Der Sprung ins tiefe Wasser

Hegels Kritik an Kants freiwilliger
Selbstbeschränkung

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 6./7. Februar 2004

 

Im Alter von etwa 26 Jahren skizzierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit Hilfe seiner Freunde Schelling und Hölderlin eine Philosophie der Zukunft, die Kants Denken bald alt und verstaubt aussehen ließ: "Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt aus dem Nichts hervor, die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus Nichts. [...] Der Philosoph muss ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein [...] ohne ästhetischen Sinn. [...] Wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muss im Dienste der Idee stehen, sie muss eine Mythologie der Vernunft werden".

Hegels Gedanken einer "Schöpfung aus Nichts", einer "ästhetischen Philosophie" und einer "Mythologie der Vernunft" sollten tatsächlich bald alles in den Schatten stellen. Hätte Kant jene Zeilen zu Gesicht bekommen, so wären sie ihm freilich zutiefst zuwider gewesen. Denn sie glichen jener Geisteskultur, die er vehement bekämpft hatte. Seine Philosophie verstand sich als Wissenschaft, wollte die Menschen an ihre geistige Beschränktheit mahnen.

Für Kant stand fest, dass wir die Welt bloß mit Hilfe der Kategorien unseres Verstandes rekonstruieren, ihr wahres Sein hingegen niemals logisch erreichen können. Ein unmittelbar geistiges Erfassen der Wirklichkeit liege "außer unserem Erkenntnisvermögen", sei schlichtweg nicht möglich. Falls doch, so bedeute dies "Schwärmerei, welche ein Wahn ist, über alle Grenzen der Sinnlichkeit hinaus etwas sehen, d.h. nach Grundsätzen träumen (mit Vernunft rasen) zu wollen". Schwärmerei, so Kant, sei "mit dem Wahnwitz zu vergleichen".

 

Die Wahrheit erkennen

Hegel hingegen betrachtete eine derartige Nüchternheit als für die Philosophie kontraproduktiv. Würde das Denken sich nur im Rahmen enger Grenzen bewegen, gliche es bald einer "farblosen Beschäftigung des in sich gekehrten Geistes mit sich selbst", würde es quasi degenerieren. Und letztlich sei es eine "Flachheit" zu meinen, "es gebe keine Erkenntnis der Wahrheit; Gott, das Wesen der Welt und des Geistes sei ein Unbegreifliches, Unfassbares". Würden wir tatsächlich unsere Vernunft in ihrer Endlichkeit akzeptieren, könnten wir das Philosophieren gleich überhaupt vergessen, denn Philosophie habe schließlich den Zweck, "die Wahrheit zu erkennen, Gott zu erkennen, denn er ist die absolute Wahrheit; insofern ist nichts Anderes der Mühe wert gegen Gott und seine Explikation".

Sollen die Gedanken Gottes also transparent werden, so Hegel weiter, müsse das Denken bis zum Absoluten vorstoßen. Wahres Philosophieren könne demnach nur eines bedeuten: "Dass die Gedanken nicht bloß unsere Gedanken, sondern zugleich das An-sich der Dinge und des Gegenständlichen überhaupt sind". Dieses Maximum an Objektivität gelte es philosophisch zu erreichen. Eine Philosophie des absoluten Geistes müsse demnach "über das Endliche zum Unendlichen" hinausgehen und den "Sprung" wagen, der allein das Denken ist. "Es gibt noch ein höheres Land", so Hegel, "welches indes für die kantische Philosophie ein unzugängliches Jenseits bleibt". "Das Wahre ist das Ganze" - wer sich mit weniger begnüge, sei auf dem falschen Weg.

Hegel warf Kant in diesem Zusammenhang auch "größte Inkonsequenz" vor: Dieser habe logisch beweisen wollen, dass unserem Erkenntnisapparat eine natürliche, absolute Schranke gesetzt sei, welche das Erkennen des Unendlichen verhindere. Von einer Schranke, meinte Hegel, könne man jedoch nur insofern etwas wissen, als man zugleich schon "darüber hinaus" sei. Wäre die Idee des Unendlichen nicht im Geiste Kants vorhanden gewesen, so hätte er auch nicht die Vorstellung einer Schranke haben können. Es sei daher "nur Bewusstlosigkeit", so Hegel, "nicht einzusehen, dass eben die Bezeichnung von etwas als einem Endlichen oder Beschränkten den Beweis von der wirklichen Gegenwart des Unendlichen, Unbeschränkten enthält, dass das Wissen von Grenze nur sein kann, insofern das Unbegrenzte diesseits im Bewusstsein ist".

Hegels Folgerung daraus war, dass Kant das Absolute schlichtweg sabotieren wollte. Und in der Tat kann Kants Denken auch als der Versuch gewertet werden, die platonisch-christliche Tradition ideologisch zu bekämpfen, ihr metaphysisches Spekulieren als bloße Phantasterei zu entlarven. Hegels Einwand ist demnach durchaus auch als christliche Rüge zu verstehen, als eine Kritik religiöser Art. Denn während die Religion bei Kant wesentlich nur das praktisch-regulative Beiwerk seiner kritischen Philosophie war, setzte Hegel die Religion bedingungslos voraus.

 

Erkennen, ehe man erkennt?

Ein "Hauptgesichtspunkt" der kantischen Philosophie, so Hegel in einer weiteren Attacke, sei ferner der Gedanke, dass, bevor das Unendliche Gegenstand der Erkenntnis werden könne, die Funktionsweise des Verstandes, d.h. das "Instrument" des Erkennens selbst zu erkennen sei. Jede metaphysische Erkenntnis sei nämlich unhaltbar, wenn sich herausstellen sollte, dass unser Erkenntnisapparat dazu nicht in der Lage ist. Doch gerade jene Überlegung erschien Hegel als "Verworrenheit": "Erkennen wollen [...], ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt als jener weise Vorsatz jenes Scholastikus, schwimmen zu lernen, ehe er sich ins Wasser wage".

Somit wird klar, worauf es ankommt: auf den "Sprung" ins tiefe Wasser. Das, was Hegel fordert, ist nichts anderes als Courage. Mit dem sokratischen "Ich weiß, dass ich nichts weiß", mit Wankelmut und Zaudern könne man nichts gewinnen. Hegel wusste, dass es beim Philosophieren etwas zu riskieren gilt. Das Risiko, bloß eine neue Mythologie zu produzieren, war ihm dabei nicht zu hoch, im Gegenteil: Er ging "aufs Ganze".

Eine Philosophie ist für Hegel nur dann wahr, wenn sie total ist. Sie muss alles, selbst das Wesen Gottes erfassen können, die (christlich-ideale) Wirklichkeit in vollem Umfang logisch repräsentieren und geradewegs auf das Absolute zusteuern. Als Kant der menschlichen Erkenntnis Grenzen setzte, hatte er jedoch genau das Gegenteil im Sinn. Dem Absoluten sollte jede logische Bedeutung abgesprochen werden. Es sollte Gegenstand des Glaubens werden, "um zum Glauben Platz zu bekommen". In den Augen Hegels entstand damit ein enormer Schaden, sowohl an der Philosophie als auch an der Religion. Um diesen Schaden zu beheben, müsse das Denken mit dem Absoluten wieder verbunden werden: "Endzweck" der Philosophie sei demnach "die Versöhnung der selbstbewussten Vernunft mit der seienden Vernunft, mit der Wirklichkeit".

Damit die seiende Vernunft, das wahre Sein, aber überhaupt Gegenstand der selbstbewussten Vernunft, des Denkens, werden könne, brauche es freilich eine grundlegende Voraussetzung. Hegel formulierte sie folgendermaßen: "Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig". Denken und Sein, das Vernünftige und das Wirkliche sind dasselbe. Das wahre Sein liegt in der Idee. Ideen sind so keineswegs Einbildungen oder Produkte der Phantasie: Sie sind real, "sie sind, und sie sind allein das Sein".

Hegels Philosophie ist aber freilich mehr als bloß ein naiver Rückgriff auf Parmenides und Platon. Neu ist, dass das Wesen der Wirklichkeit wie das Wesen der Vernunft als in sich gespalten begriffen werden: Im Mittelpunkt des Wirklichen wie des Vernünftigen steht der Widerspruch.

Inwiefern kann das Wirkliche dann aber vernünftig und das Vernünftige wirklich sein, zumal der Widerspruch ja genau das ist, was die Vernunft stets zu vermeiden sucht? Auf zweifache Weise meint dies Hegel belegen zu können: Zum einen "ist" im Geiste Gottes das Wirkliche tatsächlich mit dem Vernünftigen identisch - ewig und ohne Widerspruch, denn in der Idee Gottes liegt das wahre Sein ungebrochen vor. Zum anderen stellt in der Welt und im Denken - beides als Abglanz der göttlichen Idee - die allem innewohnende Widersprüchlichkeit - als Folge dieses Abglanz-Seins - genau jene Kraft dar, welche unsere Wirklichkeit erst eigentlich vernünftig macht.

 

Wahr, wirklich, vernünftig

Mit anderen Worten: Nur die göttliche Idee "ist" wahr, wirklich und vernünftig. Setzt Gott seine Idee um, d.h., schafft er Welt und Mensch, so zerfällt sie notwendig in unzählige Widersprüche. Das ist der Preis ihres Gegenständlich-Werdens. Die Zerrissenheit, die Zersplitterung sind bloß die Folge ihrer Materialisation in die Dingwelt. Doch diese Zerrissenheit, diese Widersprüchlichkeit in allem, tragen die Idee, wenn auch verborgen, weiterhin in sich und bergen letztendlich eine ungeheure Chance: Widerspruch ist Kampf, Prozess und Werden. Dank des Widerspruchs geschieht etwas, entwickelt sich alles. So wird die Idee Gottes mit der Zeit auch für uns sichtbar.

Je exakter man nun im Laufe der Geschichte das Widersprüchliche in allen Dingen formulieren konnte, so Hegel, desto höher würde auch der Erkenntnisgewinn, desto eher gelänge es auch, die Welt in ihrer Eigengesetzlichkeit zu verstehen. Hegel sprach diesbezüglich von "Versöhnung", von "Aufhebung" der Gegensätze, von Entwicklung zum Wahren hin. Könnte ein philosophisches System gar alle Widersprüche formulieren und sie in brauchbares Wissen verwandeln, so käme die Idee Gottes auch tatsächlich zum Vorschein. Die höchste Aufgabe der Vernunft sei demnach die Zusammenschau und Vereinigung des in die Vielheit Zerfallenen, dessen Rückführung in die eine göttliche Idee: "Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein".

Wenn aber alle Gegenstände unseres Nachdenkens sich innerhalb von Widersprüchen bewegen, d.h. "entgegengesetzte Bestimmungen in sich" enthalten, dann könne "das Erkennen und näher das Begreifen eines Gegenstands" nur so viel bedeuten, wie "sich dessen als einer konkreten Einheit entgegengesetzter Bestimmungen bewusst zu werden". Unser Denken habe das Widersprüchliche umfassend aufzugreifen und es aus seiner Widersprüchlichkeit heraus zu einem Ganzen hin zu entwickeln. Nur auf diese Art könne die Wirklichkeit auch für uns werden, was sie an sich ohnehin schon ist: vernünftig, an und für sich vernünftig - oder besser: göttlich geistig.

Der feste Vorsatz, das Widersprüchliche als Einheit deuten zu wollen, prägte Hegels Vorstellungswelt in vielerlei Hinsicht. So sind etwa auch alle bisherigen Philosophien für ihn "teils nur eine Philosophie auf verschiedenen Ausbildungsstufen, [...] teils nur Zweige eines und desselben Ganzen. [...] Die der Zeit nach letzte Philosophie", worunter er seine eigene verstand, "ist das Resultat aller vorhergehenden [...] und muss daher die Prinzipien aller enthalten; sie ist darum [...] die entfaltetste, reichste und konkreteste". Der "Werkmeister" dieser "Arbeit von Jahrtausenden ist der eine lebendige Geist, dessen denkende Natur es ist, das, was er ist, zu seinem Bewusstsein zu bringen".

Doch nicht nur die Philosophie, die Geschichte insgesamt zeigt sich für Hegel als vernünftiges Werk. Der Gedanke, "dass die Vernunft die Welt beherrsche, dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei", ist überaus zentral. Geschichte wird als kontinuierliches Konkret-Werden eines höheren Planes interpretiert, wobei der Mensch, als Werkzeug seines Schöpfers, sein Plansoll nach und nach erfüllt. Endziel ist die vollständige Verwirklichung der göttlichen Idee, worunter Hegel die "Entwicklung des Begriffs der Freiheit" verstand. Die Freiheit ist demnach nicht nur das menschliche, sondern auch das göttliche Ziel. So ist die Einheit vollbracht: Die Stimme Gottes erscheint im Gleichklang mit den Ideen der Französischen Revolution.

Kants Philosophie war stiller. Revolutionäres Gebrüll und politische Himmelfahrtskommandos waren Kant ein Greuel. Ihm lag vor allem der Mensch am Herzen: "Sapere Aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - aller Ideologien zum Trotz.