Sprachloses Leid

Das Elend der medizinischen Kommunikation

 

Copyright: Univ.Prof. Dr. Maximilian Gottschlich

 

Als ich vor Jahren begann, mich mit dem komplexen Thema "Kommunikation und Heilen" zu beschäftigen, stieß ich auf einen bemerkenswerten Gedanken der jüdisch-katholischen Denkerin und Schriftstellerin Simone Weil. "Wer leidet", schreibt Simone Weil, "sucht sein Leid anderen mitzuteilen … um es so zu vermindern und derart vermindert er es in der Tat … wer es nicht mitteilen kann, bei dem bleibt das Leid in ihm und vergiftet ihn."

In diesem Satz steckt der gesamte therapeutische Anspruch an Kommunikation. Zugleich bedeutet dieser Satz, mitten in einer Inflation von Worten, die keine Bedeutung mehr haben, eine ungeheure Herausforderung an unser tägliches Kommunikations-verhalten. Uns erscheint Kommunikation als ein so alltägliches Phänomen, dass wir die eigentliche existenzielle und Existenz tragende Kraft von Kommunikation gar nicht mehr wahrnehmen.

Leid kann sich durch Kommunikation verwandeln. Wo diese transformatorische Kraft der Kommunikation fehlt, wo Leiden keine Chance findet, sich mitteilen zu können, dort entsteht Krankheit.

Wir alle wissen aus eigener Erfahrung: Es ist nicht leicht, Leid mitzuteilen - es ist aber noch weniger leicht, fremdes Leid zu teilen, sich in fremdes Leid involvieren zu lassen. Leid wirkt ansteckend - und davor haben wir alle Angst, und weil wir davor Angst haben - Angst davor, dass uns das Leiden des anderen an unser eigenes, verdrängtes Leiden erinnert, Angst davor, dass wir uns im Leiden des anderen unversehens selbst begegnen - weil wir also vor all dem Angst haben, entwickeln wir allerlei Strategien kommunikativer Abwehr.

Aber gerade deswegen ist die Frage, ob und wie wir mit dem Leiden anderer umgehen, ob und wie es uns gelingen mag, dieses Leid kommunikativ zu verwandeln, die entscheidende Schlüssel-frage, wenn es um den Zusammenhang von Kommunikation und Heilen geht.

Sehen wir für einen Moment noch vom weitreichenden Anspruch Heil stiftender medizinischer Kommunikation ab und vergegenwärtigen wir uns kurz die sozial-kommunikativen Rahmen-bedingungen, unter denen medizinisches Handeln stattfindet: Wie und wem gegenüber kann der moderne Mensch des Informations- und Kommunikationszeitalters Leid mitteilen und mitteilend verarbeiten.

Mitten in einer Situation Medien inszenierter Dauerkonfrontation mit Kommunikationsangeboten aller Art bleibt das reale Leiden, bleibt das Leid an der Realität, ohne Möglichkeit sich auszudrücken.Mit der wachsenden Informationsflut, mit dem Überfluss an Kommunikationsangeboten aller Art wächst zugleich auch eine neue Sprachlosigkeit, wenn es um die existenziellen Fragen geht - um die Fragen, wie wir mit Krankheit, Leiden und Sterben umgehen können und umgehen sollen. Hinter den glückverheißenden Inszenierungen von Fitness, Wellness und Happiness kommt es zu einem sich ausbreitenden unheimlichen Verstummen. Oder wie es der österreichische Literat Robert Schneider einmal formulierte: "Nichts kann mehr vertieft werden, wir talken uns dusselig und haben noch kein einziges Wort miteinander geredet."

 

Kommunikationsarmut in der Kommunikationsgesellschaft

"Kommunikationsgesellschaft" - das ist eine euphemistische Über-treibung und beschreibt in keiner Weise den inneren Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Vielmehr mehren sich die Indizien, dass diese Kommunikationsgesellschaft - so paradox dies auch klingen mag - zunehmend an krankmachenden Kommunikationsstörungen, an voranschreitender Kommunikations-armut leidet. Kommunikationsarmut geht einher mit dem Verlust an Mitgefühl. Haben wir diese Fähigkeit zum Mitgefühl verloren?

Die schwedische Akademie der Wissenschaften hat den Friedensnobelpreis 1999 - zu Recht - an die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" für ihr humanitäres Engagement in den Krisenregionen und Elendszonen der Welt verliehen. Für einen kurzen, allzu kurzen Moment, wurde dabei die Welt aus der Trägheit des Gewissens gerissen, aus jenem kollektiven "Nicht-wissen-Wollen", obwohl man ja doch weiß, weil es in der globalen Kommunikationsgesellschaft nichts gibt, das man nicht zu jedem beliebigen Moment wissen könnte, wenn man es nur wollte. Für einen kurzen, allzu kurzen Moment, hat sich der Schleier der kollektiven Lebenslüge gelichtet, die darin besteht, angesichts des nicht verebbenden Elends und Leidens der Welt mit einer Grundhaltung des "Es-ist-ja-nicht-so-schlimm" das Auslangen finden zu können.

Die Ehrung von "Ärzte ohne Grenzen" signalisierte, dass es nicht ausreicht, bloß bildschirmkonformer Zuschauer des Stücks Weltgeschichte zu sein, das gerade gespielt wird. Wir sind auch deren aktive Mitgestalter, und wir machen uns schuldig, wenn wir sehen, aber nichts tun; wir machen uns schuldig, wenn wir wegsehen, weil wir nicht sehen wollen; wir machen uns auch schuldig, wenn wir nicht sehen, obwohl wir sehen könnten. Es ist nicht die Unwissenheit, die unser Problem ist, es ist das "Nicht-wissen-Wollen", das den Verlust von Mit-Leid und Mitgefühl nach sich zieht und mit dem Verlust des Mitgefühls auch den Verlust des eigentlichen Menschseins.

Rony Baumann, der frühere Präsident von "Ärzte ohne Grenzen" räumte angesichts des Völkermordes in Ruanda 1994 mit der bis zum heutigen Tag gern gepflegten Illusion auf, dass nur die Unwissenheit Schuld an den Menschheitstragödien dieses Jahrhunderts sei: "Seit am Ende des Zweiten Weltkrieges die Vernichtungslager entdeckt wurden, hat sich in der westlichen Welt eine Überzeugung festgesetzt, die sich bislang durch keine noch so anders gestaltete Wirklichkeit erschüttern ließ. Die Überzeugung lautet: Nur Geheimhaltung und Schweigen ermöglichten die Organisation und Durchführung der Endlösung … Unwissenheit, nicht Gleichgültigkeit sei Grund der Tatenlosigkeit gewesen … Die Tragödie (von Ruanda - und wir könnten Kosovo oder Tschetschenien einsetzen) räumt endgültig mit den letzten Illusionen der Nachkriegszeit auf - tatsächlich hätte auch Auschwitz vom Fernsehen direkt übertragen werden können."

Welch paradoxer Zustand: Wir können alles zu jeder Zeit über den Zustand der Welt wissen, aber unser informationsreiches Mit-wissen bleibt merkwürdig leer und ohne Folgen. Es ist ein Mit-wissen ohne gleichzeitiges Mit-fühlen. Was bleibt, ist der pathogene Zustand einer Apathie des bloßen Zuschauens -die Unfähigkeit zur Anteilnahme und die daraus resultierende kollektive Grundhaltung der Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass - sondern Gleichgültigkeit.

So sind wir Opfer und zugleich Täter einer Entwicklung, die man mit Emmanuel Levinás zutreffend als die "Intrige der Nähe" bezeichnen könnte.

Je näher wir mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnologien in der Überwindung von Raum- und Zeitgrenzen einander kommen, desto größer scheint die emotionale Distanz zu werden, desto fremder werden wir einander. Mit zunehmender Aus-differenzierung wächst die Indifferenz. Das ist die "Intrige der Nähe", und ihr erliegt nicht selten auch die moderne Medizin.

Denn: Je tiefer die positivistisch, kausal-analytische Medizin in den Funktionszusammenhang des Körpers des Menschen eindringt, je differenzierter die Einsichten in die Pathophysiologie der Krankheit werden, je umfangreicher der Einsatz komplizierter und komplexer medizinischer Technologien ist, desto mehr geht der Patient, der leidende Mensch in seiner Ganzheit, seiner Würde und seinen primär seelischen Bedürfnissen verloren. Damit aber geht - auch für ärztliches Handeln - das Entscheidende verloren: Die Einsicht nämlich in die seelisch-geistigen Grundlagen von Krankheit und Krank-Sein.

Untersuchungen in den USA gehen davon aus, dass rund drei Viertel aller Beschwerden, die Patienten in Krankenhäusern vorbringen, auf psycho-soziale Faktoren zurückzuführen sind. Ähnliches gilt für Arztbesuche: Zwei Drittel aller Arztbesuche sind auf psycho-soziale Befindlichkeitsstörungen, die sich in unterschiedlichen Symptomen ausdrücken können, zurückzuführen. Diese Menschen brauchen jemanden, dem sie ihr Leid, ihre Sorgen und Ängste mitteilen können, währenddessen diese seelischen Leiden im Gewand körperliche Symptome entweder überhaupt nicht erkannt werden - weil ein biomedizinisch reduziertes Menschenbild für diese seelischen Leiden unempfindlich ist - oder aber, wenn sie erkannt werden, inadäquat behandelt werden.

 

Dilemma der Medizin

Genau darin liegt ja auch das Dilemma der modernen, naturwissenschaftlich-technischen Medizin: Sie vermag die krankmachenden Kommunikationsdefizite in der Gesellschaft, die pathogenen Folgen des verlorenen Mitgefühls deswegen nicht auszugleichen, weil sie selbst an quälendem Kommunikations-verlust leidet.

Der moderne, arbeitsteilig organisierte, weitgehend anonyme Medizinbetrieb zeigt kaum Sensibilität für die kommunikativen Bedürfnisse der Menschen. High-tech-Medizin ist weitgehend stumme Medizin - Kommunikation dient allenfalls nur dazu, das reibungslose Funktionieren des Systems zu garantieren.

Damit trägt das Medizinsystem aber nicht unwesentlich zu jenem beklagenswerten Zustand bei, zu dessen Behebung oder zumindest Linderung die Medizin beitragen sollte. Und damit schließt sich der verhängnisvolle Kreislauf: Kommunikationsnot, das Fehlen der Möglichkeit, das eigene Leid mitteilen zu können, führt in die Krankheit, und der Krankheit folgt erneutes Schweigen, das Schweigen einer Gesundheits- und Medizintechnokratie, der die Sprache des Leids fremd geworden ist.

Wenn heute vielfach von einer wachsenden Vertrauenskrise in der Medizin gesprochen wird, dann ist diese Vertrauenskrise primär eine Krise der medizinischen Kommunikation auf allen Ebenen ärztlichen Handelns, und zwar zum Schaden der Patienten, weil sie im Zustand kommunikativer Isolation um die Chance kommunikativer Sinnerfahrung ihres Leidens gebracht werden; zum Schaden aber auch der Ärzte, die in einer Situation zunehmender Entfremdung vom Patienten um die Chance kommunikativer Sinnerfüllung ihres ärztlichen Tuns gebracht werden.

Die moderne, technisch hochgerüstete, bürokratisch organisierte Medizin hat den Faktor "Kommunikation" weithin und mit weitreichenden Folgen vernachlässigt. Die negativen Folgen wachsenden Kommunikationsverlustes des modernen Medizin-systems werden immer deutlicher spürbar.

Unter dem Druck immer knapper werdender ökonomischer Mittel (und dem Ruf nach mehr Wirtschaftlichkeit in der medizinischen Versorgung) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Anspruchsberechtigung aller an die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Hochleistungsmedizin geht eines verloren: die Beziehung zum Patienten, die Beziehung zum leidenden Menschen. Medizin - Heilen - braucht Mitgefühl, Mitgefühl und mitfühlende, also empathische Kommunikation, lassen sich aber nicht an ökonomischer Rationalität und Effizienz bemessen.

 

Keine Zeit für Zuwendung

Vor einem Jahr berichtete die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel "Vier Minuten und 36 Sekunden für die Diagnose: Krebs - Wenn man damit nicht auskommt, ist man ineffizient", über eine alarmierende Studie, die unter dem Titel "Ethik am Klinikum Nürnberg" durchgeführt wurde. Die Studie enthält die Ergebnisse einer Befragung von 400 der 6000 am Nürnberger Klinikum tätigen Mitarbeitern. Zur Illustration der Befragungsergebnisse wird einer der betroffenen Ärzte zitiert:"Die Medizin wird reduziert auf ökonomisch gut handhabbare Maßnahmen. Damit geht die Berücksichtigung der Dimension des Leidens verloren. Sorge, Zuwendung, das alles bleibt völlig draußen."

In der onkologischen Abteilung haben Ärzte pro Tag 4,6 Minuten Gesprächszeit für einen Patienten und eine zusätzliche Minute für den Angehörigen. Und der Klinikchef der Nürnberger Onkologie, Walter Gallmeier , der die Studie in Auftrag gab, kommentierte: "Die Qualitätssicherung ist eine Farce, sie ist allenfalls eine Dokumentation und führt zu schlechteren statt zu besseren Ergebnissen." Vor allem aber, so der Onkologe, gelte die Qualitätssicherung nur der naturwissenschaftlichen Medizin. "Die Medizin aber hat", so ruft Gallmeier in Erinnerung, "zwei (!) wichtige Säulen, die naturwissenschaftliche und die Beziehungsmedizin."

Es ist wahr: In einem mehr und mehr auf ökonomische Rationalität fixierten Gesundheits- bzw. Krankenhaussystem hat diese Beziehungsmedizin, hat die Zuwendung zu Patienten kaum noch eine Chance. Untersuchungen in Deutschland machen deutlich: Weder Ärzte noch Pflegepersonal in Spitälern wissen ausreichend Bescheid über ihre Patienten noch verfügen Patienten über genügend Informationen über die sie betreffenden medizinischen Interventionen und deren Folgen.

44% der repräsentativ befragten Österreicher sind der Meinung, dass der kranke Mensch im Spital dem System gegenüber ausgeliefert ist und auf die Behandlung keinen Einfluss nehmen kann. 39% aller Österreicher haben große Zweifel daran, ob man Ärzten trauen soll oder nicht. Jeder fünfte Österreicher hat das Gefühl, dass Ärzte nicht wirklich an den Problemen der Patienten interessiert sind.

Nach einer Studie der Deutschen Angestelltenkasse, bei der 12.000 Patienten in Hamburg befragt wurden, beklagten die meisten Krankenhauspatienten eine psychisch unzureichende Behandlung. 97% der Deutschen wünschen sich, dass das Gespräch in den Arztpraxen mehr im Vordergrund stehen sollte.

In einer Studie zur asymmetrischen Kommunikation bei klinischen Visiten konnte der deutsche Medizinsoziologe J. Siegrist zeigen, dass Ärzte bei Schwerkranken signifikant häufiger mit asymmetrischem Verbalverhalten reagieren als bei prognostisch günstigeren Patienten. Je kranker also ein Patient, desto geringer die Chance, aktiv am Gespräch mit dem Arzt teilhaben zu können!

Dazu kommt: 80% aller Gesprächsinitiativen gehen vom Arzt aus, Visiten dauern im Durchschnitt zwischen drei und vier Minuten pro Patient, davon werden nur 40 bis 60 Sekunden dem direkten Dialog mit dem Patienten gewidmet.

 

Patientenwünsche

Sämtliche internationale Untersuchungen zur Kommunikations-praxis in Ordinationen und Spitälern machen deutlich:

  1. Der Wunsch der Patienten nach einem Maximum an Information ist wesentlich größer als die Informationsbereitschaft der Ärzte.
  2. Patienten erwarten aber nicht nur ein Höchstmaß an Informationen über ihren Krankheitszustand, sondern verlangen auch und vor allem nach emotionaler Zuwendung.
  3. Diese emotionale Zuwendung wird ihnen aber häufig verwehrt, und dies wirkt sich nachweisbar negativ auf den Heilungserfolg aus.

Solche und ähnliche Ergebnisse sind ein unüberhörbares Alarmsignal: Dieses "Gesundheitssystem" ist krank - nicht weil es unfinanzierbar geworden ist - dieses Gesundheitssystem ist krank, weil es eine krankmachende Kommunikationsstruktur aufweist.

Die moderne Medizin ist sich selbst fremd geworden und sie ist den Patienten fremd geworden. Aus dem heilenden Arzt wurde der Bioingenieur, der Gesundheitsmanager, der Medizinbürokrat und Medizintechnokrat. Im biomedizinisch reduzierten Menschenbild verkommt das leidende Subjekt zum Objekt, zum austauschbaren medizinischen "Fall". Und so sieht dann auch die durchschnittliche Begegnung zwischen Arzt und Patient aus: Sie wird bestimmt durch bloß funktionale Aufmerksamkeit des Arztes, eine Fixierung auf die symptomorientierte Krankengeschichte und den weitgehenden Verzicht auf Dialog. Der Patient als "Objekt" der Behandlung berührt auch nicht - aber gerade darum geht es! Denn nur wer berührt ist, ist nicht gleichgültig. Aus der Haltung der Gleichgültigkeit heraus lassen sich hervorragende wissen-schaftliche, medizinische Leistungen vollbringen. Aber: Zwischen der Liebe zur Wissenschaft und zum wissenschaftlichen Detail und der Liebe zum Menschen liegen Welten…

 

Der kranke Arzt

Was den Patienten an kommunikativer Zuwendung, ja an Mitleid vorenthalten wird, das fällt aber auf die Ärzte selbst zurück: Ihnen verschließt sich zunehmend die Chance auf die Sinnerfüllung ihrer Tätigkeit. Das um sich greifende Burnout-Syndrom spricht hier eine deutliche Sprache!

"Die empirischen Daten zur Befindlichkeit von Ärztinnen und Ärzten im Lande sind ein bedrohliches Symptom", warnt der ehemalige Präsident der Berliner Ärztekammer Elis Huber und stellt weiter fest: "Der kranke Arzt ist Symptom für ein krankes System". Seine Schlussfolgerung: "Der Mediziner von morgen wird sehr viel mehr Kommunikator der Hilfe sein als heute. Wir brauchen nicht mehr Bioingenieure, wir brauchen eher Spezialisten für menschliches Leben und Überleben, Spezialisten für Menschlichkeit im Leben und Sterben."

Eine Reform der Mediziner-Ausbildung sollte sich gerade dieser grundlegenden Herausforderung stellen. Dieser Herausforderung stellt sie sich aber nur dann, wenn sie auch zu einer kommunikativen Medizin wird. Es gilt die Heil stiftende Dimension der Kommunikation wieder zu entdecken. Kommunikation und Heilen lassen sich nicht voneinander trennen.

 

Kommunikationsqualität beeinflusst Gesundheit

Alle einschlägigen Untersuchungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte signalisieren: Es gibt einen engen empirischen Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand und Kommunikationsqualität. Amerikanische Studien zeigen deutlich, dass Kommunikation nicht nur ein psychologischer Faktor ist, der sich positiv auf die Patientenzufriedenheit, auf das Wissen über den Gesundheitszustand und die Compliance auswirkt.

Positive, empathische Kommunikation - sei sie verbal oder non-verbal - beeinflusst direkt den physiologischen Zustand von Patienten. Bereits in den 60er-Jahren konnte der positive Einfluss qualitativ verbesserter Kommunikation bei der postoperativen Schmerzbehandlung nachgewiesen werden. Diejenigen Patienten, die in den Genuss besonders intensiver kommunikativer Betreuung kamen, bedurften nur halb so vieler Schmerzmittel wie ihre Kollegen in den Kontrollgruppen und konnten früher das Spital verlassen.

Zwei Drittel aller aktuellen, einschlägigen Studien wiesen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Kommunikationsqualität und Gesundheitszustand ("Health outcome") nach. Besonders intensive Kommunikation sowohl über das Krankheitsbild als auch über den Behandlungsplan beeinflussen deutlich und nachhaltig die jeweiligen Symptome wie Blutdruck, Blutzucker und Schmerzen.

Der Mensch ist ein hochdifferenziertes und ungemein empfindliches "kommunikatives Netzwerk" - ein kommunikatives Netzwerk, in dem Körper und Geist in einem permanenten Austauschprozess stehen. Heute wissen wir, dass Körper und Geist, Soma und Psyche eng zusammen gehören, ja eine untrennbare Ganzheit darstellen und dass die alte cartesianische Trennung zwischen subjektivem Bewusstsein und objektiver Wirklichkeit, zwischen Geist und Materie, längst obsolet geworden ist.

Wir sind daran zu erkennen, dass Kranksein und Gesundsein eine entscheidend geistig-seelische Dimension aufweist, eine Dimension, die sich freilich einer bloß medizinisch-apparativen Diagnostik entzieht. Und das zentrale Medium, in dem diese geistig-seelische Dimension zum Ausdruck kommt, ist die Kommunikation. "Beziehungsmedizin" ist ihrem Anspruch und ihrem Wesen nach kommunikative Medizin, und eine kommunikative Medizin folgt anderen Grundsätzen als die naturwissenschaftliche, kausal-analytisch verfahrende wissen-schaftliche Medizin. Lassen Sie mich einige dieser Grundsätze nennen:

 

Beziehungsmedizin ist kommunikative Medizin

Eine kommunikative Medizin steht gegen jeden Versuch der Funktionalisierung - auch und gerade einer Funktionalisierung der Arzt-Patienten-Beziehung. Eine kommunikative Medizin sieht und anerkennt im Patienten primär das leidende Subjekt. Eine kommunikative Medizin weiß von der "schöpferischen Kraft des Wortes", sie weiß um den inneren, verborgenen Zusammenhang von Kommunikation und Heilen, sie weiß um die heilsame Kraft des Wortes. Und eine kommunikative Medizin weiß um die komplexen Voraussetzungen einer solchen heilsamen kommunikativen Beziehung zwischen Arzt und Patient.

Kommunikative Medizin weiß - um nur einige Dimensionen des Problems anzusprechen - dass es primär um die Authentizität der Worte geht, also um die Übereinstimmung zwischen dem Sein des Arztes mit seinen Worten; sie weiß, dass Authentizität aber nicht das Ergebnis trainierter Kommunikationsstrategien ist, sondern dass diese Authentizität aus dem "inneren Sein" des Arztes kommt, aus der Art und Weise etwa, wie er, der Arzt selbst, mit seiner inneren Leidensspannung umgeht.

Eine kommunikative Medizin weiß, dass es nicht um das Viel-Reden geht, sondern um die psychische Präsenz, um die Aufmerksamkeit des Arztes: sie weiß, dass es um eine Heil stiftende kommunikative Beziehung gerade auch jenseits von Worten geht, dass es letztlich darum geht, dass ich im Arzt und durch den Arzt das Leiden des Patienten transformiert, verwandelt und dass - bevor dies geschieht - das Leiden, wie Karl Jaspers es formuliert, sich in den Arzt hinein fortpflanzen können muss, um solcher Art verwandelt werden zu können.

Eine kommunikative Medizin schließlich weiß um die innerste Kraft der kommunikativen Beziehung - nein, der kommunikativen Bindung zwischen Arzt und Patient: Weil auch der Arzt auf seine Weise verwundet ist und im Wissen oder Ahnen dieser inneren Verwundung dem "äußeren" Patienten ähnlich ist, besteht die tiefste Form der Bindung zwischen Arzt und Patient in einer Art "Solidarität der Verletzten", wie dies der Psychiater Peter Gattmann formuliert hat.

Um diese existenzielle Beziehung zwischen Arzt und Patient geht es - in ihr entscheidet sich die Chance und die Kraft Heil stiftender Kommunikation. Karl Jaspers hat dies so ausgedrückt: "Der Arzt ist weder Techniker noch Heiland, sonder Existenz für Existenz, vergängliches Menschenwesen mit dem Anderen, im Anderen und sich selbst die Würde und die Freiheit zum Sein bringend und als Maßstab anerkennend."

Das ist der - auch ethische - Anspruch. Die Realität jedoch ist anders: Anstelle einer kommunikativen Beziehung von Existenz zu Existenz dominieren die verschiedensten kommunikativen Entfremdungsformen bloß funktionaler Beziehungen. Und im leidenden Anderen wird alles andere zur Geltung gebracht als "Würde und Freiheit": Die medizinischen Heilsversprechen gehen einher mit Ritualen - auch kommunikativen Ritualen - der Entwürdigung und Unterwerfung des Leidenden unter das Interpretationsmonopol des medizinischen Systems. Anerkannt und mit Zuwendung belohnt wird die Unterwerfungsbereitschaft des Patienten - nicht sein Subjektsein.

Es ist - mehr oder weniger sublim, mehr oder weniger getarnt - die Beziehung zur Macht und der Durchsetzung der Macht, die oft - viel zu oft - dem Leidenden neues Leiden, iatrogenes Leid, also Leid, welches das Medizinsystem selbst zufügt, auferlegt. Aber nur and der Anerkennung dieses Subjektseins des Menschen, des Subjektseins des leidenden Menschen, bewährt sich die Güte jener angesprochenen Beziehungsmedizin. Der Anspruch ist gewaltig. Er lässt sich mit Emmanuel Lévinas so formulieren: "Ich bin für den Anderen in einer Beziehung der Diakonie: Ich bin dem anderen zu Diensten." Und: "Die Beziehung zum Anderen bildet eine Beziehung, die niemals mit dem Anderen fertig wird, eine Differenz, die eine Nicht-In-Differenz darstellt." In dieser Diakonie, in dieser Differenz zum Anderen, die niemals mit dem Anderen fertig wird und fertig werden darf, in dieser Nicht-In-Differenz, da entsteht die therapeutische Kraft des Wortes, die therapeutische Kraft der Kommunikation.

In diesem Spannungsfeld erst gewinnt Kommunikation ihre eigentliche existenzielle Bedeutung: Kommunikation hat nämlich nur höchst oberflächlich betrachtet mit Reden, mit Austausch von Worten zu tun. Es geht um viel mehr: Ich werde ein Teil von Dir und Du wirst ein Teil von mir und insofern dies geschieht, geschieht Kommunikation auch als ein Vorgang wechselseitigen Heilens.

Vgl. dazu ausführliche Überlegungen in Maximilian Gottschlich, Sprachloses Leid. Wege zu einer kommunikativen Medizin. Die heilsame Kraft des Wortes. Wien 1998