Die dunklen Seiten der Welt

Schopenhauers radikaler Pessimismus

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Zeitschrift für Philosophie (4/1999)
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 20. August 1999 (Kurzfassung)

 

Die europäische Philosophie entstand aus der Kritik an den altgriechischen Mythen. Diese hatten ursprünglich zur geistigen Orientierung gedient, wurden dann aber zunehmend als ungenügend empfunden. Die Kritik erfolgte kraft der vernünftigen Überlegung, von der man sich Einsicht in die tatsächliche Realität versprach. Dieser Wunsch nach Aufklärung und Wahrheit veränderte die Welt maßgeblich, und genau genommen machte der Glaube, die Wahrheit auf dem Weg der Vernunft auch tatsächlich erkennen zu können, eine geistige Höherentwicklung erst möglich: Dies war die Basis und Antriebskraft der Philosophie - und in der Folge der Wissenschaften - von Anfang an. Es war ein zutiefst optimistischer Glaube, und er war eins mit dem philosophischen Denken.

So geschah es, daß die Vernunft mit dem sittlich Guten identifiziert wurde, die Erziehung zur Vernunft als moralisches Gebot erschien, man die Welt als vernünftig geordnet betrachtete und wir uns diese Welt im Namen der Vernunft untertan machten. Die Philosophie sah die Vernunft von Anfang an in der Sphäre des Göttlichen und pries sie in unzähligen Schriften. Von seinem Beginn bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb das philosophische Denken in diesem Sinne unwidersprochen. Es war sich weitgehend über die Vorherrschaft der Vernunft einig: Sie wurde metaphysisch mit dem Sein des Seienden selbst gleichgesetzt.

Schopenhauer stellte diesen Glauben erstmals radikal in Frage. Denn nicht der Glanz der europäischen Kultur, nicht die Leistungen der zivilisatorischen Vernunft waren es, die ihm ins Auge sprangen, sondern die dumpfe Macht des Irrationalen und die Allgegenwart des Leidens. Schopenhauer glaubte weder an das Wirken einer göttlich-geistigen Instanz, noch an die vernünftig-moralische Entwicklung unserer Zivilisation und schon gar nicht an die Freiheit des menschlichen Willens. Indem er die Vernunft aus dem Zentrum der Metaphysik entfernte, ergab sich ein dramatisch anderes Weltbild als zuvor. Für Nietzsche und in der Folge dann für Freud wurde jener Umsturz zur Basis einer allumfassenden Kulturkritik. Einen radikaleren Bruch hat es in der Geschichte des europäischen Denkens wohl niemals gegeben.

In krassem Gegensatz zur Tradition ist die Vernunft für Schopenhauer bloß "ein Sekundäres" (Anm.1). Denn nüchtern betrachtet, so der Philosoph, ist der rationale Anteil an unseren Handlungen weit geringer, als dies je zugegeben wurde. Höchst selten sind wir kühle Denker, strahlende Helden der Geschichte oder freie, aufgeklärte Bürger. Viel eher gleichen wir hilflos schwankenden Gestalten, ja Opfern, sind getrieben von dunklen Motiven, und das Leben zwingt uns oft unbarmherzig in die Knie. Die Konsequenz: Statt der Vernunft setzt Schopenhauer einen blinden Willen in den Wurzelpunkt des Seins. "Den Grund seines Bewußtseyns, sein eigentliches Selbst", hat der Mensch in seiner Willenskraft, in seiner Triebnatur. Nur diese ist "schlechthin gegeben und vorhanden" (Anm.2). Sie ist die wahre Basis unseres Tuns.

Statt der Vernunft wird nun ein "Wille" kosmisches Prinzip: Gleich Platons "Ideen" setzt Schopenhauer ihn als Urbild der Erscheinungen, gleich Kants "Ding an sich" wird er zum Jenseits unserer Vorstellungswelt. Doch dieses Jenseits hat die Eigenschaft des Guten, Göttlichen und Rationalen ganz und gar verloren: Was bleibt, ist eine treibende Bewegung ohne Ursache und Sinn. "Kern jedes Einzelnen und ebenso des Ganzen" ist bloß ein dumpfes, stures Wollen. Und dieses wirkt, gleich einem Motor, in jeder "blindwirkenden Naturkraft", wie auch im "überlegten Handeln des Menschen" (Anm.3), ist ebenso das Wesen der Gravitation und des Magnetismus wie das der menschlichen Existenz.

Jede Erscheinung, so Schopenhauer, ist die Erscheinung eines "Willens", jede empirische Realität hat gleichzeitig auch einen metaphysischen Hintergrund. Die Welt zerfällt in eine innere und eine äußere Wirklichkeit. Das Innere, das Ansich der Welt, beschreibt Schopenhauer als "Willen", als Triebenergie; ihr Äußeres, das sinnlich Wahrnehmbare, als Vorstellung, als eine Vorstellung des "Willens" wie auch als Vorstellung des Menschen. Das Individuum, der Einzelne, steht zwischen beiden Wirklichkeiten. Er ist stets Angelpunkt, stets Bindeglied, weil er an beiden Welten Anteil hat: Einerseits ist jeder Einzelne - wie auch der Rest der Natur - bloß Objekt und somit ein gewöhnlicher Bestandteil der Vorstellungswelt, andererseits, von innen her betrachtet, aber auch Subjekt und als solches "Wille". Unser Bewußtsein, das Bindeglied, ist jener Ort, an dem das Wesen dieses "Willens", weil in uns selbst, zumindestens erahnbar wird.

 

Wille als "Räthsel"

"Wille", als metaphysisches Prinzip, ist als dasjenige zu verstehen, was übrig bleibt, wenn wir von unseren subjektiven Willenszielen jegliche Inhalte, Vorstellungen und Motive abziehen. "Wille" bezeichnet das ganz und gar Undifferenzierte unserer Absichten und Triebe, das Getrieben-Sein schlechthin. Demnach ist er für Schopenhauer auch ein "Wort des Räthsels" (Anm.4). Denn es ist zwar theoretisch erklärbar, warum wir dieses oder jenes wollen, warum wir aber überhaupt wollen, entzieht sich der Erklärung: "Jeder einzelne Akt hat einen Zweck; das gesamte Wollen keinen" (Anm.5). Der "Wille" bleibt demnach logisch unerkennbar. Als das schlechthin Irrationale fällt er der Intuition anheim.

Wird die Gesamtheit der Natur in Hinblick auf ihr Treibendes und ihr Getriebensein betrachtet, so rücken bald die düstersten Facetten unserer Lebenswirklichkeit ins Blickfeld. Das Ganze zeigt sich als ein wildes, rücksichtsloses Drängen ohne Chance auf Harmonie und Frieden. Es herrscht ein gnadenloser Kampf - aller gegen alle, Wille gegen Wille - wobei ein jeder nur auf Kosten eines anderen wollen, d.h. leben kann und muß. Die Tragik ist unauslotbar und absolut. Denn als die Objektivation des einen Willens ist diese Welt in ihrer Mangelhaftigkeit, in ihrem Jammer, letztendlich durch und durch gewollt, metaphysisch gerechtfertigt, denn sie ist so, wie es der "Wille" wollte und auch jetzt noch will. Im Leiden der Welt vollzieht sich quasi eine ewige Gerechtigkeit, da jede Schuld aus einem Wollen hervorgeht und jedes Wollen Schuld auf sich lädt.

Als Teil des allgemeinen großen Strebens ist unser subjektiver Wille mit dem Ich ident. Ich und subjektiver Wille sind für Schopenhauer eine Einheit, welche untrennbar mit dem Körper verbunden ist, sodaß jeder tatsächliche Akt des Willens sich auch als Akt des Körpers zeigt und umgekehrt. Den menschlichen Körper versteht Schopenhauer als materiellen Ausdruck der metaphysischen Urkraft, als Objektivation des "Willens", der in der Vielfalt der Materie sich zu verwirklichen sucht. Ich, subjektiver Wille und Körper sind demnach ein geschlossenes System. Im Gegensatz zur philosophischen Tradition lehnt Schopenhauer eine Trennung von Leib und Seele ab.

Da unser Wollen Abbild eines blinden Willens ist, liegen die wahren, d.h. psychischen Gründe unseres Handelns auch meist im Dunkeln: "Da draußen", so Schopenhauer, "liegt große Helle und Klarheit. Aber innen ist es finster, wie ein gut geschwärztes Fernrohr: kein Satz a priori erhellt die Nacht seines eigenen Innern; sondern diese Leuchtthürme strahlen nur nach außen" (Anm.6). Und wie die Motive unseres Handelns nie wirklich transparent werden, bleibt auch der Sinn des Lebens selbst obskur. Der Sinn liegt bloß im Weiter-Wollen, was nicht gerade tröstlich ist, schon gar nicht dann, wenn man als Leidender und als Geknechteter sein Dasein fristen muß.

In Hinblick auf ihr generelles Wollen sind sich die Menschen gleich. Individuelle Unterschiede gibt es bloß in den Willenszielen, die sich als Folge der Persönlichkeitsstruktur ergeben. Dem "angeborenen und unveränderlichen Charakter" (Anm.7) schenkt Schopenhauer daher die größte Aufmerksamkeit, ist er es doch, der unser Handeln "im Ganzen und Wesentlichen" (Anm.8) bestimmt.

Selbsterkenntnis, Einsicht in das eigene Wollen, das eigene Seelenleben, hat demnach oberste Priorität. Nur wenn die eigene Individualität in ihren Vorlieben und Talenten, aber auch in ihren Defiziten transparent wird, besteht die Möglichkeit, das Leben gezielt gestalten zu können. Der Idealfall wäre, wenn der Mensch "auf dem Gipfel der Besinnung und des Selbstbewußtseyns" bewußt genau dasselbe will, was er einst "blind und sich selbst nicht kennend" wollte, wenn es gelänge, das unbewußte innerliche Drängen weitgehend zu durchschauen, sodaß es ein bewußtes Wollen werden kann, sodaß "allein die Erkenntniß Motiv" (Anm.9) ist und nicht ein diffuser Wunsch nach Glück. "Ein Mensch", so Schopenhauer, "muß wissen, was er will, und wissen, was er kann: erst so wird er Charakter zeigen, und erst dann kann er etwas Rechtes vollbringen" (Anm.10).

Freiheit ergibt sich für Schopenhauer demnach auf grundsätzlich andere Weise als für die Philosophen der Tradition. So ist sie keineswegs mehr eine Frage der Einsicht in das Allgemeine und Vernünftige. Sie hat auch nichts mit einer Öffnung nach außen zu tun. Im Gegenteil: Freiheit, so Schopenhauer, beginnt mit einem wachen Blick nach innen. Sie zielt auf etwas Persönliches, Privates, ja Intimes ab. Ihr Fundament ist das Wissen um die stärksten Handlungsmotive, ihr Sprungbrett die Selbsterkenntnis. Der Mensch ist nur insofern frei, als er zuerst einmal sich selbst erforscht. Weiß er einmal, was er wirklich will und auch zu leisten im Stande ist, so kann er schließlich auch bei vollem Bewußtsein verwirklichen, was seinem Charakter und seinen Talenten adäquat ist - zumindest in der Theorie. Freiheit ist somit Selbstwahl, Kenntnis und bedingungslose Bejahung der eigenen Individualität. Etwas anderes zu wollen und zu tun als das, was man seinem angestammten Wesen nach ist - in etwa bloß deshalb, weil es einem gefällt oder weil man es wünscht -, wird niemals möglich sein. Versucht man es trotzdem, wird man kläglich scheitern.

Der menschliche Wille wird ferner immer nur durch sein stärkstes Motiv bestimmt. Er ist stets Folge einer Ursache, der er dann nachzukommen hat. Er ist die Wirkung dessen, was ihm physisch, psychisch und geistig vorgegeben wurde und seine Freiheit liegt in der Einsicht in diese Notwendigkeit: "Der Mensch thut allezeit nur, was er will, und thut es doch nothwendig. Das liegt aber daran, daß er schon ist, was er will: denn aus dem, was er ist, folgt nothwendig Alles, was er jedesmal thut" (Anm.11).

 

Vernunft als Illusion

Eine freie, ausschließlich auf Grund der Leistungen der Vernunft stattfindende Wahl zwischen verschiedenen Motiven ist für Schopenhauer schlicht unmöglich, eine Illusion, ein Hirngespinst. Unsere Triebnatur ist unberechenbar, und je jünger, je vitaler wir sind, desto schwieriger ist ihr beizukommen: "Es" steht allezeit am Ruder und pfeift auf jede Philosophie. Freilich: "Ich kann thun, was ich will: ich kann, wenn ich will, alles, was ich habe, den Armen geben und dadurch selbst einer werden, - wenn ich will! - Aber ich vermag nicht, es zu wollen; weil die entgegenstehenden Motive viel zu viel Gewalt über mich haben, als daß ich es könnte. Hingegen wenn ich einen anderen Charakter hätte, und zwar in dem Maaße, daß ich ein Heiliger wäre, dann würde ich es wollen können; dann aber würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also thun müssen" (Anm.12).

Jedes Lebewesen will. Es will vom ersten Augenblick der Existenz bis hin zum letzten Atemzug. Alle Kräfte, die physischen wie die geistigen, sind bloß für dieses Wollen da. So sind auch wir nichts anderes als Kinder der Natur, sind Sklaven unserer Triebe und erfüllen stets gehorsam diese Pflicht. Zur Kür kommt es selten. Gelassenheit und tieferer Ernst bleiben im Ansatz stecken, da wir von den Bedürfnissen, die permanent und fruchtbar in uns keimen, tagtäglich in Beschlag genommen sind. So ist es einfältig zu glauben, daß unser Wollen einmal nachhaltend befriedigt wird: Die Wahrheit ist ein lebenslanges Konsumieren und am Ende stehen Alter, Krankheit und der Tod. All dies erlebt man wesentlich als Unlust, ja als Leid. Und da das Wollen wesenhaft unendlich ist, ist auch "kein Maaß und Ziel" (Anm.13) für dieses Leiden abzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, mit einem unkontrollierten, d.h. unreflektierten Immer-weiter-Wollen in ein regelrechtes Desaster zu geraten, ist daher ungemein hoch.

Freilich sind auch für Schopenhauer Lust und Freude höchst erstrebenswert. Doch eine realistische Chance auf dauerhaften Lustgewinn - materiell oder philosophisch - gibt es für ihn nicht. Seine Erfahrungen und Empfindungen entlarven diese Chance als einen letztlich unsauberen und illusionären Gedanken: "Alle Befriedigung, oder was man gemeinhin Glück nennt", so Schopenhauer, "ist eigentlich und wesentlich immer nur negativ und durchaus nie positiv. Es ist nicht eine ursprünglich und von selbst auf uns kommende Beglückung, sondern muß immer die Befriedigung eines Wunsches seyn. Denn Wunsch, d.h. Mangel, ist die vorhergehende Bedingung jedes Genusses. Mit der Befriedigung hört aber der Wunsch und folglich der Genuß auf. Daher kann die Befriedigung oder Beglückung nie mehr seyn, als die Befreiung von einem Schmerz, von einer Noth [...]. Wann aber endlich Alles überwunden und erlangt ist, so kann doch nie etwas Anderes gewonnen seyn, als daß man von irgend einem Leiden, oder einem Wunsche, befreit ist, folglich nur sich so befindet wie vor dessen Eintritt" (Anm.14).

Die Lust ist demnach eine Illusion, denn auf dem Weg zu ihr, da wünscht man sie, und greift man sie, ist man von diesem Wunsch erlöst und damit drängt der nächste nach. Gleich den schillernden Spiegelungen einer Fata Morgana ist sie ein Gaukelbild, ein Blitz der Leidensunterbrechung, weit davon entfernt, Realität zu sein. Reale Zustände, quasi das Positive, sind unsere Wünsche, Mängel und Entbehrungen. Für Schopenhauer ist dies völlig klar: Die Lust ist eben nur die Befreiung von einem Schmerz und nichts außerdem, in ihrer dauerhaften Form eine Art Verbohrtheit und hypnotisches Bewußtsein.

 

Wille ohne Maß

Einen Menschen, der auf Grund der Überlegung und des Denkens zu befriedigen wäre, verweist Schopenhauer ins Reich der Legende. Denn das, was eigentlich für alle Philosophen vor ihm stets ein Heilmittel war - die Vernunft - ist für Schopenhauer bloß eine Illusion. Die eigentliche Ordnungskraft unseres Geistes ist unser Wille, und dieser ist niemals restlos zu befriedigen. Er kennt kein Maß und keine Mitte, denn er will mehr und drängt und treibt uns lebenslang zu dem, was unerfüllbar ist.

So wird das Streben nach der Lust niemals zur Ruhe kommen. Auf die Befriedigung folgt gleich der nächste Wunsch, die nächste Not, schier end- und gnadenlos. Die Harmonie zwischen Materie und Geist ist bloß ein Wunschtraum, weil das Geistige nicht der Vernunft, sondern der Begehrlichkeit des Willens unterworfen ist. Jener Zustand, den viele Philosophen für erreichbar halten, nämlich Herr der eigenen Wünsche zu werden, ist für Schopenhauer schlicht unmöglich. Wir sind verdammt dazu, Sklaven zu sein, denn unsere Lust ist befriedigter Wille, befriedigter Wille unsere Lust und ein befriedigter Wille das Paradox schlechthin. Warum? Weil der Wille, da unendlich, niemals zu zähmen ist, nichts ihn Beherrschendes akzeptiert und die Vernunft verspottet.

Die Hoffnung auf ein Maß und eine Mitte keimt für Schopenhauer niemals auf. Die Leidenschaft ist dafür viel zu groß. Er leidet, weil der Anlaß seines Wollens sich als Entbehrung zeigt, und die Entbehrung jedes Wollen bis zu dem Augenblick begleitet, wo sie im Ziel erlischt. Die Lust bleibt demnach ohne Raum. Ja selbst die Vorfreude auf das, was man nicht hat, doch haben will - in etwa nach der Art des Jägers - ist für Schopenhauer keine Lust. Im Gegenteil: All jenes, was den Willen reizt und ihn zu Hoffnungen verleitet, führt dazu, eine innerliche Leere zu verspüren und an der Unbefriedigtheit noch drastischer zu leiden.

Wenn die Welt demnach "die Hölle" ist, "und die Menschen einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin" (Anm.15), wenn "wesentlich alles Leben Leiden ist" (Anm.16), so muß das Leben in gewissem Sinn verlassen werden. Der radikale Weg, der Freitod, ist in bestimmten Härtefällen durchaus zweckmäßig. Doch ist er keineswegs dasjenige, was Schopenhauers Lust ausmacht, sondern der Abbruch jeder Überlegung. Schon lust- und sinnvoller dagegen ist die "melancholische Stimmung, das beständige Tragen eines einzigen, großen Schmerzes und [die] daraus entstehende Geringschätzung aller kleineren Leiden und Freuden" (Anm.17). Die höchste Lust ist aber weder die Vernichtung noch die Melancholisierung des Lebens, sondern der Einstieg in die Welt der Kunst, die transzendente Flucht in eine andere Dimension.

Wie man sich die Veränderung des Bewußtseins, weg vom Zustand leidvoller Gewöhnlichkeit und hin zu dem ästhetischer Beglücktheit vorzustellen hat, beschreibt Schopenhauer in eindrucksvollen Worten: "Wann aber äußerer Anlaß, oder innere Stimmung, uns plötzlich aus dem endlosen Strohme des Wollens heraushebt, die Erkenntniß dem Sklavendienste des Willens entreißt, die Aufmerksamkeit nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerichtet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffaßt, also ohne Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive sind: dann ist die auf jenem ersten Wege des Wollens immer gesuchte, aber immer entfliehende Ruhe mit einem Male von selbst eingetreten, und uns ist völlig wohl. Es ist der schmerzlose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut und als den Zustand der Götter pries: denn wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges entledigt, wir feiern den Sabbath der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still" (Anm.18).

"Äußerer Anlaß" oder "innere Stimmung", die Konsumation wie die Produktion von Kunst, können unser Leben wesentlich verbessern, vor allem deshalb, weil wir dann selbst nicht mehr im Zentrum stehen. Als Künstler wie als deren Publikum sind wir uns quasi selbst entschlüpft, nicht mehr vorhanden, zumindest nicht als jene Kreatur, als die wir uns gewöhnlich erfahren. Wir fühlen uns befreit, da wir die Last der in uns kreisenden Gedanken losgeworden sind. Die Gegenstände unserer Wahrnehmung werden nun nicht mehr bloß in Verbindung zu unseren Interessen bedeutsam, sondern können von diesen unabhängig, gleichsam objektiv betrachtet werden, da wir ja nicht vorhanden, nicht mehr Subjekt sind, sondern meditativ dem Objekt hingegeben, uns ins Objekt verlieren, unsere Individualität also vergessen. Wir befinden uns in einem Zustand höchster Konzentration, in einem Zustand der ästhetischen Entrückung und der Verleugnung unseres Willens, wir verschmelzen mit den Objekten unserer Wahrnehmung, und "uns ist völlig wohl".

In materieller wie in rationaler Hinsicht, so Schopenhauer, ist unser Leben kaum der Mühe wert. Die Hoffnung liegt auf ästhetischem und spirituellem Gebiet. Das wahre Glück ist demnach an eine ästhetisch-spirituelle Tätigkeit gebunden und somit letztlich eine Frage der Begabung, ja der Gnade. Im Unterschied zur traditionellen Philosophie, deren Empfehlungen auf der Vernunft basierten und die dadurch theoretisch lehrbar waren, ist Schopenhauers Weg von Grund auf elitär und bleibt noch weitaus mehr an das natürliche Talent des Einzelnen gebunden. In mancher Hinsicht erinnert dieser Weg sogar an christliche Mystik, obwohl Schopenhauer durchaus nicht christlich dachte. Die große Nähe zum Buddhismus wird gleichfalls deutlich.

 

Ästhetik des Mitleids

Doch auch außerhalb des Elitären findet Schopenhauers Schmerzbewußtsein Zuflucht. So scheint das Mitleid ebenso geeignet, die Kriterien einer ästhetisch-spirituellen Tätigkeit zu erfüllen: Desinteresse am bloß Subjektiven, sich Verlieren ins Objekt, Transzendierung des Lebens und philosophische Erkenntnis, "die Erkenntnis des fremden Leidens, aus dem eigenen [Leiden] unmittelbar verständlich und diesem gleichgesetzt" (Anm.19). Verglichen mit dem Zustand kunstgeschwängerter Entrückung, ist das Mitleid freilich bloß das Surrogat der Gnade für die Unbegnadeten. Doch Schopenhauers Ethik ist nicht ironisch zu verstehen, sie ist durchaus ernst gemeint. Ist schon das Leben selbst "ein Trauerspiel" (Anm.20), sollte das gröbste Leid wenigstens abgewendet werden.

Doch selbst die Lust am Transzendenten bleibt auf den Augenblick beschränkt. Die stets beleidigende Wirklichkeit verlangt ein regelmäßiges Erwachen, zwingt uns zur Rückkehr, Tag für Tag. Die Ebene der Transzendenz entpuppt sich demnach ebenso als eine Welt des Scheins, nur dazu da, uns zu betäuben und unser Leid kurzfristig zu vergessen. Sie ist in Wahrheit nichts als ästhetische Narkose, welche den Schmerz im Nachhinein nur um so deutlicher zur Wirkung bringt. Jeder Erlösung sich erfolgreich widersetzend, bleibt unser Schmerz die dominierende Empfindung.

Doch zumindest für kurze Momente kann die ungeheure Energie, welche in Philosophie, Kunst und Caritas konzentriert und quasi verschwendet wird, ein tiefes Schweigen unseres Wollens erreichen. Ruhe und Gelassenheit kehren dann ein und drängen unser ewig kläffendes Ich in den Hintergrund. Unsere Gedanken kreisen dann um Formen und Inhalte, um Ideale und Werte. Im Idealfall verblassen unsere Wünsche und Sorgen ganz und gar vor den erhabenen Ideen, denen wir uns mit äußerster Hingabe widmen.

Im Grunde geht es Schopenhauer um die Ausschaltung der eigenen Person. Diese soll nicht mehr wahrgenommen werden, weil sie nicht das Wahre ist. Sie soll in ihrem Wollen verleugnet werden und nicht mehr der Mittelpunkt des Denkens sein, weil sie der Mittelpunkt des Leidens ist. Mit der Verleugnung der Individualität geht auch das maßlose Schmerzempfinden zurück, das in den materiellen Gegebenheiten und den Einsichten der Vernunft seine Wurzeln hat. Wird dies auf rationalem Weg akzeptiert, steht den Begnadeten die Transzendierung ihrer Lüste offen, in der Folge eine Art ästhetische Wiedergeburt im Reich der Ideen, der Kunst und des Mitleids. Doch selbst all das ist eine flüchtige Illusion.


 

Anmerkungen


1.   Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 6, in: Arthur Hübscher (Hrsg.), Werke in 10 Bänden (Zürcher Ausgabe), Zürich 1977, Bd. 6, 172.
2.   Schopenhauer, Preisschrift über die Freiheit des Willens, Kap. 2, Bd. 6, 60.
3.   Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 2. Buch, § 21, Bd. 1, 155.
4.   Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 2. Buch, § 18, Bd. 1, 143.
5.   Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 2. Buch, § 29, Bd. 1, 218.
6.   Schopenhauer, Preisschrift über die Freiheit des Willens, Kap. 2, Bd. 6, 61.
7.   Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, § 118, Bd. 9, 251.
8.   Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, § 118, Bd. 9, 251.
9.   Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 56, Bd. 2, 386.
10. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 55, Bd. 2, 381.
11. Schopenhauer, Preisschrift über die Freiheit des Willens, Kap. 5, Bd. 6, 138 f..
12. Schopenhauer, Preisschrift über die Freiheit des Willens, Kap. 3, Bd. 6, 82 f..
13. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 56, Bd. 2, 388.
14. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 58, Bd. 2, 399 f..
15. Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, § 156, Bd. 9, 326.
16. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 56, Bd. 2, 389.
17. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 57, Bd. 2, 399.
18. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 3. Buch, § 38, Bd. 1, 252 f..
19. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 67, Bd. 2, 465.
20. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 4. Buch, § 58, Bd. 2, 403.