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Stadt der Denker

Für seine Philosophen ist Wien weltbekannt. Rasante gesellschaftliche Veränderung, zunehmender Leistungsdruck und eine Finanzkrise, die ganze Europa in Atem hält, lassen immer mehr Menschen nach dem Sinn des Lebens suchen. Viele finden Antwort am philosophsichen Stammtisch.

von SUSANNE KRITZER
veröffentlicht in Wien Live, Das Stadtmagazin, Oktober 2011

 

Es war pure Neugierde. die Eva vor einigen Wochen das erste Mal in das moderne Souterrainbüro in die Kaiserstraße im siebenten Wiener Bezirk führte. Seither hat sich viel für sie geändert. "Nach einem Treffen hier gehe ich zufrieden nach Hause", strahlt die 48-Jährige: "Meine Sichtweise grundlegender Dinge im Leben hat sieh stark verändert, und es gelingt mir, diesen neuen Zugang in meinem Leben umzusetzen."

Was passiert mehrmals pro Woche hinter den Glaswänden, die die bezeichnende Aufschrift "Verrückt nach Sokrates" tragen? Es ist nicht Magie. Es ist die Philosophie. die Eva und vielen anderen Antworten auf bedeutende Lebensfragen verspricht.

Kein Wunder, dass in Zeiten zunehmender Schnelllebigkeit, Unsicherheit und Veränderung unserer Gesellschaft immer mehr Menschen nach dem eigentlichen Sinn im Leben suchen. Viele finden die Antwort darauf in Gesprächen am philosophischen Stammtisch.

STAMMTISCHGESPRÄCHE ANDERER ART.

Während die erste Assoziation mit dem "Stammtisch" die Gedanken zu Wirtshauskultur und Bierausschank schweifen lässt, ist das Bild von philosophischen Runden ein völlig anderes. Sie finden entweder in ausgewählten Wiener Kaffeehäusern oder in eigenen Diskussionsräumen, in sogenannten "philosophischen Praxen", statt. Bei einem Gläschen Rotwein, einer Tasse Kaffee oder Tee werden Themen wie etwa Liebe, Tod, Bildung, Gerechtigkeit, Vernunft und Gewalt erörtert.

"Die Themen sind sehr lebensnah". erklärt Rene Tichy, Philosoph und Begründer der philosophischen Praxis "Verrückt nach Sokrates": "Wenn wir heute angesichts der Finanzkrise in ganz Europa über Geld sprechen und uns die Frage stellen, ob es Segen- oder Fluchbringer ist, so hat Aristoteles bereits vor mehr als 2000 Jahren Geld als Spekulationsgut kritisiert. Für Aristoteles waren Spekulanten keine Bürgen weil sie die Gerechtigkeit und Solidarität des Staates zerstören. So denken auch heute wieder viele Leute."

ERSTES WIENER PHILOSOPHENCAFÉ.

"Es mir wichtig, dass die Menschen reden." Susanne Widl

Auf hohem Niveau wird jeden zweiten Samstag im Monat auch ins Café Korb in der Innenstadt philosophiert. Bereits vor mehr als 15 Jahren wurde das "I. Wiener Philosophencafé" gegründet - und das Traditionskaffeehaus damit um eine weitere Facette reicher. Das Korb ist das wohl legendärste Philosophen-Café Wiens. Vorbild war die vom französischen Drehbuchautor und Regisseur Claude Sinnet begründete Bewegung in Frankreich.

Der ehemaligen Schauspielerin, Künstlerin und Besitzerin des Café Korbs, Susanne Widl, geht es um "die Rückkehr der Kommunikation". "Die Philosophie soll öffentlich werden - die Öffentlichkeit soll philosophisch zu fragen beginnen", betont sie. "Nach der Sommerpause starten wir ans 13. Oktober mit dem Thema .Können wir uns mitteilen?'", so Widl. Danach folgen "Gibt es noch Staaten?" und "Wir statt Ich".

Widl: "Es ist mir wichtig, dass die Menschen reden." Der chinesische Philosoph Konfuzius drückt es so aus: Begegnest du jemanden, der ein Gespräch wert ist, und du versäumst es, mit ihn, zu reden, dann hast du einen Menschen verfehlt.

PHILOSOPHIEREN TROTZ RAUCHVERBOTS.

Alle zwei Wochen zieht es nachmittags rund 50 Interessierte die Wendeltreppe hinunter in das untere Stockwerk des Lokals - vorbei an den wahrscheinlich außergewöhnlichsten Toiletten Wiens - in die Art Lounge. Der legendäre Raum wurde von bekannten Künstlern wie Günter Brus, Peter Kegler, Perer Weihel und Manfred Wolf Plottegg gestaltet. Kein Wunder also, dass in diesem separaten Raum trotz Rauchverbots gut philosophiert weiden kann. "Das Publikum ist gemischt, Männer, Frauen, viele 40- bis 60- Jährige, aber auch Junge", beschreibt Widl die Szene.

Für einen lebendigen Austausch sorgt nicht zuletzt die Tatsache, dass neben Universitätsprofessoren und anderen Experten auch viele Laien an den Diskussionen teilnehmen. Vier Animatoren geben den Diskussionsrunden mit sachlicher Kompetenz und Themenvorgabe einen gewissen Rahmen. Damit weichen sie allerdings vom französischen Modell reiner Spontanität ob.

PHILOSOPHIE MUSS NICHT SPRÖDE SEIN.

Werner Gabriel, Philosoph und Professor an der Universität Wien, ist einer dieser vier Animatoren im Korb. Er war anfangs selbst über den Erfolg des I. Wiener Philosophencafés überrascht: "Ich habe mir die Frage gestellt, worauf wohl das Interesse an einem doch allgemein für sehr spröde gehaltenen Gebiet wie dein der Philosophie zurückzuführen ist", erzählt er: "Ein wesentlicher Punkt ist sicher ein Vorgang, der sich in den verschiedenen Internetforen ablesen lässt - nämlich die massive Sehnsucht der Menschen, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden." Kurz: Der Wunsch nach Austausch und Kontakt.

Das 1. Wiener Philosophencafé vermag auf eine ganz besondere Erinnerung zurückzublicken: "Immer mittwochs hielt Sigmund Freud seine philosophischen Sitzungen bei uns im Café Korb ab", erzählt Widl.

Philosophische Diskussionen haben in Wiener Kaffeehäusern eine lange Tradition. Das Kaffeehaus war vor allem in den ersten 30 Jahren des vorigen Jahrhunderts Anziehungspunkt für Intellektuelle. Künstler und Freigeister. Der "Wiener Kreis" aus der Zwischenkriegszeit etwa wurde weltbekannt. Wien bietet aber auch heute noch einen guten Boden für Philosophie, ist Tick überzeugt.

HARDCORE-DISKUTIERER.

Dario Lindes ist langjähriger Kenner der Philosophencafé-Szene, Er weiß, wann und wo in Wien philosophiert wird und ist häufig auch selbst dabei. "In den Philo-Cafés trifft man immer wieder auf dieselben Gesichter", sagt er ein wenig ernüchtert. "Es gibt einen Kern von Hardcore-Diskutierern" - und er gesteht -, "darunter eben auch ich."

Gesprächsrunden mir dem Thema ā€˛Wirtschaft und Ethik" hätten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die Finanzkrise macht sich auch in den Köpfen der Philosophen breit.

Dem Privatphilosophen und hauptberuflichen Logopäden Lindes sind grundlegende Themen am wichtigsten. So hat er für seinen Vortrag am 5. November im Philosophicum im Café Rathaus, wo jeden ersten Samstag im Monat ein philosophischer Stammtisch stattfindet. Das Thema "Über die Dummheit" gewählt.

FREUD-CAFÉ: DER NAME IST PROGRAMM.

Im Café Freud im neunten Wiener Bezirk ist der Name Programm: Philosophische Fragestellungen unterschiedlichster Art stehen jeden zweiten Mittwoch im Monat im Mittelpunkt. Teilnehmen kann jeder Interessierte. Ab Herbst soll auch das Café Kandinsky in der Lerchenfelderstraße die Liste der Denk-Räume erweitern.

Die thematische Bandbreite im "Klub logischer Denker", der jeden Mittwoch Abend im Café Benno in der Alser Straße gastiert, ist groß und reicht von Fragen nach wirtschaftlicher Vernunft oder dem Glauben bis hin zu eher Skurrilem wie "Heinz Conrads - Bekanntes und Unbekanntes über Österreichs ersten Radio- und Fernsehliebling".

Doch diskutiert und philosophiert wird in dieser Stadt nicht nur in Kaffeehäusern. Unter einer philosophischen Praxis, deren Begriff der Deutsche Denker Gerd Achenbach prägte, versteht man die professionell betriebene Lebensberatung die in der Praxis eines Philosophen stattfindet.

FRUCHTBARES PHILOSOPHIEREN.

"Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Imannuel Kant

Eine dieser Praxen gehört Eugen-Maria Schulak: Davon, dass die Menschen heute mehr denn je von fruchtbarem Philosophieren profitieren, ist er überzeugt. "Vielen Menschen ist der Sinn im Leben nachhaltig abhanden gekommen. Besinnung sowie Muße und Zeit zum Denken tut jedem gut - auch im Sinne einer Entschleunigung", sagt er. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", riet bereits Immanuel Kant.

"Wir leben in einer ziemlich oberflächlichen Welt, die vor allem für ernsthafte Menschen schwer zu verkraften ist". so Schulak: "Die Suche nach tiefgründigen Gesprächen und sinnvollen Antworten ist größer denn je."

Eine eigene Lehrveranstaltung über die "Philosophische Praxis" wird im kommenden Sommersemester sogar am Philosophie-Institut der Universität Wien von der Italienerin Romizi Donata angeboten. "Auch Gerd Achenbach wird dabei einen eigenen Workshop mit den Studenten abhalten", freut sich Donata. Das ist gar nicht selbstverständlich, da die abstrakten Lehrveranstaltungen auf der Universität und die realitätsbezogene Auseinandersetzung in philosophischen Praxen und Diskussionsrunden mir schwer unter einen Hut zu bringen sind.

SUCHE NACH GERECHTIGKEIT.

Aktuell zu den Turbulenzen auf den Finanzmärkten befragt. bringt die Philosophin Donata den Begriff der Gerechtigkeit ins Spiel: "Man muss Laien erklären können, wie Gerechtigkeit in einer Gesellschaft wie der heutigen zu finden sei, in der einige Menschen durch Spekulationen enorm viel Geld aus Geld machen, ohne etwas zu leisten, das gesellschaftlich von Nutzen ist. Anders formuliert: Was ist der Mensch für ein Mensch, wenn er nur gierig Geld sammelt?"

Die Antwort versucht man mit alten philosophischen Weisheiten zu finden. "Die schönste Frucht der Gerechtigkeit ist Seelenfrieden", wusste der griechische Philosoph Epikur bereits vor mehr als 2000 Jahren.