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Neue Welle der Aufklärung

Spiegelbild. Eine Welle der Empörung rauscht durch den Buchmarkt. Ein Werk ragt heraus: Weil es uns den Unsinn unseres Lebens vor Augen führt.

von PETER GNAIGER
veröffentlicht in Salzburger Nachrichten vom 10. September 2011

 

 

Am Anfang war das Feuer - das Feuer des 94jährigen ehemaligen französischen Resistance-Kämpfers Stephane Hessel. Er veröffenttichte 2010 die Streitschrift "Empört euch". Hessel sagt, er habe eben nicht verstanden, dass heute zwar so viel Geld wie noch nie im Umlauf sei und trotzdem immer weniger davon für Bildung, sozial Schwache und Kultur zur Verfügung stehe. Seine Forderung: Das Interesse der Allgemeinheit muss über dem Interesse des Einzelnen stehen. Die gerechte Verteilung der Früchte der Arbeit soll wichtiger sein als die Macht des Geldes. Noch vor zwei Jahren wäre er für so einen Satz als ewiggestriger Sozialromantiker belächelt worden. Heute gilt er als Revolutionär: Sein bis heute in 22 Sprachen erschienenes Werk fand bereits zwei Millionen Käufer.

"Schon unsere Kinder gehen in der Masse auf." Eugen M. Schulak, Philosoph

Die Welle der Empörung rauscht in diesen Tagen auch durch den österreichischen Buchmarkt. Eine Streitschrift nach der anderen wird präsentiert. Den Anfang machte Anneliese Rohrer mit ihrem Aufruf zum "Ende des Gehorsams". Eben erschien auch das brillante Pamphlet des Salzburger Ex-Politikers Wolfgang Radlegger. Er wolle mit seinem Buch "Vom Widerstand zum Stillstand - Zeit zum Wandel" die Politik wachrütteln, ehe es zu spät sei, sagt er im SN-Gegpräch.

Das Wort als Waffe: Die "Empörungswelle" reicht zurück bis Voltaire.

Weniger um die Politik als um die allgemeine Menschenliebe geht es den beiden Wiener Philosophen Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan in ihrem heute erscheinenden Buch. Es trägt den provokanten Titel "Vom Systemtrottel zum Wutbürger". Zunächst beschreiben sie mit Engelsstimmen, warum wir hier in der besten aller Welten leben. Der Leser fühlt sich bestätigt: Alles ist hier aufs Beste bestellt, und zwar für alle Menschen, welchen Geschmack oder Geist sie auch immer haben. Dann erklären die beiden auf 153 humorvollen und geistreichen Seiten, dass man bereits ein "Systemtrottel" ist, wenn man ihrem ersten Kapitel Glauben geschenkt hat. Den "Systemtrottel" beschreiben sie so: "Er muss funktionieren, das heißt, er muss gleichförmig ausrichtbar sein, vergleichbar den Eisenspänen auf einer Glasplatte, unter der sich ein Magnet bewegt." Die Wurzel allen Übels formuliert Schulak so: "Wir sorgen dafür, dass unsere Kinder in der Masse aufgehen. Dazu braucht es ihre Bindungsfähigkeit an alles Indirekte und Anonyme. Denn nur jene, die kein eigenständiges Denken und versponnenes Innenleben mehr haben, wählen freiwillig den öffentlichen Raum als Lebenswelt und inneren Bezugspunkt." Womit auch der Erfolg von Netzwerken wie Facebook recht simpel erklärt wird.

"Bestellen Sie Ihren Garten so wie in Voltaires 'Candide'," empfehlen die Autoren. Auch in diesem 1759 erschienenen Werk muss der Protagonist erfahren, dass die Vorstellung, in der besten aller Welten zu leben, bloß ein Märchen war.