Mehr als ein Ende?

Der Tod als Herausforderung für Philosophie und Metaphysik

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 29. Oktober 1999

 

Vor etwa 60.000 Jahren, zur Zeit des mittleren Paläolithikums, begann der Mensch - damals noch in Form des Neandertalers - seine Toten zu bestatten. Es waren Akte der Fürsorge und der Liebe, denn die Toten wurden stets geschmückt und deren Gräber gekennzeichnet. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte: Der Mensch beschäftigte sich offensichtlich erstmals mit spirituellen Problemen, die geistige Entwicklung nahm ihren Lauf. Für unser Denken war der Tod von Anfang an ein irritierendes und gleichermaßen inspirierendes Faktum, ein Wetzstein, an dem sich eine Vielfalt theoretischer Gedanken entzünden konnte, ein "Wegweiser der Philosophie", wie Schopenhauer einmal sagte.

Allgemein gesprochen ist mit dem Tod eines Menschen das Aufhören des individuellen Lebens gemeint, im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet er das Sterben des Menschen. Im Akt des Sterbens erscheint der Tod als ein Moment, als Übergang des Lebens zum Nicht-mehr-Leben. Doch in der Folge, nachdem der Akt vorüber ist, kann uns der Tod auch als ein Zustand gelten, der nach dem Leben und dem Sterben folgt. Als Zustand nach dem Leben entzieht der Tod sich freilich jeder philosophisch-rationalen Überlegung. Demgemäß fällt seine Betrachtung im Sinne eines Zustands in das Gebiet der Mythologie, der Religion sowie der Metaphysik, welche zwar ebenso Gegenstand der Philosophie ist, diese aber letztlich spekulativ überschreitet.

Was immer Philosophen auch über die Tatsache des Todes geschrieben haben, in einem Punkte sind sie sich einig: Der Weise wird den Tod weder fürchten noch ersehnen, sondern ihn als natürlichen Schlusspunkt des Lebens betrachten und in unerschütterlicher intellektueller Festigkeit gelassen erwarten. Der Weise wird weder jeden Gedanken an den Tod verdrängen, noch ständig an ihn denken, sondern vor allem ein rechtes Leben zu führen suchen, weil er weiß, dass nur ein gut verbrachtes Leben dem Tod den Schrecken zu nehmen vermag. Die durchgängig geforderte Gelassenheit angesichts des eigenen Todes kann somit nur durch ein fruchtbares und gerechtes Leben erreicht werden. Die Kunst des Sterbens ist demnach mit der Kunst des Lebens gleichgesetzt.

Von den Anfängen bis in die Gegenwart ist freilich immer auch ein "traurig´ Lied" gesungen worden: Das Leben sei nichts anderes als ein permanentes Sterben, ein stetes, unaufhaltsames Zugehen auf den Tod, ein "Sein zum Tode", wie es Heidegger formulierte. Aber auch jenes "traurig Lied" führt letztlich hin zur Kunst des Lebens. Ihm gilt es Sinn zu geben, dieses gilt es aufzugreifen und zu gebrauchen. Gerade deshalb, weil unser Leben letztlich Sterben ist, habe unsere Existenz einen nicht zu überbietenden Stellenwert und müsse geformt, in jeder Hinsicht kultiviert werden: "Carpe diem", nütze den Tag, denn die Zeit drängt, und der Tod ist ein Dieb.

Im Hinblick auf den Tod gilt es, was philosophische Überlegungen betrifft, zwei prinzipielle Grundhaltungen zu unterscheiden. Einerseits kann gesagt werden: Der Tod ist ein naturgemäßes und unveränderliches Faktum. Dieses ist aber, weil es unser Ende bedeutet, hochgradig bedrohlich. Die Bedrohung wird durch die prinzipielle rationale Undurchdringbarkeit des Todes noch verstärkt. Metaphysische oder religiöse Debatten stiften diesbezüglich bestenfalls Unsinn und Verwirrung, schlechtestenfalls jedoch zusätzliche Angst. Der einzig brauchbare Weg, philosophisch mit dem Faktum des Todes umzugehen, ist daher, die Angst im Laufe unseres Lebens auf rationalem Weg zu bewältigen, quasi gedanklich zu neutralisieren. Die Philosophie zeigt sich dadurch als Trösterin in Zeiten der Not, als Seelsorgerin angesichts der Stunden existentieller Verzweiflung. Sie wird zum Gegengift gegen die Lähmungen der Melancholie, gegen die Ratlosigkeit der Resignation.

 

Trost und Spekulation

Andererseits kann gesagt werden - und dies ist die zweite prinzipielle Grundhaltung innerhalb der Philosophie: Der Tod ist zwar ein Faktum, aber nicht das Ende des Lebens, weil unsere Seele unsterblich ist. Der Tod ist der Anfang eines neuen "Lebens", ein Übergang in eine andere, bessere Daseinsform. Philosophie wird so zur Spekulation, ausgedrückt in metaphysischen und spirituellen Theorien. Noch vor aller Rationalisierung steht hier gleichfalls die Absicht des Trostes und der Seelsorge im Zentrum, welche durch den Hinweis auf eine zukünftige, transzendente und qualitativ hochwertige Daseinsform erheblich verstärkt wird. Sokrates, wie uns Platon in seiner Apologie berichtet, lässt beide Grundhaltungen gleichermaßen gelten bzw. er bleibt diesbezüglich unentschieden. Der Tod kann ihm nur zweierlei bedeuten: "Entweder ist er ein Nichts-Sein, so dass der Tote auch keine Wahrnehmung mehr von irgendeiner Sache hat; oder er ist, wie die Überlieferung sagt, ein Übergang und eine Übersiedelung der Seele von dieser Stätte an eine andere."

Die Überzeugung der Leute, dass der Tod das schrecklichste Übel sei, ist für Sokrates geradezu das Paradebeispiel für eine Haltung, die zu wissen glaubt, was sie in Wahrheit nicht weiß. Doch eines - und nun bricht das Nichtwissen des Sokrates schlagartig ab und wird Gewissheit – ist zweifellos der Fall: Der Tod hat nichts Schreckliches an sich. Ist er ein Nichts-Sein, ist er ein traumloser Schlaf, ein Ausruhen von diesem Leben und damit angenehm. Ist er die Umsiedelung der Seele an einen anderen Ort, verheißt dies ewiges Glück und Seligkeit. Sokrates frohlockt, denn in der zweiten Variante könne man sogar mit all den Gestorbenen den ganzen Tag philosophieren und sein neues "Leben" in vollen Zügen genießen. In beiden Fällen ist der Tod für Sokrates demnach wünschenswert und gut.

Platon schlägt sich, was den Tod betrifft, ganz auf die Seite der Metaphysik. Seine Philosophie wird von dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele dominiert. Im Phaidon werden jene Thesen ausführlich dargestellt: Die Seele sei ein für sich bestehendes, schlechthin unkörperliches Wesen, ihre Trennung vom Körper durch den Tod eine Befreiung. Der Körper sei nur ein Abbild, eine Strafe, ein Gefängnis und ein Grab, gleich einer unheilbaren Krankheit bloß lebenslang hinderlich. Die christliche Philosophie diskutierte das Thema des Todes in der Folge mit ständiger Rücksicht auf Platon, wobei sich die christliche Dogmatik durch Platons Denken nur in wenigen Details irritiert zeigte.

 

Verlust der Empfindung

In krassem Gegensatz dazu war die Philosophie Epikurs streng materialistisch gestimmt: Sowohl Körper als auch Seele bestünden aus diffizilen atomaren Strukturen, welche nach unserem Tode in ihre Bestandteile zerfallen. Der Tod sei unser Ende, endgültig und absolut. Gerade deshalb aber, und dies ist eines der Grundkonzepte der epikuräischen Ethik, müsse uns die Angst mit Hilfe rationaler Argumente konsequent genommen werden. "Der Tod", meint Epikur, "geht uns nichts an; denn was sich aufgelöst hat, ist ohne Empfindung; was aber ohne Empfindung ist, geht uns nichts an. [...] Der Tod ist der Verlust der Empfindung. [...] Solange wir sind, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, sind wir nicht mehr." Letztlich geht es Epikur um eine dauerhafte Beruhigtheit des Menschen, um das emotionale Gleichgewicht angesichts unseres unweigerlichen Endes: "Nichts ist im Leben für den Menschen furchtbar, der wahrhaft begriffen hat, dass im Nichtleben nichts Furchtbares liegt."

Ganz im Sinne Epikurs meint später Cicero: "Ein starker und erhabener Geist [...] verachtet den Tod, denn die von ihm Betroffenen befinden sich im gleichen Zustand wie vor der Geburt". Und Lukrez, ein römischer Epikureer, schreibt: "Bedenke doch nur, dass die ganze vor unserer Geburt vergangene unendliche Zeit uns überhaupt nicht berührte. Daraus können wir gleichsam wie in einem Spiegel erkennen, was uns die zukünftige Zeit nach unserem Tode bedeutet". Hegel, der nun wirklich kein Epikureer war, bemerkt zu Epikurs Argumenten nicht ohne Bewunderung: "Es ist ein geistreicher Gedanke, die Furcht ist entfernt. Das Negative, das Nichts ist nicht hereinzubringen, festzuhalten im Leben, das positiv ist; man hat sich nicht selbst damit zu quälen." Und Schopenhauer kommentiert Epikurs Thesen folgendermaßen: "Verloren zu haben, was nicht vermisst werden kann, ist offenbar kein Übel [...]. Vom Standpunkt der Erkenntnis aus erscheint demnach durchaus kein Grund den Tod zu fürchten."

Generell waren die Darstellungen des Todes innerhalb der christlichen Kultur ungleich hässlicher als jene innerhalb der griechischen Antike. Dies verwundert insofern, als das Christentum die Tatsache des Todes durchaus zu mildern suchte, etwa durch die Vorstellung eines Paradieses, eines ewigen Lebens und einer Auferstehung. In einer seiner frühen Schriften spricht Hegel von der Verschiedenheit der Bilder, die das Griechentum und die christliche Welt vom Tode produzierten. So war der Tod den Griechen "ein schöner Genius, der Bruder des Schlafs, verewigt in Monumenten über den Gräbern", den Christen hingegen "ein Knochenmann, dessen grauser Schädel über allen Särgen paradiert". Der Tod, so Hegel, erinnerte die Griechen "an den Genuss des Lebens, uns daran, es uns zu entleiden; er war ihnen Geruch zum Leben, uns zum Tode. Wie wir in einer ehrbaren Gesellschaft von gewissen natürlichen Dingen nicht sprechen, sie nicht einmal umschreiben, so umschrieben sie den Tod, milderten seine Bilder, - die die Redner und Prediger uns, um Schrecken einzujagen, um uns den Genuss zu verleiden, mit allen möglichen scheußlichen Farben ausmalen."

 

Reflexion als Gegengift

Wie dem auch sei: Bereits vor 60.000 Jahren war das Wissen um unser Ende fest in unserer Vorstellung verankert. Die Tatsache, dass der Mensch einstens begann, für seine Toten Gräber auszuheben, war Grund genug, den Tod als einen Feind zu fürchten. Doch Not, wie man zu sagen pflegt, macht stets erfinderisch: "Wie durchgängig in der Natur jedem Übel ein Heilmittel, oder wenigstens ein Ersatz beigegeben ist", so Schopenhauer, "verhilft dieselbe Reflexion, welche die Erkenntnis des Todes herbeiführte, auch zu metaphysischen Ansichten, die darüber trösten, und deren das Tier weder bedürftig noch fähig ist." Wie sich beim Menschen mit der Entwicklung seines Bewusstseins auch notwendig die erschreckende Gewissheit seines Todes einfand, so ergab sich aus jener Erweckung zur Vernunft auch gleichzeitig das Gegengift: die tröstende Reflexion.

Metaphysisches Denken in Form tröstender Worte über den Tod entwickelte sich jedoch vor allem im asiatischen Kulturkreis. Die Philosophie der indischen Bhagavad-Gita sowie die Philosophie des Buddhismus beschworen in unzähligen Bildern immer wieder die Nichtigkeit des Todes sowie die tiefe Unvergänglichkeit allen Lebens. Ein Mensch, welcher jene Unvergänglichkeit nicht erkenne, gleiche "dem Blatte am Baume, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: "Das bin ja ich nicht! Das sind ganz andere Blätter!" – O törichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade das, was vom Durst nach Dasein so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehn und Vergehn."

Derartig schöne Bilder hat die Philosophie Europas freilich nicht zu bieten. Mit dem Tod ist es stets bitterer Ernst. "Will man so recht einen Gegenstand für den Ernst denken", schreibt Kierkegaard, "so nennt man den Tod. Bereits ein Heide hat gesagt, man solle den Tod nicht fürchten, ‚denn wenn er ist, bin ich nicht, und wenn ich bin, ist er nicht‘. Dies ist ein Scherz, mit dem der listige Betrachter sich selbst außerhalb stellt; [er] lediglich den Tod denkt, nicht sich selber im Tode; falls er ihn denkt als des Geschlechtes Los, nicht aber als das seine. [...] Eben hierin aber liegt der Ernst [...]. Der Ernst ist, dass du wirklich den Tod denkst, und dass du somit ihn denkst als dein Los, und dass du somit vollziehst, was der Tod ja nicht vermag, dass du bist und der Tod ebenfalls ist."

Das Einzige, was wir gleichsam gegen den Tod "tun" können, so Kierkegaard, ist ein Leben zu führen, dem wir angesichts des Todes rückwirkend zustimmen können, für das wir geradestehen können, für das wir uns nicht vor uns selbst genieren müssen. "Dem Ernsten gibt der Gedanke des Todes die rechte Fahrt ins Leben und das rechte Ziel, die Fahrt dahin zu richten. Und keine Bogensehne lässt so straff sich spannen, keine vermag dem Pfeile solche Fahrt zu geben wie den Lebenden der Gedanke des Todes anzutreiben vermag, wenn der Ernst ihn spannt. Da packt der Ernst das Gegenwärtige noch heute, verschmäht keine Aufgabe als zu gering, verachtet keine Zeit als zu kurz, arbeitet nach äußerstem Vermögen."

 

Kants Schweigen

Ist der Gedanke an den Tod im Sinne Kierkegaards wirklich ernst, so führt er dazu, die Kürze des Lebens zu erkennen und dieses Leben weitgehend zu optimieren. Langwierige und ausschweifende Gedanken um den Tod sind für das Leben letztlich kontraproduktiv, denn: "Die Ungewissheit besteht in jedem Augenblick, das Ungewisssein, wann der Hieb fällt – und der Baum. Wenn er aber gefallen ist, so ist es entschieden, ob der Baum gute Frucht gebracht oder faule Frucht." Mit der Tatsache des Todes philosophisch umzugehen, kann jedoch auch Folgendes bedeuten: schweigen. Kant etwa hat sich über den Tod nicht näher geäußert, und immerhin ist Kant innerhalb der Philosophie so etwas wie der Inbegriff der Seriosität. Offensichtlich schien ihm eine eingehende philosophische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes nicht möglich zu sein.

Daraus lässt sich schließen, dass das Thema des Todes durchaus auch aus der philosophischen Diskussion ausgeklammert werden kann. Vielleicht ist es seitens der Philosophie sogar eine Frage der Aufrichtigkeit dies zu tun: schlichtweg um den Theologen und Mystikern Platz zu lassen. Vielleicht ist Kants Schweigen die einzige, echte und tiefste Art des philosophischen Ernstes, die einem derartigen Thema angemessen sein kann.