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Das Nachdenken über den Tod hat Sinn

Das 7. Philosophicum in Lech am Arlberg hatte kürzlich namhafte Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler geladen, um den Umgang des Menschen mit Ruhm, Tod und Unsterblichkeit zu durchleuchten.

von CHRISTIAN FISCHILL
Oberösterreichische Nachrichten vom 27. September 2003

 

Die Fragestellung lautete: Was bedeutet der Tod für den Menschen, und was ändert sich im technischen Zeitalter? Ein Gespräch mit dem philosophischen Praktiker Dr. Eugen-Maria Schulak aus Wien:

OÖ Nachrichten: Thema des diesjährigen Philosophicums in Lech ist die Trinität von Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Wie verstehen Sie dieses Geflecht?

Eugen-Maria Schulak: Der Gedanke der Unsterblichkeit in einem transzendenten, einem religiösen Sinn geht zurück und der Ruhm kann unter Umständen diesen Wunsch nach Transzendenz und Weiterleben ersetzen. Also ein Materialist wird, wenn er mit dem Thema Unsterblichkeit konfrontiert wird, vor allen Dingen danach trachten, dass er in diesem Leben diese Unsterblichkeit erlangt.

OÖ Nachrichten: Verkürzt gesagt, das Streben nach Ruhm wäre quasi die Kompensation für das Sterben-Müssen?

Eugen-Maria Schulak: Das könnte man so sagen, ja.

OÖ Nachrichten: Soll man eigentlich über solche Dinge wie den Tod nachdenken - "bringt" dies etwas, oder gibt es auch - um Nietzsche ins Spiel zu bringen - ein Zuviel des Denkens?

Eugen-Maria Schulak: Das Nachdenken über den Tod hat natürlich vor allem zu Lebzeiten einen Sinn. Angesichts des Todes noch etwas verändern zu wollen am Leben wäre ja eine Geschichtsfälschung der eigenen Lebensgeschichte. Sinnvolles Nachdenken über den Tod bedeutet, dass man über sein Leben reflektiert - es ist daher letztlich eine ethische Diskussion, wie man sein Leben zu gestalten hat. Dass man angesichts des eigenen Todes nichts zu bereuen hat und man einen Rückblick haben kann, der einen halbwegs zufrieden stellen kann. Über den Tod selbst zu reflektieren ist etwas, mit dem man nicht weit kommt. Denn es ist ein Faktum, dass der Mensch sterblich ist. Das muss man einfach so hinstellen. Man weiß nicht, ob es ein Untergang oder ein Übergang ist. Die Frage muss man offen lassen.

OÖ Nachrichten: Trösten uns Sätze der Stoiker oder von Epikur oder bietet nicht eher die Religion Trost? Oder sind vielleicht die Biomediziner die Gurus der Zukunft?

Eugen-Maria Schulak: Ja, die Trostfunktion ist in der Philosophie fix verankert. Epikur beispielsweise sagt "Wenn ich da bin, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, bin ich nicht." Deswegen kann ich den Tod nicht erleben. Ich komme gar nicht zu ihm hin. Das ist natürlich ein Sophismus, in gewissem Sinne ein philosophischer Trick, der meiner Meinung nach Folgendes bedeuten soll: Dass man sich eigentlich um das Leben zu kümmern hat und jetzt nicht in eine Todesmeditation verfallen soll.

Noch zur Religion: Der Trost, der eigentlich noch stärker ist als der in der Philosophie kommt von der Religion. Ich denke, dass für einen gläubigen Menschen die Vorstellung in einem Jenseits aufgehoben und behütet zu sein unüberbietbar ist. Ich kann mir nicht vorstellen, welcher philosophische Gedanke das übertreffen soll.

OÖ Nachrichten: Sollen wir versuchen, dem Tod dieses Schnippchen zu schlagen? Vom Klonen bis zum Einfrieren-Lassen: Sollen wir technisch daran arbeiten?

Eugen-Maria Schulak: Das hat etwas zutiefst Unheimliches, und ich glaube, dass wir gar nicht so viel mitzureden haben, was die zukünftigen Entwicklungen betrifft. Die Grundlagenforschung wird ohne Einverständnis der Bevölkerung durchgeführt. Die Ethikkommissionen, die jetzt gebildet werden in Österreich oder Deutschland, sind eher Foren zur Beratung von Politikern oder Foren zur Information der Bevölkerung. Diejenigen, die diese Entwicklungen tatsächlich betreiben, sind davon weitgehend unbeeindruckt.

OÖ Nachrichten: Ist nicht für den modernen Individualisten, der nicht in die Generationenfolge eingebettet ist und dem auch die Religion nicht mehr Stütze ist, der Tod umso bedrohlicher?

Eugen-Maria Schulak: Keine Frage. Die Radikalität des Todes stellt sich für den Materialisten, für den nichtreligiösen Menschen weitaus krasser dar. Diese Wege, die er dann gehen muss, sind diesseitige. Wir sind diese Generation, und wir sind nicht die erste, die nicht mehr in die Familientradition eingebettet ist. Wir werden diejenigen sein, die dann in den Pflegeheimen sitzen.

OÖ Nachrichten: Vielleicht ist es gerade im Zeitalter des "anything goes" besonders beunruhigend, dass es mit der Unsterblichkeit nicht geht.

Eugen-Maria Schulak: Wir haben uns durch Rekurs auf Naturwissenschaften, durch Reduktionismen aller Art um etwas beschnitten. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Weil jemand, der seinen Glauben verloren hat, kann jetzt nicht aus praktischen Gründen, nur weil es vielleicht doch angenehmer ist, zu seinem Glauben zurückfinden. Das Herz ist verloren und verdorben diesbezüglich. Das ist ein Verlust.

OÖ Nachrichten: Darum setzen wir sozusagen alles daran, das Leben zu verlängern ...?

Eugen-Maria Schulak: Ja, und das ist vielleicht auch ein Grund, warum der Tod so weggeschoben wird, so unerträglich ist, und warum in den Pflegeheimen und in den Hospizen anonym und versteckt gestorben wird und werden muss.

OÖ Nachrichten: Stichworte Wellness, anti-aging, forever young ...?

Eugen-Maria Schulak: Freilich, die Wellnesskultur ist ein Bewegung, die eben diesen grauenvollen Zustand des Nicht-mehr-wert-Seins und Alt-Seins und Siech-Seins versucht hinauszuzögern.

OÖ Nachrichten: Wie beurteilen Sie den Gedanken, dass die Unsterblichkeit letztlich eine Entwertung des Lebens wäre? Oder umgekehrt: der Wert des Lebens hängt paradoxerweise von der Möglichkeit dieses Endes ab.

Eugen-Maria Schulak: Das ist eine ökonomische These. Das knappe Gut, die Knappheit definiert den Preis. So gesehen stimmt es.

OÖ Nachrichten: Um zum Abschluss zu kommen: Ich erinnere mich, dass Sie in Ihrer philosophischen Praxis einen Totenkopf im Bücherregal haben. Was bedeutet Ihnen persönlich der Tod?

Eugen-Maria Schulak: Ja, der Tod ist ein radikaler Abbruch und auch ein sozialer Leveler könnte man sagen, ja, der große Gleichmacher, also unüberbietbar. Keine politische Entwicklung, keine Ideologie kann das zustande bringen, was der Tod eigentlich tut. Das ist für mich ein Symbol dafür, dass wir auf diese Ebene, auf der zentralen Ebene eigentlich gleich sind, und es ist für mich ein Symbol des Humanen, Menschen auf gleicher Ebene zu begegnen.

OÖ Nachrichten: Letzte Frage: Was tun Sie persönlich, um Ihren Ruhm zu befördern?

Eugen-Maria Schulak: Man ist als Philosoph vielleicht in einer ähnlichen Situation wie ein Künstler. Ein Künstler kann seine Arbeit nicht anonym durchführen. Er braucht quasi das Publikum. Freilich bemühe ich mich doch auch etwas zu hinterlassen. Am ehesten im privaten Bereich, in der Erinnerung anderer einmal so dazustehen, dass ich nicht allzu viele Leute bedrückt habe mit meiner Gegenwart, sondern manchen geholfen, manche ermuntert, ... ja, das ist ein Andenken, das mir erstrebenswert erscheint.