back

Epikur de luxe

Leisten Sie sich doch einmal einen echten Philosophen!

von BERNHARD ECKER
trend (Luxus-Spezial, 2000)

 

Sie strecken sich auf Ihrer Chaiselongue aus, zünden sich eine fette Montechristo Nummer zwei an - und lassen Ihre Gedanken aufsteigen. Da ist nicht nur Angenehmes dabei. Dass Sie so selten Momente wie diesen haben, nervt Sie. Sie stellen sich die Frage, ob Sie richtig und gut leben. Sobald es aber um konkrete Veränderungen geht, steigen Bedenken auf: Wie werden Sie es Ihrem Kunden, Ihrem Arbeitgeber sagen, dass Sie Ihrem Zeitaufwand für ihn einschränken wollen?

Irgendwann beginnen die Gedanken zu kreisen, Sie kommen nicht mehr weiter. Irgendwo im Hinterkopf ist ein weises Wort (von Plato?), ein stichhaltiges Argument (von Popper?) gebunkert, das Ihnen jetzt weiterhelfen könnte. Bloß, es ist verstümmelt. Wenn doch jemand kommen und den Kopfsalat entwirren könnte! Ein ... ein Philosoph?

Philosophic Counselling, in New York und London zurzeit ausgesprochen hip, ist auch in Österreich im Kommen. Das Prinzip ist simpel: Ein Philosoph, kraft jahrelangen Studiums und Vertiefung in die philosophische Weltliteratur beschlagen im Universum der Argumente und Weisheiten, lässt Ihnen seine Hilfe angedeihen, wenn Sie über einem Problem brüten oder sich ganz einfach einmal der Eckpfeiler Ihres Lebens vergewissern wollen.

Zugegeben, das ist nicht so angreifbar wie ein edles Möbelstück, lässt sich nicht genussvoll beschnuppern, umschmeichelt nicht den Gaumen. Aber es kann Ihren Blickwinkel auf die Welt gehörig verändern. Und sinnvoll ist es allemal.

 

"Der Edle kümmert sich am meisten um
Weisheit und Freundschaft.
Davon ist diese ein vergängliches,
jene ein unvergängliches Gut."

EPIKUR

 

Ein Rechtsanwalt, der sich über die neue Gerechtigkeitsdiskussion in Frankreich schlau machen will; eine Tänzerin, die für eine Performance über den Konflikt zwischen Jugend und Alter die Meinungen der großen Denker zu diesem Thema einholt; ein Banker, der an straffe Businesspläne gebunden ist und nicht weiß, wie sein Unternehmen eigentlich funktioniert - Eugen-Maria Schulak, Betreiber der ersten Philosophischen Praxis in Wien, kann sich über mangelnde Auslastung nicht beklagen. "In der Regel kommen sehr erfolgreiche Menschen zu mir", sagt der promovierte Philosoph, der nach seinem Studium nicht "in der Ecke sitzen und Trübsal blasen" wollte.

 

Konzentrierte Philosophie.

Aus 2500 Jahren Philosophiegeschichte lässt sich ein wohl mundendes und überaus nützliches Konzentrat extrahieren. Der Praktiker verkürzt philosophische Einheiten, aber er banalisiert sie nicht, betont Schulak. Argumente und Gegenargumente, säuberlich herausgearbeitet und präsentiert - das ist ein umso wertvolleres Gut, je weniger unser Alltag uns Zeit zur Besinnung lässt. Haben Sie überhaupt noch Visionen und Utopien? Sind sie glücklich? "Das Leben verrinnt, während wir zaudern", schrieb der griechische Philosoph Epikur, "und jeder von uns stirbt mitten aus rastloser Tätigkeit heraus."

Befreien Sie sich also "aus dem Gefängnis der Geschäfte und der Politik" (noch einmal Epikur), und nehmen Sie Platz in Schulaks Praxis in der Josefstadt. Nein, nicht auf der Couch - Menschen mit offenkundig psychischen Problemen werden prompt zum Psychiater weitergelotst Es ist mehr ein Kaffeehaus für zwei Personen (oder mehr), frei von Räucherstäbchenatmosphäre und geführt von einem Menschen, der die gängigen Stereotypen über Philosophen flugs zerstreut: 38 Jahre alt, elegant, kein wirres Haar, kaum chaotisch, überhaupt: ziemlich down to earth.

 

Rationaler Diskurs.

Wir breiten das Thema aus, dessentwegen wir gekommen sind, es handelt sich, sagen wir, um Macht und um die Zwänge, sie auch auszuüben, in hundert kleinen und großen Entscheidungen tagtäglich. Und nicht immer sind diese Entscheidungen zum Guten: Wir setzen Menschen zurück, Kollegen, Partner, Untergebene, manchmal sind es nur Blessuren, oft beschneiden wir Lebenschancen, oft werden sie uns beschnitten. Wir sprechen beispielsweise Kündigungen aus - oder erfahren, dass von acht Kollegen im Büro am Ende des Jahres nur noch vier übrig sein werden.

Der Philosoph hört aufmerksam zu, nickt, macht sich Notizen, fragt nach, versucht einen rationalen Diskurs zu entfachen. Plötzlich geht es nicht mehr um ein scheinbar isoliertes Problem, sondern um ein ganzes Lebenskonzept. Wie sind wir in diese Situation gekommen? Ist es tatsächlich so, dass wir sofort und jetzt entscheiden müssen? Wie haben wir bisher in ähnlichen Situationen entschieden, und wie wollen wir es künftig tun? Können wir auch positive Seiten unseres Machtbesitzes entdecken - etwa, weil wir die Welt nun ein Stück nach unseren Vorstellungen mitgestalten können?

 

"Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren,
und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren.
Denn für keinen ist es früh und für keinen zu spät,
sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern."

EPIKUR

 

Nach einer ersten Bestandsaufnahme der möglichen Fragen werden die großen Machttheoretiker zu Rate gezogen: Niccolò Machiavelli ist eine gute Adresse, "als einer, der die Regeln der Macht präzise analysiert und beschrieben und selbst einen Teil seines Lebens in erheblichen Machtpositionen verbracht hat" (Schulak). Aber können wir uns mit Machiavellis Satz, es sei besser, gefürchtet als geliebt zu werden, zufrieden geben? Ist da nicht Epikur (schon wieder!) klüger, wenn er sagt, dass die Macht bloß die Seele beunruhige und man seine Energien für das private Glück aufsparen solle? Also aussteigen, sich edlen Weinen und dem Anbau derselben widmen, anstatt sich durch den Fleischwolf drehen zu lassen?

Wir hanteln uns weiter, stoßen auf Hegels Dialektik zwischen Herr und Knecht, konsultieren Arthur Schopenhauer, der die Kunst und die ästhetische Erfahrung als Fluchtpunkt aus der gesellschaftlichen Zwangslage vorschlägt, halten uns geraume Zeit bei Friedrich Nietzsches Überlegungen über den "Willen zur Macht" auf. Auch die jüngste Philosophengeneration hat einiges anzubieten: Michel Foucault, der die Grenze zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen untersucht hat, oder Jean-Francois Lyotard, dem es um die Zerstreuung von Macht und die Vielfalt von Lebensstilen und Denkformen geht.

 

Erfolgreich & vornehm.

Erschöpft bitten wir um eine Pause, um uns den einen oder anderen Gedanken einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen. Denn in der philosophischen Praxis finden keine Monologe statt, Ziel ist die Lust an konzentrierter Rede und Gegenrede. Der Philosoph ist hier kein Besserwisser, sondern einer, der den Gast in Richtung Selbsterkenntnis schubst. "Erst beim Reden springt das Denken frei von Mensch zu Mensch", ist Schulaks Credo. Dem gebürtigen Wiener schwebt eine Revitalisierung des antiken Modells vor, wonach "die Erfolgreichen, Vornehmen und Gebildeten" spöttisch und mondän mit Gleichgesinnten beim Gelage saßen und sich mit Methode betranken - "während die Einfaltspinsel sich den Inhalt ihrer Becher stumpf und kunstlos in die Gurgel leerten".

 

"Wir sind nur einmal geboren.
Zweimal geboren zu werden ist nicht möglich,
und eine Ewigkeit dürfen wir nicht mehr sein.
Du aber, der du nicht Herr über den morgigen Tag bist,
schiebst die Freude auf.
Das Leben verrinnt, während wir zaudern,
und jeder Einzelne von uns stirbt
mitten aus rastloser Tätigkeit heraus."

EPIKUR

 

Nicht alle großen Denker eignen sich übrigens gleichermaßen als Werkzeug, um Probleme in die Zange zu nehmen, meint Schulak. Die mathematisch-logischen Abhandlungen eines Gottlob Frege etwa, oder auch jene eines Ludwig Wittgenstein, sind wenig nutzbar im philosophisch-praktischen Sinn. Sich wiederum die Position des irischen Bischofs George Berkeley anzueignen - alle Existenz ist bloßes Wahrgenommenwerden (esse est percipi) - kann bei einseitiger Auslegung in einer Vogel-Strauß-Strategie enden - indem man einfach die Augen verschließt, wenn Schwierigkeiten auftreten.

Konstruktiver sind da - mithilfe professioneller Beratung - Plato, Epikur, Schopenhauer oder Nietzsche. Epikur öffnet eine Tür zum hedonistischen Leben, hilft mit, den Blick auf die guten Dinge jenseits der Alltagszwänge zu schärfen. Und ob Gott nun tot ist oder nicht - mit Friedrich Nietzsche ist das Eintauchen in eine Welt der Metaphysik schon aufgrund seiner spitzen Formulierungen verführerisch einfach. In Mode gekommen sind in letzter Zeit auch alle Philosophen, die sich mit dem Medienzeitalter auseinander gesetzt haben: Marshall McLuhan, Vilem Flusser, Jean Baudrillard. Doch woher die Zeit nehmen, um sich da durchzutanken?

 

Therapie für Gesunde.

Schulak kann philosophisch einiges aus der Hüfte schießen. Bei besonders vertrackten Problemen recherchiert er in Datenbanken und Lexika. Nur eines kann er nicht: Leidensdruck auffangen oder ein Sinnangebot liefern - wenn der Sinn weg ist, muss seiner Ansicht nach ein Theologe oder Logotherapeut her.

In diesem Punkt - wie weit sei in Richtung Psychotherapie gehen sollen und dürfen - sind sich die Philosophic Counsellors nicht so recht einig. Eckart Ruschmann, praktizierender Philosoph in Salzburg, ist für Menschen mit Sinnfragen und -krisen durchaus offen. Der ausgebildete Philosoph und Psychotherapeut will seine Tätigkeit nicht auf kühle rationale Diskurse beschränken, sondern setzt, wie er sagt, ganz auf "existentielle Begegnung" und die "Rationalität der Gefühle".

Einer der Trendsetter in Sachen Philosophic Counselling, der New Yorker Philosophieprofessor Lou Marinoff, sieht dagegen eine Art Wachablöse vonstatten gehen: "Wir sind heute dort, wo die Psychoanalytiker vor einem Jahrhundert waren - aber heute sind es die Leute müde, in ihren eigenen Gefühlen herumzustochern. Es gibt in der Psychiatrie die Ansicht, dass es ein Syndrom, eine Diagnose, eine Antwort auf alles geben muss. Die Wahrheit ist aber, dass Menschsein immer heißt: voller Probleme sein." In diesem Sinn versteht Marinoff Philosophic Counselling als "Therapie für die Gesunden".

Warum also nicht eine weitere Stunde mit unserem Berater verbringen? Unsere Kindheit, so scheint es, ist keine Bürde; körperlich sind wir ganz gut in Form; und dennoch gibt es da einige quälende Fragen. Wie war das mit dem privaten Glück und unserem Wunsch, doch auch etwas gestalten zu wollen? Soll sich unser Leben in einem "Ich konsumiere, also bin ich" erschöpfen? War es Epikur oder Schopenhauer, der da etwas Passendes auf Lager hatte? - Übrigens: Der Philosoph macht auch Hausbesuche. Damit Sie sich nicht von Ihrer Chaiselongue wegbequemen müssen.

 

Eugen-Maria Schulak
Philosophische Praxis
Schlösselgasse 24/19, 1080 Wien
Telefon: 01/402 12 40
www.philosophische-praxis.at