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Vom Drehen in fremden Hamsterrädern zur Pflege des eigenen Gartens

Der Philosoph Eugen Maria Schulak und der Wirtschaftsexperte Rahim Taghizedegan wenden sich, wie viele andere, in ihrem neuen Buch an den Wutbürger. Doch eigentlich meinen sie den Mutbürger.

von RUDOLF TASCHNER
veröffentlicht in Die Presse vom 15. September 2011

 

 

Programmatische Schriften gegen den Zustand unserer Gesellschaft sind derzeit en vogue. Das bekannteste Beispiel ist Stéphane Hessels kleines Buch "Empört Euch". Dessen französischer Titel "Indignez-vous" klingt sogar noch aufrührerischer, eine Art "J'accuse" des beginnenden 21.Jahrhunderts, dessen Reiz aus der Lebenserfahrung und dem biblischen Alter seines Autors herrührt, dessen Inhalt aber enttäuscht.

So wie viele ähnliche Aufrufe von sich rebellisch gebenden Alten, die der 68er-Spätlese angehören und wenigstens jetzt noch zumindest einen Hauch von Verwirklichung ihrer abgestandenen Ideen erleben wollen. Ganz anders ist das Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" des Philosophen Eugen Maria Schulak und des Wirtschaftsexperten Rahim Taghizadegan zu lesen. Schon allein deshalb, weil beide Autoren, Jahrgang 1963 und 1979, die Fantastereien der sogenannten Revolution von 1968 nur mehr aus der Geschichte kennen. Sie geben sich in dieser Hinsicht keinen Selbsttäuschungen, Traumwelten, Utopien hin.

Im Gegenteil: Auf den ersten 100 Seiten ihres knapp mehr als 150 Seiten schmalen Buches analysieren sie in süffisanter, pointenreicher Sprache den Zustand der europäischen Gesellschaft. Sie kommen zum gleichen Schluss, den Hans Ulrich Gumbrecht vor einem Jahr in einer messerscharfen Analyse in der "NZZ" gezogen hat: In Europa greift immer mächtiger eine Lebenshaltung um sich, die alle Verantwortung an den Staat und die von ihm beauftragten Politiker und Experten delegieren will. Eine Haltung, die einer Bevormundung und scheinbaren Fürsorge des Staates zuliebe gern die Selbstverwirklichung und Freiheit preisgibt.

Mit bösem Spott karikieren die Autoren diese Haltung, schlüpfen in die Rolle des "Systemtrottels", dessen Entmündigung und Abhängigkeit bis an die Spitze getrieben ist und der zur seelenlosen Larve verkommt, die das politisch Korrekte vor sich herplappert, betreffe es Information, Bildung, Beruf, Geld, Sicherheit, Gesundheit, Umwelt, Kultur oder Politik.

Die beiden Autoren vermuten, der "Wutbürger" möchte aus dieser Falle ausbrechen, die ihm, als er noch "Systemtrottel" war, als Paradies vorgegaukelt wurde. Er möchte dem Klischee entfliehen, sich aus dem Hamsterrad winden, seiner eigenen Berufung folgen, sich als unverwechselbare Persönlichkeit verwirklichen. Die Autoren sollten ihn nicht Wut-, sondern Mutbürger nennen, denn sie erwarten von ihm den Mut zur Kehre.

In Anlehnung an Voltaires Wort "il faut cultiver notre jardin" (wir müssen unseren eigenen Garten bestellen) entwerfen Schulak und Taghizedegan die Metapher des Gartens als Gegenentwurf zur letztlich katastrophalen Preisgabe des Selbst. Obwohl sie sich dagegen wehren, erinnert ihr Vorschlag doch ein wenig an das Biedermeier, steckt in ihm die Hoffnung, im Rückzug auf das Private die Erlösung zu finden.

Dies mag für den "guten Kaiser Franz" gelten, der am liebsten von der Politik lassen und sich seinem Hobby, dem Gärtnern, widmen wollte. Aber stimmt es hier und jetzt? Nein. Nicht die Suche nach der eigenen Berufung treibt Wutbürger an, sondern die immer unheimlicher um sich greifende Einsicht, dass der Fürsorgestaat an finanzielle Grenzen stößt. Mit Recht bangen wir vor dem Kollaps, denn uns allen schwant, dass danach nur wenige ihren Garten finden werden.