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Weihnachten ist Hochsaison für Systemtrottel

Ein philosophisches Buch motivierte Roland Düringer, im ORF eine "Wutrede" zu halten. Die SN baten einen der Autoren des Buches "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" zum Gespräch.

von PETER GAIGNER
veröffentlicht in den Salzburger Nachrichten vom 20. Dezember 2011

 

Rahim Taghizadegan ist Philosoph. Mit Eugen Schulak betreibt er in Wien sogar eine "Philosophische Praxis". Die kann jeder in Anspruch nehmen, der am Sinn seines Lebens zu zweifeln beginnt. Für diese Leute haben sie dann philosophische Antworten parat. Die Idee ist gut: Weil sie weniger auf die Symptome, sondern auf die Wurzel der Probleme abzielt. Und es sei heute nun einmal meistens die Gesellschaft, die die Bürger krank mache. Ihre Sicht der Dinge haben sie nun in dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" (Ecowin) zusammengefasst. Roland Düringer hat dieses Buch verschlungen. Dann hielt er eine "Wutrede" in der ORF-Sendung "Dorfers Donnerstalk" - diese geriet zu einem Rundumschlag, nach dem das Publikum lautstark mitgebrüllt hat: "Wir sind wütend!"

"Wir sind all jene Systemtrottel, die es schön langsam satthaben, im Hamsterrad zu laufen und all jenen, die vom System profitieren, den Deppen zu machen", zitierte Düringer beispielsweise. Ist wirklich alles so schlimm? Taghizadegan nickt. Auch die Behauptung, dass wir in einer Demokratie lebten, kostet ihm im SN-Gespräch nur ein Lächeln: "Hätte man Sokrates zu Lebzeiten eingefroren und würde ihn heute auftauen, dann wäre er überrascht, wie viele Sklaven er heute vorfinden würde."

Noch nie habe es so viel Individualismus und Konformismus zur gleichen Zeit gegeben, fährt er fort. Soll heißen: Die Menschen werden ständig in dem Glauben bestärkt, sie hätten ihr Leben unter Kontrolle. "Haben sie aber nicht", sagt er. Wir alle seien eben nur "nütz liche System trottel, die gleichförmig ausrichtbar sein müssen, vergleichbar mit Eisenspänen auf einer Glasplatte, unter der sich ein Magnet bewegt". Es ist ein kompliziertes System, das die Autoren in ihrem Buch nach allen Regeln der philosophischen Kunst zerlegen. Als Grundübel erkennen sie den Gebrauch von Geld als Problemlöser. "Jeder schreit nach mehr Geld", sagt er. Steigt die Kriminalität? "Mehr Geld!" Sinkt die Bildung? "Mehr Geld!" Ist der Fußballverein in der Krise? "Mehr Geld!" Der Mensch, sagt Taghizadegan, spiele kaum noch eine Rolle. Als Lösungsvorschlag empfiehlt er die Metapher des Gartens in Voltaires "Candide". Die vermögenden Leute hätten das schon begriffen. "Noch nie wurde so viel Geld in Ackerland investiert wie heute", sagt er. In der Praxis sei dieser Garten aber eher mit dem Beruf zu vergleichen. Diesen könnten die meisten heute nur noch selten als Berufung wahrnehmen: "Also machen sie exzessiv Gebrauch von Ersatzdrogen." Wodurch sich eine schleichende Abhängigkeit ergeben habe: "Nach Unterhaltungselektronik oder Drogen aller Art. Suchen Sie sich was aus, was unsere Konsumwelt zu bieten hat." Besonders gefinkelt sei die schleichende Verblödung in Social Networks wie Facebook, wo man nur den "Geschmack von Freundschaft" erhalte und nur scheinbar das Gefühl habe, "wichtig zu sein".

Und die Weihnachtszeit sei sowieso die Hochsaison der Systemtrottel: "Da haben wir diese panische Jagd nach Ersatzdrogen unter dem Deckmantel der Besinnlichkeit." Während dieser Zeit seien wir aber nur gestresst. Wütend werden viele erst am Heiligen Abend: Wenn man draufkommt, dass die Mühsal der letzten Wochen kaum etwas mit Menschlichkeit zu tun hatte.