Die Substanz der Persönlichkeit

Ein Gespräch mit Maria Schaumayer, der ehemaligen Präsidentin der Österreichischen Nationalbank

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 17. September 2004
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Ihre Studien an der Hochschule für Welthandel in Wien sowie an der juridischen Fakultät der Universität Innsbruck brachten der gebürtigen Grazerin bereits mit 23 Jahren den Doktortitel. Nach ersten beruflichen Erfahrungen in der Creditanstalt wurde sie mit 34 Stadträtin für städtische Unternehmen, später für technische Angelegenheiten in Wien. Als Sprecherin der ÖVP in der Wiener Landesregierung sammelte sie Erfahrungen in Politik und Verwaltung. 1974 begann Maria Schaumayers eigentliche Karriere in der Wirtschaft. Sie wurde Vorstandsmitglied der Österreichischen Kommunalkredit AG, wechselte 1982 als Vorstandsmitglied zur ÖMV und wurde schließlich 1990 zur Präsidentin der Österreichischen Nationalbank bestellt. Nach ihrem Verzicht auf eine weitere Amtsperiode wurde sie von Bundeskanzler Schüssel gebeten, die Entschädigungsverhandlung für 150.000 NS-Zwangsarbeiter zu führen. Durch ihr Verhandlungsgeschick konnte sie bilaterale Abkommen mit sechs mittel- und osteuropäischen Staaten sowie ein Regierungsabkommen mit den USA zwecks Herstellung eines dauerhaften Rechtsfriedens abschließen. Darüber hinaus gründete sie eine Stiftung zur Förderung von Frauen in Politik und Wirtschaft und widmete sich der Blindenwohlfahrt. Das folgende Interview fand im Rahmen der Siemens Academy of Life statt, in die Maria Schaumayer als eine der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Autoritäten Österreichs eingeladen war.

Wiener Zeitung: Sie wollten ursprünglich Lehrerin werden. Wie kam es, dass Sie nach der Matura die Hochschule für Welthandel besuchten?

Maria Schaumayer: Wir erhielten nach dem Krieg in der siebenten Klasse Mittelschule eine Berufsberatung. Ich wollte damals Mittelschullehrerin für Latein und Mathematik werden. Die Berufsberatung meinte jedoch, dass mein Wunsch völlig aussichtslos sei. Ich habe mich daraufhin kurz mit meinen Eltern beraten, mich aber dann selbst entschlossen, einen Weg zu suchen, der meine Liebe zu Sprachen und meine Liebe zur Mathematik vielleicht doch vereinen kann. So kam ich auf die Hochschule für Welthandel. Das war ein Glücksfall, Gott sei Dank. Ich kann mir nämlich kein erfüllteres, kein glücklicheres Leben vorstellen als das, das mir vom lieben Gott zuteil wurde.

Wiener Zeitung: Haben Sie irgendwann nicht doch bedauert, dass Sie nicht Lehrerin geworden sind?

Maria Schaumayer: Nein, das habe ich nicht. Erstens sind die Kinder immer schlimmer geworden und zweitens glaube ich, dass ich im Rahmen meiner Laufbahn das Glück hatte, in Funktionen gekommen zu sein, mit denen auch eine gewisse pädagogische Aufgabe verbunden war. So habe ich etwa der Industriellen-Vereinigung mit Hingabe erklärt, warum man auf die Währungs- und Wechselkursturbulenzen im europäischen Währungssystem 1992/93 nur mit unternehmerischen Mitteln, nicht aber mit Kursänderungen reagieren kann. Und ich habe der Gewerkschaft mit gleicher Hingabe erklärt, dass man die Inflation unter Kontrolle halten muss und seriöserweise nur in dem Maße Gehaltserhöhungen durchführen kann, in dem es Produktivitätssteigerungen gibt. Ich habe eine Tradition fortführen können und dabei auch ein bisschen unterrichten dürfen, indem ich informierte und nicht besserwisserisch auftrat.

Wiener Zeitung: In einem Interview sagten Sie einmal, Sie selbst hätten während Ihrer Berufslaufbahn kaum Akzeptanzprobleme gehabt. Warum sind dann aber immer noch so wenige Frauen in Spitzenpositionen?

Maria Schaumayer: Das Verhältnis stimmt deshalb noch immer nicht, weil noch immer danach gefragt wird. Ich werde erst dann glücklich sein, wenn nicht mehr nach "Mann oder Frau", sondern nur noch nach "geeignet oder nicht geeignet" gefragt wird. Ich meine auch, dass es ein bisschen unwürdig ist, Quotenregimes zu haben. Ich finde, der Mensch sollte als Person bewertet werden und nicht danach, ob er zufällig männlich oder weiblich auf die Welt gekommen ist. Eine militante Emanzipation war für mich allerdings nie ein Thema, denn ich habe Frauenrechte immer als Teil der Menschenrechte angesehen. Ich bin auch der tiefen Überzeugung, dass selbstbewusste Männer, die etwas darstellen, die etwas können, keine Schwierigkeiten mit einer tüchtigen Frau haben. Die Schwierigkeiten hat man immer nur mit den Minderbegabten oder Unwilligen.

Wiener Zeitung: Sie gelten als jemand, der mit Geld gut umgehen kann und mit dieser Fähigkeit auch viel Geld verdient hat. Welche Beziehung haben Sie zum Geld?

Maria Schaumayer: Geld ist für mich ein Gut, eine Ware, mit der man sorgsam und verantwortungsbewusst umgehen soll. Für mich persönlich ist Geld kein Anreiz. Ich sage das nicht, um Ihnen ein Armutsgelübde oder sonst etwas vorzugaukeln. Ich habe Geld einfach gerne verfügbar, um damit etwas Sinnvolles zu machen. Deshalb habe ich schon während meiner aktiven eine Stiftung ins Leben gerufen, wohl auch mit dem Hintergrund, mich des schlechten Gewissens zu entledigen, ich könnte vielleicht zu viel Egoismus an den Tag legen. Aber ich wüsste wirklich nicht, für wen ich Geld horten sollte. Ich bin völlig alleinstehend, ohne lebende Verwandte.

Wiener Zeitung: Hatten Sie schon in jungen Jahren die Vorstellung, alleine durchs Leben zu gehen?

Maria Schaumayer: Nein, ich habe die völlig normale Vorstellung von drei oder vier Kindern und einer glücklichen Ehe gehabt. Die Möglichkeit dazu hat sich zu früh ergeben, sodass nichts daraus wurde. Später war es schließlich keine bewusste Entscheidung mehr und die Entwicklung ging einfach in diese Richtung. Ein Arbeitstag von 14 Stunden lässt Träume kaum zu. Diese Lebenssituation habe ich versäumt, was aber auch nicht zu beklagen ist. Der eine sieht die Sinnerfüllung im familiären Bereich, in der persönlichen Zuwendung trotz Berufstätigkeit, der andere sieht sie in einer beruflich erfolgreichen Umwelt und ist dafür, wie ich finde, reichlich entschädigt.

Wiener Zeitung: "Burn-Out" ist ein im Management weit verbreitetes Syndrom. Wie haben Sie im Zuge Ihrer erfolgreichen Jahre all die Belastungen, die ein Arbeitstag von 14 bis 16 Stunden mit sich bringt, verkraften können? Wo haben Sie Kraft geschöpft?

Maria Schaumayer: Ich habe meine Kraft aus meinem Freundeskreis geschöpft. All meinen Freunden bin ich sehr dankbar, dass sie mich trotz meiner Geschäftigkeit über die Jahrzehnte hin nicht verstoßen haben. Kraft gesammelt habe ich auch durch Abschalten, mit Hilfe eines englischen Krimis oder mit Hilfe eines ungeplanten Spazierganges im Türkenschanzpark. Wenn mich ein Problem allzu sehr beschäftigt hat, bin ich auch oft kochen gegangen. Wichtig ist, dass man trotz großer zeitlicher Inanspruchnahme seine Persönlichkeit nicht veröden lässt, eine gewisse Balance zwischen Beruf und Freizeit findet und die eigene Freizeit auch bewusst plant. Der Vorteil von Familien ist, dass man einander meist beim Frühstück trifft. Wenn man alleine ist, muss man sich selbst zum Frühstück verabreden und das ist aus Zeitgründen oft sehr mühsam. Ich habe mich immer bemüht, mir ein waches Interesse auch am Außerberuflichen zu erhalten. Tut man das nicht, kann es passieren, dass man einem einsamen Alter entgegensieht, denn der berufliche Freundeskreis geht mit dem Ende der beruflichen Aufgabe verloren. Man muss zeitgerecht dafür sorgen, dass man Substanz in der eigenen Persönlichkeit entwickelt.

Wiener Zeitung: Wir leben, so könnte man sagen, in einer Spaßgesellschaft. Jeder will das totale Glücksgefühl. Das kleine, bescheidene Glück ist aber wohl das einzige, das man tatsächlich erreichen kann.

Maria Schaumayer: Das ist ganz richtig. Das Glück ist ja kein großer Luftballon. Das Glück ist ein kleines liebes Polsterl. Es ist das kleine Glück, um das es im normalen Leben geht. Und wenn das Polsterl größer wird und außerhalb des Hauses gefüllt wird, dann muss man dafür dankbar sein. Wenn ich mir die Gesichter auf der Straße allerdings ansehe, so habe ich gar nicht das Gefühl, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben. Sehr spaßig sind die Gesichter nicht, zumindest nicht in Döbling. Sie sind eher grantig, zuwider, verkniffen, außer man grüßt sie freundlich. Dann werden die Menschen ebenfalls freundlich. Wir sollten anstelle des oberflächlichen Wortes "Spaß" das doch etwas tiefer gehende Wort "Freude" setzen.

Wiener Zeitung: Stadtbekannt ist, dass Sie gerne rauchen.

Maria Schaumayer: Ich bekenne mich auch dazu. Begonnen habe ich im Jahr 1945, aus Hunger. Wir haben damals in der Oststeiermark gelebt. Es war alles verwüstet. Eine Ernte hat es im Jahr `45 nicht gegeben. Überall waren leere verwüstete Felder mit Tierkadavern darauf. Ich hatte aber etliche Ballen Tabak. Zwei Tage vor Kriegsende hatte die Deutsche Wehrmacht ihre Vorratslager freigegeben. Ich habe mir einen Leiterwagen ausgeborgt und bin dorthin gefahren. Alle anwesenden Frauen – ich war ja noch ein Kind – haben sich auf Mehl, Gries, Eier und Marmelade gestürzt. Ich habe mir gedacht: "Das muss ich ja alles bis Fürstenfeld tragen, das geht nicht". So habe ich mich umgeschaut, ob es etwas Dauerhaftes gibt, und kam zu den Ballen Tabak, die niemanden interessiert haben. Ich habe meinen Leiterwagen mit Tabak beladen und davon haben wir von 1945 bis 1946 durch Tauschhandel dann gelebt. Dabei habe ich zu rauchen begonnen.

Wiener Zeitung: Frau Schaumayer, Sie waren in der Politik, Sie waren in der Wirtschaft, betrieben schließlich Wirtschaftspolitik an der Nationalbank. Zuletzt führten Sie noch die Verhandlungen für den Österreichischen Versöhnungsfonds. Welcher Arbeitsbereich war Ihnen der wichtigste?

Maria Schaumayer: Menschlich gesehen war mir der Versöhnungsfonds am wichtigsten, eine Tätigkeit, die ich natürlich ehrenamtlich ausgeübt habe. Es war mir wirklich eine tiefe innere Freude und Genugtuung, Menschenschicksale ein wenig erleichtern zu können. Wir haben mit 150.000 Überlebenden – Zwangs- und Sklavenarbeiter – gerechnet. Der Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit, so sein korrekter Name, hat bisher 120.000 Zahlungen an die Leistungsberechtigten getätigt.

Wiener Zeitung: Um welche Summen hat es sich bei diesen Zahlungen gehandelt?

Maria Schaumayer: Wir haben die Zahlungen abgestuft. Sklavenarbeiter, die unter KZ-ähnlichen Bedingungen gehalten wurden, haben 105.000 Schilling bekommen. Das ist ein Vermögen für jemanden, der in Osteuropa lebt, wo die durchschnittliche Monatspension heute bei 200 Euro liegt. Die Zwangsarbeiter aus der Industrie haben wir mit 35.000 Schilling und die in der Landwirtschaft mit 25.000 Schilling bemessen. Die österreichischen Steuerzahler und österreichischen Wirtschaftsunternehmen haben in diesem Punkt Rechtsfrieden bekommen. Die Vermögensfrage ist ein anderes Kapitel. Ich bin überglücklich, dass ich diese zwei Bereiche getrennt habe. Es wäre furchtbar gewesen, hätten wir zusehen müssen, wie die ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeiter, die alle um die 80 sind, nach und nach wegsterben. Mit den Parlamentsparteien war ich diesbezüglich in ständigem Gespräch. Ich habe immer gefürchtet, dass eine Partei die Beträge für zu hoch, eine andere Partei für zu niedrig befinden würde. Deshalb habe ich mich mit den Einkommens- und Pensionsstatistiken aller in Betracht kommenden Länder ausgerüstet, um nachweisen zu können, dass die angesetzten Beträge weder ein Unter- noch ein Übermaß darstellen. Ich muss dankbar sagen, dass alle vier im Parlament vertretenen Parteien diese Initiative mit sehr guter Gesinnung – und es war ein Initiativantrag im Parlament, sonst wäre es nicht so schnell gegangen – mit- und durchgetragen haben. Ich war sehr stolz auf Österreich.

Wiener Zeitung: Sie haben in Ihrem Leben viel erreicht. Was haben Sie jetzt noch vor?

Maria Schaumayer: Ich würde noch gerne die Überzeugung in mir wachsen sehen, dass die heutige junge Generation Frieden und Demokratie nicht als Selbstverständlichkeiten ansieht, sondern sich dazu bekennt, dass man dafür auch einen persönlichen Einsatz leisten muss. Europa hat eine Friedensperiode von mehr als einem halben Jahrhundert hinter sich, was es auf unserem Kontinent nie zuvor gegeben hat. Das erfordert aber auch eine gewisse Gesinnung, die den Nachbarn nicht in Armut belassen will, sondern ihm die Hand reicht, damit auch er zu Chancen kommt. Manchmal erfordert dies sogar den Verzicht auf eigene Bequemlichkeiten und es auch in Kauf zu nehmen, dass die eine oder andere Handtasche oder der eine oder andere Hund gestohlen wird. Für diese Friedensgesinnung muss man sich an die Jugend wenden. Wir Alten können nur sagen: "Sie ist ein hohes Gut. Bitte glaubt uns das".