back

"Wie viel Kultur braucht der Manager?"

Roland Mischke sprach mit dem Wiener Philosophen Eugen-Maria Schulak, der Führungskräfte auf "Kant und Co" bringt

ROLAND MISCHKE
Der Standard (7. 10. 2000)

 

Standard: Wie kamen Sie auf die Idee, eine philosophische Praxis zu begründen?

Schulak: Philosophie wird heute nur an Universitäten und Volkshochschulen gelehrt. Es gibt aber ein weit verbreitetes Bedürfnis nach philosophischen Gesprächen, gerade in der New Economy, in der für viele Fragen ganz andere Antworten gefunden werden müssen. Da ich gerne mit Menschen kommuniziere, lag es nahe, das professionell als philosophischer Berater zu tun.

Standard: Wie verlief Ihr Ausbildungsweg?

Schulak: Philosophiestudium, Doktorat, Lehrauftrag an der Siemens Academy of Life, Essays für die Wiener Zeitung, philosophische Seminare, Sozialmanagement.

Standard: Sie sollen einen gut dotierten Job in der Werbebranche aufgegeben haben?

Schulak: Ja, ich habe zusammen mit einem amerikanischen Partner Werbung gemacht, vor allem TV-Spots. Das wurde recht gut bezahlt.

Standard: Wer ist Ihre Klientel?

Schulak: Vor allem Freiberufler, Ärzte, Psychotherapeuten, Wirtschaftsleute, Anwälte, Künstler. Das Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren. Männer und Frauen kommen fast zu gleichen Teilen, obgleich die Philosophie als Männerdomäne gilt.

Standard: Was bieten Sie Ihrer Klientel?

Schulak: Überblick über 2000 Jahre Philosophiegeschichte. Raschen Zugriff auf gewünschte Literatur und entsprechende Passagen. Einer meiner Klienten wollte Kant verstehen, las immer neu im dicken Buch "Kritik der reinen Vernunft", kam aber mit der Redundanz nicht zurecht. Also habe ich ihm Kant auf den Punkt gebracht.

Standard: Werden auch philosophische Bezüge zur Gegenwart verlangt?

Schulak: Natürlich, es geht letztlich immer um das Heute und Hier. Neulich wollte eine Choreographin, die eine Performance zum Thema Jugend und Alter plant, von mir eine philosophische Aufarbeitung dieses Themas. Sie hat ihr Skript bekommen.

Standard: Wie lange betreiben Sie schon Ihre freie Praxis.

Schulak: Es werden demnächst zwei Jahre.

Standard: Gibt es in den Diskursen eine bestimmte Linie, die immer wieder auftaucht?

Schulak: Keine Linie, eher ein breites Band - viele individuellen Vorlieben. Aber an den Klassikern, der Epikureischen Philosophie, Platon, Schopenhauer und Nietzsche kommt niemand vorbei. Die haben wirkliche Antworten auf Menschheitsfragen formuliert.

Standard: Was wollen Leute von Ihnen, die mitten im Berufsleben stehen?

Schulak: Dass ich ihnen Argumente an die Hand gebe. Es war schon in der Antike üblich, gegen Geld philosophisches Wissen zu verkaufen, Rede und Gegenrede durchzuspielen, Verteidigung und Anklage. In dieser Tradition sehe ich mich. Wer beruflich in einer Pro-und Kontra-Situation steckt, ist bei mir richtig. Ich lote mit ihm die Schwachstellen aus und sorge dafür, dass er gewappnet in den Kampf zieht.

Standard: Die vier philosophischen Grundfragen von Kant lauten: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? - Sind das immer noch Fragen, die Menschen umtreiben?

Schulak: Mehr oder weniger. Die meisten Leute, die zu mir kommen, wissen genau, was sie wollen. Nur ein kleiner Teil hat allgemeine Interessen. Gerade die New Economy mit ihrer enormen Arbeitsbelastung führt zu neuem Nachdenken. Wie viel halten Menschen durch? Wie viele sind nach außen hin stolz, aber innen ausgebrannt? Wie viel Kultur braucht der Manager, der dafür eigentlich keine Zeit mehr hat? Da gibt es Texte, über die geredet werden kann. Neulich saß hier ein Manager, der so erschöpft war, dass er während des Diskurses einschlief. Ich habe ihn erst am Ende der Stunde geweckt, und er fühlte sich sehr erfrischt.

Standard: Wie konkret können Sie Menschen mit philosophischen Traktaten helfen?

Schulak: Sinnsucher sind bei mir fehl am Platz. Wer sinnentleert ist, braucht keine Philosophie, sondern akute Hilfe therapeutischer Art. Alles, was ich mithilfe der Philosophie bieten kann, sind mögliche Antworten. Gerade Berufstätige empfinden Angst, setzen sich mit der Schuldproblematik auseinander - mit dem Verursacherprinzip in ihrem oft verantwortungsvollen, aber nicht durchweg überschaubaren Jobs -, mit dem Nihilismus, dem Zeitgeistphänomen unserer Tage. Kant Frage "Was darf ich hoffen?" ist von unerhörter Aktualität. Gehofft wird immer weniger, weil niemand weiß, auch nicht die schärfsten Analytiker, wo wir in fünf Jahre sein werden.

Standard: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie Philosophie einem Manager einen neuen Erkenntnisstand verschafft?

Schulak: Mit einer Managerin in der Fitnessbranche habe ich einmal rückwirkend ihr Lebenskonzept entwickelt. Sie war Musikstudentin, rutschte in das Geschäft mit der Gesundheit rein, brachte einen Betrieb auf Vordermann, entließ viele Leute, stellte andere ein. Sie trug eine ungeheure Verantwortung, war unglücklich darüber, wollte rechtfertigen, warum ihr eigenes Leben so geworden war. Wir gingen alle Stationen durch, fanden die Motive heraus, stellten die Handlungsoptionen hinzu. Dann traf die Managerin erst die Entscheidung: Sie nahm ihren Job an.

Standard: Hat Philosophie eine wohltuende Wirkung auf die Seele?

Schulak: Unbedingt, sonst bräuchte man sie nicht. Auseinandersetzung und Meinungsvielfalt schaffen Befriedigung. "Nichts ist wahr und alles ist erlaubt", hat Nietzsche formuliert. Das traf für seine Zeit zu, und für unsere erst recht.

Tel. (01) 402 12 40
Internet: www.philosophische-praxis.at