"Ich fühle mich schuldig"

Ein Gespräch mit dem Schauspieler und Regisseur Maximilian Schell

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 25./26. Jänner 2002
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Als Bühnen- und Filmschauspieler wie als Theater-, Film- und Opernregisseur ist der heute 71-jährige Maximilian Schell weltweit ein Begriff: 1961 gewann er den Oscar als bester Hauptdarsteller für die Rolle des Verteidigers in Stanley Kramers Film "Das Urteil von Nürnberg"; 1978 übernahm er bei den Salzburger Festspielen von Curd Jürgens die vielleicht prominenteste Rolle des deutschen Theaters: Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", den er bis 1982 als gefeierter Gaststar interpretierte; 1985 wurde seine filmische Collage "Marlene" mit dem New York Film Critics Award ausgezeichnet und im Herbst 2001 inszenierte er Richard Wagners "Lohengrin" bei Placido Domingo, dem Direktor der Los Angeles Oper. Nach Wien kam Maximilian Schell auf Einladung der Siemens Academy of Life.

Wiener Zeitung: Wenn man die vielen Preise bedenkt, die Sie für Ihre Filme bekommen haben, teils als Schauspieler, teils als Regisseur, so fragt man sich zwangsläufig, ob Sie unter Erfolgszwang stehen?

Maximilian Schell: Das steht man, glaube ich, immer. Ich wehre mich sehr dagegen, denn ich finde, dass am wichtigsten ist, jemandem zu erlauben, Fehler zu begehen. Heutzutage ist es eben schwer, wenn man im Rampenlicht steht, dass man öffentlich Fehler begehen darf. Deshalb darf man dann die Irrtümer, die man macht, einfach nicht so ernst nehmen.

Wiener Zeitung: Wer hat eigentlich den Anstoß gegeben, dass Sie ans Theater gegangen sind?

Maximilian Schell: Na ja, mein Vater war Schriftsteller, meine Mutter Schauspielerin. Ich habe mit elf Jahren den Walter Tell gespielt, im Schauspielhaus Zürich. Ich habe die große Zeit des Schauspielhauses erlebt. Da war alle vierzehn Tage eine Premiere und man hat sich gegenseitig inspiriert. Das war eigentlich meine Lehrzeit. Ich habe dort viel zugeschaut und auch daneben den Walter Tell gespielt, vier Franken pro Aufführung bekommen, und das hat sich ganz einfach später so ergeben.

Wiener Zeitung: Sie sind in der Schweiz aufgewachsen?

Maximilian Schell: Ich bin in Wien geboren und habe sieben Jahre in Wien verbracht. Dann kam die deutsche Invasion und unsere Familie - wir waren vier Kinder - ging in die Schweiz, mein Vater war ja Schweizer. Er war Dichter und musste von seinem spärlichen Einkommen die gesamte Familie ernähren. Das war sehr schwierig, obwohl wir einige Verwandte hatten, die uns unterstützten. Mein Bruder und ich verbrachten zwei Jahre in einem Waisenhaus. Meine große Schwester war in einem Institut, die kleine Schwester bei einer Großtante. Aber eigentlich bin ich ein Bub vom Lande, von der Alm.

Wiener Zeitung: Als Bub sind Sie doch in Wien gewesen, weshalb also die Alm?

Maximilian Schell: Die Alm ist seit 150 Jahren im Besitz der Familie. Dort auf der Alm in Kärnten wuchs ich auf. Im Sommer waren wir immer dort. Meine Familie konnte sich keinen Urlaub leisten und auf der Alm ließ es sich gut leben. Da weiß man: Die Bäume wachsen und man kann in den Wald gehen, es verändert sich nichts. Immer im Mai, wenn ich in Hollywood bin, werde ich ganz kribbelig, weil ich weiß, unten in Wolfsberg werden jetzt die Walderdbeeren reif. Dann fliege ich hinüber. Das ist für mich die schönste Zeit: Walderdbeeren sammeln, ein bisschen denken, da kommen auch gute Ideen, manchmal.

Wiener Zeitung: Nach Wien, nach der Alm, nach vielen Theateraufführungen und Filmen sind Sie auch noch Professor geworden. Was unterrichten Sie?

Maximilian Schell: Ich war in einer so genannten Meisterklasse. Zu den Studenten habe ich gesagt: "Ihr seid in der Meisterklasse, ich weiß nichts, ich kann euch auch gar nichts beibringen". Aber etwas sehr Interessantes habe ich gelernt: Es ging ihnen nur um den Erfolg. Doch ich denke, je mehr Niederlagen man im Leben hat, desto mehr Mühe gibt man sich, zu lernen. Das ist die einzige Art und Weise, wie man wirklich etwas begreift.

Wiener Zeitung: Das heißt, mit den Niederlagen fertig zu werden, ist eine Voraussetzung für Erfolg.

Maximilian Schell: Absolut. Die erste Kritik zu meiner Rolle als "Prinz von Homburg" hat eine 24-jährige sehr hübsche junge Dame geschrieben: "Das Stück steht und fällt mit dem Titelhelden - in dieser Inszenierung fiel es". Das war klar und eindeutig, und das ist mir noch oft passiert. Auch hier in Wien, am Akademietheater: "Da rennt einer herum und brüllt sinnlos, und das ist der berühmte Maximilian Schell. Er sollte wieder an eine Schauspielschule gehen".

Wiener Zeitung: Sie haben so en passant erwähnt, Ihr Vater sei vor den Nazis geflüchtet. War er politisch gefährdet?

Maximilian Schell: Ja, er war auf der "Schwarzen Liste", und meine Mutter war eine der ersten Sozialistinnen, obwohl sie eine Adelige war. Wenn Juden schlecht behandelt worden sind, hat sie dagegen geredet, und so kam sie auch für kurze Zeit ins Gefängnis. Dann mussten wir weg.

Wiener Zeitung: Sie haben eine sehr ausgeprägt positive Beziehung zum Judentum. Sie kommen gerade aus Dresden, wo sie die dortige Synagoge, die wieder aufgebaut wurde, eröffnet haben.

Maximilian Schell: Ich fühle mich einfach schuldig, auch wenn ich damals mit dieser Sache nicht direkt etwas zu tun hatte. Aber allein die Tatsache, dass Menschen fähig sind, so etwas wie den Holocaust anzurichten, das ist etwas, das uns alle betrifft. Ich fühle mich jüdischen Menschen gegenüber einfach schuldig - deshalb vielleicht auch mein Engagement.

Wiener Zeitung: Soll nicht einmal ein Schlussstrich gezogen werden?

Maximilian Schell: Ich glaube, das hört nie auf. Ich glaube, dass die Hitlerzeit wirklich das zentrale Geschehen des 20. Jahrhunderts war, so grauenhaft in seiner Einmaligkeit, in seiner Furchtbarkeit, dass man das gar nicht oft genug bedenken kann - und man gar nicht oft genug versuchen sollte, es wieder gutzumachen.

Wiener Zeitung: Sie haben vor einigen Jahren wesentlich dazu beigetragen, im Osten das Fenster zum Westen weiter zu öffnen, und zwar war das 1989 in Frankfurt, als Sie die Dankesrede von Vaclav Havel verlesen haben, die er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels geschrieben hat. Havel bekam keinen Pass und so sprangen Sie für ihn ein. Die Freiheit der Kunst ist eine Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen bzw. Werte zu transportieren. Würden Sie sich diesbezüglich als einen Botschafter betrachten?

Maximilian Schell: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe mich gefreut, dass ich diese Rede halten durfte, weil ich gerade damals in Moskau "Glaube, Liebe, Hoffnung" von Horvath inszeniert hatte. Es war der erste Horvath, der in Moskau gespielt worden ist. Da konnte ich mich schon ein bisschen als Botschafter verstehen. Aber, das habe ich eigentlich immer gesagt, eine politische Wirkung ist für die Kunst ziemlich schwierig. Die Künstler haben immer gegen den Krieg geschrieben, haben immer für den Frieden gekämpft, und man sieht ja in der Weltgeschichte, was dann dabei herausgekommen ist.

Diese Rede hatte aber eine unglaubliche Wirkung. Sie war einfach grandios und sie wurde im Osten immer wieder wiederholt, in der Tschechoslowakei, in Ostdeutschland, sogar in Polen. Ich darf wohl sagen, in gewisser Weise war sie das Signal für die unblutige Revolution in Osteuropa. Drei Monate später war Havel Präsident und ich konnte nach Prag einreisen, sogar ohne Visum. Es ist merkwürdig, wie verstrickt Politik ist, auch wie absurd manchmal.

Wie kann ein Schriftsteller, ein wunderbarer Schriftsteller wie Vaclav Havel, erstens seinen Beruf aufgeben, zweitens Präsident werden und wirklich auch sein Land aus diesem Schlamassel herausführen? Das Ganze war unglaublich. Dass ich da einen kleinen Beitrag leisten konnte, das hat mich eigentlich darin bestärkt, dass man wirklich manchmal ganz klar sagen sollte, was man denkt, und auch die Verantwortung dafür übernimmt. Und man hat, Gott sei Dank, als Schauspieler, Autor oder Regisseur manchmal tatsächlich die Möglichkeit, etwas zu sagen. Und das finde ich sehr schön.

Wiener Zeitung: Herr Schell, ganz generell: Wie lässt sich ein Konfliktfall Ihrer Meinung nach am besten lösen?

Maximilian Schell: Ich glaube, durch die Zuneigung zu den Menschen. Für mich ist dies das Wichtigste. Ich versuche auch immer wieder, wenn ich Menschen treffe, ganz offen zu sein. Dieses Mitfühlen mit anderen, das steht für mich an erster Stelle. Ich glaube, dass man lieben muss und Menschen lieben soll - Freundlichkeit, Höflichkeit, Verständnis sind von Bedeutung. Und an allererster Stelle steht die Freiheit, dass man das überhaupt tun kann. Das kann man eben in gewissen Systemen nicht. Bei uns kann man es.

Wiener Zeitung: Haben Sie sich nie dafür interessiert, Politiker zu werden? Es gab doch viele Schauspieler, die in die Politik gegangen sind.

Maximilian Schell: Politiker zu sein ist an und für sich sehr verführerisch. Nur, ich glaube, dass man als Politiker nach kurzer Zeit den Kontakt zu den Menschen verliert. Ich war mit Willi Brandt fest befreundet und ich habe einmal einen Abend bei ihm verbracht, wir haben zusammen gegessen, und er hat sehr schöne Ansichten gehabt. Am nächsten Tag im Parlament hat er dann genau das Gegenteil gesagt von dem, was er mir gesagt hat. Ich habe ihn gefragt, wie er das denn machen könne. Darauf hat er mir geantwortet: "Das ist die Partei, ich muss meiner Partei folgen, es sind nicht meine Worte". Ich glaube, dass man als Politiker sehr Gefahr läuft, korrupt zu sein. Und das hält mich ab.

Wiener Zeitung: Herr Schell, eine internationale Studie prognostiziert für die nächsten fünf Jahre einen Anstieg des weltweiten Umsatzes in der Film- und Fernsehproduktion auf 1,3 Billionen US-Dollar. Was löst diese enorme Geldsumme, die durch die Filmindustrie bewegt wird, in Ihnen aus?

Maximilian Schell: Ich finde das herrlich, ich habe ein Riesenfreude. Es ist wunderbar, wenn das wirklich so ansteigt. Ich hoffe, dass auch ich, in einem kleinen bescheidenen Fall, davon profitieren kann. Ich finde überhaupt, dass Schauspieler heute in einer sehr glücklichen Zeit leben. Es hat noch nie so viel Achtung und so viele Erwerbsmöglichkeiten für Schauspieler gegeben wie heute.

Wiener Zeitung: Wie haben Sie es denn damals geschafft, Marlene Dietrich dazu zu bringen, mit Ihnen diese bemerkenswerte Collage zu machen?

Maximilian Schell: Sie hat mich dazu gebracht. Sie hat mich gefragt, ob ich das für sie machen wolle.

Wiener Zeitung: Frau Dietrich hat Sie einfach angesprochen?

Maximilian Schell: Ich war im Chateau Mamau, das ist ein Hotel, in dem viele Filmstars gewohnt haben, ganz einfach, aber sehr europäisch. Plötzlich ruft mich der Portier an und sagt: "Eine Frau Dietrich möchte Sie gerne sprechen". Ich frage: "Die Dietrich?" Er wusste es nicht. Und dann kam sie herauf mit einem Eintopfgericht, das sie extra für mich gekocht hatte. Nun mag ich keinen Eintopf, aber sie hat es mehr als Gelegenheit genommen, um mit mir zu reden. Und dann haben wir uns stundenlang und wunderbar unterhalten. Ich habe auch viele Fragen gestellt, die ich dann später beim Film nicht mehr gestellt habe.

Wiener Zeitung: Haben Sie das Gefühl, dass eine höhere Instanz in Ihrem Leben die Fäden gezogen hat?

Maximilian Schell: Ja, ich bin merkwürdigerweise sehr überzeugt, dass eine unsichtbare Macht einen führt. Und der Dank ist sehr groß. Ich weiß nur nicht, bei wem ich mich bedanken soll. Aber natürlich komme ich auch von Sartre und Camus nicht ganz los. In Sartres "Die Fliegen" gibt es eine wunderbare Szene, in der sich Orest gegen Jupiter stellt. Und Jupiter sagt: "Habe ich dich nicht erschaffen?". Orest antwortet: "Ja, aber du hättest mich nicht frei erschaffen sollen. Diese Freiheit hat sich jetzt gegen dich gewendet". Ich denke immer, wenn Gott wirklich existiert, was ich vielleicht sogar glaube, dann muss er groß genug sein, um jede Rebellion zu verstehen.

Wiener Zeitung: Was soll in Ihren Kindern weiterleben?

Maximilian Schell: Mozart, Mahler, Brahms - leider hören sie bloß Eminem - und auf jeden Fall: Toleranz. Man kann nicht erziehen, sondern man muss vorleben, durch Beispiele. Ich versuche für meine Kinder da zu sein. Ich erziehe nicht.

Wiener Zeitung: Und welche Filme werden Sie als nächste drehen?

Maximilian Schell: Mit einem Kollegen gemeinsam schreibe ich an mehreren Drehbücher. Wahrscheinlich werden wir als Nächstes die "Kapuzinergruft" von Josef Roth machen, zum Teil in Wien, zum Teil in Budapest. Auch eine Verfilmung von Bölls "Ansichten eines Clowns" ist geplant.