Was ist eine Philosophische Praxis?

Interview im Rahmen der Sendereihe "Bei uns zu Gast" (Radio Maria Wien, gesendet am 24.Mai.2003)
Konzeption und Gestaltung: Dr. Martin Ploderer

 

Ploderer: Herzlich willkommen bei unserer Sendung. Unser Gast ist heute Herr Dr. Eugen Maria Schulak. Herzlich willkommen in unserem Wiener Studio. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, zu uns zu kommen. Ich bin vor einiger Zeit auf einen Artikel in der Tageszeitung "Die Presse" gestoßen, den Sie verfasst haben. Der Artikel lautet "Philosophische Bemerkungen zur Verfassungsdebatte" und darunter war zu lesen, dass Sie Betreiber einer philosophischen Praxis sind. Und da habe ich mir die Frage gestellt: Was ist eine Philosophische Praxis? Diese Frage möchte ich nun Ihnen stellen. Zuerst aber sagen Sie mir, wer Sie sind, was Sie bisher gemacht haben. Sie sind Philosoph.

Schulak: Ich bin Philosoph von Beruf, das heißt ich habe Philosophie studiert und lebe von der Philosophie. Zum einen führe ich eine Philosophische Praxis, schreibe aber auch Bücher, publiziere in Zeitungen, Zeitschriften, halte Seminare und unterrichte da und dort. Es ist ein weites Spektrum, hat aber alles mit Philosophie zu tun.

Ploderer: Was kann sich der Laie unter Philosophie vorstellen? Das ist ein weites Feld ...

Schulak: Ja, das stimmt. Vielleicht ist Philosophie schlichtweg eine Sammlung sinnvoller Gedanken. In jedem Fall ist sie eine umfangreiche Disziplin, weil jene Gedanken, die zu früheren Zeiten geäußert wurden, qualitativ nicht schlechter sind als die heutigen und an Aktualität oft kaum etwas eingebüßt haben.

Ploderer: Sinnvolle Gedanken zu wesentlichen Themen ich kann mir vorstellen, schon allein darüber könnte ein Streit stattfinden. Was ist sinnvoll und was ist wesentlich?

Schulak: Die wesentlichen Themen in der Philosophie sind die großen Streitpunkte, die ungeklärten Fragen, wie etwa die Frage nach der Gerechtigkeit. Das ist eine Frage, die viele unterschiedliche Antworten zulässt. Wesentlich ist freilich, dass man sich um diese Frage bemüht. Die Gerechtigkeitsdiskussion etwa gibt es, seit es Philosophie gibt. Und nachdem die Gesellschaften immer komplexer werden, immer komplizierter strukturiert sind, ist die Debatte auch noch lange nicht zu Ende. Sie wird weitergeführt und auch dementsprechend härter geführt. Weiters geht es in der Philosophie etwa um die Freiheit des Willens, ein Thema, das ebenso nicht ganz geklärt werden kann. Neben solchen allgemeinen Themen, wie "Was ist gerecht", "Was ist gut" oder "Was ist schön", beschäftigt sich die Philosophie aber auch schlichtweg mit der Zeit, in der wir leben. Es geht auch um kritische Repliken auf gesellschaftliche Veränderungen, auf politische Veränderungen.

Ploderer: Sie haben vorhin gesagt "seit es Philosophie gibt". Kann man das datieren?

Schulak: Was die westliche Philosophie betrifft, so kann man sagen, dass sie ungefähr 500 bis 600 vor Christus in Ionien das ist die Westküste der heutigen Türkei ihren Anfang genommen hat, aber auch in Sizilien. Dort hat alles begonnen mit den heute so genannten Vorsokratikern, den Philosophen, die noch vor Sokrates aufgetreten sind. Die haben den Startschuß gegeben und mit ihren Gedanken nach und nach die alte, mythologische Betrachtungsweise abgelöst. Sie waren nicht mehr zufrieden mit den herkömmlichen Erklärungsmustern. Wenn etwa die Erde gebebt hat, haben sich die Menschen vorgestellt, dass Poseidon mit dem Dreizack in den Boden stößt. Deshalb bebe die Erde. Diese ersten Philosophen jedoch standen solchen Erklärungen skeptisch gegenüber, konnten sie das nicht wirklich vorstellen, meinten, das müsste anders funktionieren. Poseidon müsste ja gigantisch groß und stark sein und irgend jemand hätte ihn ja dann auch beobachten können etc. Man hat nach den Grundlagen gefragt, wie Natur funktioniert, wie Abläufe funktionieren. Die ersten Philosophen waren demnach Naturphilosophen, dachten über die Prozesse der Natur nach, waren demnach die ersten Wissenschafter. Man suchte nach klaren Erkenntnissen über die Natur. Das war der Anfang.

Ploderer: Das war also unabhängig von der Entwicklung der Schrift, denn die ist ja wesentlich älter. Philosophie kam also nicht gleich mit der Entwicklung der Schrift?

Schulak: Freilich kann es sein, das sobald die Menschen zu denken begannen, sie auch begannen zu philosophieren und bloß nichts Schriftliches hinterlassen haben. Lehrmeinung ist zumindest, dass die westliche Philosophie ein Phänomen ist, das in einer definierten Zeit und an definierten Orten stattgefunden hat. Es war auch nicht so, dass sofort überall philosophiert wurde. Am Anfang gab es nur ein paar Figuren, vielleicht sechzig bis hundert Leute. Erst über hundert Jahre später, zur Zeit des Sokrates, des Platon und des Aristoteles ging die Philosophie dann ein wenig in die Breite. Platon hat die erste Universität gegründet, Aristoteles die zweite. Es sind weitere Schulen gegründet worden: die Skeptiker, die Stoiker, die Epikuräer. Am Anfang aber waren es Einzelgänger, Pioniere, die teilweise auch gar keinen Kontakt miteinander hatten.

Ploderer: Einen ganz wesentlichen Begriff, einen scheinbar einfachen, haben Sie da verwendet, das ist die Frage. Die Philosophie beginnt damit, dass man etwas in Frage stellt, nicht?

Schulak: Da gibt es diese berühmte Geschichte aus der Anfangszeit der Philosophie. Jemand hat ein Demonstrationsexperiment gemacht, um zu zeigen, dass vielleicht doch nicht alles das wahr ist, was man sieht. Denn die ursprüngliche Meinung, das Ursprüngliche in der Erkenntnis ist, dass man das für voll nimmt, was man sieht. Alles ist so, wie man es sieht, wie man es mit den Augen erkennen kann. Um zu zeigen, dass die ganze Angelegenheit gar nicht so einfach zu beantworten ist, hat sich also jemand auf ein Boot gestellt, hat die Leute vom Strand zu sich hergeholt, hat einen Stab genommen, hat ihn in die Luft gehalten und hat gesagt: "Was seht ihr?" "Ja, wir sehen Dich, wie Du einen langen geraden Stab in Deinen Händen hältst." Dann hat er diesen Stab ins Wasser getaucht und gefragt: "Und was seht ihr jetzt?" "Was wir sehen, ist, dass der Stab jetzt einen Knick hat, ein gleichsam gebrochener Stab ist, gebrochen erscheint." Dann hat dieser Mensch den Stab wieder aus dem Wasser herausgezogen und gefragt: "Und was seht ihr jetzt?" Zuerst war der Stab gerade, dann gebrochen, dann wieder gerade. Und was ist jetzt die Wahrheit? Was ist wirklich? Ist es wirklich, so wie ich den Stab in der Luft zeige, oder ist es wirklich, so wie ich den Stab im Wasser zeige? - Es hat fast zweieinhalb tausend Jahre gebraucht, bis Leibniz, der Mathematiker und Philosoph, die Brechungsgesetze entdeckt hat. Aber der Weg dorthin, zur Entdeckung der Brechungsgesetze, war natürlich durch solche Experimente und Gedanken vorgezeichnet. Hätte jemand dieses Experiment nicht gemacht oder ähnliche Fragen nicht gestellt, wäre keine Entwicklung in Gang gekommen, die dann als eine der vielen möglichen Resultate diese Brechungsgesetze hervorgebracht hat. Diese Entwicklung basiert auf einer fundamentalen Neugier, auf dem Staunen, wie es denn so etwas geben kann. Und es ist ja wirklich erstaunlich, dass es so ist.

Ploderer: Erstaunlich, je nachdem, was für Kriterien man für die Realität hat, nehme ich an. Es ist ja alles erstaunlich. Irgendwann gewöhnt man sich daran, das heißt, es ist ja auch erstaunlich, wenn sich aus zwei Zellen ein menschliches Wesen entwickelt. Wir sind schon total daran gewöhnt, so dass wir es normal finden, nicht?

Schulak: Aristoteles hat gesagt, dass im Staunen die Wurzel der Philosophie liegt, und ein Philosoph jemand ist, der die Leute zum Staunen bringt, in dem Sinne, dass er ihnen Dinge vorführt und zeigt, die verwunderlich sind, verblüffend sind, wo es auf Anhieb keine Lösung gibt, wo Paradoxien auftauchen. Ein Philosoph, der das tut und das kann, der bringt die Leute zum Philosophieren und in die Philosophie. Das heißt, Philosophie ist im Grund eine Art Bazillus, den man verbreitet und hofft, dass die Leute darauf ansprechen. Und wenn sie beginnen zu fragen und nach Lösungen zu suchen, dann ist es gut.

Ploderer: Philosophie ist also sozusagen jedem zugänglich.

Schulak: Eigentlich schon. Jedem, der bereit ist, sich Fragen zu stellen, auch schwierige Fragen zu stellen, und natürlich muss derjenige oder diejenige auch aushalten können, dass es keine vorschnellen Lösungen gibt. Also man muss auch Geduld haben und nicht darauf drängen, dass die Fragen gleich beantwortet werden. Philosophieren ist auch ein Prozess, etwas entwickelt sich.

Ploderer: Wir sind jetzt eigentlich auch schon bei dem, was uns interessiert: Verhältnis Glaube und Philosophie. Sie haben das Beispiel von dem Staunen gebracht, das ist sehr wichtig. Man sagt ja etwa immer noch, dass die Sonne aufgeht, obwohl wir mittlerweile wissen, dass sie nicht aufgeht, sondern dass die Erde sich um sie dreht. Trotzdem leben wir immer noch mit diesen Fragen. Für mich ist das ein Symbol dafür, dass man eigentlich viel mehr mit dem lebt, was man glaubt, als mit dem, was man weiß. Bevor wir das jetzt entwickeln, möchte ich noch auf die ursprüngliche Frage zurückkommen. Was ist diese Philosophische Praxis, die Sie betreiben? Kann ich da hinkommen wie zu einem Arzt oder ist das etwas ganz anderes?

Schulak: Eine Praxis ist eine Räumlichkeit, in die man kommen kann. In meinem Fall sitzt in dieser Praxis ein Philosoph, ein philosophischer Praktiker, der bereit ist, mit Menschen zu philosophieren, philosophische Themen zu besprechen. Das heißt, ich biete eine spezielle Art von Dienstleistung an, gebe das weiter, was sich in der Philosophie angesammelt hat, an diejenigen, die konkret etwas von der Philosophie wollen oder konkret von der Philosophie brauchen, die ein wesentliches Thema besprechen wollen. Nachdem das in der Philosophie immer so ist, dass sich die Themen nie mit einer einfachen Antwort beantworten lassen und dass es zu den wesentlichen Themen immer verschiedene Standpunkte gibt, unterschiedliche Haltungen, wird es ein Gespräch sein, wo die unterschiedlichen Haltungen zu diesem Thema zur Sprache kommen, d. h. es kommt die Meinung des Klienten oder der Klientin vor, und es kommen viele Gegenstandpunkte ebenso vor, die sich in dieser langen Tradition angesammelt haben. Der Sinn ist, dass derjenige, der zu mir kommt, sich in ein Thema vertiefen kann, seine eigene Meinung in Frage stellen, erweitern kann. Im Endeffekt geht es um eine Art Horizonterweiterung. Die Leute, die zu mir kommen, sind größtenteils Leute, die in ihr Berufsleben sehr stark eingebunden sind, die dementsprechend wenig Zeit haben, Familie und Beruf haben. Wenn sie jetzt ein philosophisches Bedürfnis haben, wenn sie etwas von der Philosophie wissen wollen, finden sie kaum die Zeit, dass sie an die Universität gehen und dort Vorlesungen besuchen. Sie haben auch nicht die Zeit, dass sie die richtigen Bücher und Texte finden, die sich wirklich interessieren. Wenn ich an Philosophie interessiert bin und ich gehe in eine Buchhandlung und erwische dort als erstes Kants Kritik der reinen Vernunft, dann werde ich, wenn ich nicht geübt bin in solchen Texten, nach 30, 40, 50 Seiten abbrechen, habe ein Frustrationserlebnis. Das ist das, was vielen Leuten passiert. Und ich bin jemand, der diese Leute, die ein philosophisches Bedürfnis haben, quasi zufriedenstellen möchte. Ich bereite das Thema auf, ich banalisiere es nicht, aber ich hole die wesentlichen Punkte und Argumente heraus, gebe auch Literatur weiter, Kopien weiter zu den Themen, arbeite Skripten aus, und das wird so lange gespielt, bis der Klient oder die Klientin das Gefühl hat, dass dieses Thema ausreichend bearbeitet und diskutiert worden ist.

Ploderer: Also bis zu einem befriedigenden Resultat. Eine Antwort wird es nicht unbedingt geben?

Schulak: Antworten sind meist im Plural.

Ploderer: Zuerst habe ich gedacht, was Sie so erzählen, das ist eigentlich ein Heurigengespräch, dort kann man das ja auch machen, nicht?

Schulak: Der Unterschied zum Heurigengespräch ist, dass hier eine Vorbereitung stattfindet, eine konzentrierte, und auch das Gespräch immer bei der Sache bleibt. Es geht in der Philosophischen Praxis nicht um ein Gespräch um Gott und die Welt, wo man alle Themen, die interessant sind, durchläuft und alles ein bißchen streift. Das ist nicht der Punkt. Es geht um einen konzentrierten Diskurs zu einem Thema, das dem Klienten auf dem Herzen liegt.

Ploderer: Jetzt interessieren mich zwei Dinge. Einerseits, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Philosophische Praxis zu eröffnen, und zweitens, wie kommen die Leute auf die Idee, zu Ihnen zu gehen, weil es ist ja nicht so allgemein bekannt.

Schulak: Zur ersten Frage. Philosophische Praxis gibt es seit ungefähr 20 Jahren. Ein gewisser Gert Achenbach, ein Deutscher, hat diese Idee erstmals ins Leben gerufen. Freilich ist diese Idee schon sehr alt. Auch die Sophisten zu Sokrates' Zeit haben damit begonnen, Philosophie am Markt anzubieten. Die Sophisten haben z. B. Anwälte ausgebildet. Das war damals notwendig, weil es diesbezügliche Universitäten nicht gegeben hat. Sie haben zukünftige Anwälte in Rede und Gegenrede geschult. Haben ein Beispiel gegeben, einen Fall vorgestellt und haben gesagt: Ihr habt jetzt so und so viel Zeit, 5 Minuten eine Rede für den Angeklagten, 5 Minuten eine Rede gegen den Angeklagten. Und macht die beiden Reden gleich stark, gleich aussagekräftig. Philosophische Praxis ist also schon eine sehr alte und ehrwürdige Angelegenheit. Wie komme ich an meine Kunden oder wie kommen meine Kunden zu mir? Es gibt eine Webseite, ich biete Veranstaltungen an, spreche hier im Radio, publiziere in Zeitungen und Zeitschriften, schreibe Bücher, halte Vorträge. So verbreitet sich die Idee wie die Kundschaft.

Ploderer: Und da sind Leute zu Ihnen gekommen, die gesagt haben: So, das ist jetzt mein philosophisches Problem, und ich möchte mit Ihnen reden.

Schulak: Ja, freilich. Es sind auch Leute zu mir gekommen, die ganz grundlegende Einführungen in ein paar grundlegende philosophische Themen wollten. So ist z. B. ein Arzt zu mir gekommen, der eine gut gehende Praxis hat, und gesagt hat: Jetzt bin ich schon weit über 50, ich wollte eigentlich Philosophie studieren. Mein Vater hat gesagt, studier' Medizin, das ist was Gescheiteres, da verdienst Du was. Jetzt hat er seine Praxis, aber das mit der Philosophie lässt ihn nicht los. Er will zu mir kommen, und er will ein paar grundlegende Themen mit mir besprechen.

Ploderer: Das ist ein Privatunterricht.

Schulak: Gewissermaßen ja, wobei ich aber weniger der Dozierende bin, sondern immer Themen vorbringe, die im Diskurs erarbeitet werden bzw. Gedanken vorstelle, die es gemeinsam zu reflektieren gilt. Es geht nicht darum, dass ich meine Privatüberzeugung jemandem "reindrücke", wie man so sagt, und ihn dazu nötige, etwas zu übernehmen, das wäre ja ganz absurd. So nicht. Natürlich habe auch ich meine Meinung, das ist klar, mit der halte ich auch nicht hinter dem Busch. Der Sinn ist, dass man zu einem Thema - und das ist eben die erschöpfende Behandlung - ein möglichst breites Spektrum an Zugängen hat, an Werthaltungen. Erst dann kann man vielleicht seine eigene Werthaltung, seine eigene Meinung ein bißchen besser begreifen oder präzisieren. Wenn z. B. jemanden, der eine Überzeugung hat, mit genau der gegenteiligen Überzeugung konfrontiert wird, dann spiele ich den advocatus diaboli, dann widerspreche ich ihm, ganz konsequent, und vertrete die andere Meinung. Dann ist er gezwungen sich zu bemühen, dass seine Meinung noch durchkommt. Und dann sieht man eventuell auch einige Schwachpunkte. Eine Übung ist das, eine philosophische Übung.

Ploderer: Das ist sehr konstruktiv. Denn oft, wenn Leute in Gesprächen mehr oder weniger einer Meinung sind, da kommt man eigentlich nicht weit. Man gibt einander Recht und hat nichts gelernt. Mit einem richtigen Gegner wieder traut man sich meistens nicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen, wenn man weiß, daß er die diametral entgegengesetzte Meinung vertritt. Das heißt, man kann bei Ihnen also lernen, sich selbst in Frage zu stellen und damit vielleicht auch seine eigene Überzeugung zu entwickeln, um die Überzeugung zu vertiefen.

Schulak: Zu vertiefen und gute Argumente zu finden. Oft hat man eine Überzeugung, aber es fehlen einem im entscheidenden Moment, wenn man in der Öffentlichkeit angegriffen wird oder mit Freunden, Bekannten und Verwandten seine Meinung verteidigt, die guten und richtigen Argumente. Man hat sie irgendwie im Kopf, aber man formuliert sie nicht richtig.

Ploderer: Darf ich jetzt fragen, ohne dass Sie Namen nennen: Kommen Politiker auch zu Ihnen? Das wäre vielleicht ganz gut manchmal.

Schulak: Es war einer dabei, ja. Ist aber kein wirklicher Zustrom bislang gewesen ... Aber da gibt es noch einen Aspekt, der in der Philosophischen Praxis maßgeblich ist. Wenn etwa jemand einen Text verfassen, ein Projekt starten will, so kann er es mit mir besprechen. Ich mache ihm eine Recherche, liefere Stoff für eine brauchbare Diskussion, ein paar Argumente, Vorhaltungen, Kritik etc., die ihm blühen kann, wenn er etwas so oder so anlegt. So kann sich der Kunde schon im vorhinein überlegen, wie er darauf reagieren wird, falls dies oder das eintritt. Meine Arbeit ist im Grunde eine Dienstleistung, die große Schatzkiste der Philosophie, die sich gefüllt hat in den letzten zweieinhalb tausend Jahren, sinnvolle Gedanken zu wichtigen Themen. Diese weiterzugeben, sie aneinander prallen zu lassen und ihren Gegenwartsbezug herzustellen, darum geht es in der Philosophischen Praxis.

Ploderer: Wir kommen leider ich schau auf die Uhr, es ist furchtbar, wie die Zeit vergeht zum Ende. Wir werden noch eine weitere Sendung miteinander haben. Ich möchte nur kurz auf die Beziehung zu Gott eingehen, die ja sicher in den Gesprächen mit Ihren Klienten ebenso zur Sprache kommen wird. Und ich beziehe mich dabei auf einen Artikel von Ihnen in der Wiener Tageszeitung "Die Presse", in dem folgender Satz vorkommt, der meine Aufmerksamkeit erregt hat. Ich lese vor: "Wer einmal hundert Frauen, hochbetagte und junge, im Wald bei einem entlegenen Marienheiligtum an einem elften Tag des Monats den großen Rosenkranz hat beten sehen, wie sie tief versunken in sich ruhten, wippend im Takt zu Gottes Melodien, der braucht keine exotischen Bildungsreisen zu den Schamanen mehr, um zu wissen, was Spiritualität bedeutet". Was ist die Bedeutung der Spiritualität vom philosophischen Standpunkt aus?

Schulak: Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Philosophie und Theologie, und es gibt Unterschiede. Zu diesen Gemeinsamkeiten zählt auch - nicht bei allen Philosophen, aber doch - eine gewisse Spiritualität, d.h. ein gewisser Rückzug in einen Denkraum und ein gewisses, teilweise asketisches, mönchsartiges Leben. "Spiritualität" ist sehr schwierig als Wort zu übersetzen. Vielleicht kann man es mit "Vergeistigung" übersetzen. Ein Begriff, der sehr oft gebraucht wird, meistens im Kontext mit Religion. Im Kontext mit Philosophie eigentlich selten. Aber ich denke, dass man in vielen Texten von Philosophen so etwas wie Spiritualität merkt, eine Art Zauber merkt, der in dem Text liegt, eine Tiefe. Nehmen wir z.B. Martin Heidegger her. Das war ein Philosoph und Schriftsteller, der eminent spirituelle Texte geschrieben hat, die eine Tiefe haben, die man eigentlich erst bei mehrmaligem Lesen erfassen kann, so wie man religiös spirituelle Texte auch nicht so einfach runterlesen kann wie einen Roman oder einen Essay, sondern nach mehrmaligem Lesen erst eine gewisse Tiefe erahnen kann. Also hier gibt es Zusammenhänge, aber die liegen nicht so auf der Hand.

Ploderer: Aber jeder Theologiestudent studiert ja auch Philosophie ...

Schulak: Das ist wahr, das ist ein Anfang des Theologiestudiums. Jeder Theologe studiert am Anfang seines Studiums ein wenig Philosophie. Aber es ist ja wie das Amen im Gebet, dass von den Theologen nach wie vor behauptet wird, dass die Philosophie die ancilla theologiae sei, also die Magd der Theologie. Viele Theologen sehen das heute anders, freilich. Aber die Philosophie ist mehr als eine gewisse Schulung im Denken. Philosophie kann sehr radikal sein.

Ploderer: Der Glaube ja auch.

Schulak: Ja, der Glaube auch. Aber Philosophie kann auch vom Glauben wegführen und führt sehr oft auch vom Glauben weg. Als Philosophierender, als Philosoph sich einen Glauben zu bewahren, ist keine Selbstverständlichkeit, braucht eine gewisse Anstrengung und auch Kraft. - Die Qualität einer Philosophie hängt nicht an ihrer Gebundenheit an die Theologie oder an dem Glauben. Die Qualität hängt an der Stimmigkeit des Arguments. Der Glaube ist, meiner Meinung nach, etwas grundsätzlich anderes als der philosophische Gedanke. Es gibt gute Gründe dafür, dass beides voneinander getrennt wird. Immanuel Kant hat gute Gründe dafür angegeben. Er hat gemeint, man solle das nicht vermischen. Man solle das Wissen und das Glauben nicht durcheinander mengen, dann komme man auch nicht in Not, den Glauben beweisen zu müssen. Und das muss man ja auch nicht. Wenn man alles aber vermengt, glaubt man, den Glauben beweisen zu müssen. Nun kann man den Glauben aber nicht beweisen und verliert ihn. Kant hat gemeint, man muss das Wissen vom Glauben trennen, um für das Glauben auch Platz zu gewinnen. Sonst verliert man sich ja! Das sind andere Welten.

Ploderer: Da haben wir jetzt ein Thema angerissen, über das man eine ganze Sendung machen könnte, aber, wie gesagt, wir sind heute am Ende dieser Sendung angelangt. Ich hoffe, es wird wieder einmal eine Gelegenheit geben, einen Artikel von Ihnen in einer Sendung zu entfalten. Danke vielmals, dass Sie heute zu uns gekommen sind!