Wenn Eros uns den Kopf verdreht

Interview im Rahmen der Sendung "Kontext" vom 9. Juni 2006
Gestaltung und Moderation: Christina Höfferer

 

Sprecher: "Gib einem Menschen Energie und Leidenschaft und er ist alles", meinte Sören Kierkegaard. "Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben", sagte Sigmund Freud. Arthur Schopenhauer war der Überzeugung: "Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe". Und Aristoteles beobachtete "Post coitum omne animal triste est". Diese Weisheiten und unzählige mehr haben die Autoren Harald Koisser und Eugen Maria Schulak gesammelt und mit ihren eigenen Betrachtungen zu einem philosophischen Kompendium rund um die Liebe, Leidenschaft, Eros und Trieb verwoben. Christina Höfferer hat für den folgenden Beitrag mit Eugen Maria Schulak über das Buch "Wenn Eros uns den Kopf verdreht. Philosophisches zum Seitensprung" gesprochen.

Sprecherin: Harald Koisser, Eugen Maria Schulak, Wenn Eros uns den Kopf verdreht. Philosophisches zum Seitensprung, Verlag Kremayr & Scheriau/Orac, Wien.

Sprecher: Die meisten Morde passieren aus Eifersucht, und meist sind es Männer, die ausrasten und oft auch die eigenen Kinder mit in den Tod nehmen, weil sie es nicht ertragen können, verlassen zu werden, nicht ertragen können, dass ein anderer einem selbst vorgezogen wird. Dabei predigen die Lebens- und Sexualberater doch seit vielen Jahren schon, dass mit einem Seitensprung noch nicht alles vorbei sein muss; der Seitensprung zeige nur auf, dass in einer Beziehung etwas nicht stimme. Und daran ließe sich dann arbeiten. Wie ernst soll man ihn also nehmen, den Seitensprung, und soll man den des Partners ernster nehmen als den eigenen? Seitensprung ist also nicht gleich Seitensprung, Paartherapeut nicht gleich Paartherapeut. Allen jenen, denen Psychobücher zu sehr nach Bedienungsanleitungen klingen, sei ein Buch empfohlen, das den reichen Schatz der Philosophie zum Thema Seitensprung durchforstet hat. Harald Koisser und Eugen Maria Schulak haben Weisheiten von Aristoteles bis Freud gesammelt und mit ihren eigenen Betrachtungen zu einem philosophischen Kompendium mit dem Titel "Wenn Eros uns den Kopf verdreht" verwoben. Christina Höfferer hat es gelesen.

Eugen-Maria Schulak: Ich habe nachgesehen, was die Philosophie zu diesen Themen eigentlich zu bieten hat, zum Eros, zum Seitensprung, zur sexuellen Treue/Untreue, und bin dann rasch draufgekommen, dass die Philosophie hier eine große Fundgrube ist.

Christina Höfferer: Eugen Maria Schulak ist praktizierender Philosoph. Den Facetten des Denkens rückt er mit Hilfe seiner philosophischen Ausbildung und Erfahrung zu Leibe. Erklärtes Ziel der Philosophischen Praxis von Eugen Maria Schulak ist eine erfüllte und sinnvolle Existenz, ein Leben kraft eigener Argumentation, wie er es nennt. Gemeinsam mit dem Werbetexter und Schriftsteller Harald Koisser hat Eugen Maria Schulak eine Art philosophischen Leitfaden verfasst.

Eugen-Maria Schulak: Es geht um die vielen Facetten des Eros, um den nackten Trieb, die Leidenschaft, die Liebe, die Ehe, in all ihren romantischen, religiösen und rechtlichen Komponenten. All das hat viel mit Treue und Untreue zu tun.

Christina Höfferer: In den europäischen Gesellschaften schnellten die Scheidungszahlen in den letzten Jahrzehnten in die Höhe. Gleichzeitig ergeben wissenschaftliche Studien, dass sich junge Leute nach einer stabilen Paarbeziehung als Lebensideal sehnen. Die Diskrepanz zwischen einer Realität von kürzeren Beziehungen und dem Wunsch nach lebenslanger Zweierharmonie erzeugt einen spürbaren Leidensdruck.

Eugen-Maria Schulak: Die Philosophie kann insofern helfen, als man über die Verhältnisse der Geschlechter zueinander, über den Eros, über die Liebe, auch nachdenken kann. Und man ist nicht nur das Opfer seiner Gefühle und seiner Leidenschaft, seiner Lüste, sondern man kann sich auch überlegen, was man hier eigentlich tut. Man führt ja auch Gespräche mit seinem Partner. Und führt hoffentlich auch Gespräche, in denen man nicht nur seine Emotionen äußert, sondern führt auch Gespräche, in denen Sachargumente oder rational nachvollziehbare Argumente ins Spiel gebracht werden.

Christina Höfferer: In Ihrem Beziehungshandbuch haben Eugen Maria Schulak und Harald Koisser aufgeschrieben, was Liebende, wenn ihnen der Eros zu Kopfe steigt, sagen und denken. Höchst aktuelle Beziehungsthemen haben die Autoren im Lichte von Jahrhunderte und bisweilen Jahrtausende alten philosophischen Weisheiten quergebürstet. Denn was den Eros betrifft, so sind wir auf demselben Niveau wie unsere antiken Vorfahren.

Eugen-Maria Schulak: Das Animalische in uns ist eine unhintergehbare Grundkonstante. Die Tatsache, dass es eben diesen Trieb gibt, verursacht alles Weitere. Gäbe es diesen Trieb nicht, würden wir vielleicht Eier legen, oder besser noch, uns wie die Farne vermehren, indem wir unsere Sporen aus den Achselhöhlen schütteln würden, dann gäbe es den Eros, das ganze Thema freilich nicht.

Christina Höfferer: Zum Trieb gesellt sich beim Menschen die Leidenschaft. In der Leidenschaft fokussiert sich der allgemeine Geschlechtstrieb auf ein spezielles Subjekt, oder auch Objekt. Und die Leidenschaft wird zum Motor vieler Handlungen. Von Vernunft kann dabei kaum die Rede sein. Anders ließen sich wohl Ausgeburten einer Sammelleidenschaft zum Beispiel nicht erklären. Schulak und Koisser führen hierfür das Beispiel des Eierlauf-Schlumpfs an. Einen Plastik-Schlumpf mit Löffel und rotem Ei. Für ein Überbleibsel aus Kinderüberraschungseiern der 80er Jahre berappen Sammler heutzutage bis zu 350 Euro. Den Beginn einer Leidenschaft markiert jedoch die Sexualität.

Eugen-Maria Schulak: Wenn wir jung sind, lernen wir zum ersten Mal einen Körper kennen und sind meist restlos begeistert. Dann lernen wir andere Körper kennen und merken, dass diese anderen Körper ähnlich oder vergleichbar sind wie der erste eine, und dann interessiert uns mit der Zeit vielleicht das Körperliche nicht mehr so sehr, und der Eros wendet sich dann anderen Inhalten zu, zum Beispiel dem Staat, der Politik, der Kunst.

Christina Höfferer: Und hier zieht der Philosoph eine weitere Kontinuität des Denkens auf. Sigmund Freuds Libido-Begriff entspricht genau dem, was Platon unter Eros verstand. In Platons Denkuniversum bekommt der ursprünglich körperliche Eros im Laufe des Lebens einen anderen Stellenwert. Der Eros steigt auf, er verbreitet sich. Und wenn sich der Eros geistig, in einer eigenen Ideenwelt, entfaltet hat, dann gibt der Philosoph ihn weiter. Das Ergebnis ist der pädagogische Eros, der andere erzieht, ihnen hilft, und sie teilhaben lässt an den Ideen, die durch den Eros erreicht worden sind. Mehr als 2000 Jahre nach Platon widmete sich auch Sigmund Freud der Frage nach der Zähmung der geschlechtlichen Eigenschaft.

Eugen-Maria Schulak: Bei Freud ist es so, dass derjenige sublimieren muss, also mit Ersatzhandlungen operieren muss, der mit dem körperlichen Eros nicht wirklich zu Rande kommt, der ein Problem damit hat. Sei es eine Neurose, eine Unfähigkeit; und er sublimiert, d.h. der Eros sucht sich einen anderen Weg, damit er irgendwie durchkommt und erotisch sein kann; und wirft sich dann auf einen anderen Gegenstand, der nicht körperlich ist. Aber das eher als Notlösung.

Christina Höfferer: Und hier tritt die Kunst ins Spiel der Lebensführung. Kunst ist es nämlich, sich in einer Partnerschaft so zu verhalten, dass Leidenschaft dauerhaft möglich ist. Eugen Maria Schulak formuliert diesen Anspruch an moderne Beziehungen, und er zeigt gleichzeitig auf, dass auch diese Vorstellung das Ergebnis eines historischen Wandels ist.

Eugen-Maria Schulak: Die Liebe, so wie wir sie heute kennen, die Vorstellung, dass man mit derjenigen, die einem als die Wichtigste und als die Nächste erscheint, auch verheiratet ist und sein ganzes Leben verbringt, diese Vorstellung ist in der Zeit der Romantik geboren worden. Sie war, so wie es aussieht, eine Erfindung des Bürgertums, um sich gegen den Adel abzusetzen. Die Adeligen wurde als unmoralisch empfunden, da sie vor allem aus gesellschaftlichen Gründen, erbpolitischen oder dynastischen Gründen geheiratet haben. Und das "Gschpusi" war halt irgendwo anders. Das war irgendwie klar. Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern lief es in dieser Art. Die Bürger haben gemeint: Das kann so nicht sein. Das ist eine halbe Geschichte, halbherzig, eigentlich verlogen. Und jetzt müsse man es besser machen.

Christina Höfferer: Heute ist es verpönt, eine Zweckehe einzugehen. Niemand würde sagen, dass er aus reinem Nutzen geheiratet hat. Der Philosoph jedoch klärt auf. Man umgibt sich nicht mit Menschen, von denen man nichts hat. Es wäre wohl ganz im Gegenteil eine eigenartige Vorstellung, wenn etwas nur dann als moralisch akzeptiert wird, wenn keine klaren Beweggründe dahinter stehen. Die Beweggründe einer Ehe sind zumindest, dass man von dem anderen körperliche Nähe oder erbauliche Gespräche will. Mitunter sind es aber ganz pragmatische Dinge, die am Beginn eines Bundes fürs Leben stehen Auch hierfür hat Eugen Maria Schulak ein Beispiel parat.

Eugen-Maria Schulak: Bei Alfred Hitchcock war es so. Er hat sich mit der besten Cutterin verehelicht, die es in Hollywood damals gegeben hat. Die zwei waren Jungstars, er mit der Regie und sie mit dem Schnitt. Hitchcock ist ein nüchterner Mann gewesen, er hat durchaus zugegeben, dass das so war, aber die beiden haben sich trotzdem gut verstanden.

Christina Höfferer: Der im Untertitel des Eros angesprochene Seitensprung steht beileibe nicht im Mittelpunkt des Buches. Vielmehr schwingt er mit in den Betrachtungen über Leidenschaft, Liebe, Ehe und Glück.

Eugen-Maria Schulak: Es gibt so unterschiedliche Verhaltensweisen im Erotischen! Es gibt nicht nur unterschiedliche Praktiken, es gibt auch unterschiedliche Gedanken dazu und unterschiedliche Stimmungslagen. Und auch unterschiedliche Gründe dafür, warum man mit etwas zufrieden ist und warum nicht. Man freut sich auch, wenn man selbst in den Genuß kommt, etwas zu haben, wenn man eine schöne Beziehung hat. Man kann eigentlich nie wirklich genau sagen, warum es eine so gute Beziehung ist und warum es so schön ist oder so erhebend. Und warum das stabil ist! Das sind sehr diffizile Probleme, über die man natürlich nachdenken kann, und so glaube ich, auch nachdenken muss, aber die immer ein Quäntchen Rätselhaftigkeit haben.

Christina Höfferer: Das ist auch das große Verdienst der philosophischen Ausführungen über Eros, Beziehungen und Seitensprung. Das Buch zeigt Gedanken auf und gibt Denkanstöße. Auch wenn die Autoren ihre persönlichen Positionen nicht verbergen, so drängen sie ihre Sichtweise jedoch nie den Lesern auf. Der Diskurs bleibt offen. Aus einem über ein Jahr dauernden, eingehenden Diskurs der beiden Autoren ist auch das Buch entstanden. In nur zwei Monaten intensiver, hauptsächlich nächtlicher Arbeit wurde es geschrieben. Ein Faktum, das dem Buch gut getan hat. Die Überlegungen von Harald Koisser und Eugen Maria Schulak lesen sich angenehm flott und zügig. Die Lektüre des Beziehungskompendiums zeigt, dass die Philosophie durchaus nicht weltfremd sein muss. Für das Nachdenken über Liebesbeziehungen und Triebe birgt sie vielmehr sehr brauchbare Weisheiten. Eine gute Anregung, Lebenstipps bei Wittgenstein statt in "Woman" nachzublättern, und Benjamins statt "Brigitte`s" Ratschlägen zu folgen.

Sprecherin: Wenn Eros uns den Kopf verdreht. Philosophisches zum Seitensprung. Dieses Buch von Harald Koisser und Eugen Maria Schulak ist im Verlag Kremayr und Scheriau erschienen.