"Ich trete für Freihandel und Frieden ein"

Hans Hermann Hoppe, Professor an der Universität Nevada und Vertreter des Anarchokapitalismus, war zu Gast bei der Siemens Academy of Life.
Interviewt wurde er von Eugen Maria Schulak.

 

von Heidi Aichinger
veröffentlicht in: Der Standard vom 24./25. September 2005

 

Zwei hauptberufliche Denker saßen einander gegenüber: Eugen Maria Schulak ("Philosophische Praxis") sprach mit dem in der Tradition der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie" stehenden Philosophen und Ökonomen Hans Hermann Hoppe. Es war der Auftakt zum ersten Semester 2005/06 der Siemens Academy of Life im bestens besuchten Siemens Forum.

Hoppe - als Radikalliberaler grundsätzlich gegen die Existenz von Staaten - gilt als schärfster Gegner sozialistischer Ideen. "Der Staat", so sagt er, "mischt sich in alles ein, stiehlt einem Geld, um damit das Kollektiv zu befriedigen." Dabei bleibe das Individuum auf der Strecke: "Wir sind gleicher geworden als sich das Marx jemals hätte vorstellen können." Wir seien vom Staat Korrumpierte, sagt er. Das öffentliche Bildungswesen sei dafür das beste Beispiel: "Wenn Bürokraten das Geld anderer ausgeben, sind sie immer großzügig". Hoppes Vision ist die sanfte Umkehrung der heutigen Verhältnisse in eine "Privateigentumsanarchie", einfache klare, christliche Gesetze ohne staatliche Kontrolle, die sich gemäß den Leistungen und Bedürfnissen des Individuums ausrichten.

Hoppes polarisierende Thesen lösten eine Flut an Hassbriefen bis hin zu Morddrohungen aus. "Ich dachte mir: Du musst schon einiges richtig machen, wenn man dich so hasst." Anhänger gibt es gleichermaßen: Fürst Adam von Liechtenstein etwa, soll von Hoppes Idee der Kleinstaaterei angetan sein.

Hoppe, Jahrgang 1949, maturierte zur Zeit der Studentenrevolution, in der philosophische Themen dominierten: "Ich hielt die Philosophie für das Grundhandwerk des Denkens und für dementsprechend wichtig". Seine Eltern "waren entsetzt", sagt er, hätten sie sich doch eine Juristenkarriere vorgestellt. Ob er denn Marxist gewesen sei, Ché-Guevara-T-Shirts getragen habe? "Ich habe mit dem Marxismus sympathisiert, aber ohne T-Shirt", sagt Hoppe. Durch Lesen habe er sich von diesen Ideen befreien können. Schließlich kam er, nach ausführlichem Studium und den "Fußnoten folgend" auf Ludwig von Mises und Murray Rothbard, den Begründer des modernen Anarchokapitalismus. Eine Freundschaft entstand. Später folgte er Rothbard nach New York und Nevada, wo Hoppe heute noch unterrichtet. Er ist - trotz Lebensmittelpunkt in den USA - bis heute deutscher Staatsbürger geblieben: "Der einzige Vorteil, den ich durch eine US-Staatsbürgerschaft hätte, wäre die Möglichkeit, wählen zu gehen", grinst er.

Hoppe möchte provokant, aggressiv sein: "Ich sitze auf einem moralisch hohen Ross, nehme keine defensive Rolle ein. Ich bin der Angreifer - und die anderen sollen sich mal verteidigen", sagt er. Auch ein Grund, weshalb Hoppe keine kleinen, sondern nur Vorträge vor großem Publikum halte und seine Arbeiten ausschließlich in englischer Sprache verfasse: "Dabei kann ich großen Einfluss ausüben und finde weltweit mehr Aufmerksamkeit."