"Der ökonomisch bessere Weg"

Über die Managerpflicht der Auseinandersetzung mit der Wertegrundlage für das Geschäft. Die Diskussion um werteorientierte Führung zieht sich durch die Wirtschaft. Das aktuelle Karrierenforum diskutierte mit Karin Bauer die Ursachen dafür, formulierte Anforderungen an die Spitzenmanager und belegte den Gewinn aus gelebten Werten in Unternehmen.

 

von Karin Bauer
ver÷ffentlicht in: Der Standard vom 5./6. November 2005

 

Werte als Grundlage der Unternehmensführung rangieren international auf den ersten Rängen der Mission-Statements der Konzerne, ergab eine Studie von Booz Allen Hamilton im März des Jahres. Inmitten beschleunigter Globalisierung entscheiden Werte über Wohl und Wehe der Unternehmen, heißt es in dieser Studie. Auch wenn diese regional unterschiedlich ausgeformt sind. In Österreich hat der Verein Eucusa in Kooperation mit der Industriellenvereinigung erhoben, dass die Mehrheit der Top-1000-Unternehmen ihren wirtschaftlichen Erfolg in unmittelbarem Zusammenhang mit nachhaltiger Ausrichtung mit Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit sehen.

Die Umfragen zu den Wertehaltungen von Managern häufen sich, auch spirituelle Fragestellungen stehen zunehmend auf dem Veranstaltungs- und Symposiumsagenden von Trainingsanbietern. Auf dieser Basis diskutierte das aktuelle Karrierenforum die Rolle der Werte im Geschäft. Ausgangspunkt war die Genese des Werte-Begriffs aus der Ökonomie. "Wir haben eine Ethikdiskussion nicht deswegen, weil wir so im Sumpf stecken, im Gegenteil: Wir leben in einer extrem skrupulösen Zeit, wir wollen fair sein. Die Wertediskussion im Management ist kein Zeichen dafür, dass wir es so bitter nötig hätten", so Eugen Maria Schulak, Philosoph mit eigener Philosophischer Praxis in Wien.

"Die Diskussion flammt überall dort auf, wo es Neuerungen gibt, auch in den internationalen Aktivitäten und Beziehungen der Unternehmen", so Herbert Unterköfler vom Executive-Search-Unternehmen Korn/Ferry. Neue Rituale und Symbole entwickeln sich gerade, weil Manager mehr vorweisen müssen als bloß Gewinn, beobachtet Schulak, der unter anderem auch mit Siemens im Rahmen der "Siemens Academy of Life" zusammenarbeitet. Geschäfte zu machen und gleichzeitig ethisch zu handeln werde oft als Widerspruch gesehen, so Unterköfler, der diesbezüglich etwa evangelische Theologen zitiert.

Einig die Runde zu Beginn: Geschäfte heute basieren mehr auf Ethik als jemals zuvor. Werte würden dabei nicht als "Reparatur" etwa nach Bilanzskandalen hervorgezaubert, sondern seien die Grundlage, die Wurzeln des Geschäftes. Dabei gehe es auch um die Glaubwürdigkeit, um das Vertrauen, das nur auf solcher Basis wachsen könne, so Johannes Strohmayer, Investmentbanker der Euro Capital Partners, die unter anderem die Staatsdruckerei erworben haben. Zu aktuellen Regelwerken, etwa den Sarbanes Oxley-Akten nach den Bilanzskandalen in den USA, sagt er als Zustandsbeschreibung: "Die Anzahl der Bilanzfälschungen beträgt rund ein Tausendstel der Banküberfälle". Jedenfalls: "Der ökonomisch bessere Weg ist der nachhaltige", belegt Strohmayer am eigenen Beispiel der Staatsdruckerei, an die Euro Capital Partners nicht in "Heuschreckenmanier" herangegangen sind, sondern: Es wurde in den Ausbau der Märkte und in Technologie investiert. Das hat innert zweier Jahre sowohl die Kennzahlen verbessert und den Gewinn gesteigert als auch die Zahl der Mitarbeiter im Unternehmen vermehrt.

"Nachhaltigkeit ist ja wirklich kein esoterisches Thema mehr, das von außen kommt", so Christian Friesl, habilitierter Theologe und Leiter der gesellschaftspolitischen Abteilung der Industriellenvereinigung (IV). Gerade in Europa mit seinen alternden Gesellschaften sei Nachhaltigkeit ein zentraler Wert für die Zukunftsfähigkeit - und teilweise bereits verinnerlicht. "In jedem Fall müssen Werte von der Unternehmensspitze gelebt werden", so Friederike Hladky, Geschäftsführerin des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF). Ehrlichkeit, Respekt, Vertrauen, Loyalität nennt Hladky und spannt den Bogen zu den Rankings der attraktivsten Arbeitgeber und den dort gelebten "alten" Werten. Es gelte inmitten der Unsicherheit Sicherheit zu vermitteln und Erfüllung in der Arbeit zu ermöglichen.

"Wir wollen bei Mercuri Urval Geld verdienen und Spaß an der Arbeit haben", stimmt Michael Larsen, Geschäftsführer des Personalberatungs- und Executive-Search-Unternehmens Mercuri Urval, zu. Und: "Ob Werte tatsächlich gelebt werden, das hängt natürlich an der Moral und Ethik der Einzelnen". Da gehe es auch um die Passgenauigkeit bei Besetzungen. Der idealtypische Fall, so Strohmayer, könne auf der Ebene der Führungskräfte gut gelebt werden. Schwieriger werde es in Produktionsbetrieben bis zur Basis an der Maschine. "Anerkennung und Lob muss gelebt werden, dann kann man auch bei Arbeitern ansetzen", widerspricht Hladky.

Friesl: "Die Vision des Unternehmens muss kommuniziert werden, da geht es auch um die neuen sozialen Kontrakte." Er nimmt Audi als Beispiel, wo gegen Kündigungsverzicht bis 2011 Flexibilität der Mitarbeiter gegeben wurde. "Das Vermittelnde dabei muss die Vision sein." Friesl: "Ethik ist auch der Preis der Moderne. Ich sehe die ganze Diskussion auch als Teil der durch steigende Bildung gewonnenen Freiheit. Die Pflicht der Auseinandersetzung hat jeder".

Ein weiterer Konsens der Diskutanten: Werte und Geschäft dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unterköfler: Gelebte Werte seien die Grundpfeiler für das Ansehen der Firmenchefs und damit auch für das Ansehen ihrer Konzerne. Insofern seien wertorientierte Unternehmen auch sichtbar erfolgreicher, aber, meint Unterköfler: "Ohne ordentlichen Kaufmann geht es natürlich nicht". Larsen kommt zurück zu den Führungskräften und seiner Geschäftspraxis im Executive Search: "Werteträger brauchen Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit". Das sei ein Auswahlkriterium. Unterköfler: "Die Führungskraft der Zukunft muss einen Wertekanon verinnerlicht haben, ihn leben und kommunizieren können".