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Systemtrottel, Wutbürger und der eigene Garten

Düringer und die Wutrede: Da hat etwas eingeschlagen

von HANS RAUSCHER
veröffentlicht in den Der Standard vom 14. Dezember 2011

 

 

Wonach klingt das? "Wir sind all jene Systemtrottel, die es schön langsam satt haben, im Hamsterrad zu laufen und all jenen, die vom System fest profitieren, den Deppen zu machen."

Oder: "Wir sind wütend, ziemlich wütend, weil diese Politmarionetten offenbar ihre Aufgabe vergessen haben, nämlich uns, der Gemeinschaft zu dienen und nicht gemeinsam mit Banken und den Konzernen über das Volk zu herrschen".

Leserbrief in der Krone? Jungsozialisten? Oder H.-C. Strache? Könnte all das sein.

Der Text stammt aus dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" (Ecowin-Verlag) der Autoren Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan. Der erste ist nach Selbstbeschreibung "Philosoph und realistischer Idealist", der zweite "Wirtschaftsphilosoph". Ihr Buch erhielt jetzt einen gewaltigen Aufmerksamkeitsschub, nachdem Roland Düringer sozusagen als Abgesang der Donnerstag Nacht im ORF Passagen (darunter auch die beiden Zitate oben) aufsagte. Das ging wie ein Tsunami durch die Social Media und ein Standard-Interview mit Düringer dazu verzeichnet sehr hohe Zugriffs-und Postingraten.

Da hat etwas eingeschlagen. "Das System ist am Ende", sagt Düringer. "Wir alle bewegen tagtäglich die Rädchen im System ... wir spüren die unerklärliche Unzufriedenheit, die anschwellende Wut", sagen die Autoren. Und: "Bleiben Sie kein konsumgelenkter 'Systemtrottel', holen Sie sich ihr Leben zurück!"

Ja, gut, aber wie jetzt genau? Die Autoren haben mit Strache und "rechten Primitiv- Lösungen" nichts am Hut, das ist einmal wichtig. Sie sind auch keine altlinken Umverteiler ("Die Mehrheit der Menschen sind heute Nettotransferleistungsbezieher, d. h. sie beziehen ihr Einkommen aus den Steuerzahlungen der Minderheit."). Nur zu schnell, zu unüberschaubar, zu fremdbestimmt ist ihnen alles geworden.

Sie empfehlen daher den (Teil-)Ausstieg, den bedingten Rückzug. Im Politischen wird das ein bisschen haarig: "Die größte politische Lüge ist wohl das Märchen, wir würden in Demokratie und Rechtsstaat leben." Im Gegensatz zur antiken Athener Demokratie, die eine "kleine, reale Gemeinschaft, die sich von einem Hügel zur Gänze überblicken lässt", war.

Das Stichwort ist "kleine Gemeinschaft". Die Autoren raten, sich in seinen "Garten" zurückzuziehen: "Im Kleinen solche realpolitischen Herausforderungen im eigentlichen Sinn zu meistern (z. B. das friedliche Zusammenleben mit anderen zu praktizieren - Anm.), ist der einzig gangbare Weg." Wahrscheinlich wäre es auch günstiger, würden sich viel mehr Menschen darauf konzentrieren, ganz einfach ihren Lebensbereich positiv zu gestalten. Aber ist es das, was die Menschen, die sich von Roland Düringer elektrisieren ließen, wirklich wollen?

Die Donnerstag-Nacht- und die Internetgemeinde, meist jüngere Leute am Karrierebeginn oder gar Mitglieder des Prekariats, wollen wohl, dass sich an den Umweltbedingungen für sie etwas ändert; dass es fairer, offener, intelligenter zugeht.