Polen der Wirklichkeit - die Ataraxia - macht dann das glückselige Leben aus. Diese Harmonie, dieses Maß, bestimmt sich im einzelnen Menschen prozessartig und lebenslang immer wieder neu: Man verwirklicht sich sozusagen selbst als lebendiges Kunstwerk.

Als Sklaven unserer Lust sind wir wie Kinder oder Tiere. Um Herr zu sein, bedarf es der Kontrolle durch den Geist. Ist uns die Lust der höchste Wert, darf sie nicht maßlos wüten. Sie muss zur Ruhe kommen, sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Somit entzaubert Epikur die Lust und raubt ihr die wohl spektakulärste Erscheinungsform: die Facette des Geilen. Es bleibt die Lust eines geläuterten und weisen alten Mannes, der seelenruhig die letzten Sonnenstrahlen des Spätherbstes genießt, meilenweit von jeder Erektion entfernt. Epikurs Strategie, angesichts einer dem Menschen stets drohenden Orgie an Wünschen und Sehnsüchten, ist die Suche nach einem subjektiv-menschlichen Maß, gleichsam die Suche nach einer Form der Kastration mit den Mitteln der Vernunft.

Letztlich geht es Epikur um die Förderung und Straffung der eigenen Person. Diese wird als potent erlebt und ist es wert, den Mittelpunkt des Interesses auszumachen. Auf materialistischer und rationaler Grundlage wird das äußerliche Leben den gegebenen Möglichkeiten optimal angepasst. Die für das Wohlbefinden benötigte Materie wird selektiert, aufbereitet und klug genutzt. Soziale Gegebenheiten werden nüchtern und illusionslos betrachtet. Ein gemäßigtes asketisches Bemühen und die Suche nach dem individuellen Maß sichern die Lust in ihrem Bestand, um in Ruhe an einer geistigen Vervollkommnung arbeiten zu können.

Von seinen Schülern wurde Epikur der "Göttliche" genannt. Dass der Meister diesen Zustand tatsächlich erreicht hatte, wurde in den Kreisen seiner Anhänger von niemandem bezweifelt.