"Respekt ist wichtiger als Liebe"

Sir Peter Ustinov über Kunst, Politik und Erziehung

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 27./28. Dezember 2002
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Insgesamt 82 Filmrollen, von denen auch zwei mit dem Oscar ausgezeichnet wurden, machten den heute 81-Jährigen bereits in den frühen 60er Jahren zum Weltstar. Aber auch als Filmproduzent, Drehbuch- und Theaterautor, Bühnenschauspieler sowie als Film-, Theater und Opernregisseur konnte Sir Peter Ustinov internationale Erfolge verbuchen. Er schrieb bislang neunzehn Bücher, führte Fernsehinterviews mit hochrangigen Politikern und Künstlern, gründete vor einigen Jahren das Institut für Vorurteilsforschung in Budapest und zieht immer noch unermüdlich in seiner Rolle als UNICEF-Sonderbotschafter durch die Welt. Unter seinen Vorfahren finden sich Balletttänzer und Opernsänger, die u.a. bei der Uraufführung von Mozarts "Zauberflöte" und von "Don Giovanni" mitwirkten. Nach Wien kam Sir Peter Ustinov auf Einladung der "Siemens Academy of Life" - in seiner Rolle als eines der vielfältigsten künstlerischen Talente der Welt.

Wiener Zeitung: Sir Peter, Sie gelten als Weltbürger, gezeugt in Moskau, geboren in London, später groß geworden in Deutschland ...

Sir Peter Ustinov: Ja, ich wurde in London im Exil geboren und habe nie aufgehört, im Exil zu sein. Ich halte es auch für eine sehr gute Lage. Die Menschen denken immer, dass Exil etwas Schlechtes sei. Ich habe aber das Gefühl, man kann es sehr gut nutzen.

Wiener Zeitung: Blitzte Ihr komödiantisches Talent bereits in London dann und wann auf?

Sir Peter Ustinov: Mein Vater hat es erstmals benützt: Ich musste als Kind vor Gästen hinter einer Gardine stehen und Hitler nachmachen. Das habe ich aber nicht besonders gerne gemacht. Denn ich war ein eher schüchternes und ängstliches Kind. Der Humor hat mir immer geholfen. Man schützt sich durch Humor. Das kam mir ganz natürlich vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne Humor zu überleben, auch nicht in der Armee.

Wiener Zeitung: In der englischen Armee?

Sir Peter Ustinov: Ja, und der Feldwebel sagte immer: "Sie müssen wissen, dass der einzig gute Deutsche ein toter Deutscher ist, ist das klar?" Ich dachte mir, das ist eine ekelhafte Idee, in welchem Jahrhundert sind wir hier eigentlich.

Wiener Zeitung: Während des Krieges haben Sie aber auch schon mit dem Theater zu tun gehabt.

Sir Peter Ustinov: Bevor ich zur Armee ging, habe ich ein Theaterstück geschrieben und es einem befreundeten Impresario gegeben. An dem Tag, an dem Hitler Russland angegriffen hat, las ich dann in der Zeitung, dass England einen neuen Dramatiker habe. Zuerst konnte ich gar nicht glauben, dass damit ich gemeint war. Obwohl die Bomben fielen, wurde mein Stück gespielt, mitten im Krieg. "Das beste Stück des Krieges" hieß es in den Kritiken. Das war freilich ein bißchen zu früh gesagt, weil der Krieg ja noch lange nicht vorüber war.

Wiener Zeitung: Mit ihrer Arbeit hatten Sie von Anfang an Erfolg. Hat das Ihre Angst vertrieben?

Sir Peter Ustinov: Nein. Man ist nie ganz und gar zufrieden, nie ganz und gar in Ruhe. Ich glaube, man sollte es auch nicht sein.

Wiener Zeitung: Was war Ihr größter Misserfolg?

Sir Peter Ustinov: Misserfolg sieht man kommen und gewöhnt sich daran. Als ich an der Pariser Oper "Don Quichote" inszenierte, drehten sich die drei Windmühlen, die auf der Bühne waren, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und eine von ihnen sogar in die falsche Richtung. Das Publikum hat sehr gelacht, und ich konnte nichts dagegen tun. Als ich am Ende vor den Vorhang trat, begann ein höllisches Pfeifkonzert, und ich war ratlos. So habe ich mich mit dem Rücken zum Publikum gedreht und mich in die andere Richtung verbeugt. Und da habe ich ein Geräusch gehört, als ob ich jedem Zuschauer eine Ohrfeige gegeben hätte. Nachher ging ich mit meiner Frau essen, und, ich schwöre es Ihnen, noch bevor ich bezahlt habe, hatte ich die ganze Sache vergessen.

Wiener Zeitung: So geht man mit Misserfolgen aber nur um, wenn man so viel Erfolg hat wie Sie. Sie erwähnen in Ihren Schriften, dass Sie vom Temperament her selten wütend werden, dass Sie, wenn Sie Regie führen, niemals laut werden.

Sir Peter Ustinov: Nein, ich hasse das. Meiner Meinung nach ist es wie in der Erziehung. Ich glaube, dass die Erziehung eine Zusammenarbeit zwischen Meister und Schüler ist und manchmal der Meister sehr viel vom Schüler lernen kann, gesetzt den Fall, der Schüler ist begabt. Warum nicht? Es ist ein gemeinsames Lernen, und so ist es auch bei der Regiearbeit. Man arbeitet zusammen auf ein Resultat hin. Man ist kein Diktator.

Wiener Zeitung: Und was macht Sie wirklich wütend?

Sir Peter Ustinov: Vor allem die Dummheit, die macht mich wirklich wütend.

Wiener Zeitung: Wie gehen Sie mit der Dummheit anderer Menschen um?

Sir Peter Ustinov: Das ist sehr schwierig. Ich denke auch, man sollte niemals glauben, dass man nicht auch selbst dumm sein kann. Es besteht immer die Möglichkeit, dass man sehr dumm sein kann. Es gibt auch eine gewisse Dummheit bei intelligenten Leuten. Bei ihnen ist die Dummheit viel leichter sichtbar als bei dummen Leuten, weil die Möglichkeiten, dumm zu sein, viel größer sind. Mit der Dummheit muss man leben. Sie ist eine der Ingredienzen des Lebens, und ohne Dummheit würde das Leben wirklich sehr viel ärmer sein. Der Blödsinn ist allein deshalb wichtig, weil ohne ihn die Klugheit nicht existieren könnte bzw. nicht erkennbar wäre. Dummheiten müssen sein - und manchmal sind sie auch sehr charmant, um ein österreichisches Wort zu benützen.

Wiener Zeitung: Was bedeutet Humor für Sie?

Sir Peter Ustinov: Humor ist etwas, was alle als Wahrheit anerkennen, aber vorher gar nicht wirklich bemerkt haben. Ich glaube, das Komische ist sehr mit der Wahrheit verbunden. Und das Komische meint immer auch etwas, das schief gegangen ist, eine tragische Situation. Auch die großen Autoren, wie etwa Shakespeare, sind komisch. Aus "Julius Cäsar" können sowohl die Faschisten als auch die Antifaschisten ein gutes Stück machen, ohne ein Wort zu ändern. Das ist das Genie Shakespeares. Das Stück wirkt, je nachdem wie man es inszeniert, tragisch oder komisch.

Wiener Zeitung: Ich denke, dass Sie auch oft sehr ironisch sind.

Sir Peter Ustinov: Ironie ist ein Schatten hinter der Wahrheit. Es gibt auch Ironie in der Orchestrierung, nicht in der Musik selbst. Prokofjew etwa ist ironisch. Seine Musik ist sehr melodisch, aber dahinter steckt etwas Böses. Ganz generell ist Ironie ein Element der Verfeinerung der Sprache. Man kann viel mit Ironie tun, wenn die Leute sie verstehen.

Wiener Zeitung: Welche ernsthafte Aufgabe hat Ihrer Meinung nach die Kunst im Unterschied zur bloßen Unterhaltung?

Sir Peter Ustinov: Gibt´s da einen Unterschied? Ich weiß nicht. Oft nimmt man die Unterhaltung nicht wirklich ernst. Aber Unterhaltung kann sehr wichtig sein, in der Erziehung etwa. Entertainment oder Unterhaltung ist wichtig, um ganz junge Leute zu interessieren. So wird Lernen zum Abenteuer, so kann man die Lernerfahrung mit einem begabten Lehrer teilen, so wird es etwas Gemeinsames, ein Teamsport. Oft denkt man, dass Erziehung eine Pflicht ist. Und das ist sehr schlimm, denn Pflichten erschrecken junge Menschen, und sie wenden sich ab. Ich war selbst so. Ich konnte es nicht aushalten, weil es immer eine Pflicht war, abends zu studieren. Wenn man enthusiastisch ist, braucht man keine Disziplin, die stellt sich dann von selbst ein. Aber wenn es uninteressant ist, besteht keine Hoffnung. Die Kunst ist, so denke ich, etwas sehr Persönliches. Unterhaltung kann das nicht sein.

Wiener Zeitung: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für das vielfache Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen?

Sir Peter Ustinov: Die Menschen hören nicht gut genug zu. Ich glaube nicht, dass man ein Recht hat zu sprechen, wenn man nicht auch bereit ist zuzuhören. Ich bezeichne mich als Feminist. Ich glaube, dass das Weibliche in der Geschichte der Menschheit noch keine Rolle gespielt hat, die groß genug gewesen wäre. Man kennt das aus guten Ehen, dass die Frau vieles besser weiß als der Mann, aus Instinkt, und der Mann seine Frau walten lässt, weil er weiß, dass er in gewissen Dingen nicht so klug ist.

Ich glaube auch, dass Respekt viel wichtiger ist als Liebe. Respekt ist auch nicht so anstrengend wie Liebe. Die Liebe ist eine Emotion. Selbst wenn es sich um eine sehr gute Liebe handelt, ist sie sehr, sehr anstrengend. Der Respekt hingegen ist niemals anstrengend. Und es existiert auch kein Unterschied zwischen echtem und falschem Respekt. Beide nennen sich Höflichkeit - und Höflichkeit ist sehr wichtig, sehr einfach, gar nicht anstrengend und gibt jeder Debatte ihre Regeln. Höflichkeit garantiert, dass auch jene mit schwächeren Stimmen gehört werden. Und es ist oft so, dass gerade die Leute mit der schwächsten Stimme die besten Ideen haben. Also würde es sehr schlimm sein, wenn man gerade diese Leute niemals hörte, weil die anderen zu viel Lärm machen.

Wiener Zeitung: Sie sind ein sehr engagierter Mensch, sind in der ganzen Welt aktiv, was ja mitunter auch recht anstrengend sein kann. Gibt es ein übergeordnetes Ziel, das Sie verfolgen, einen Plan?

Sir Peter Ustinov: Einen Plan gibt es nicht, aber eine Intuition, einen Instinkt. Ich habe sehr viel in meinem Leben für die karitative Sache gearbeitet und glaube, dass es eine Pflicht ist, Kindern zu helfen. Man darf nicht abwarten, bis die Tragödie kommt.

Wiener Zeitung: In welcher Rolle sehen Sie sich selbst in dieser Welt?

Sir Peter Ustinov: Ich betrachte mich nur sehr selten von außen. Es ist gefährlich, sich von außen zu sehen. Was mich etwa an George W. Bush erschreckt, ist, dass er anfängt, sich von außen zu sehen und auf einmal seine Position in der Geschichte zu verstehen meint. Wenn er sagt, dass er das, was er macht, nicht für sich selbst sondern für zukünftige Präsidenten macht, dann erschreckt mich das zutiefst. Ich persönlich sehe mich nicht als Träger einer Rolle in dieser Welt. Ich bin sehr glücklich, wenn manche Sachen, die ich vorhabe, von den Leuten gut angenommen werden. Aber ich akzeptiere auch, dass manche Leute sie nicht gut finden.

Ich glaube nicht nur an die Demokratie, sondern auch an das Individuum. Denn das Individuum ist wichtiger als die Masse. Die Masse besteht aus lauter Individuen, die sich nicht ausdrücken können. Ich glaube, alles Gute in dieser Welt kommt von einzelnen Leuten, die von anderen einzelnen Leuten, die guten Willens sind, verstanden werden.

Wiener Zeitung: Haben Sie sich schon in Ihrer Jugend für Politik engagiert?

Sir Peter Ustinov: Ich muss sagen, dass ich immer spontan das gemacht habe, was mir in den vielen Etappen meines Lebens als natürlich erschienen ist. Bevor ich all diese Politiker persönlich kennenlernen durfte, konnte ich sie nicht kommentieren, das wäre eine Frechheit gewesen. Jetzt kenne ich viele der Großen dieser Welt - und ich muss sagen, dass manche ihren Ruhm verdienen. Bei anderen wiederum bin ich völlig erstaunt, dass sie in diese Position gekommen sind.

Wiener Zeitung: Sie haben offensichtlich viel gelernt.

Sir Peter Ustinov: Was ich gelernt habe, ist, die Wahrheit zu sagen und nicht zu verbergen, was man denkt, auch wenn es unpopulär ist. Was heute in der Welt geschieht, ist meiner Meinung nach sehr gefährlich. Deshalb muss man sagen, was man denkt. Früher war ich nicht reif genug, um mit Überzeugung über Politik zu sprechen. Aber jetzt, da ich manche Politiker kenne, finde ich das mehr oder weniger normal.

Und ich glaube an Erziehung und Vorbildwirkung. Kinder sehen sich alles an, sie bemerken alles. Wenn man ihnen etwas sagt, das man selbst nicht tut, so bemerken sie das sehr schnell. Und das ist dann ein Desaster. Also muss man wirklich machen, was man sagt. Man muss immer so handeln, als ob Kinder einen sehen würden.