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Vom Systemtrottel zum Wutbürger

von ANDREAS TÖGEL
veröffentlicht in eigentümlich frei im Oktober 2011, 14. Jg., Nr. 116

 

 

Geht es uns nicht großartig? Größtmögliche Sicherheit und maximale Lebenserwartung bei minimaler Verantwortung und Null Risiko - wir leben wie im Schlaraffenland. Niemals zuvor war es möglich, sich so umfassend "einzubringen" und zu "engagieren". Das alles, ohne dabei etwas zu riskieren - ja ganz ohne einen eigenen Gedanken zu fassen! Das ist heute auch nicht mehr nötig, denn Horden staatlich finanzierter Experten nehmen uns selbstlos das Denken ab.

Der Wohlfahrtsstaat hat die beste aller möglichen Welten hervorgebracht - oder etwa doch nicht? Das beklemmende Gefühl, pausenlos im Hamsterrad zu laufen und dabei logischerweise nicht weiterzukommen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es der gouvernantenhaft über all unsere Aktivitäten wachende Leviathan zwar gut mit uns meint, uns am Ende aber eben doch nicht gut tut.

Im ersten Teil des Buches, das sich als Aufforderung zum "Aussteigen" interpretieren läßt, wird die Propaganda der Apologeten des herrschenden, alle Lebensbereiche durchdringenden (um nicht zu sagen: erstickenden) Wohlfahrtsstaates mit beißender Ironie vorgeführt. Anleitung für den perfekt funktionierenden Systemtrottel könnte man diesen Abschnitt übertiteln, der sich wesentlichen Lebensbereichen wie Bildung, Beruf, Gesundheit und Sicherheit widmet.

Seit 1968 gilt: Nichts mehr ist privat - alles Leben ist "politisch". "Gleichheit" - ist das vom "System" seither angestrebte Ziel. "Mehr Geld" ist die aus den Bemühungen zur Erreichung dieses Ziels logisch folgende Forderung. Jedes vom Staat als solches definierte Problem, das nur ausdauernd genug mit Geld beworfen wird, verschwindet irgendwann, nicht wahr? Daß wir alle im Sinne der egalitären Endlösung rastlos zu schaffen haben, hat viel mit dem nicht enden wollenden Geldbedarf des anmaßenden "Gemeinwesens" zu tun.

Investieren - das ist was für Millionäre und Spielernaturen. Wir dagegen - die breite Masse - leben vom und für den Konsum. Sparen - das war gestern. Dabei handelt es sich um die seltsame Liebhaberei reaktionärer Spießer. Wir Systemtrottel dagegen leben auf Kredit - das Geld ist schließlich billig wie noch nie. Daß die Schulden irgendwann von irgendwem beglichen werden müssen, dämmert uns allerdings. Daß es unsere Kinder treffen könnte, leuchtet ein - deshalb bekommen wir sicherheitshalber keine. Im Buch heißt es dazu "Unsere Kinder und Enkelkinder müssten nämlich unsere Schulden zurückbezahlen, und da ist es nur human und nachhaltig, sie abzutreiben." Das ist es! Bösartiger - und zugleich treffender - kann man die Wirklichkeit des jede Verantwortung und Moral zerstörenden Wohlfahrtstaates - den Höhepunkt des Interventionismus - nicht vorführen Im zweiten Teil des Buches widmen sich die Autoren dem Aufzeigen von Alternativen zur Figur des Systemtrottels. Das Phänomen des "Wutbürgers" - jenes Akteurs, der sich mit seiner Rolle als austauschbares Rädchen im Getriebe nicht länger abfinden will, steht am Beginn dieser "Geschichte", die in der Folge erzählt wird.

Das Bild des "Gärtners", der sich um ein eng begrenztes, überschaubares, "umfriedetes" Areal kümmert, wird dem des Systemtrottels gegenübergestellt.

Letzterer fühlt sich für alle Probleme dieser Welt zuständig (die er weder verstehen noch jemals lösen kann) und delegiert dafür alle ihn selbst betreffenden Angelegenheiten an die Politik. Ersterer dagegen "kümmert sich um seinen eigenen Kram", ohne asozial zu sein - ganz im Gegenteil - und überlässt die ohnehin nur Größenwahnsinnigen lösbar scheinenden "Weltprobleme" anderen. Erst die persönliche Übernahme von Verantwortung im eigenen Wirkungsbereich ermöglicht die Hinwendung zum Nächsten – frei von politischem "Engagement", das so gut wie nie über das Dreschen von eingelernten Phrasen hinausreicht und selten zu konkreten individuellen Handlungen führt. Das Kollektiv wird's nicht richten, denn: Es geschieht nichts Gutes, - außer man tut es!

Ein aus der gutmenschlichen Ratgeberliteratur wohltuend herausragender Text.