"Es gilt, den Menschen zu retten"

Ein Gespräch mit dem Arzt und Philosophen Karl Hermann Spitzy

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 30. April 2004
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Geboren 1915 in Wien, verbrachte Karl Hermann Spitzy seine ersten Berufsjahre als Arzt im Zweiten Weltkrieg an der russischen Front; in seinem Tornister allerdings befand sich Kants "Kritik der reinen Vernunft". Nach dem Krieg arbeitete er dann als Internist in Deutschland, studierte nebenbei Philosophie und gründete schließlich 1955 eine Forschungsstelle für Antibiotika in Wien, wo er sich gemeinsam mit Biologen und Chemikern vor allem mit der Entwicklung des oralen Penicillins beschäftigte. Resultat dieser Forschungen war das so genannte Penicillin V, das heute noch weltweit in Gebrauch ist. Für seine bahnbrechenden Arbeiten erhielt Spitzy 1960 den Theodor-Körner-Preis. 1970 gründete er eine Lehrkanzel für Chemotherapie, die er dann als ordentlicher Professor in eine Universitätsklinik umwandelte. Um Ärzteschaft und Bevölkerung über die Neuerungen in der Medizin gezielt informieren zu können, verfasste er an die 200 Fortbildungsfilme und organisierte zahlreiche internationale Kongresse. Neun Jahre lang leitete er die traditionsreiche Gesellschaft der Ärzte in Wien. Nach seiner Emeritierung promovierte er im Alter von 78 Jahren noch zum Doktor der Philosophie. Zum Interview ins Hotel Sauerhof in Baden kam Karl Hermann Spitzy, eine der großen Arztpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, auf Einladung der Siemens Academy of Life.

Wiener Zeitung: Sie haben Jahrzehnte hindurch TV-Sendungen gemacht und waren vor allem in den 70er Jahren der "Fernsehdoktor" der Nation. Wie reagierte die Ärzteschaft, wie reagierten die Patienten auf diese Fernsehauftritte?

Karl Hermann Spitzy: Ich zeigte in diesen Sendungen Fälle, die relativ selten vorkamen, wodurch sie von Ärzten nicht immer rechtzeitig diagnostiziert wurden, obwohl sie lebensbedrohlich waren: so etwa ein Gesichtsfurunkel in der Nähe einer Vene, die ihren Abfluss in eine Hirnvene hat, was bei einem chirurgischen Eingriff zu einer Hirnhautentzündung führen kann. In einer weiteren Sendung zeigte ich den Fall einer Hirnblutung infolge eines Risses eines Aneurismas an einer ungewöhnlichen Stelle. Dadurch kann es zu einer primären Bewusstlosigkeit kommen, die bald wieder vorübergeht, aber nach einiger Zeit in bedrohlicherer Form erneut auftritt; man nennt das ein "luzides Intervall". Wird hier nicht rechtzeitig operativ eingegriffen, ist das Leben des Patienten bedroht. Nach der Ausstrahlung dieser Sendung wurden einige solche Fälle mit günstigem Ausgang bekannt. Meine TV-Sendungen waren nicht zuletzt darauf ausgerichtet, dass Ärzte gezwungen waren, sie sich anzusehen, weil tags darauf Patienten mit der Frage kamen: "Herr Doktor, können Sie mir erklären, was der Fernsehdoktor gestern gemeint hat?" Da war es für manche unter Umständen gar nicht so leicht, eine Antwort zu geben und die eigene Unwissenheit zu verbergen. Natürlich muss man aber immer auch zugeben, dass es niemals eine vollständige Diagnose geben kann, weil bekanntlich jede Erkrankung einmalig und von Person zu Person unterschiedlich ist.

Wiener Zeitung: Machen das Einmalige und Persönliche einer Erkrankung eine Diagnose nicht grundsätzlich unmöglich?

Karl Hermann Spitzy: Das Entwerfen eines Krankheitsbildes aufgrund von Beobachtungen beziehungsweise Befunden ist nie mit absoluter Sicherheit, sondern immer nur aufgrund von Wahrscheinlichkeiten möglich. Das gilt nicht nur für räumliche Befunde, sondern auch für zeitliche, die dem Verlauf einer Erkrankung folgen. Vom Arzt verlangt dieser Umstand, dass er sich bewusst ist, in seinem Gegenüber ein anderes Ich vor sich zu haben. Wie oft habe ich mich deshalb gegenüber einem Patienten gefragt: "Bist du auch wirklich da, vor dem und für das anderen Ich?" Man kann in diesem Zusammenhang auch von "Liebe" sprechen, sagt doch schon Hildegard von Bingen: "Ohne Liebe geht gar nichts", und nimmt damit Paracelsus vorweg, der die Liebe als die höchste aller Arzneien bezeichnet.

Wiener Zeitung: Aber der Patient fragt doch: "Was fehlt mir, Herr Doktor?" Er verlangt im Grunde eine Diagnose.

Karl Hermann Spitzy: Diese besteht manchmal nur aus einem Wort, manchmal auch aus mehreren, wie etwa bei der Diagnose "Erythrodermatosis crurum puellarum", was nichts anderes als "Rötung der Haut des Unterschenkels bei jungen Mädchen" bedeutet. Das ist eine beschreibende Diagnose, die meist, aber nicht immer, mit den zu dünnen Strümpfen jener Frauen im Winter zusammenhängt, wodurch es zu einer chronischen Erfrierungsschädigung kommt. Die Reaktionen auf diese Diagnose sind nun unterschiedlich. Dadurch, dass Latein nicht verstanden wird, imponiert so mancher Patientin die rasche und "eindeutige" Feststellung ihrer Krankheit. Ob sie sich dann aber auch den therapeutischen Empfehlungen unterwerfen und in Zukunft im Winter wadenverstärkende Wollstrümpfe anziehen wird, ist mehr als fraglich, und es ist geradezu unwahrscheinlich, dass diese Unterwerfung länger anhält.

Wiener Zeitung: So gesehen birgt die Arbeit des Arztes wohl auch ein großes Frustrationspotential.

Karl Hermann Spitzy: Jeder Arzt weiß, dass sogar einer von zwei Herzkranken nach einem halben Jahr sein ursprüngliches, risikoreiches Leben - Adipositas, Bluthochdruck, Rauchen, Alkohol und Bewegungsarmut seien hier genannt - wieder aufgenommen hat und zu Kontrollen nicht mehr erscheint, wenn kein Rückfall eingetreten ist. Dieser Umstand bringt manche erfahrene Ärzte dazu, zu übertreiben und dem Patienten zu drohen, er würde sterben, wenn er die therapeutischen Empfehlungen nicht einhielte. Trotz der Bedrohung achtet der Patient aber meist nicht darauf, stirbt nicht und verliert, wenn auch mit schlechtem Gewissen, sein Vertrauen zum Arzt. Dass er aber seine Verantwortungspflicht sich selbst gegenüber verletzt, wird ihm kaum bewusst. Natürlich leidet vice versa auch das Vertrauen des Arztes zum Patienten. Dadurch verändert sich auch die gegenseitige Haltung, für die Vertrauen und Verantwortung die Basis sind. Ungünstigenfalls spricht man dann von "mangelnder Compliance", die der Arzt leider oft genug zur Kenntnis nehmen muss. Dazu kommt noch eine immer wieder zu beobachtende extreme Unzuverlässigkeit bei der Einnahme von Medikamenten. Auch hier wird etwa die Hälfte der Verordnungen nicht eingehalten, meist wegen befürchteter oder tatsächlicher Nebenwirkungen eines Medikaments, was dem Arzt aber nicht mitgeteilt wird, denn man könnte ihn damit vielleicht kränken. So unsicher ist es also für den Arzt, ob eine empfohlene Therapie überhaupt eingehalten wird. Das beweist auch wieder die Notwendigkeit einer engen Bindung zwischen Arzt und Patient, die eine Art magische, schamanenhafte Zuwendung vonseiten des Arztes sein muss. Dabei hat jeder "Zauberer" seine Tricks und seine Rituale.

Wiener Zeitung: Schwebt ein "Zauberer" aber nicht über den Dingen? Besteht im Verhältnis zwischen Arzt und Patient also nicht eine prinzipielle Asymmetrie zugunsten des Arztes, so dass eine enge Bindung gar nicht möglich ist?

Karl Hermann Spitzy: Ich sehe das nicht so. Bei allem Professionalismus, der eine gewisse Distanz bedingt, genügt meist eine kleine Geste, etwa eine behutsamen Berührung, um aus der Asymmetrie auszubrechen. Ich selbst habe mich als Arzt stets bemüht, bei Visiten nicht den großen Chef zu spielen, der in äußerster Distanz - mit Krawatte unter dem weißen Mantel und mit frisch geputzten Schuhen - dem Vortrag des bettenführenden jüngeren Arztes und den Erläuterungen des Oberarztes zuhört und sich in seinen spärlichen Kommentaren an den Rattenschwanz der Studenten wendet, um das Allgemeine oder Wahrscheinliche dieses speziellen Falles zu erläutern, was wiederum Angst erzeugt. Ich habe vielmehr immer versucht mich mit dem Patienten im Krankenbett zu verbünden, wenn nötig sogar gegen die Vortragenden, unter dem Motto: "Mein Gott, lass sie doch in ihrer unverständlichen und damit Angst erregenden Sprache reden, wichtig ist doch wie es uns geht". Manchmal habe ich zudem versucht, durch eine leichte Berührung – ein Streichen über das Haar des Patienten beispielsweise – diese Verbundenheit auszudrücken. Wenn bei dem einen oder anderen Patienten eine solche Berührung unpassend schien, fühlte ich während des Fachvortrages der anderen aufmerksam seinen Puls.

Wiener Zeitung: Pulsfühlen als Schamanentrick, als ritueller Zauber?

Karl Hermann Spitzy: Pulsfühlen ist immer gut, da hat man Zeit, sich den Patienten zu vergegenwärtigen, quasi ein Portrait von ihm zu erstellen, als Vorstufe dazu seiner innezuwerden, aber vor allem zur Überwindung einer momentanen Asymmetrie. Mein Oberarzt hat sich wiederholt über diese meine Verbrüderung mit den Patienten auf Kosten der anderen - und noch dazu unter vollem Einsatz meines persönlichen Charismas - beschwert. Er meinte, dies führe bloß dazu, dass sich die Patienten bei Ankündigung einer Chefvisite - vor allem die Patientinnen - ordentlich herrichteten, frisierten und schminkten, um dem Chef zu gefallen. Sie sagten, freundlich lächelnd, es gehe ihnen schon viel besser, um dann, wenn die Visite vorbei war, in den alten Jammer zurückzuverfallen und dem übrigen Personal mehr oder weniger auf die Nerven zu gehen. "Lernt eben auch die Tricks", war meist meine Antwort.

Wiener Zeitung: Ich nehme an, dass dieses Verhalten mehr als bloß ein Trick war, nämlich schon ein Teil der Therapie.

Karl Hermann Spitzy: Freilich. Es war nicht nur ein Buhlen um die Gunst des Patienten, sondern vor allem die Bitte, mir Vertrauen zu schenken, damit ich Verantwortung übernehmen konnte. Das Handeln des Arztes ist, ontologisch gesehen, nur im zirkulären Prozess des Gewinnens von Vertrauen und des Übernehmens von Verantwortung möglich - zirkulär insofern, als das Vertrauen als Geschenk des Patienten immer wieder neu gewonnen werden muss und die Verantwortung dementsprechend immer wieder eine neue ist.

Wiener Zeitung: Kann ein Arzt diesen hohen Idealen heute noch entsprechen? Wir leben in einer Zeit der Rastlosigkeit, der Unruhe und der permanenten beruflichen Überlastung. Bleibt dem Arzt für dieses Ringen um Vertrauen und die Übernahme von Verantwortung überhaupt noch genügend Zeit?

Karl Hermann Spitzy: Als Antwort möge die folgende Geschichte dienen: Ich wurde einmal auf die Chirurgie gerufen und kam ganz zufällig dazu, wie man eine junge Psychologin vorstellte, die die Aufgabe übernehmen sollte, Patienten psychologisch zu betreuen, weil die Herren Chirurgen dazu nicht die Zeit hätten - als ob Zuwendung Zeit brauchen würde! Ich bin damals sehr laut geworden und habe gefragt, ob denn die Chirurgen keine Ärzte mehr wären oder nie Ärzte gewesen seien - wie das ja in England vor gar nicht allzu langer Zeit noch angenommen wurde: Damals gehörten die Chirurgen zu den Barbieren und nicht zu den Ärzten. Wenn es aber auch noch heute so sein würde, wäre es überflüssig, dass Chirurgen ein Medizinstudium absolvieren müssen, denn sie hätten dann - wie übrigens die Zahnärzte in den USA - nur ihr Handwerk zu lernen: Bauchaufschneiden, Kopfaufbohren, Fußamputieren etc. - Manche meiner Kollegen wurden sehr nachdenklich, nachdem sie meine Aussagen gehört hatten. Die meisten aber fürchteten sich vor dem Burn-out-Syndrom und sprachen von ihrer Überlastung und den vielen Überstunden. Warum aber wird man Arzt, wenn einem der Berufsalltag zu viel ist?

Wiener Zeitung: Hat Ihr Philosophieren mit diesem Alltag des Arztes zu tun?

Karl Hermann Spitzy: Mein Philosophieren hat den Sinn, Ärzten verständlich zu machen, dass es noch mehr als den naturwissenschaftlichen Weg in der Heilkunde gibt. Damit entstehen gewisse Verwandtschaften mit der so genannten Ganzheitsmedizin, der Homöopathie, dem Schamanismus und manch anderen medizinischen Methoden, zu denen auch Psychotherapie und Hypnose gehören. Ich will in der Begegnung von Arzt und Patient im Grunde nur den Menschen retten!

Wiener Zeitung: Was verstehen Sie unter "den Menschen retten"?

Karl Hermann Spitzy: Damit meine ich, dass das ethische Moment in der Begegnung Arzt - Patient eine wesentliche Rolle spielt. Man könnte auch sagen: Ethik findet von Antlitz zu Antlitz statt. Für den Arzt hat das nichts mit Mitleid zu tun, sondern nur mit dem Anerkennen des Gegenüber als anderes Ich. Der kategorische Imperativ eines Arztes sollte daher auch heißen: "Handle so, dass es auch ein Gebet sein könnte".