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Roland Düringer ist ein Philosoph

Wer sind die Autoren, auf die sich Roland Düringer in seinem Systemtrottel-Aufschrei bezog? Ein Besuch in ihrer philosophischen Praxis.

von BIRGIT BRAUNRATH
veröffentlicht auf Kurier.at am 17. Dezember 2011

 

 

Als beim Finale von "Dorfers Donnerstalk" der Saal "Wir sind wütend!" skandierte, saßen zwei Männer nicht vorm Fernseher. Weil sie gar keinen haben: die Philosophen Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan. Sie brachten im Herbst im Ecowin-Verlag ihr Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" heraus und gaben damals in der Ö1 -Sachbuchsendung "Kontext" ein Interview, in dem sie über einen "Garten" philosophierten, den jeder in Eigenverantwortung zu bestellen habe - einigermaßen umständlich und unverständlich in unserer Zeit der knappen Messages. Gemeint war mit "Garten" das eigene (soziale) Umfeld.

Wie viele Zuhörer aufgrund des Interviews das Buch kauften, ist unklar. Fest steht, dass einer das Buch sofort kaufte, las und begeistert war: der Kabarettist Roland Düringer. Was dann passierte, was Düringer und die Denker für 2012 planen - und warum sie gar keine Wutbürger sind, erzählen sie bei selbstgebrautem türkischen Kaffee in der Bibliothek des von ihnen gegründeten Instituts für Wertewirtschaft in Wien 19.

KURIER: War Roland Düringers Auftritt in "Dorfers Donnerstalk" abgesprochen?

Eugen Maria Schulak: Nein, das hat er aus freiem Herzen gemacht. Das war nicht abgesprochen.

Rahim Taghizadegan: Nicht in dem Sinn, dass Roland Düringer kein freier Mensch wäre. Aber wir haben vorher viel über das Thema gesprochen und erkannt, dass wir viele Dinge ähnlich sehen.

Wie haben Sie Düringer kennengelernt?

Schulak: Ihm hat unser Buch gefallen, daraufhin hat er ein eMail geschickt und uns eingeladen , sein Programm zu besuchen. Wir waren dort und haben festgestellt, dass wir unabhängig voneinander sehr ähnliche Inhalte entwickelt haben. Darüber haben wir dann viel geplaudert.

Taghizadegan: Und festgestellt, dass Roland Düringer eine unglaubliche Beobachtungsgabe hat, Dinge einfach sieht, ohne sich viel mit Theorie zu befassen. Düringer ist ein Philosoph. Er war aber etwas verblüfft, als wir ihn einen Philosophen genannt haben.

Gibt es das? Naturbelassene Philosophen, die die Philosophie nicht studiert haben?

Taghizadegan: Ja, eigentlich jeder Mensch. Ein Philosoph ist jeder, der sich wichtige Fragen stellt, der die Welt verstehen möchte.

Haben Sie die Sendung "Donnerstalk" gesehen?

Schulak: Nein, wir haben's erst nachher erfahren, der Roland hat's gemailt. Wir haben beide keinen Fernseher.

Sie schimpfen in Ihrem Buch, dass Sie die ewigen Beschwichtigungsreden, es sei uns noch nie so gut gegangen, nicht mehr hören könnten. "Und deshalb", so schreiben Sie, "lesen wir keine Zeitungen mehr, hören wir nicht mehr Radio, sehen nicht mehr fern." Ist es tatsächlich so?

Schulak: Im Grunde stimmt's. Natürlich fliegt uns hin und wieder eine Zeitung zu. Aber da wir versuchen, gemeinsam mit anderen Menschen Erkenntnisse zu gewinnen, indem wir studieren, lesen, schreiben und viele Veranstaltungen machen, ist das eine Art von Askese oder Diät, die wir uns auferlegt haben.

Taghizadegan: Man hat dadurch Raum für andere Dinge. Wir lesen viel, auch dicke, alte Bücher, die man heute nicht mehr liest. Viele Menschen beneiden uns darum.

Kleiner Test: Ihre Bibliothek ist voller Bücher. Kennen Sie alle? Dort drüben steht "Das Gefängnis der Freiheit". Sagt Ihnen das was?

Taghizadegan: Schöner Text.

Schulak: Märchen ...

Taghizadegan: Ja, Michael Ende. Das Paradox unserer Zeit wird darin schön angedeutet: Wir leben in der freiesten aller Zeiten, aber die Optionsvielfalt überfordert viele. So entsteht eine wahrgenommene Ohnmacht, und das führt zu dem Phänomen Wut, das jetzt ausbricht.

"Vom Systemtrottel zum Wutbürger" heißt Ihr Buch. Sind Sie selbst Wutbürger?

Taghizadegan: Nein, also den Begriff hätte ich nicht verwendet. Aber man muss Begriffe verwenden, mit denen die Menschen, etwas assoziieren, einfach um verstanden zu werden. Der Titel ist vom Verlag. Aber wir hätten die Freiheit gehabt, ihn abzulehnen. Unser Buch ist keine Empfehlung, zum wütenden Bürger zu werden.

Es ist über weite Strecken eine satirische Anleitung, wie man der echte Hamsterrad-Systemtrottel wird und hält dem Leser so den Spiegel vor.

Schulak: Es ist auch eine Moralpredigt. Wir spielen dem Leser den Ball zurück. Es ist bequem, zu sagen: "Die Politik ist schuld, die Banken sind schuld". So kann man andere verantwortlich machen, auch für eigene Unsinnigkeiten.

Taghizadegan: Das Buch nimmt den Leser hart ran. Es ist keine Politiker- oder Managerbeschimpfung. Wir zeigen nicht mit dem Finger auf irgendwen, wir zeigen auf den Leser - auch auf uns selbst.

Warum reißt eine Parole wie: "Wir sind wütend!" so viel mehr Menschen mit als etwa: "Verändern wir uns!"?

Taghizadegan: Weil die Wut ein Lebenszeichen ist, ein Signal.

"Ich bin wütend" heißt: "Ich lebe noch"?

Taghizadegan: Genau, ich empfinde noch was, bin nicht teilnahmslos, da ist Emotion dahinter, nicht nur kühle Analyse, wie man's von den Philosophen her gewöhnt ist.

Die Emotion, die sich nach Düringers Wutbürgerrede via Facebook verbreitet hat, war heftig. Da wurden "Occupy-Austria!"-Aufrufe gepostet. Ist diese Bewegung nicht erst recht Systemtrotteltum: Alle klicken "Gefällt mir", statt selbst etwas zu entwickeln?

Taghizadegan: Wenn nicht mehr dahinter ist, wird es auch keine Bewegung, dann ist es nur ein Strohfeuer. Wir werden da aber in Zukunft etwas anbieten. Und wir werden im Jänner mehr dazu sagen. Beim Interview mit Birgit Braunrath in der hauseigenen Bibliothek.

Düringer kündigte an, eine Art philosophische Internetpraxis mit Ihnen gründen zu wollen. Was genau ist das?

Schulak: Wir wollen, dass uns die Leute beim Denken zuschauen können. Der Roland und wir, wir werden miteinander Gespräche führen.

Sowohl Sie, als auch Düringer finden, wählen zu gehen, sei schlecht, nicht wählen zu gehen, noch schlechter, und eine eigenen Partei zu gründen, erst recht schlecht, weil man dann "Teil des Systems" werde. Was also?

Taghizadegan: Man muss die Perspektive von der Parteipolitik wegrücken. Parteien vertreten nur Partikularinteressen. Es geht aber um das gesamte System. Das Ideal der Demokratie ist, dass die Mehrheit der Menschen aktiv Verantwortung übernimmt. Nicht auf Facebook, wo man nur "Like" drückt, sondern im realen Kontext, im eigenen Umfeld.

Was wäre ein Pendant zum Like-Button im echten Leben?

Taghizadegan: Ein gutes Wort zur richtigen Zeit.

Schulak: Dass ich mich umsehe, was zu tun ist, nicht neben den Menschen lebe, sondern mit ihnen. Da nützt es nichts, wenn ich irgendwohin gehe und ein Kreuzerl mach, das hat doch heute gar keine Bedeutung mehr.

Das ist die Entwicklung der Demokratie.

Schulak: Das ist das Endstadium, nicht die Entwicklung.

Schreiben Sie deshalb: "Die Zeit drängt"?

Schulak: Viele haben Angst vor der Zukunft. In dieser Stresssituation kommen Demagogen und sagen: "Wir sind die echten, wir werden eure Probleme lösen!" Und vielleicht gefällt das den Leuten, dann wird's noch schlimmer. Keine Frage: Es geht noch schlimmer als jetzt, viel schlimmer.

Taghizadegan: Die Zeit drängt, weil sich Umbrüche abzeichnen, aber man darf daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen, etwa dass man das Tempo beschleunigen muss. Wenn die Dinge schneller und unüberschaubarer werden, sollte man Tempo rausnehmen und innehalten.

Innehalten? Ist das nicht eine Empfehlung, mit der ein Ökonom als schrullig gilt?

Ja. Aber das ist gut. Es ist ein Ausbrechen aus Mustern. So passiert Veränderung. Es gibt immer einen Ersten, der schrullig erscheint, weil er Sorgen hat, an die die anderen noch gar nicht denken.

Sie empfehlen, jeder möge sich etwas aufbauen, das ihm Freude macht, anderen nützt und von dem er leben kann .

Taghizadegan: Leben kann, aber nicht auf dem jetzigen Wohlstandsniveau, das aus virtuellen Guthaben besteht.

Müssen wir auch aufhören, privat Schulden zu machen?

Schulak: Das Wichtigste ist: das Gegenteil von Schulden zu machen. Wir müssen in Vorleistung gehen. Wenn ich einen Garten bestelle, muss ich auch vorher anbauen, damit ich ernten kann. Zu sagen: "Wenn ich nichts dafür kriege, mach ich's nicht", ist falsch. Es trotzdem zu tun und darauf zu vertrauen, dass es Früchte trägt: Das ist die richtige Einstellung.