Ruhm, Tod und Unsterblichkeit

Bericht über den Umgang mit der Endlichkeit vom
7. Philosophicum Lech im Rahmen des Salzburger Nachstudios (Ö1) vom 17. 9. 2003

 

Auszug 1

Elisabeth Nöstlinger: Der Praktiker der Philosophie Eugen-Maria Schulak berichtet beim Philosophicum Lech von neun Klientengesprächen sowie fünfundzwanzig Interviews über den Tod. Sie waren die Grundlage seines Vortrags. Zwei dieser Gespräche werden im Salzburger Nachtstudio vorgestellt.

Eugen-Maria Schulak: Fall 1, eine Ärztin. - Sie wuchs im Ärztemilieu auf und wollte bereits ab der 3. Klasse Volksschule ebenfalls Ärztin werden. Mit dem Tod wurde sie zum ersten Mal in ihrem 14. Lebensjahr konfrontiert, und zwar beim Begräbnis ihres Großvaters. Die ekelhafte Blasmusik, die man dort gespielt habe, liege ihr bis heute in den Ohren. Pompöse und verlogene Begräbnisse seien ihr seitdem ein Greuel. Heute sei ihr Zugang zum Tod vor allem ein professioneller. Der Tod sei Bestandteil ihres Alltags. Hinsichtlich der Todesproblematik könne sie nicht mehr wirklich zwischen beruflicher und privater Sicht unterscheiden.

Bereits während ihres Studiums arbeitete sie im Pflegebereich, in einer Herzüberwachungs-Station. Einerseits sei es die technische Seite des Todes gewesen, die ihr zu denken gegeben habe, andererseits waren es nächtelange Gespräche, die sie mit Sterbenden führte. Besonders erinnerlich sei ihr ein etwa zweiwöchiges Gespräch mit einem sterbenden jungen Mann und hier speziell die eigene Hilflosigkeit auf die oftmals gestellte Frage: "Frau Doktor, warum muss ich sterben?".

Heute sei ihr bewusst: Wir alle hätten ein Ablaufdatum. Wir würden es aber am Rücken tragen und deshalb nicht sehen. Als Ärztin sei ihr der Blick auf dieses Ablaufdatum möglich. Dieser Blick habe ihr Denken wesentlich beeinflusst. in Schreckgespenst, was den Tod oder besser das Sterben betrifft, sei für sie, von einer Demenz betroffen zu sein, etwa von einer a-myotrophen Lateralsklerose (ALS). In diesem Fall würde sie den Freitod in Erwägung ziehen. Und ganz generell sei diese Krankheit ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit von Euthanasie, etwa nach niederländischem Vorbild.

Was Ruhm und Unsterblichkeit betrifft, so wolle sie zumindest nicht auf dem Misthaufen landen, als ob sie nie dagewesen wäre. Sie hätte gerne eine gute Nachrede, in einem menschlichen Sinn. Generell habe sie den Eindruck, dass man wirkliche Unsterblichkeit nur durch böse Taten und nicht durch gute Taten erlange. Gute Taten entstammten nicht unbedingt dem Bemühen um eine gute Tat, böse Taten aber sehr wohl einem bösen Bemühen. Mit der Suche nach Ruhm lande man höchstens in den Seitenblicken. Auf Derartiges könne sie getrost verzichten. Zum Thema "Ruhm" falle ihr auch der Lorbeer ein, auf dem man sich ausruhen könne. Aber Lorbeer sei bloß ein Gewürz.

 

Auszug 2

Elisabeth Nöstlinger: Der Journalist, den Eugen-Maria Schulak in seiner Philosophischen Praxis über seinen Umgang mit dem Sterben, dem Tod befragte, sieht es anders.

Eugen-Maria Schulak: Der Tod habe ihn deshalb bereits früh im Leben beschäftigt, weil er in jungen Jahren schon begonnen habe, intensiv zu lesen. So habe ihn etwa der Kalauer Epikurs, man solle den Tod nicht fürchten, "denn wenn er ist, bin ich nicht und wenn ich bin, ist er nicht", tief beeindruckt. Ebenso hätten ihn Thomas Bernhards Behauptung "Angesichts des Todes ist alles lächerlich" und Samuel Becketts Aussage "Wir gebären rücklings auf Gräbern" beeindruckt.

Bis heute verstehe er nicht, warum der Tod nicht das zentrale Thema der Philosophie sei, und zwar als Relativierung und Abbruch. Der Tod sei der einzige Gleichmacher, den es gebe, ein "sozialer Leveller" ersten Ranges.

Der Tod sei wirklich zentral. Deshalb habe man im Laufe seines Lebens die eigenen Kernzonen, die eigenen Kernbereiche konzentriert zu bearbeiten. Man habe zu lernen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, die Intensität pur auszuleben. Tue man all dies, dann denke man nicht mehr an den Tod, dann fliege der Tod gleichsam aus dem Bereich der eigenen Kernzonen hinaus. Jean Michel Rée, ein Philosoph aus der Schule von Gilles Deleuze, habe dies im Zuge einer Nietzsche-Interpretation auf den Punkt gebracht: Er interpretierte den Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen als eine Art kategorischen Imperativ: "Lebe so, dass du dein Leben jederzeit noch einmal leben könntest, und zwar genau so, wie du es jetzt lebst".

Die Kernzonen, die Kernbereiche seien freilich erlebnisbedingt. Andererseits bedeuteten sie aber auch eine Art Gnade. Ihm selbst seien seine Kernzonen immer gegeben gewesen: die Welt der Literatur und die Welt der Phantasie. Habe man seine Kernzonen und lebe man in ihnen, könne einem im Grunde nichts passieren. Was freilich passieren könne, sei, dass Menschen auf die eigenen Kernzonen neidisch würden, diese lächerlich machten und gleichsam zerstören wollten. Doch dies könne man überstehen, dies gehe vorbei. Bitter sei das Leben für jene Menschen, welche keine derartigen Kerne in sich tragen würden. Diesen Menschen bleibe bloß die Droge - oder eben die Flucht in Ruhm und Unsterblichkeit.

Der Tod sei das einzig Zentrale. Ruhm und Unsterblichkeit jedoch gehörten in die Sphäre des "man" im Sinne Heideggers.