Wissen, wo Gott wohnt

Philosophische Bemerkungen zur Verfassungsdebatte. Über eine Krisenerscheinung des Christentums in Europa

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Zeitung "Die Presse" am 14. Juni 2003

 

Hat sich denn eigentlich schon jemand gefragt, ob Gott in die Verfassung will und ob er in seiner Größe überhaupt in die Verfassung passt? Oder geht es nicht viel eher ums Profane, um Politik, wenn Gott in großem Stil im Mund geführt wird und man ihn für sich benutzt? Gott als Mittel zum Zweck! Im Grunde müsste dies als Blasphemie gelten - das tut es aber nicht, sondern es ist alte Tradition. Doch Gott in der Verfassung bringt uns noch lange nicht ans religiöse Ziel.

"Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber nur Einer den Siegespreis gewinnt?" (1.Kor. 9,24) Nur Einer gelangt zum Ziel! Aber wer? Ist es ein tönender Politiker, ein telefonierender Kardinal, ein reger Abt im World Wide Web? Oder ist, einer zeitgemäßen Exegese entsprechend, gar Brüssel das Ziel? Zu vermuten ist, dass jene, welche danach brennen, Gottes Nähe zu erfahren und seiner Gegenwart inne zu werden, an einer weltlichen Verfassung nur wenig Interesse haben. Was schert den Mönch in der Versenkung noch die Politik. Wir Heutigen empfinden dies freilich als skandalös. Wir munkeln von verkorksten Typen, die hinter Mauern sich verstecken und nichts taugen. Doch was nützt uns Gott in der Verfassung, wenn wir ein heiligmäßiges Leben, das in Europa in der Tat bedroht ist, nicht mehr in seiner Radikalität und seinem Extremismus schätzen?

 

Ausgezehrte mit glühenden Augen

Lieben wir noch die vor Gottessehnsucht Wahnsinnigen, die Ausgezehrten mit den glühenden Augen, die vielleicht wirklich wissen, wo Gott wohnt? Nein. Wir lieben die Kräuterpfarrer, die emsigen Klosterschwestern und die lächelnden Mönche, speziell die drolligen dicken. Wir lieben sie, wenn sie in ihren idyllischen Gemäuern Hustensaft und Schnaps produzieren. Bestenfalls lieben wir sie noch, wenn sie voll Inbrunst schön lateinisch singen, nicht aber, wenn sie sich einmauern und geißeln, oder, wie Padre Pio, gegen Höllenhunde kämpfen - das geht uns nicht mehr ein und viel zu weit, das verwirrt. Doch wäre es nicht gut, wenn uns etwas noch verwirren könnte? Ist es nicht das, was uns abgeht, was wir von Religion im Grunde erwarten: die heilige Verwirrung? "Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?", schrieb einst Friedrich Nietzsche, der wusste, dass wir guten Europäer in der Mittelmäßigkeit versinken, selbst im Religiösen.

Das Christentum ist in Europa vielleicht alleine deshalb in der Krise, weil es seinen ekstatisch-exaltierten Nimbus seiner besten Zeiten verloren hat. Wo sind die großen Heiligen der Gegenwart, die mit dem Teufel ringen, Stigmen tragen, mit den Tieren reden? Wo sind die Zeiten, in denen Theresa von Avila ein Lämmchen an ihrem Busen säugte und, derart inspiriert, die glühendste Liebeslyrik verfassen konnte, in welcher der göttliche Funke tatsächlich brannte. Wo bleibt die maßlose Verzückung, wo das heilige Stammeln, wo bleibt das Mystische im Christlichen, dessen Fehlen Sandalenträger von heute in die Arme fernöstlicher Esoterik treibt, dessen Vorhandensein aber jede Stadtmission wohl überflüssig machen würde.

Denn das, was man heute von Religion erwartet, ist nicht bloß Konsens, Toleranz und Moral. Das alles haben wir ja schon. An so genannten Werten herrscht kein Mangel. Wir arbeiten hart an diesen Werten, sind hartnäckig in unseren Forderungen, Wert-Perfektionisten gleichsam. Aber was, wenn einmal alle Gehsteigkanten für Kinderwägen und Rollstühle abgerundet sind? Dann wird man draufkommen, dass man nicht mehr weiß, was Spiritualität eigentlich ist.

 

Rosenkranz statt Schamanen

Wer einmal hundert Frauen, hochbetagte und junge, im Wald bei einem entlegenen Marienheiligtum an einem elften Tag des Monats den großen Rosenkranz hat beten sehen, wie sie tief versunken in sich ruhten, wippend im Takt zu Gottes Melodien, der braucht keine exotischen Bildungsreisen zu den Schamanen mehr, um zu wissen, was Spiritualität bedeutet, was man tun muss, um sie am eigenen Leibe zu erfahren. Doch das europäische Christentum ist sehr fein und vornehm geworden. Wippende Bauernmägde sind seine Sache nicht, Inbrunst ist alles andere als cool. Im besten Falle sind wir im Christlichen derart vergeistigt, dass wir es beim Symbolischen bewenden lassen. Aber ist nicht gerade ein fehlender Ernst im Spirituellen der Grund dafür, dass man sich vom Christentum abwendet?

Eine religiöse Handlung, so Mircea Eliade, zeichnet sich dadurch aus, dass eine Schwelle überschritten wird, welche das Profane von der Welt des Heiligen trennt. All jene, die nicht willens sind, diese Schwelle zu überschreiten, oder die Schwelle gar nicht kennen, können im Grunde gar nicht mitreden. Von wegen "Gott in der Verfassung": Nicht Gott in der Verfassung, sondern dass Gott uns ganz und gar aus der Ver-Fassung bringt, macht religiösen Sinn.