Philosoph mit Praxis

Fernsehdokumentation im Rahmen der Sendereihe "Orientierung" (ORF 2) vom 04.11.2001
(Wiederholung 05.11.2001, 3sat 09.11.2001)

Produktion: Christian Rathner

 

Sprecher: Das ist Dr. Eugen-Maria Schulak auf dem Weg in seine Praxis. Aber Herr Schulak ist kein Arzt und kein Therapeut, er hat eine Praxis besonderer Art. Eugen-Maria Schulak ist Philosoph.

Eugen-Maria Schulak: Sich Philosoph zu nennen, ist etwas Schwieriges. Ein Priester ist noch lange kein Heiliger, da ist ein Unterschied. So gesehen ist ein Philosophierender auch noch lange kein Philosoph. Das heißt, wenn ich mich mit Philosophie beschäftige, muss ich mir den Ehrentitel, den Namen "Philosoph" erst erwirtschaften.

Sprecher: Philosophie - Liebe zur Weisheit. Aber auch das, was so viel mit Geist zu tun hat, kennt eine materielle Seite. Ein Philosoph, sagt Eugen-Maria Schulak, ist ein Spezialist fürs Allgemeine. Das ist auch sein Problem. Denn wenn er keinen Platz an der Universität hat und kein Erfolgsautor mit guten Tantiemen ist, wie kann ihn dann die Philosophie ernähren. Anders gefragt: Wie verdient ein Philosoph als Philosoph sein Brot?

Eugen-Maria Schulak: Alle sagen, die Philosophie sei brotlos. Irgendwann habe ich es selbst auch geglaubt. Aber ich habe mich dagegen gewehrt, weil mir die Philosophie viel zu wertvoll ist, als dass sie eine brotlose Sache sein dürfte. Das geht nicht, das wurde mir klar. So habe ich mir gedacht, ich versuche, Philosophie anzubieten am freien Markt.

Sprecher: Eine Idee nahm Gestalt an. Nach umfangreichen Vorarbeiten eröffnete Eugen-Maria Schulak seine Praxis. Dort empfängt er seither Klienten, Menschen also, die sein Wissen und sein Können brauchen und dafür bereit sind, 1000 Schilling pro Stunde zu bezahlen. Der Psychotherapeut Karl Javorszky ist einer von ihnen. Javorszky beschäftigt sich nebenberuflich mit Zahlen und das auf sehr hohem Niveau. Er hat eine hochkomplexe Zahlentheorie entwickelt, die im Bereich der Biologie eine große Rolle spielen könnte. Der Philosoph hilft ihm, sie so darzustellen, dass andere sie ebenso verstehen können, was einem Übersetzungsvorgang gleichkommt.

Karl Javorszky: Also mir hilft der Kollege Schulak durchaus weiter, indem wir gemeinsam versuchen, meinen Übergang zwischen einem unverstandenen Genie und einem vernünftig verstandenen Fachmann zu bewältigen, so dass ich herauskomme aus meiner Schmollecke und nicht mehr sage "Ihr versteht mich nicht", sondern lerne, auch auf die Beschränkungen meiner Gesprächspartner einzugehen und so geduldig und so klar als möglich formuliere, dass es ihnen besser möglich wird, mich zu verstehen.

Sprecher: Ein Totenkopf mahnt den Besucher. Zumindest was die Endlichkeit betrifft, sind alle Menschen gleich. Schulaks Philosophische Praxis ist ein Ort der Begegnung mit Fragen, Texten, Gedanken. Eugen-Maria Schulak doziert nicht, er führt einen Dialog mit seinen Gästen und wählt sorgsam Texte aus, die als Basis dienen können. Das dient dem Geist, dem Verständnis, der Vernunft. Aber auch für die Seele ist es nicht einerlei, wie man mit den großen Fragen des Daseins zurande kommt.

Karl Javorszky: Wenn man auf eine philosophische Frage die Antwort falsch gibt, dann kriegt man ein psychologisches Problem.

Sprecher: Für eine seiner Klientinnen hat Schulak einen ganz besonderen Rechercheauftrag übernommen. Die Lehrerin hat eine theatralische Tanzperformance über den Generationenkonflikt geschrieben und dafür den Philosophen beauftragt, Zitate zum Thema zu suchen. Die Ausbeute war nicht gering.

Ilse Nekut: Da spricht Aristoteles über die Jugend: "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere heutige Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen." Wenn man nicht weiß, dass das 300 vor Christus gesagt wurde, könnte man denken, das ist ein verbitterter Pensionist von heute.

Eugen-Maria Schulak: Da hat sich nicht viel geändert.

Sprecher: So finden sie ins Kaffeehaus, Demokrit, Platon, Aristoteles und wie sie alle heißen.

Ilse Nekut: Ich glaube, dass jeder Geist gelegentlich auch gefüttert werden muss. Man hat nicht immer die Möglichkeit mit Leuten zusammenzukommen, die wirklich gründlich nachdenken. Wenn man so jemandem gegenüber ist, dann merkt man das und das hat für mich immer ein angenehmes Erlebnis zur Folge.

Sprecher: Ein Schriftsteller will alles über den Nihilismus wissen, ein Rechtsanwalt möchte die neuere Diskussion über Gerechtigkeit kennenlernen, - die Themen, um die der Philosoph in seiner Praxis kreist, sind weit gestreut, wobei die Fragen über Ethik eine große Rolle spielen. Und hinter allem das große Rätsel: Woher wir kommen, wohin wir gehen. Die Philosophie leitet zur Erkenntnis, sie hilft, Fragen zu formulieren. Aber kann sie auch trösten?

Eugen-Maria Schulak: Wenn man sich mit einer Thematik beschäftigt, die einen beunruhigt, verstört, verwirrt oder die sich einfach bloß immer wieder aufdrängt, wenn ein gewisser Erklärungsbedarf da ist und diesbezüglich Gespräche stattfinden, es einen Austausch gibt, es zum Dialog kommt, dann wird demjenigen, der an diesem Dialog teilnimmt, unmittelbar geholfen. Er bekommt die Vielfalt der möglichen Antworten im Laufe des Gesprächs zu Gesicht und zu Gehör, er kann sich darüber seine Gedanken machen und das ist natürlich ein Trost.

Sprecher: Ein Trost könnte die Idee der Philosophischen Praxis auch für Philosophiestudenten an der Universität sein, denn ihre Berufsaussichten sind in der Regel nicht rosig. Mit zwei Kollegen stellt Eugen-Maria Schulak die neue Möglichkeit vor.

Eugen-Maria Schulak: Das, was uns gemeinsam ist, ist dass wir eine große Liebe, ein großes Herz für die Philosophie haben und mit Menschen zu tun haben, die etwas von der Philosophie wollen und die Philosophie brauchen, - aus den verschiedensten Gründen.

Sprecher: Dass es Menschen gibt, die Philosophie brauchen, ist eine gute Nachricht für angehende Philosophen. Von Professorenseite kommt kritisches Wohlwollen.

Norbert Leser: Es ist immer besser, man sucht sich ein eigenes Tätigkeitsfeld, als man ordnet sich in irgendetwas schon Bestehendes ein. Allerdings glaube ich, muss man sich auch der Problematik dieser Tätigkeit bewusst sein. Denn eine solche philosophische Beratung ist natürlich eine Schnittstelle im Spannungsfeld von Seelsorge und Psychotherapie bzw. Psychiatrie.

Sprecher: Eugen Schulak versteht sich freilich nicht als Therapeut oder Seelsorger. Was er anbietet, ist der philosophische Dialog.

Eugen-Maria Schulak: Jene, die zu mir kommen, von ihnen habe ich zu lernen und an sie gebe ich auch weiter, was ich meinerseits lernen konnte. Ich habe ein gewisses Wissen und sie haben ein gewisses Wissen und sie wollen etwas von der Philosophie und deswegen kommen sie zu mir. Also ich sage ihnen nicht, wo es im Leben lang geht und ich verhelfe ihnen auch nicht zu ihrer Selbstverwirklichung, denn das schaffen sie spielend allein.

Sprecher: Walter Salzmann zum Beispiel kommt regelmäßig, um sein philosophisches Basiswissen zu vertiefen. Heute diskutiert er mit seinem Philosophen Nietzsche und den Nihilismus. Warum sich der Neurologe diese Zusatzbelastung antut?

Walter Salzmann: Das ist einfach zu beantworten: Aus Interesse an der Philosophie, das ich immer schon gehabt habe. Ich habe auch am Anfang meines Studiums überlegt, ob ich Philosophie studieren soll. Das hat mein Vater untergraben und hat gemeint, Medizin sei handfester.

Eugen-Maria Schulak: Die Regel ist, dass man beim Philosophieren Freude empfindet. Mir geht es immer so. Und ich möchte das auch übertragen. Wenn jemand daran keine Freude findet, dann hat er noch nicht den Punkt gefunden, der ihn interessiert in der Philosophie, dann hat er sein Thema noch nicht gefunden. Aber wenn er seine Themen gefunden hat, und sie dann mit jemandem anderen reflektieren kann, dann bereitet das unter Garantie Freude. Also da lege ich meine Hand ins Feuer.

Sprecher: Freude an der Philosophie, Liebe zur Weisheit. In der Philosophischen Praxis verlässt die Philosophie ihren elfenbeinernen Turm und bietet sich an. Die Idee, die aus Deutschland kommt, gewinnt Anhänger. Weltweit sind bereits etwa 120 Philosophische Praxen in Betrieb. Zumindest dort hat die sprichwörtliche Brotlosigkeit des Philosophierens ein Ende.