Die Praxeologie

Ein Neubeginn von Ludwig von Mises

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in: Herbert Pribyl (Hrsg.), Wirtschaft und Ethik. Die Österreichische Schule der Nationalökonomie und die
Wiener Schule der Naturrechtsethik, Schriftenreihe des Instituts für Ethik und Moraltheologie an der
Päpstlichen Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, Bd.1, Verlag Be&Be, Heiligenkreuz 2009

Auf Grund von radikalen wissenschaftstheoretischen Überlegungen schuf Ludwig von Mises eine gänzlich neue Disziplin, die er „Wissenschaft vom menschlichen Handeln“ bzw. „Praxeologie“ nannte. Ziel war, menschliches Handeln in seiner Allgemeinheit zu verstehen, um in der Folge auch das wirtschaftliche Handeln klar beschreiben und darstellen zu können. Demnach dürfe sich eine solche Disziplin auch nicht auf situations- und zeitbedingten Erfahrungen, d.h. auf empirischen Daten stützen, sondern habe „in allen ihren Teilen [...] apriorische Wissenschaft“ zu sein. Eine Wissenschaft vom menschlichen Handeln „stammt wie Logik und Mathematik nicht aus der Erfahrung, sie geht ihr voran. Sie ist gewissermaßen die Logik des Handelns und der Tat“ (Mises 1933, 12). So seien ja auch die Lehrsätze der Nationalökonomie nicht aus der Erfahrung gewonnen worden, sondern durch „Ableitung aus der Grundkategorie des Handelns, die man bald als Prinzip der Wirtschaftlichkeit, bald als Wertprinzip oder als Kostenprinzip gefaßt hat“ (ebd., 17).

Empirische Forschung, so Mises, die ihre Wissen a posteriori, d.h. aus der Erfahrung gewinnt, lässt Voraussagen nur in Form von Hypothesen zu, welche sich auf dem Weg der Induktion, d.h. durch Verallgemeinerung einzelner Beobachtungen ergeben. Sollen sie empirische Gültigkeit gewinnen, müssen sie weiter überprüft werden, entweder durch erneute Beobachtungen oder mit Hilfe von Experimenten, mit dem Ziel, sie entweder als unbrauchbar zu verwerfen oder in Form von Gesetzen beizubehalten. Ihren hypothetischen Charakter verlieren empirische Gesetze jedoch nie. Denn wollte man sie endgültig absichern, müsste ihre Überprüfung bis ins Unendliche fortgesetzt werden. Stets könnte es nämlich sein, dass bislang noch unbeobachtete Fälle dem Behaupteten zuwiderlaufen und so die ursprüngliche Hypothese falsifizieren. Endgültige Sicherheit bietet empirisches Wissen demnach nicht. Darüber hinaus sind bei jeder Beobachtung notwendig Theorien im Spiel, die in der Auswahl dessen, was als bedeutungsvoll erscheint, eine tragende Rolle spielen. Das beobachtende Subjekt ist im Rahmen empirischer Forschung in die Beobachtung also notwendig involviert.

Dass empirische Forschung die ökonomische Praxis in Zukunft dominieren könnte, war eine Befürchtung, die Mises deutlich vor Augen stand. Die Vorstellung, Menschen bloß als Versuchsobjekte zu betrachten, d.h. ihr Handeln im Rahmen sozialpolitischer Experimente und unter Zuhilfenahme staatlicher Gewalt zu manipulieren, um ökonomische Hypothesen in die Wirklichkeit zu überführen und so zu „bestätigen“, war Mises zweifellos ein Greuel. Deshalb brauche die Ökonomie ein sicheres Fundament. Bei seiner Suche nach den Wurzeln wissen-schaftlichen Denkens stieß Mises auf Immanuel Kant (1724-1804), auf einen Philosophen, der den Bereich des Wissens von dem des Glaubens und Vermutens deutlich trennen wollte. In seinen Überlegungen, die über jene von Kant hinausgingen, schuf Mises schließlich ein Den-ken, das „nur an einem Punkte haltmachen will, über den hinaus man überhaupt nicht mehr zu denken vermag. Die wissenschaftlichen Theorien unterscheiden sich von denen jedermanns nur dadurch, dass sie danach streben, auf einer Grundlage zu bauen, die das Denken nicht zu erschüttern vermag“ (ebd., 27).

In seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) entwickelte Immanuel Kant die Vorstellung, dass man Urteile auf zweifache Weise klassifizieren könne: Einerseits seien Urteile entweder analytisch oder synthetisch, wobei der Wahrheitswert von analytischen Urteilen (wie etwa: „Junggesellen sind unverheiratete Männer“) mit Hilfe der Logik ausreichend überprüft werden könne, der Wahrheitswert von synthetischen (wie etwa: „Heute ist schönes Wetter“) hingegen nicht. Andererseits seien Urteile entweder a priori oder a posteriori, wobei zur Bestätigung von Urteilen a posteriori (die aus der Erfahrung gewonnen werden) Beobachtungen nötig seien, zur Bestätigung von Urteilen a priori (die aller Erfahrung vorausgehen) nicht. Wissenschaftliche Erkenntnis, so Kant, müsse notwendig gelten und allgemein sein, wobei analytische Urteile a priori diese Kriterien stets erfüllen: Sätze wie „Junggesellen sind unverheiratete Männer“ gelten notwendig und sind allgemein gültig, denn unmöglich ist es zu sagen „Auch Junggesellen sind verheiratet“. Analytische Urteile a priori haben aber den Nachteil, keine eigentlichen Erkenntnisse zu liefern. Sie sind tautologisch, d.h. durch sie kommt nichts hinzu, was nicht schon im Ansatz klar und vorgegeben ist. Die entscheidende Frage, so Kant, müsse also lauten: „Sind synthetische Urteile a priori möglich?“. Kant selbst war davon überzeugt, eine ganze Reihe solcher Urteile gefunden zu haben, etwa Sätze der Mathematik, der Geometrie oder das Kausalitätsprinzip (vgl. Liessmann 1998, 29).

Die Wahrheit synthetischer Urteile a priori, so Kant, könne aus selbst-evidenten Axiomen abgeleitet werden. Selbst-evident seien Axiome dann, wenn man ihre Wahrheit nicht abstreiten könne, ohne sich selbst in Widersprüche zu verwickeln. Gefunden werden könnten solche Axiome insofern, als wir über uns selbst als denkende Menschen reflektieren und so die Konzeption unserer Denkprozesse, die Arbeitsweise unseres Verstandes, letztlich den Bauplan unseres Denkapparates verstehen. Mises folgte Kant in all diesen Überlegungen, weshalb er auch mit Recht als Kantianer bezeichnet werden kann (vgl. Hoppe 1995, 18f.). Wohin er Kant jedoch nicht mehr folgte, war dessen idealistische Annahme, dass der Verstand die Wirklichkeit bloß konstruiert. Das Ding an sich, so Kant, sei unerkennbar. Die Wirklichkeit könne bloß so erkannt werden, wie sie uns kraft unseres Verstandes erscheint, da wir sie mit Hilfe des Verstandes gleichsam nachbilden, rekonstruieren und so kein direkter Weg zur Wirklichkeit vorhanden ist.

Diese idealistische, später vom Konstruktivismus übernommene Anschauung, dass Denken und Realität getrennte Welten sind, konnte Mises, der Realist und Logiker, nicht akzeptieren. In einem einfachen und klaren Denkschritt ging Mises über Kant hinaus: Wahre synthetische Urteile a priori, die auf selbst-evidenten Axiomen gründen, seien deshalb keine rein geistigen Konstruktionen, gingen deshalb mit der Realität konform, weil sie eben nicht bloß Kategorien unseres Verstandes, sondern Kategorien unseres Handelns sind. Unser Verstand sei stets in einer handelnden Person. Er trete nicht isoliert, gleichsam als Geist in Erscheinung, sondern in einem handelnden Menschen. Deshalb müssen die Kategorien unseres Verstandes, wie etwa die Kausalität, letztlich in den Kategorien unseres Handelns begründet sein. Handeln bedeute einen Eingriff in die Realität, zu einem früheren Zeitpunkt, um zu einem späteren Zeitpunkt Resultate zu erzielen. Deshalb müsse jeder Handelnde davon ausgehen, dass konstante Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung tatsächlich existieren. Kausalität sei so eine Grundvoraussetzung des Handelns. Sie zeige sich, als ein wahres synthetisches Urteil a priori, sowohl als Kategorie des Denkens wie des Handelns, sowohl geistig wie real (vgl., Mises 1980, 22f.). Damit war die Kluft zwischen Denken und Realität, zwischen Innen- und Außenwelt, die Kant als unüberwindliche Schranke dachte, überbrückt (vgl. Hoppe 1995, 20f.).

„Menschliches Handeln“, so Mises, „ist bewußtes Verhalten, [...] das wir begrifflich scharf und genau von dem unbewußten Verhalten zu unterscheiden vermögen, mag es vielleicht auch in einzelnen Fällen nicht immer leicht festzustellen sein, ob ein bestimmtes Verhalten der einen oder der anderen Kategorie zuzuweisen sei“ (Mises 1933, 22). Dies trenne die allgemeine Lehre vom Handeln, die Praxeologie, von der Psychologie. Gegenstand der Psychologie „sind die Vorgänge in unserem Innern, die zu einem bestimmten Handeln führen oder führen können; Gegenstand unserer Wissenschaft ist das Handeln selbst“ (Mises 1980, 12). Handeln, d.h. bewusstes Verhalten, sei demnach „ex definitione immer rational. Die Ziele des Handelns irrational zu nennen, wenn sie vom Standpunkt unserer Wertungen nicht anstrebenswert sind, empfiehlt sich durchaus nicht. Es führt zu argen Missverständnissen. Statt zu sagen: das Irrationale spielt eine Rolle im Handeln, sollte man sich angewöhnen, einfach zu sagen: es gibt Leute, die anderes anstreben, als ich es tue, und Leute, die andere Mittel anwenden, als ich in ihrer Lage anwenden würde“ (Mises 1933, 33). Die Lehre vom menschlichen Handeln, so Mises in Nationalökonomie (1940), „hat den Menschen nicht zu sagen, welche Ziele sie sich setzen und wie sie werten sollen. Sie ist eine Lehre von den Mitteln zur Erreichung von Zielen, nicht eine Lehre von der richtigen Zielwahl. Die letzten Entscheidungen, die Wertungen und Zielsetzungen, liegen jenseits des Bereichs der Wissenschaft. Die Wissenschaft sagt nicht, wie man handeln soll; sie zeigt nur, wie man handeln müsste, wenn man die Ziele, die man sich gesetzt hat, erreichen will“ (Mises 1980, 8). Denn „Werturteile“, so Mises, könne man „nicht beweisen und nicht in einer Weise rechtfertigen und begründen oder ablehnen und verwerfen, die jedermann, der logisch denkt, als gültig annehmen muss. Werturteile sind irrational und subjektiv, man kann sie loben und tadeln, billigen oder missbilligen, doch man kann sie nicht als wahr oder unwahr bezeichnen“ (ebd., 53, vgl., 59f.).

Letztlich gelte es, sich von den „metaphysischen Systemen der Geschichtsphilosophie“ klar abzugrenzen. Diese „maßen sich an, hinter der Erscheinung der Dinge ihr ‚wahres‘ und ‚eigentliches‘, dem profanen Auge verborgenes Sein zu erkennen. Sie trauen sich zu, Zweck und Ziel alles irdischen Treibens, der Menschheit und der Menschheitsgeschichte zu erkennen, sie wollen den ‚objektiven Sinn‘ des Geschehens erfassen, von dem sie behaupten, daß er von dem subjektiven, d.i. von dem von den Handelnden selbst gemeinten Sinn, verschieden sei. Alle Religionssysteme und alle Philosophien der Geschichte verfahren dabei nach denselben Grundsätzen. Der marxistische Sozialismus und die in verschiedenen Spielarten vorgetragenen Lehren des deutschen Nationalsozialismus und der ihm verwandten außerdeutschen Richtungen stimmen ungeachtet der Schärfe, mit der sie sich bekämpfen, im logischen Verfahren überein, und es ist bemerkenswert, daß sie alle auf dieselbe metaphysische Grundlage, nämlich auf Hegels Dialektik, zurückführen“ (ebd., 46). Mises war völlig klar, dass all jene Ideologien, die das 20. Jahrhundert zu einem Blutbad machen sollten, sich in letzter Konsequenz auf die Geschichtsphilosophie Hegels beriefen. Die philosophische Gegenstrategie, die Mises entwarf und mit der er die herrschende Philosophie zu entlarven gedachte, war äußerste Nüchternheit. Er verbot sich alle Schwärmerei: Die Praxeologie „vermag auf die Frage nach dem ‚'Sinn des Ganzen' keine Antwort zu geben. [...] Sie verzichtet bewußt auf das Eindringen in metaphysische Tiefen; sie erträgt es leicht, daß ihr die Gegner vorwerfen, sie hafte an der ‚Oberfläche‘“ (Mises 1933, 46f.).

Wolle man das menschliche Handeln erforschen und beschreiben, so müsse man erkennen, dass jedem Handeln vorerst einmal ein Denken vorausgehe, und zwar insofern, als „das Denken Vorbedenken künftigen eigenen oder fremden Handelns und Nachbedenken vergangenen (eigenen oder fremden) Handelns ist. Das Denken arbeitet dem Handeln vor. Der Denkakt ist stets zielgerichtet (intentional); er ist gewissermaßen ein inneres Handeln, dessen Ziel Erkenntnis ist (Mises 1980, 15). Werde schließlich gehandelt, so sei dies „nicht etwa einfaches Vorziehen und Bevorzugen. [...] So kann man Sonnenschein dem Regen vorziehen und hoffen, dass die Sonne scheinen möge. Wer nur wünscht und hofft, greift in das Getriebe der Welt und in die Gestaltung seines Lebens nicht selbsttätig ein. Anders der Handelnde. Er wählt und entscheidet. Von zwei unvereinbaren Dingen nimmt er das eine und lässt sich das andere entgehen. Jedes Handeln ist daher zugleich ein Nehmen und ein Verzichten“ (ebd., 13). In der Folge setze der Handelnde dann Mittel für die Erreichung von Zwecken ein. Zu diesen gehöre meist auch die Aufwendung eigener Arbeit, doch durchaus nicht in jedem Fall: „Unter bestimmten Bedingungen genügt das Wort. Wer dem Wagenlenker das Ziel angibt, wer Befehle und Weisungen erteilt, handelt auch ohne die geringste Aufwendung eigener Arbeit. Sprechen und Schweigen, ja mitunter schon Lächeln oder Ernstbewahren können Handeln sein. Verzehren und genießen sind ebenso Handeln wie die Enthaltung von Verzehr und Genuss [...]. Auch das Nichtstun und das Nichtarbeiten, auch das Unterlassen und das Dulden sind Handeln“ (ebd., 13).

Ziel, Zweck oder Ende allen Handelns sei der Erfolg, was „in letzter Linie [...] immer die Behebung eines Unbefriedigtseins“ bedeute (ebd., 65): „Der Handelnde sucht einen Zustand, der ohne sein Dazutun gegeben ist, durch einen anderen Zustand zu verdrängen. In seinem Denken sieht er einen Zustand, der ihm mehr zusagt als der gegebene, und sein Handeln ist darauf gerichtet, diesen gewünschten Zustand zu verwirklichen. Antrieb des Handelns ist das Unbefriedigtsein. Ein zufriedenes Wesen würde nicht handeln; es würde nur einfach dahinleben. Doch damit gehandelt werde, muss zum Unbefriedigtsein und zum Wissen von einem Zustand, der besser befriedigen würde, noch ein Weiteres hinzutreten: die Meinung, dass man fähig sei, durch sein Verhalten das Unbefriedigtsein zu beheben oder doch wenigstens zu mildern. Wo diese Meinung fehlt, wird nicht gehandelt. [...] Allgemeinste Bedingungen des Handelns sind mithin: Unzufriedenheit mit dem gegebenen Zustand und die Annahme der Möglichkeit der Behebung oder Milderung dieser Unzufriedenheit durch das eigene Verhalten. Der Mensch ist das irdische Wesen, das unter diesen Bedingungen lebt; er ist nicht nur homo sapiens, sondern auch homo agens, das handelnde Wesen“ (ebd., 30f., vgl., 68f.).

„Mittel“, so Mises, „ist das, was zur Erreichung des Ziels, Zwecks oder Endes führt. Mittel sind nicht schlechthin in der Welt, in der der Mensch lebt; in dieser Welt sind nur Dinge. Ein Ding wird zum Mittel, indem menschliches Denken es zur Erreichung eines Zweckes einzusetzen plant und menschliches Handeln es zur Erreichung eines Zweckes einsetzt. Der denkende Mensch sieht in den Dingen Mittelhaftigkeit, und der handelnde Mensch macht sie zu Mitteln. Mittel sind immer begrenzt, d.h. knapp im Hinblick auf die Zwecke, zu deren Erreichung sie eingesetzt werden sollen. [...] Der Begriff des Mittels schließt schon alles ein, was dieses Prinzip ausdrücken will. Wären die Mittel im Hinblick auf das Unbefriedigtsein nicht knapp, so würde nicht gehandelt werden; es würde mithin keine Veranlassung bestehen, Mittel und Zweck zu unterscheiden“ (ebd., 65f.).

In der Folge beschrieb Mises nach und nach ein Wissen von „strenger Allgemeinheit [...] wie das der Logik und der Mathematik“, formulierte Sätze, die sich aus dem Grundbegriff des Handelns logisch ableiten ließen und nichts ergaben, was nicht schon in den Voraussetzungen enthalten war (ebd., 18). Mit dem Begriff des Handelns, so Mises, „erfassen wir zugleich die Begriffspaare Weg und Ziel, Mittel und Zweck, Ursache und Wirkung, Anfang und Ende und damit auch die Begriffe Wert, Gut, Tausch, Preis, Kosten. Sie alle sind notwendigerweise mitgedacht im Begriffe des Handelns und mit ihnen die Begriffe Werten, Rangordnung und Wichtigkeit, Knappheit und Überfluß, Vorteil und Nachteil, Erfolg, Gewinn und Verlust (Mises 1933, 22f.). Ebenso enthalten sei der Begriff der Zeitfolge: „Wir haben hier die Zeit vor der Befriedigung, wir haben den Einsatz des Handelns und die Dauer zwischen dem Einsatz des Handelns und dem Eintritt des Erfolges, und wir haben schließlich die Dauer der durch den Erfolg erzielten Befriedigung. Durch die Bezugnahme auf das Aufeinanderfolgen scheidet sich die Praxeologie von der Logik. Man mag sie immerhin die Logik des Handelns nennen, man darf aber nicht vergessen, dass sie das Element der Zeitlichkeit kennt, das der Logik und der Mathematik fremd ist“ (Mises 1980, 77).

Die Praxeologie ermögliche uns demnach auch Voraussagen über künftiges Geschehen. Diesen fehle zwar notwendig die quantitative Bestimmtheit, denn „wo die subjektiven Werturteile entscheiden, kann es keine allgemeingültige praxeologische Voraussage geben“, doch ändere dies nichts an deren qualitativer Gültigkeit (ebd., 485). Die Nationalökonomie könne demnach „nichts darüber sagen, wie gehandelt werden wird. Über die Zukunft der Gesellschaft und der menschlichen Kultur und über den Gang der künftigen Ereignisse können wir durch praxeologische und nationalökonomische Erkenntnis nicht unterrichtet werden. [...] Dieser Tatbestand mag manchen enttäuschen und ihn die Bedeutung der praxeologischen und nationalökonomischen Erkenntnis geringschätzen lassen. Doch der Mensch hat sich damit abzufinden, dass dem Denken und Forschen seines Geistes Schranken gezogen sind. Was die Zukunft birgt, wird uns immer unbekannt bleiben. Es kann gar nicht anders sein. Denn wüssten wir im Voraus, was die Zukunft unabänderlich bringt, dann könnten wir nicht mehr handeln. [...] Dass die Menschen handeln und dass sie die Zukunft nicht kennen, sind nicht zwei Tatbestände, sondern nur zwei verschiedene Darstellungen desselben Tatbestandes“ (ebd., 750 f.).

Literatur

Hoppe, Hans-Hermann (1995): Economic Science and the Austrian Method, The Ludwig von Mises Institute, Auburn 1995

Liessmann (et alii), Konrad P. (1998): Vom Denken. Einführung in die Philosophie, Brau-müller, Wien 1998

Mises, Ludwig von (1933): Grundprobleme der Nationalökonomie. Untersuchungen über Verfahren, Aufgaben und Inhalt der Wirtschafts- und Gesellschaftslehre (PDF-Version von Gerhard Grasruck für www.mises.de), Gustav Fischer Verlag, Jena 1933

Mises, Ludwig v. (1980): Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens (unveränderter Nachdruck der 1. Auflage, Editions Union, Genf 1940), Philosophia Verlag, München 1980 (1940)