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Gefangen im Hamsterrad

Wie man "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" wird und aus dem System ausbricht

von CARINA PACHNER
veröffentlicht in News vom 27. September 2011

 

 

In Griechenland gehen die Bürger auf die Straße, in London plündern und brandschatzen Jugendliche die Stadt - doch woher kommt die Wut? Wer sich von dem Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" eine Antwort darauf erhofft, wird von den Autoren und Philosophen Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan enttäuscht sein. Das Buch widmet sich vielmehr der Frage, wie man als konsumgelenkter Systemtrottel dem sich ewig drehenden Hamsterrad entkommt - eine Art Lebensratgeber also.

Wir Westeuropäer leben in einer Welt ohne Pest, Malaria und Krieg, wir leben in einer sicheren, demokratischen Welt, bespaßt von den Massenmedien - es geht uns so gut wie nie, oder? Natürlich nicht, entgegnen die Autoren. Irgendwo muss die Wut und Unzufriedenheit der Bürger herkommen. Die Wut kommt von der Erkenntnis, nur ein Systemtrottel zu sein. In ihrem Buch zeichnen Schulak und Taghizadegan ein satirisches Bild der Gesellschaft und kritisieren fast alle Errungenschaften des heutigen Rechtsstaates. An den die Autoren genauso wenig glauben wie an die Demokratie.

Wir sind alle nur Systemtrottel, die sich ewig in einem Hamsterrad drehen. Medien, Information, Bildung, Beruf, Kultur, Beziehung und Politik - all das dient nur dazu den Systemtrottel gefügig und funktionsfähig zu halten, schreiben die Philosophen. Sie rufen dazu auf sich aus dem System zu befreien, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen: "Wir werden behandelt wie ersetzbare Rädchen in einer Maschine, Nummern in einer Statistik." Die Wut soll die Augen öffnen und den Mut dazu geben, das Hamsterrad und damit das System zu verlassen. Es sind daher laut Autoren nicht "Wutbürger", sondern eigentlich "Mutbürger" gefragt.

Und wie soll das Leben außerhalb des Systems aussehen? Diese Antwort bleibt das Buch nicht schuldig, es zeigt aber auch keine klare Lösung auf: Der Gegenpart zum Systemtrottel ist für Schulak und Taghizadegan der Gärtner, der seinen eigenen Garten bestellt. Mit dieser Metapher rufen sie dazu auf, sich auf seinen eigenen Kosmos, seine eigenen Probleme zu konzentrieren - ohne vor der komplizierten Welt zu flüchten. Eine Veränderung der Welt erfolgt dann später. Sozial zu sein, ist eine schöne Sache: Die Abhängigkeit von Liebe und Freundschaft ist gut, nur die Abhängigkeit vom System bringt Angst, Misstrauen und Konflikte, kritisieren die Autoren. Der Mensch soll daher bewusst konsumieren, nicht mit der Masse schwimmen. Doch wie genau das in einer wirtschafts- und informationsgelenkten Gesellschaft realisiert werden soll, darüber schweigen die Autoren. Ihre Geschichte soll vor allem Anstoß sein und Mut machen und das schafft sie in jedem Fall.