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Straßenfeger Schopenhauer

Mit Epikur gegen Liebeskummer und Nietzsche gegen falsche Investmententscheidungen - warum Philosophie Krisenmanagement überflüssig machen kann.

von CHRISTIANA JANKOVICS
WQ (2/2001)

 

Neuerdings buchen moderne Unternehmen und größere Konzerne nicht nur Wirtschaftsfachleute und Coaches für die Weiterbildung ihrer Führungskräfte - immer öfter stehen auch Ethikseminare, Vorträge über Sozialmanagement und Gedankenaustausch über Sinnbezüge auf dem Programm. Die Vortragenden: keine Gurus, die patente Lösungen aus dem Ärmel der Ökostrickjacke beuteln, sondern Philosophen, die zum rationalen Diskurs anregen wollen. Dabei geht es nicht etwa um bildungsbürgerliches Zitate-Streuen oder lähmende Lehrvorträge - es geht um die Diskussion konkreter Lebensfragen, um Hilfestellung in der Auseinandersetzung mit wesentlichen Themen, um die Lust an konzentrierter Rede und Gegenrede.

Klingt links, ist es aber nicht. Nach der Zeiterscheinung der Yuppies, die erst die Marke der Bettwäsche untersuchten, ehe sie zwecks Hormonausgleich in selbe schlüpften, ist die Sehnsucht nach Inhalten gewachsen: Sogar etablierte Wirtschaftsmenschen mit wenig Zeit für gedankliche Recherche entdecken den Luxus der Argumentationskultur.

Kurz gesagt: Philosophie - tatsächliche Auseinandersetzung mit geistigen Werten und nicht oberflächliche Ratgeberkultur - ist im Trend. Philosophischer Bücher boomen, das ZDF plant angeblich ein "Philosophisches Quartett" mit dem Denker Peter Sloterdijk als eine Art Marcel Reich-Ranicki der Philosophie. Gerd Achenbach kann darüber freilich nur lachen: Er hat zu Beginn der 80er-Jahre die erste Philosophische Praxis in Bergisch Gladbach in Deutschland eröffnet. Heute gibt es allein in Deutschland bereits 50 derartige Einrichtungen und zahlreiche Philosophencafés von Berlin bis Stuttgart.

Dass die philosophischen Berater nicht einfach zum modischen Ersatz für Psychotherapeuten und Personal-Fitnesstrainer mutieren können, hat einen einfachen Grund: Philosophie ist nicht konsumierbar. Philosophische Berater regen ihre Klienten an, sich konzentriert mit einem Sachverhalt auseinander zu setzen - die Philosophie erzieht zu kritischen, fragenden Menschen, die sich nicht durch Wortspiele blenden und durch eindimensionale Argumentationen überzeugen lassen. Das ist harte geistige Arbeit - und vor allem Frauen möchten sich dieser Herausforderung stellen. Philosophie als Sinnvermittlung, darin sehen Männer zunächst eher die Möglichkeit, intellektuell im Kollegenkreis zu glänzen, wirkliche Hilfe für Krisenbewältigung finden hingegen eher Frauen. Es sei wie beim Computer, meinen philosophische Berater, da hätten Männer über Computerspiele den Zugang gefunden, Frauen über konkrete wirtschaftliche Einsatzgebiete.

Eugen-Maria Schulak, promovierter Philosophe, bietet als erster Österreicher die philosophische Dienstleistung an. "Schon unter den Sophisten war es üblich, sich durch Rede und Gegenrede mit einem Problem auseinander zu setzen. Rechtsanwälte lernten durch das Spiel mit Argumenten ihre Auffassungen zu vertreten." In seiner Philosophischen Praxis möchte Schulak Argumentationslinien anbieten, dem Klienten helfen, eingefahrene Denkmuster zu erkennen, neue Perspektiven zu erfahren und seine eigenen Werthaltungen zu analysieren: "Die Sehnsucht nach Werten und Inhalten soll durch ein philosophisches Gespräch befriedigt werden. Erst beim Reden springt das Denken frei von Mensch zu Mensch." Es gehe nicht darum, Philosophie zu lernen, sondern das Philosophieren zu lernen - gemeinsam mit seinem Betreuer alle Aspekte einer Frage oder eines Problems zu beleuchten.

Schulaks Klienten - seine Philosophische Praxis besteht seit mehr als zwei Jahren - sind meist Freiberufler, Ärzte, Psychologen, Unternehmer und Manager, manchmal Künstler. Während das Studium der Philosophie eher eine Männerdomäne ist - Schulak: "Vielleicht ist es ein männlicher Wahn, alle Dinge erklären zu wollen. Alle großen Denksysteme der Philosophie sind von Männern geschaffen worden." -, kommen in Schulaks Praxis auch sehr viele interessierte Frauen. Oft geht es bei ihren Fragen um ethische Handlungsoptionen, um Lebensentwürfe und die Frage nach dem Wesen des Glücks oder der Gerechtigkeit. Nicht selten wird auch das Thema Macht diskutiert: über die positive und negative Sicht der Macht, wie frau Macht bekommt, behalten oder damit umgehen soll.

Der philosophische Berater bietet für den Diskurs eine umfangreiche Recherche mit Textbeispielen zahlreicher verschiedener philosophischer Strömungen an, eine Verdichtung, ohne zu banalisieren. Er sieht sich dabei als Mittelsmann, aber nicht als Lehrer und er gibt keine Werturteile ab. "In vielen Bereichen ist die Aufnahme von Wissen, von Kultur ein Sich-Fügen in die Gedankenwelt eines anderen", sagt Eugen-Maria Schulak. "Erst im Prozess des Philosophierens findet das Denken zu sich." Deshalb wird ein guter Philosoph nicht vorgeben, im Besitz der objektiven Wahrheit zu sein, sondern eine Vielfalt von möglichen Ansichten und Betrachtungsweisen zur Verfügung stellen. Die Philosophie geht davon aus, dass ich Dinge immer auch anders betrachten lassen, dass das Selbstverständliche ebenso in Frage gestellt werden kann und dennoch nicht alles Fragliche sofort gelöst und beantwortet werden muss. Ethischen Handeln heißt, für eine Handlung Gründe angeben zu können, als handelnde Person wahrgenommen zu werden - ohne moralische Bewertung. Der Klient erfährt, dass sein Denken Wirkung hat, dass jedes Argument ein Gegenargument braucht.

Bisher hat sich noch kaum ein Thema wiederholt, das Gedanken-Sucher mit Eugen-Maria Schulak besprechen wollten. Er freut sich über seine anspruchsvollen Klienten und gesteht, im Diskurs über ungewöhnliche Anfragen immer wieder Neues dazuzulernen. So interessierte sich eine Psychiaterin für die Sicht des Menschen - könne der Mensch ein Wesen sein, das nur auf äußere Reize reagiert wie eine programmierbare Maschine? Und wo blieben dann die Begriffe Verantwortlichkeit, Freiheit? Eine Aufgabe, bei der der philosophische Berater die verschiedenen möglichen Standpunkte und die Fülle der philosophischen Antworten mit der Klientin durchspielte, ohne sich mit einer Meinung zu solidarisieren.

Eine andere Kundin, eine Künstlerin, suchte philosophische Recherche zum Thema Jugend und Alter - das umfassende Material setzte sie dann in einem Tanzprojekt um. Schulak: "Die Leute fühlen sich wohl, denn Philosophie ist etwas, das der Seele gut tut. Erkenntnis macht Freude."

Manche der Kunden kommen zehn bis 15 Mal in die Philosophische Praxis, andere länger als ein Jahr, manchmal wird eine Stunde lang gearbeitet, dann ist für die Diskussion eine Doppelstunde nötig. Das Bedürfnis, neue Perspektiven im Leben durch Philosophie zu finden, ist jedenfalls da und ständig im Wachsen - allein auf seiner Internetseite verzeichnet Eugen-Maria Schulak bis zu 30.000 Hits (Stand Dezember 2005) pro Monat.

Kontakt: Dr. Eugen-Maria Schulak, Schlösselgasse 24, 1080 Wien
Tel.: (01) 402 12 40
Homepage: www.philosophische-praxis.at
Mail: schulak@philosophische-praxis.at