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Roland Düringer ist nicht wütend und protestiert

Der Kabarettist hat sich im ORF lauthals empört. Ernst? Oder Satire? Ein Blick ins Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" klärt manches.

von BETTINA STEINER
veröffentlicht in Die Presse vom 14. Dezember 2011

 

 

Am Ende rief das Publikum im ORF-Studio wie aus einem Mund: "Wir sind wütend!" So ähnlich wie die Zuschauer im Fußballstadion "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!" schreien. Oder so, wie das das Volk "Wir sind alle Individuen!" skandiert - im Monty-Python-Klassiker Das Leben des Brian.

Sie schreien und schreien. Und seither tobt ein Streit im Internet und in den Redaktionsstuben: Wie ist Düringers lautstarker Aufruf zum Kampf, der vorige Woche im Rahmen von Alfred Dorfers "Donnerstalk" zu hören war, zu werten? Was soll man davon halten, dass er über die "Politmarionetten" hergezogen ist, die "gemeinsam mit Banken und Konzernen über das Volk herrschen"? Meint er wirklich, dass es in diesem Land keine Pressefreiheit gibt "und wir von abhängigen Medien entweder mit geistigem Müll oder mit Falschinformationen zugeschissen werden"? Wir "Systemtrottel" sollten es "satthaben, im Hamsterrad zu laufen". Zeit, an etwas anderes als Konsum zu denken.

Im Netz - auf YouTube, Facebook, Twitter und in den Foren diverser Tageszeitungen - gibt es drei Fraktionen. Die einen freuen sich: Düringer habe sich getraut zu sagen, was schon lange hätte gesagt werden sollen. Sie fühlen sich jetzt angestachelt, noch eifriger wütende "Kommentare zur Lage" zu posten. Die zweite Fraktion fürchtet sich: vor jenen, die kollektiv "Wir sind wütend" schreien. Sie warnen davor, dass die Verunglimpfung der Politiker als "Politmarionetten" durch Düringer an die Diffamierung des Parlamentarismus als "formaldemokratische Maskerade" durch Haider erinnert.

Eine dritte Fraktion amüsiert sich: Das ist eine Satiresendung! Das war eine Parodie! Düringer habe sich über die Wutbürger lustig gemacht, über ihren ungerichteten Zorn, dem auch die Rechte jederzeit zustimmen könnte.

Und was macht Düringer selbst? Er wirbt im Fernsehen für Chips, was eher dafür spricht, dass sein Groll auf die Konsumgesellschaft Satire war. Er führt einen Protestmarsch gegen eine Tiefgarage auf dem Gelände des Gymnasiums Geblergasse an, was wiederum nahelegt, dass er doch wütend ist. Auf Facebook empfiehlt er in Zusammenhang mit seinem Auftritt das Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" von Schulak und Taghizadegan. Das entpuppt sich wider Erwarten keineswegs als österreichische Version von Hessels "Empört euch". Es ist ganz im Gegenteil ein Plädoyer, das Politische "nicht mehr so ernst" zu nehmen. Für das "wütende Engagement der Weltverbesserer" haben die beiden Autoren nur ein Lächeln über: Es gehe darum, den eigenen Garten zu bestellen! Man kümmere sich um seinen eigenen Kram. Am besten, man geht gar nicht erst wählen.

Wie das zu Düringer passt? Nun: Seinen eigenen Garten hat er mit seinem ORF-Auftritt in jedem Fall gut bestellt. Zeit zum Egosurfen: So viele Einträge auf Google hatte Düringer vermutlich noch nie.