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Protestliteratur: Anleitungen zum Wandel


veröffentlicht in Die Furche 29/2011

 

 

Der wachsende Unmut macht sich auch in den Buchhandlungen bemerkbar: Seit dem Frühjahr werden die Sachbuchabteilungen laufend um neue, politische Pamphlete von und für Unzufriedene erweitert.

Die wohl weitestreichende Schrift ist Wolfgang Radleggers "Vom Stillstand zum Widerstand". Sie bildet den Auftakt zur Bürgerbewegung "MeinOE" und ist nur aus Versehen ein Buch geworden: "Eigentlich wollte ich nur eine Präambel für das Bürgerbegehren verfassen",sagt der frühere Salzburger SPÖ-Vorsitzende. Weil zu viele Themen den Text zu lang für ein Vorwort machten, wurde daraus eben ein längerer "Denkanstoß". Was der Autor als "Zustandsbeschreibung der aktuellen Politik" bezeichnet, ist ein Rundumschlag,der Themen von Bildung bis Bundesheer, von Korruption bis Parlamentarismus, anschneidet.Vor das allem aber ist es ein Aufruf zu zivilgesellschaftlichem Engagement, das Radlegger bei weiten Teilen der österreichischenBevölkerung vermisst.

Damit ist er auf Linie mit Anneliese Rohrer, deren Streitschrift "Ende des Gehorsams" nicht nur die Regierenden, sondern auch deren Wähler tadelt. "Dass Entscheidende Österreich ist, dass es kaum jemand in der in wahlberechtigten Bevölkerung gibt, der den Erwin Prölls und Michael Häupls in dieser Republik die Meinung sagt", schreibt sie, "und dass aus für dieser Feigheit des Einzelnen alle anderen die Rechtfertigung ihr eigenes Schweigen beziehen." Im fehlenden Engagement sieht Rohrer eine ernsthafte Gefahr für die österreichische Demokratie. Deshalb ruft die Journalistin zum Ungehorsam auf - und gibt anhand von konkreten Beispielen einen lebendigen Einblick in die österreichische Realpolitik.

Zwischen Liebeserklärung und Selbsthilfe-Ratgeber

Weniger auf Recherche als auf Allerwelts-Weisheiten baut das Buch "Vom Systemtrottel zum Wutbürger." Die Philosophen Eugen-Maria Schulak und Rahim Taghizadegan raten in ihrem Ratgeber für Allround-Frustrierte anders, als der Titel vermuten lässt aber vom Wutbürger-Dasein ab. Denn Engagement ist ein "kindlicher Wettlauf um Beachtung" und bedeutet "sich als Rädchen den politischen Systemen einzupassen."

Keine konkreten Verhaltenstipps bekommt man bei der Lektüre von "Warum wir Politikern nicht trauen" von Matthias Strolz. Der Politikberater liefert eine systematische Analyse des Politikbetriebs und spickt seine Fallstudie mit Anekdoten aus seinem eigenen Berufsalltag. Strolz' Diagnose ist ernüchternd versteht sich doch als eine "Liebeserklärung an die Politik".Das wird spätestens dann klar, wenn der Autor mit großer Leidenschaft nach einem neuen Politiker-Typus ruft.