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Die Wiener Schule der National�konomie.
Eine Geschichte ihrer Ideen, Vertreter und Institutionen

gemeinsam mit Herbert Unterköfler
aus der Reihe „Enzklopädie des Wiener Wissens“, Band VII, Nationalökonomie
herausgegeben von Hubert Christian Ehalt
Wien 2009
Verlag Bibliothek der Provinz, edition seidengasse
250 Seiten, hardcover
Euro 24.-
ISBN 978 3 902416 17 3


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Buchpräsentation

14. Dezember 2009 �stereichischer Gewerbeverein, Wien
(Podiumsdiskussion mit Dr. Herbert Unterköfler, Dr. Eugen Maria Schulak, Dr. Barbara Kolm & Ernst Swietly)


Buchpräsentation

15. Dezember 2009 Institut für Wertewirtschaft, Wien
(Podiumsdiskussion mit Dr. Herbert Unterköfler und DI Rahim Taghizadegan)

 

Enzyklopädisches Stichwort

Die Wiener Schule der Nationalökonomie, auch als Österreichische Schule der Nationalökonomie oder als Austrian School of Economics bezeichnet, ist eine im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von Carl Menger in Wien begründete und bis zum heutigen Tag lebendige Lehrtradition, die ab der Jahrhundertwende maßgeblichen Einfluss auf die Ausbildung und weitere Entwicklung der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Europa und den USA erlangte.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts drängte ein allgemeiner ökonomischer Paradigmenwechsel die Wiener Schule zunehmend ins akademische Abseits. Durch die Abwanderung vieler ihrer Vertreter aus Wien und schließlich die Vertreibung ihrer letzten noch verbliebenen Repräsentanten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde diese Entwicklung weiter verstärkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg vermochte sich die Wiener Schule, die vielen als intellektuelle Erbschaft der französischen und englischen Aufklärung sowie des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus galt, im Klima des großkoalitionären Einvernehmens in Österreich nicht mehr neu zu konstituieren. In den USA konnten Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek mit ihren wissenschaftlichen Publikationen und ihrer Lehrtätigkeit die Tradition jedoch mehr oder weniger aufrechterhalten, so dass sie ab den 70er Jahren als Modern Austrian School of Economics eine Renaissance erlebte.

Bis 1938 war das Forschungsprogramm der Wiener Schule von einer erstaunlichen Vielfalt sowie von unterschiedlichen, in manchem sogar widersprüchlichen Schlussfolgerungen geprägt. Was die etwa 40 Ökonomen einte, war aber vor allem die Überzeugung, dass hinter dem wirtschaftlichen Geschehen als maßgebender Akteur ein subjektiv empfindendes und handelndes Individuum steht. Aus dieser Überzeugung wurden Erklärungen zu wirtschaftlichen Phänomenen wie Wert, Tausch, Preis, Unternehmergewinn oder Zins abgeleitet und nach und nach zu einer umfassenden Geld- und Konjunkturtheorie ausgebaut. Diese subjektiv-individualistische Perspektive und Methode ließ Kollektive jedweder Art als unwissenschaftliche »Konstrukte« erscheinen, was zu heftigen – und die Schule festigenden – Kontroversen mit den Marxisten, der deutschen Historischen Schule und später den Vertretern der Planwirtschaft bzw. des Staatsinterventionismus führte.

In der Modern Austrian School of Economics rückten dann Fragen zum Wissen, zur Geldtheorie, zum Unternehmertum, zum Marktprozess sowie zur spontanen Ordnung stärker in den Vordergrund, Themen, die bereits in der älteren Wiener Schule mit erstaunlicher Weitsicht aufgegriffen worden waren. Der vorliegende Band stellt den Versuch dar, dieser facettenreichen Tradition, ihren Ideen, ihren Menschen und ihren Institutionen nachzuspüren

 

Inhalt

Vorwort des Herausgebers
Einleitende Worte

1. Das Wien der frühen Gründerzeit
2. Die Nationalökonomie als Universitätslehrfach
3. Die Entdeckung des Ich: Die Theorie des subjektiven Wertes
4. Die Entstehung der Wiener Schule im Methodenstreit
5. Carl Menger: Der Begründer der Wiener Schule
6. Zeit ist Geld: Die österreichische Kapital- und Zinstheorie
7. Friedrich von Wieser: Vom Nationalökonomen zum Gesellschaftswissenschafter
8. Eugen von Böhm-Bawerk: Nationalökonom, Minister, Edelmann
9. Emil Sax: Der Eremit von Voloska
10. Weitere Menger-Schüler und Unterstützer
11. Geld regiert die Welt: Die monetäre Konjunkturtheorie
12. Joseph A. Schumpeter: Ein schillernder Einzelgänger
13. Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung
14. Die Kritik der Wiener Schule am Marxismus
15. 1918 und die Folgen: Der drohende Zerfall
16. Zwischen den Kriegen: Von der Neuformierung bis zum Exodus
17. Ludwig von Mises: Der Logiker der Freiheit
18. Friedrich August von Hayek: Grandseigneur zwischen den Welten
19. Weitere Mitglieder der jüngeren Wiener Schule
20. Die Praxeologie, ein Neubeginn von Ludwig von Mises
21. Friedrich August von Hayeks Gesellschaftsmodell und dessen Theorie der kulturellen Evolution
22. Der Unternehmer
23. Das ausgeschlagene Erbe: Österreich und die Wiener Schule nach 1945
24. Die Renaissance der Wiener Schule: Die Austrian School of Economics

Anmerkungen
Abkürzungsverzeichnis
Auswahlbibliographie zum Einstieg
Literaturverzeichnis

 

Einleitende Worte

Ein eigenartiger Zufall wollte es, dass die Autoren nach mehrjährigen Vorarbeiten und zahlreichen Unterbrechungen ihr Manuskript genau zu jener Zeit fertigstellten, in der die Anzeichen einer globalen Krise im Finanzsektor plötzlich für alle sichtbar wurden. Seither scheinen die wirtschaftlichen Entwicklungen viele grundlegende Erkenntnisse der Wiener Schule der Nationalökonomie, besonders in der Geld- und Konjunkturtheorie, zu bestätigen. Eine über viele Jahre hin verfolgte Niedrigzins-Politik in den USA sowie eine stete Ausweitung der Geldmenge und der Geldsurrogate in den Industriestaaten scheinen Fehlallokationen im gigantischen Ausmaß angehäuft und unzählige, nicht nachhaltige Geschäftsmodelle hervorgebracht zu haben.

Die Versuche der Industriestaaten, mittels staatlicher Interventionen diesen aufgestauten Korrekturbedarf hintanzuhalten, werden im besten Falle zu einem trügerischen Zeitgewinn, aber kaum zu einer echten Lösung führen. Die erstaunlich entschlossenen staatlichen Interventionen kommen freilich nicht von ungefähr, sind doch die so genannten Wohlfahrtsstaaten in den letzten Jahrzehnten mit dem Finanzsektor eine sehr enge Symbiose eingegangen. In keinem anderen Wirtschaftszweig – wenn man vielleicht von der Rüstungsindustrie in gewissen Staaten absieht – sind die institutionellen, personellen und wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Staat so eng wie bei der Finanzindustrie. So konnte man in den letzten Jahrzehnten vielfach den Eindruck gewinnen, als ob die Wohlfahrtsstaaten mit der Finanzbranche geradezu darum wetteifern würden, die makroökonomischen, monetären und marktbestimmenden Grundgesetze möglichst einfallsreich und opportunistisch zu umgehen. Während die Wohlfahrtsstaaten über viele Jahre hinweg mit einer zunehmenden Verschuldung der Staatshaushalte eine Illusion des wachsenden Wohlstands nährten, fungierten Banken und Finanzinstitute einerseits als Financiers dieser Defizite und andererseits als werbestarke Botengänger einer Alles-ist-leistbar-Philosophie für ein breiteres Publikum. Die Krise, deren ganzes Ausmaß gegenwärtig noch lange nicht erreicht ist, wird deshalb denkbar tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf die Finanzwirtschaft als auch auf die einzelnen Staaten haben, viel stärker noch als alle Krisenerscheinungen zuvor.

Die Wiener Schule, die vom Individuum als dem maßgebenden wirtschaftlichen Akteur ausging und in der Folge individuelle Präferenzen und den im Rahmen von Märkten erfolgenden intersubjektiven Abgleich dieser Präferenzen ins Zentrum ihrer Forschung stellte, wies immer wieder darauf hin, dass Institutionen wie Geld, Staat oder Markt ohne planerisches Tun oder ohne zentrale Absicht oder Gewalt entstanden waren, allein auf Grund menschlicher Interaktionen, in einer dem Menschen und der menschlichen Logik angemessenen und so gleichsam natürlichen Weise. Diese Grundeinsicht kam freilich all jenen staats- und wirtschaftspolitischen Ideologien in die Quere, die derartige Institutionen als das Betätigungsfeld für obrigkeitliche Gründungsakte oder deren Fortgestaltung ansahen und ganz gezielt die individuelle Präferenzbildung oder den intersubjektiven Abgleich dieser Präferenzen beeinflussen oder gar steuern wollten.

Praktisch bedeutete dies für die Wiener Schule, dass sie im Österreich der Zwischenkriegszeit von rechten wie von linken politischen Parteien teils heftig bekämpft wurde, sprach sie doch vielen wirtschaftspolitischen Maßnahmen nicht nur die Legitimität, sondern auch die Wirksamkeit ab. Darüber hinaus verstand sich die Schule stets als eine universelle Wissenschaft, in der es für nationale, religiöse oder klassenorientierte Verengungen keinen Platz gab. In gewisser Weise repräsentierte sie sogar eine Art Gegenwelt zu vielen Eigenheiten dieses Landes: Sie war ausschließlich am Einzelmenschen orientiert und erklärte das individuelle Handeln auf Grund von subjektiven Präferenzen zum Ausgangspunkt der Forschung; sie ging von einem realistischen Menschenbild aus, das für idealistische Projektionen denkbar ungeeignet war, und entzog sich allein schon deshalb billiger politischer Nützlichkeit; sie war frei von großsprecherischen Utopien, hielt die Prinzipien der Selbstbestimmung und Gewaltlosigkeit hoch und stand jeder unter der Flagge des Gewaltmonopols stattfindenden staatlichen Intervention grundsätzlich kritisch gegenüber. Darüber hinaus lebte sie ein hohes wissenschaftliches Ethos, das eine selten weltoffene und tolerante Diskursfähigkeit entstehen ließ.

Unter den vielen geistigen Erbschaften der Donaumonarchie war die Wiener Schule der Nationalökonomie demnach eine der wenigen Traditionen, die sich in den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts nicht in Verirrungen und Schuld verfing. Es kommt einer kaum zu überbietenden Chuzpe gleich, dass gegen die Wiener Schule der Vorwurf der Blindheit gegenüber den drängenden wirtschaftlichen Fragen der damaligen Zeit erhoben wurde, und zwar genau von jenen rechten und linken Ideologien, die sich im 20. Jahrhundert oft genug mit Blut befleckten und Not und Elend im großen Stil bewirkten. Auch aus dieser Perspektive sperrt sich die Geschichte und der Inhalt der Wiener Schule gegen jede Vereinnahmung durch den großkoalitionären Gründungs- und Versöhnungsmythos der Zweiten Republik.

Vor diesem Hintergrund ist es ein anerkennenswertes Verdienst, wenn Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt als Herausgeber der Reihe »Enzyklopädie des Wiener Wissens« diesem fast schon vergessenen Stück Wiener Geistes- und Wissenschaftsgeschichte einen Platz einräumt. Trotz einiger Verzögerungen auf Seiten der Autoren blieb er stets ein geduldiger und treuer Unterstützer unseres Vorhabens, dem wir uns zu besonderem Dank verpflichtet fühlen.

Überhaupt scheint es das Wesen jeder umfangreicheren Arbeit zu sein, dass sich im Zuge ihrer Entstehung eine beträchtliche Dankesschuld ansammelt, die in wenigen Zeilen kaum abzutragen ist. Dankbar erinnern wir uns der vielfachen Anregungen, welche die Idee zu diesem Buch schrittweise heranreifen ließen: Zuerst die ausgiebigen wirtschaftstheoretischen Diskussionen in der »Haldenhof-Runde« in Kitzbühel mit dem umsichtigen Gastgeber und profunden Kenner der Wiener Schule Karl-Heinz Muhr; dann die eingehende Beschäftigung mit dem Ordo-Liberalismus, immer wieder angeregt von Dr. Rüdiger Stix, der wie kaum ein anderer Diskussionspartner Wiener Charme mit Belesenheit und intellektueller Redlichkeit vereint, und schließlich die glückliche Begegnung mit Univ.-Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe, damals noch an der University of Nevada, der uns einen aktuellen Blick in die Welt der Austrian School of Economics in den USA eröffnete und unser Interesse an der fast schon vergessenen Geschichte der Wiener Schule entscheidend anfachte. Prof. Hoppe, dessen Freundschaft und Gastfreundschaft eine Reihe an fruchtbaren Gesprächen nach sich zog, hat unser Projekt dann auch wohlwollend begleitet und eine Reihe wichtiger Anstöße und Hinweise beigesteuert.

Bei den recht umfangreichen Archiv- und Literaturrecherchen hatten wir das Glück, einer Reihe von außergewöhnlich hilfsbereiten Mitarbeitern in verschiedenen Wiener Bibliotheken begegnet zu sein: Herr Dr. Ronald Zwanziger von der Universitätsbibliothek Wien machte sich nicht nur einmal selbst auf den Weg, um in den Tiefen des Bücherspeichers die eine oder andere bibliophile Rarität zu suchen. Frau Daniela Atanasovski passte manchmal ihre Mittagspause an die zeitliche Verfügbarkeit der Autoren an und Frau Gabriela Freisehner von der Fachbereichsbibliothek Wirtschaftswissenschaften hat neben ihrer kundigen Hilfe auch noch eine selten gastfreundliche Atmosphäre geschaffen, indem sie mitunter eine Tasse Wiener Kaffee bereitstellte. Im Universitätsarchiv Wien, in der Fachbereichsbibliothek Geschichtswissenschaften, in der Österreichischen Nationalbibliothek und in der Parlamentsbibliothek fanden wir ebenso freundliche Aufnahme. Ihnen allen, sowie Frau Veronika Weiser, die bei der Literaturbeschaffung zeitsparende und somit wertvolle Unterstützung geleistet hat, möchten wir aufrichtig danken.

Im Zuge der Abfassung des Manuskriptes erhielten wir von Dipl. Ing. Rahim Taghizadegan und Mag. Gregor Hochreiter vom Institut für Wertewirtschaft in Wien vielfache Hilfe und dankenswerte Unterstützung. Neben vielen sachverständigen Anregungen und mancher Hilfe bei Literaturrecherchen haben sie unsere Entwürfe kommentiert sowie die Letztfassung noch einmal kritisch durchgesehen. Nach Vollendung dieses Buchprojektes haben wir nicht nur das Gefühl, sehr von ihrem enormen Fachwissen profitiert zu haben, sondern auch die Gewissheit, eine uneigennützige und aufrechte Freundschaft empfangen zu haben. Freundschaftlicher Dank gilt auch Frau Mag. Beate Huber für die vielen wertvollen Gespräche, die den Erkenntnisprozess entscheidend förderten. Eine ganz besondere Hilfe war das Lektorat von Frau Dr. Barbara Fink vom Verlag Bibliothek der Provinz. Dr. Finks scharfer Blick und Verstand brachte eine erhebliche Menge an fehlerhaften Quellenangaben zutage, die von den Autoren in der Folge dann berichtigt werden konnten.

Zu Dank sind die Autoren auch jenen Gesprächs- und Diskussionspartner verpflichtet, die einiges dazu beitrugen, die dramatischen Brüche in der jüngeren österreichischen Geschichte besser zu verstehen. Vor allem Univ.-Prof. Dr. Norbert Leser schärfte in vielen freundschaftlichen Gesprächen unseren Blick für das genuin Austromarxistische und Univ.-Prof. DDr. Oliver Rathkolb eröffnete manch neue Perspektive auf den großen intellektuellen Aderlass 1938 sowie auf Schumpeters Wirken in den USA.

Ein besonderer Dank gilt schließlich Herrn Univ.-Prof. Jörg-Guido Hülsmann von der Uni-versität Angers/Frankreich, der als profunder Kenner der Originalliteratur der Wiener Schule und als Mises-Biograph verschiedentlich wertvolle Ratschläge und Hinweise zur Dogmengeschichte geben konnte. Liebenswürdigerweise hat er zuletzt auch eine Durchsicht des Endmanuskriptes auf sich genommen. Selbstverständlich sind alle verbliebenen Mängel, Unrichtigkeiten oder gar Fehler im Inhalt oder im Satz ausschließlich den Autoren zuzuschreiben.

Zu guter Letzt ist es uns noch ein Bedürfnis, unseren Dank an die uns nahestehenden Menschen im engsten Umfeld zu richten: einerseits an Elvira, für die dieses Buch einige Gelegenheit bot, sich in der Tugend der ehefraulichen Toleranz zu üben, und an Veit Georg, der auf manches Fußballspiel mit seinem Vater verzichten musste; andererseits an Kerstin, die angesichts der radikalen Verknappung freier Zeiträume stets eine liebevolle Seele und zärtliche Gefährtin blieb.

Eugen Maria Schulak / Herbert Unterköfler
Wien, November 2008

 

Erfreuliches Signal im Zeichen der Krise

Buchbesprechung der zweiten Auflage von „Die Wiener Schule der Nationalökonomie“

veröffentlicht in: eigentümlich frei (Online-Ausgabe), 7. Oktober 2010
von Andreas Tögel

Wenn ein hochspezialisiertes Buch aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften bereits neun Monate nach seinem Erscheinen vergriffen ist, dann wurde damit offenbar ein Nerv getroffen. Zwei Jahre nach der ersten, ist nun die zweite Auflage des vom Autorenduo Eugen Maria Schulak und Herbert Unterköfler verfassten Werkes „Die Wiener Schule der Nationalökonomie“ erschienen.

Zweifellos hat die globale Wirtschaftskrise, die zugleich auch eine Krise der neoklassischen Mainstreamökonomie bedeutet, die Nachfrage danach beflügelt. Ein an wirtschaftlichen Fragestellungen interessiertes Publikum sucht nach Antworten, die ihnen die Middle-of-the-Road-Volkswirtschaftslehre nicht zu geben imstande ist. Keiner der hochbezahlten, medial omnipräsenten Vertreter des Keynesianismus, des Monetarismus oder heterodoxer Richtungen der Volkswirtschaftslehre, hatte die Krise kommen sehen. Ja mehr noch – auch nach dem spektakulären Platzen der „Subprime-Blase“ in den USA und allen sich daran anschließenden dramatischen Verwerfungen waren und sind die in Forschung und Lehre führenden Ökonomen völlig ratlos und verfügen über keine konsistente Erklärung des Geschehens. Wie die beiden Autoren in ihrem Vorwort zur zweiten Auflage anmerken, ist die Antwort auf die Frage nach dem Grund für dieses beispiellose Versagen wohl auch im Mangel an erkenntnistheoretischen Grundlagen der „modernen“ Ökonomie zu suchen.

Einzig und allein die Protagonisten der „Österreichischen Schule“, die – zumindest in Kontinentaleuropa – weder von der veröffentlichten Meinung, noch von der Politik wahrgenommen werden, warnten immer wieder vor dräuenden Finanzkatastrophen. Sie taten das am Vorabend des Börsendesasters im Jahre 1929, vor dem Platzen der Blase der „New Economy“ im Jahr 2000 und sie kritisierten stets scharf die hemmungslose Ausdehnung der Kreditmenge, der Schaffung von „Krediten aus dem Nichts“, die letztlich zu den derzeit aktuellen Problemen führte. Die erstaunliche Prognosefähigkeit dieser zu Unrecht im Schatten stehenden Lehre bildet einen guten Grund, mehr darüber erfahren zu wollen.

Die Lektüre der vom Philosophen Schulak zusammen mit dem Juristen Unterköfler vorgenommenen Bestandsaufnahme der von Carl Menger begründeten „Austrian School of Economics“, lohnt in jedem Fall – auch losgelöst von der Betrachtung aktueller Ereignisse. Es handelt sich dabei um ein inhaltlich, sprachlich und handwerklich hervorragend gelungenes Werk. Beide Autoren verstehen sich auf die Quellenarbeit, und sie verfügen über jenes profunde Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, das für ein derartiges Vorhaben notwendig ist.

In 24 Kapiteln und mit einer Fülle von Literaturhinweisen wird die turbulente Entwicklungsgeschichte dieser stets in Opposition zum Zeitgeist stehenden Schule von den Anfängen bis zur Gegenwart nachgezeichnet. Kurze Biographien deren miteinander keineswegs stets einigen Vertreter bieten zugleich erhellende Einblicke in die Zeitgeschichte. Sehr interessant ist etwa das Kapitel zu Josef Schumpeter, einen der auch heute noch häufig zitierten Exponenten der Wiener Schule: Jüngster Universitätsprofessor in der Monarchie, 1919 Finanzminister einer roten Regierung und wenige Jahre später Präsident der Wiener „Biedermann-Bank“, die er in den Ruin führte. Ein von ihm seinem Tagebuch anvertrauter Gedanke verdeutlicht seine schillernde Persönlichkeit: „Relativismus liegt mir im Blut.“ Eine Charakterisierung, die auf die übrigen „Austrians“ eher nicht zutrifft…

Die „Österreicher“, die ihr Brot mehrheitlich als Beamte verdien(t) en, standen und stehen im Spannungsfeld zwischen ihren theoretischen Überzeugungen und praktischen Sachzwängen. Dass mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein großer Teil von ihnen sich direkt in die staatliche Wirtschaftslenkung involvierte, ist zweifellos als Sündenfall zu werten. Immerhin zog wenigstens Ludwig Mises – als einziger der Gruppe – einen Dienst an der Front der Arbeit im Auftrag der Lenkungsbürokratie vor, was ihn moralisch adelt – von seiner überragenden Bedeutung für die Theorie ganz abgesehen.

Die Erläuterung der „Praxeologie“, also der Theorie des menschlichen Handelns, die Ludwig Mises seinen wirtschaftlichen Gedanken zugrunde legte, findet in dem Buch ebenso ihren Platz, wie die Beschreibung der Auseinandersetzung mit John Maynard Keynes in der Zwischenkriegszeit, aus denen dieser als klarer Triumphator hervorging. Die von den „Österreichern“ entwickelte Theorie war für Gesellschaftsingenieure aller Art, ganz besonders aber für die politische Klasse, absolut unattraktiv. Von Lord Keynes indessen bekam diese zu hören, was sie hören wollte: Die absolute Unverzichtbarkeit staatlicher Lenkungseingriffe in die Wirtschaft, die Notwenigkeit zur Schaffung einer künstlichen Staatsnachfrage in Krisenzeiten und die unverhohlene Aufforderung, sämtliche Wirtschaftsabläufe am Ende unter Kuratel der politischen Eliten zu stellen.

Es darf also nicht verwundern, in welch beklagenswerter Position die Wiener Schule sich vor und während des Zweiten Weltkrieges, der Zeit ihres völligen Niedergangs, befand. Danach kam es, gegen den Widerstand des auch im Frieden beharrlich persistierenden Kriegssozialismus, zu einer keineswegs stürmischen Renaissance, die maßgeblich mit dem Namen Friedrich August von Hayek verbunden war. Er kam später, 1974, als einziger „Austrian“ zu Nobelpreisehren. Die Vorstellung der heute aktiven Generation von Ökonomen, die in der „österreichischen“ Tradition stehen, vervollständigt das in dem Werk gezeichnete Bild. Das Buch eignet sich sowohl als Einstiegslektüre, als auch für „Fortgeschrittene“, die darin viele Einzelheiten finden werden, die im Allgemeinen wenig bekannt sind.