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Die Lenker und die Denker

Normales Consulting ist out.

von MICHAELA ERNST
Wirtschaftsmagazin "trend" (10/2002)

 

Die Erkenntnisse der Philosophie haben seit geraumer Zeit im Wirtschaftsleben Hochkonjunktur. Coaching und herkömmliche Unternehmensberatung allein ziehen nicht mehr. Die bekannten Modelle wurden durchexerziert. Jetzt strebt die Wirtschaft nach neuen, maßgeschneiderten Perspektiven.

Vor etwas mehr als zwei Jahren schrieb der amerikanische Philosoph Tom Morris: "Die Geschäftsleute haben so viel Geld wie nie zuvor. Jetzt fangen sie an, sich tiefere Fragen zu stellen: Was ist Erfolg? Was ist Geld?" Gegen 20.000 Dollar Stundenlohn verkaufte Morris an Unternehmen wie IBM, Ford oder Arthur Andersen "die besten Ideen der besten Denker aller Zeiten".

Ungefähr zur selben Zeit beschäftigte sich auch die Österreich-Niederlassung von Siemens damit, ihren gesellschaftlichen und sozialen Auftrag zu vertiefen und gründete die "Academy of Life". Den Anstoß zu dieser Initiative lieferte nicht der amerikanische Trend, sondern ein Interview mit Ion Tiriac, dem ehemaligen Manager von Boris Becker. Auf die Frage, was Tiriac studiert habe, antwortete dieser: die "Academy of Life".

Karl Wessely, Leiter des Siemens Forums, entwickelte daraufhin gemeinsam mit dem mit ihm befreundeten Philosophen Eugen-Maria Schulak und einigen anderen klugen Köpfen folgendes Konzept: Man könnte doch den jungen "High Potentials" der österreichischen Wirtschaft die Erfolgsstrategien bedeutender, international bekannter Persönlichkeiten näher bringen. Und zwar nicht nur durch Vorträge und Interviews, sondern auch durch eine philosophische Auseinandersetzung mit deren Lebensgeschichte.

John Naisbitt und Lech Walesa bildeten den Auftakt zu der Seminarreihe, die seither sechsmal im Jahr für einen Zirkel von etwa 200 ausgesuchten "Studenten" (diese werden von den Topmanagern des Landes ermittelt) stattfindet. Nächster Stargast ist die Krimi-Autorin Donna Leon (am 27./28. November).

"Ich überlege mir jedes Mal ein paar kontroversielle Zugänge, die man mit dem Gast und den Seminarteilnehmern durchdiskutiert", erläutert Philosoph Schulak seine Rolle. Die britische Designerin Vivienne Westwood etwa habe man mit Baudelaires Auslegung von schön und hässlich konfrontiert. "Sinn des Ganzen ist es, das, was man bei diesen Zusammenkünften erlebt hat, mit dem eigenen Lebenskonzept in Verbindung zu bringen."

Zu Schulaks Kunden zählen aber auch Spitzenmanager und Firmenchefs, "die keine Zeit mehr haben, sich hinzusetzen, um ein Thema zu recherchieren". Die Inhalte dieser Gespräche drehen sich zumeist um Ethik, Macht oder Verteilungsgerechtigkeit. "Ich biete eine gewisse Art von Luxus an, nämlich das gemeinsame Nachdenken", ist sich der Philosoph seiner exklusiven Tätigkeit bewusst. Gleichzeitig möchte er festhalten: "Ich bin kein Psychologe und liefere auch keine Antworten auf Sinnfragen. Ich bin kein Heiler außer vielleicht in die Richtung, dass ich mit einem guten Gespräch bei meinem Gegenüber eine wohltuende Wirkung erzeuge." Für die Wohltat, die der Kunde übrigens als Coaching steuerlich geltend machen kann, berappt man bei Schulak, weit vom amerikanischen Kollegen Morris entfernt, wohlfeile 100 Euro pro Stunde.

Kontakt: Dr. Eugen-Maria Schulak, Schlösselgasse 24, 1080 Wien
Tel.: (01) 402 12 40
Homepage: www.philosophische-praxis.at
Mail: schulak@philosophische-praxis.at