Buchbesprechung

Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen. Ein Dialog zwischen Medizin und Philosophie

 

von Prof. Dr. H. G. Zapotoczky
veröffentlicht in: Psychopraxis 5/2005

 

Der Diskurs zwischen dem Arzt Prof. Dr. Karl Hermann Spitzy und dem praktizierenden Philosophen Dr. Eugen Maria Schulak kann als Frucht des Diskussionsforums "Badener Kreis" betrachtet werden, der die weitgehend als verloren zu erachtenden philosophisch-spirituellen Anliegen des Arztberufes wieder beleben will. Philosophieren hätte schließlich den Sinn, Ärzten wieder nahe zu bringen, dass es noch andere Wege in der Heilkunde als den naturwissenschaftlichen gäbe.

Dementsprechend bedeutet Diagnose, eine Art Gewissheit für die weitere Vorgehensweise zu erlangen, und Therapie, die Überzeugung auf den Patienten zu übertragen - darin sind sich beide Autoren einig. Ihre Diskussion rankt sich um Martin Bubers Begriffe "Beobachten", "Betrachten" und "Innewerden", die mit den Wortpaaren "Ich-Du" als Anklang einer Meta-Ebene und "Ich-Es" als Manifestation der Ortho-Ebene konfrontiert werden. In diesem gedanklichen Ordnungssystem werden die Haltungen der beiden scheinbar gegensätzlich ausgerichteten Autoren deutlich: Der Arzt Prof. Spitzy formuliert seinen kategorischen Imperativ "Handle so, dass es auch ein Gebet sein könnte" und argumentiert gegen die Verkürzung der Lebensspanne durch massive Schmerzbekämpfung, betont die Verantwortung des Einzelnen, hält das 5. Gebot "Du sollst nicht töten" für das Gebot der Gebote, das Liebe, Toleranz und Menschlichkeit beinhaltet und als Ursprung der Menschwerdung (als Urknall) zu betrachten ist. Ihm gegenüber steht der Philosoph Dr. Schulak, der sich Epikur anlehnend betont, Lernen und Lust könnten zusammenfallen, alles Gute, jedes Gut entspringe einem Lustgewinn, lustvoll leben heiße nicht, Vernunft sowie schönes und gerechtes Leben zu missachten und in Maßlosigkeit, Gier, Leere und Du-Verschlossenheit zu versinken.

Beide Autoren treffen sich in dem Bekenntnis zur Liebe als dem neutralen Element des Lebens, " weil nichts Größeres und Bewegenderes als die Liebe erfahrbar ist", sie ist der Königsweg zur Metaebene. Der Glaube basiere auf der Hoffnung, die Hoffnung auf dem Glauben. Erfüllung erfahren beide nur in der Liebe. Prof. Spitzy feiert Mitte November seinen 90igsten Geburtstag. Wir gratulieren ihm herzlich. Mit diesem Buch hat er uns ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Ob als Patienten oder Ärzte, einfach als Menschen dürfen wir ihm dankbar sein und ihm gratulieren "panta rhei" - mit diesen Worten schließt das Buch, könnte es nicht auch im Sinne der Autoren interpretiert werden: "Alles fließt zusammen, alles fließt in eins?"