Nachdenken und Reden

Interview im Rahmen der Sendung "Von Tag zu Tag" (Ö1) vom 18. 8. 1999

 

Rainer Rosenberg: Schönen Nachmittag. Ich begrüße Sie bei "Von Tag zu Tag". Unser Thema ist heute "Nachdenken und Reden". Der Gast ist Eugen-Maria Schulak. Ich begrüße Sie. Sie sind praktischer Philosoph könnte man sagen. Also Sie haben eine Philosophische Praxis.

Eugen-Maria Schulak: Ja.

Rainer Rosenberg: Was ist das?

Eugen-Maria Schulak: Philosophische Praxis ist der Versuch, philosophisches Wissen, philosophische Argumente und Einsichten an Einzelpersonen weiterzugeben, außerhalb von Universitäten, außerhalb des universitären Rahmens.

Rainer Rosenberg: Und diese Einsicht und diese Weitergabe ..., da brauchen Sie ja Menschen, die das wollen. Wie finden Sie zu denen?

Eugen-Maria Schulak: Ich denke, und das habe ich auch immer wieder beobachtet, das konnte ich sehen, konnte ich lesen in den Zeitungen: Es gibt ein Bedürfnis nach Philosophie in der Bevölkerung, ein wachsendes Bedürfnis, besonders bei berufstätigen Menschen, bei Menschen, die stark eingebunden sind in das wirtschaftliche Leben, die es sich von ihrer Zeit her einfach nicht leisten können philosophische Recherchen durchzuführen, philosophisches Wissen anzusammeln, philosophische Fragen zu beantworten. Und ein Praktiker der Philosophie, Philosophische Praxis, kann diese Prozesse ein wenig verkürzen. Das heißt, ich versuche die Interessen, die philosophischen Interessen des Einzelnen, weitgehend zu befriedigen.

Rainer Rosenberg: Was würden Sie als philosophisches Interesse bezeichnen? "Was die Welt im Innersten zusammenhält"? Worauf wollen die Menschen kommen? Oder ist es derart: "Ich brauche wen zum Reden; er soll mir zusätzlichen Input, Informationen geben; ich will aber nicht zu einem Therapeuten gehen, weil ich fühle mich nicht krank".

Eugen-Maria Schulak: Nicht selten ist es der Fall, daß Menschen philosophische Interessen bereits für sich selbst verfolgt haben, gewissen Themen schon seit geraumer Zeit auf eigene Faust nachgehen.

Rainer Rosenberg: Man kann aber auch in eine Buchhandlung gehen. Man muß ja nicht zu Ihnen gehen.

Eugen-Maria Schulak: Man könnte auch in eine Buchhandlung gehen. Das ist klar. Nur viele Leute scheuen diesen Weg. Philosophische Werke sind oft umfangreich, sind oft ein wenig kompliziert geschrieben. Das heißt, um ein Thema umfassend für sich selbst recherchieren zu können, müßte man quasi ein kleines Studium absolvieren, vielleicht überhaupt studieren. Dazu haben die Leute aber keine Zeit.

Rainer Rosenberg: Und wenn man an die Uni geht, zu einer Vorlesung, kommt man auch nicht zu dem, was Sie anbieten, nämlich zum Dialog.

Eugen-Maria Schulak: Das ist auf der Universität schon auch möglich, aber eher in den Seminaren.

Rainer Rosenberg: Ich weiß, da muß man richtig studieren ...

Eugen-Maria Schulak: ... müßte man quasi. Und es gibt ja auch viele, die dann tatsächlich Philosophie studieren, aber erst nach ihrer Berufstätigkeit. Es gibt auf der philosophischen Fakultät viele Seniorenstudenten. Der Berufstätige aber wird diese Zeit in der Regel nicht erübrigen können.

Rainer Rosenberg: Das heißt, zum Philosophieren braucht man Muße.

Eugen-Maria Schulak: In gewissem Sinne schon, ja. Einen Ansprechpartner, denke ich, braucht man aber ebenso, das heißt jemanden, mit dem man das Ganze ausführlich besprechen kann.

Rainer Rosenberg: Und wenn man das in ein geschäftliches Verhältnis bringt, daß man Klient ist sozusagen, wenn man ein Abonnement auf ihre Stunden hat, einen fixen Termin, dann paßt das besser zum Lebensplan eines Gestreßten.

Eugen-Maria Schulak: Es würde besser passen, ja. Es wäre effizienter in einem gewissen Sinn.

Rainer Rosenberg: Es ist effizient.

Eugen-Maria Schulak: Ja.

Rainer Rosenberg: Weil Sie sich auch konzentrieren, weil Sie einen Digest bieten, wie quasi ein Mitarbeiter: "Mein philosophischer Mitarbeiter, Herr Schulak, gehn´s bitte, wir hätten gern was über Nietzsche ...; da hab´ ich schon ein bisserl was gelesen". Aber was ist denn der gesamte Nietzsche? Wie viele Stunden brauchen Sie dafür? Wenn ich Ihnen diese Frage stelle, was sagen Sie darauf?

Eugen-Maria Schulak: Es kommt ganz darauf an, wie sehr man in die Tiefe gehen will. Das könnte sich auf 5 bis 6 Doppelstunden beschränken, das könnte sich aber auch auf zwanzig bis dreißig bis vierzig Doppelstunden ausweiten. Es kommt eben ganz darauf an, wie sehr jemand in die Tiefe gehen will. Das, was ich vor allem anbiete, sind jedoch Recherchen zu gewissen Themen. Das heißt, ich bereite mich vor. Manchmal ist es so, daß die Vorbereitung mir leicht von der Hand geht, manchmal komme ich aber auch in Themenkreise hinein, wo ich mich länger vorbereiten muß. Philosophie ist wie gesagt ein sehr breites Spektrum. Hier sind zweieinhalbtausend Jahre Geschichte hinter uns. Philosophische Praxis ist für mich freilich ebenso, und das ist das Schöne daran, eine Möglichkeit, mich auch ein wenig weiterzubilden. Das heißt, ich werde unter Umständen mit Dingen konfrontiert, die mir gar nicht so nahe stehen, und ich muß ebenso hineinwachsen, mit dem Klienten zusammen.

Rainer Rosenberg: In einem Artikel, den Sie geschrieben haben, sprechen Sie immer wieder die "Erfolgreichen, Vornehmen und Gebildeten" als mögliche Zielgruppe an. Wie soll ich das interpretieren?

Eugen-Maria Schulak: Philosophie hat natürlich einen gewissen elitären Touch. Und manche Leute lieben das auch, sich mit philosophischen Argumenten, mit philosophischen Namen zu schmücken. Das kann man natürlich ebenso befriedigen, das wäre ebenso eine Möglichkeit.

Rainer Rosenberg: In diesem Punkt sind Sie dann ganz einfach das bessere Zitatenlexikon.

Eugen-Maria Schulak: Das wäre jetzt ein bißchen verkürzt. Aber wenn jemand für einen gewissen Zweck Argumente brauchen würde, auch was sein Berufsleben betrifft - so etwas habe ich bereits des öfteren gemacht -, dann wäre ich durchaus bereit, dies zu tun; ganz nach der altgriechischen sophistischen Tradition.

Rainer Rosenberg: Die Sie wie beschreiben würden?

Eugen-Maria Schulak: Die ich so beschreiben würde: Argumente für gewisse Zwecke zu suchen.

Rainer Rosenberg: Das heißt, das, was Sie machen, ist sehr vielgestaltig, grenzt an die Suche nach dem Sinn des Lebens. Wie hat es sich denn in der Menschheitsgeschichte bisher abgespielt? Wo steht man jetzt? In welcher Epoche würde man sich sozusagen als Individuum heimisch fühlen? Über ganz praktisch Nutzbares steht man belesener da und kann möglicherweise in geschäftlichen Situationen daraus Vorteile erzielen. Aber was ist mit wirklichen Sorgen? Kommt es zu denen auch?

Eugen-Maria Schulak: Freilich. Es gibt Situationen, wo jemandem wirklich etwas unter den Nägeln brennt, wo jemand also ein Bedürfnis hat zu diskutieren, zu argumentieren, aus einem gewissen Argumentationsnotstand heraus.

Rainer Rosenberg: Sich selbst gegenüber?

Eugen-Maria Schulak: Sich selbst gegenüber, vielleicht auch anderen gegenüber. Philosophie ist auch dazu da. Freilich unterscheidet sie sich von einer herkömmlichen Psychotherapie, und zwar insofern, als die Philosophie, im Gegensatz zu Psychotherapie, nicht von vorgefertigten Theoriegebäuden ausgeht, nach denen der Mensch quasi analysiert wird. Innerhalb der Psychotherapie wird der Mensch mit Hilfe eines vorgefertigten Rasters beurteilt. Philosophie ist diesbezüglich undogmatischer, bietet enorm viele Möglichkeiten zu argumentieren. Letztlich nehme ich innerhalb der Philosophischen Praxis den Menschen so, wie er ist, wie er zu mir kommt. Ich versuche ihn als das wahrzunehmen, als das er sich mir zeigt. Das ist natürlich eine große Aufgabe für mich. Das heißt, ich verdächtige den Menschen nicht, etwas nur deshalb zu sagen, weil etwas anderes so gewesen ist.

Rainer Rosenberg: Das heißt, Sie nehmen das, was kommt.

Eugen-Maria Schulak: Ich nehme das, was kommt.

Rainer Rosenberg: Und fragen nicht?

Eugen-Maria Schulak: Natürlich frage ich, aber ich verdächtige nicht, verdächtige nicht, daß jemand nur deshalb etwas sagt, weil irgendwann in seinem Leben gewisse Geschichten abgelaufen sind.

Rainer Rosenberg: Es ist nicht schlecht. Man kann schon davon ausgehen, daß die Gespräche mit Ihnen, wenn schon nicht zur Welterkenntnis, doch zumindest zur Selbsterkenntnis beitragen können.

Eugen-Maria Schulak: Das ist eines der großen Ziele der Philosophie, zur Selbsterkenntnis zu kommen, ja.

Rainer Rosenberg: Ich möchte gern den Dialog erweitern. Wenn Sie anrufen wollen, wählen Sie 0800226979. Im Radio-Cafe gemeldet hat sich Prof. Norbert Leser.

Prof. Norbert Leser: Ja, es freut mich, daß ich als ehemaliger Lehrer zu dem Tun und den Absichten meines Schülers und Hörers Stellung nehmen kann. Ja natürlich, es sollte jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad Philosoph sein, wenn man die Definition der Philosophie als Liebe zur Weisheit hernimmt. Nur sollte man sich dessen bewußt sein, und das sind Sie sich sicher, daß Sie, wenn Sie so eine Philosophische Praxis haben, sich am Schnittpunkt von Religion und Psychotherapie befindet. Etwas, was natürlich problematisch, aber auch sehr sympathisch ist, und mich deshalb besonders freut, weil ich auch ein Schüler bzw. ein gedanklich sehr Verwandter Viktor Frankls bin. Frankl hat ja in gewisser Hinsicht in seiner Logotherapie die Psychologie, die Religion und eben auch die Kunst verbunden, und seine Grundaussage möchte ich also jetzt an Sie herantragen und Sie bitten, dazu Stellung zu nehmen. Die Grundaussage von Frankl ist, daß der Mensch seinen Sinn verwirklicht durch Transzendenz, daß heißt, einerseits überschreiten der Grenzen in Hinblick auf eine Person, ein Werk, eine Idee oder letzten Endes, metaphysisch gesehen, überschreiten der Grenzen in Hinblick auf Gott. Und daß man daher - mein einziger Einwand gegen Ihr Vorhaben - meines Erachtens nicht von den absoluten Werten absehen und eine wertneutrale Philosophie anbieten kann, wo rein empirisch festgestellt ist, daß religiöse Menschen nicht nur im geistigen, sondern auch im physischen Sinn gesünder leben. Und zwar deshalb, weil sie der objektiven Realität näher stehen als diejenigen, die den Transzendenzbezug ausklammern. Also da sehe ich eine gewisse Schwierigkeit, wenn Sie sozusagen von sich aus kein absolutes philosophisches Wertsystem herantragen oder wenigstens im Hinterkopf haben. Dann könnte es sein, daß dieser Dialog vielleicht versandet und an den eigentlichen Problemen der Sinnsuche im Sinne Frankls vorbeigeht.

Rainer Rosenberg: Eugen Maria Schulak.

Eugen-Maria Schulak: Die Transzendenz, das Transzendieren, ist ein Bedürfnis vieler Menschen. Das habe ich oft beobachtet. Das ist teilweise bei mir selbst auch so. Ich möchte dazu vielleicht mit ein einigen Gedanken Schopenhauers antworten, der diesbezüglich ähnlich gedacht hat. Er hat gesagt, daß die Welt eine mißliche, eine jämmerliche Angelegenheit ist, für viele auch die Hölle, doch sie verfügt über transzendente Fluchtpunkte, wie die Kunst zum Beispiel. Demnach gibt es Möglichkeiten das Leben zu verbessern, sich das Leben zu erleichtern, Fluchtpunkte. Diese Fluchtpunkte, soweit ich mich erinnern kann, waren die Kunst, die Philosophie, die Religion und auch die Caritas, das Mitleiden. Alle diese vier Richtungen haben eines gemeinsam, nämlich daß man sich selbst aus dem Zentrum herausnimmt und sich woanders hinbegibt.

Prof. Norbert Leser: Also ein Vorläufer der Frankl`schen Therapie.

Rainer Rosenberg: Und großteils im Diesseits zu verwirklichen.

Eugen-Maria Schulak: Auch im Diesseits zu verwirklichen. Aber Schopenhauer war wirklich ein großer Pessimist. Er hat gesagt, diese Dinge sind natürlich letztlich Illusionen. Aber wenn wir in diesen Illusionen aufgehen können, wenn wir uns hier wohl fühlen können, können wir zumindestens für eine gewisse Zeitspanne unseres Lebens dieses Leid, diese Last, die oft auf uns liegt, vergessen.

Prof. Norbert Leser: Darf ich nur noch etwas sagen, in einem Punkt Sie korrigieren. Schopenhauer sagt, daß die Kunst keine Illusion ist, sondern eine Abbildung der Platonischen Idee, die jenseits von Raum, Zeit und Kausalität ist, und wo der Mensch also sehr wohl den Bezug zu einer echten Transzendenz, die er sonst nicht erfahren kann, vermittelt erhält. Also das ist keine Illusion, sondern das ist eher ein Hinauf, ein Aufschwung des Menschen zu einer höheren, mit den normalen Sinnen nicht zugänglichen, aber deswegen nicht weniger vorhandenen Wirklichkeit.

Eugen-Maria Schulak: Das würde ich vielleicht so ergänzen. Als Künstler wie auch als Publikum des Künstlers, also aktiv wie auch passiv, kann man in transzendente Zustände verfallen und darin freilich hohe Erkenntnis haben. Nur diese Zustände sind begrenzt. Es gibt immer wieder den Prozeß der Ernüchterung, des Aufwachens, und dann sind wir wieder die Alten, dann sind wir wieder so, wie wir im Alltag sind, die Gewöhnlichen, die Ordinären. Das heißt, diesen Zustand der Transzendenz kann man nur eine gewisse Zeit lang aufrechterhalten.

Prof. Norbert Leser: Mystik heißt, die Augen schließen, und das kann man nicht den ganzen Tag, sonst würde man blind herumlaufen.

Erster Anrufer: Ich hätte eine Frage: Was kostet das?

Eugen-Maria Schulak: Ich habe meine Preise den Tarifen der Psychotherapeuten und Analytiker angepaßt. Ich verlange 800 Schilling die Stunde plus Mehrwertsteuer.

Zweiter Anrufer: Meine Frage ist folgende: Wie kann ich mit Ihnen in Kontakt kommen?

Eugen-Maria Schulak: Man kann mit mir in Kontakt kommen entweder telefonisch oder über e-mail. Meine Adresse und meine Telefonnummer sind am Hörerservice des ORF zu erfragen.

Zweiter Anrufer: Noch eine Frage über Ihr Leistungsangebot sozusagen. Und zwar, bieten Sie auch an, Argumentationen auf ihre Schlüssigkeit zu überprüfen? Zum Beispiel, wenn ich eine Auseinandersetzung habe mit einem anderen, und ich dann merke, es geht in eine Richtung, wo man beginnt, einfach aneinander vorbeizureden, so eine Art kommunikativer Knoten, der uns beiden nicht bewußt ist. Könnten Sie hier eine Unterstützung geben? Könnten Sie damit etwas anzufangen?

Eugen-Maria Schulak: Freilich, das gehört zu meiner Arbeit. In meiner Praxis ist es ganz wesentlich, Argumente nachzuverfolgen, Argumente zu überprüfen, Argumente gegeneinander abzuwägen. Philosophische Praxis ist immer auch ein dialektischer Prozeß.

Zweiter Anrufer: Eine Art "Monitoring" eines Diskurses sozusagen.

Eugen-Maria Schulak: Ja, das ist ein wesentlicher Bereich.

Zweiter Anrufer: Ja, das wäre interessant.

Dritter Anrufer: Haben Sie Johann Stürks Werk "Geschichte der Weltphilosophie" gelesen?

Eugen-Maria Schulak: Was Geschichtsbücher der Philosophie betrifft, so gibt es eine sehr große Auswahl. Es gibt sicherlich 20 bis 30 Philosophiegeschichten am Markt.

Rainer Rosenberg: Wo schauen Sie am liebsten schnell nach?

Eugen-Maria Schulak: Wo ich am liebsten nachschaue? Weniger in Philosophiegeschichten, mehr in philosophischen Lexika. Wenn ich mich über etwas informieren will, über das ich wenig Ahnung habe, würde ich eher Lexika verwenden.

Rainer Rosenberg: Welches verwenden Sie am häufigsten?

Eugen-Maria Schulak: Ich verwende vor allem das Historische Wörterbuch der Philosophie. Das ist ein sehr ehrwürdiges Werk, das bereits seit den 70er Jahren herausgegeben wird. Alle vier Jahre erscheint ein Band und ein Band kostet fast 3.000 Schilling. Es sind große Folianten, eine sehr luxuriöse, sehr schöne Ausgabe. Natürlich kommt dazu, daß, wenn ich zum Beispiel unter "Ethik" nachschaue, ich etwa 60 Seiten Text habe, was zugegeben viel ist. Wenn man sich weniger genau, weniger intensiv informieren will, würde ich etwa das Philosophielexikon aus dem Metzler-Verlag empfehlen.

Rainer Rosenberg: Eine andere Frage. Sie haben schon über Ihre Klienten ein wenig gesprochen. Was ich mitbekommen habe, sind sie sehr unterschiedlich. Es verbindet sie ein Interesse an geistiger Auseinandersetzung, aber sie leben in durchaus verschiedenen Welten. Leben sie in objektiv oder vor allem in subjektiv verschiedenen Welten?

Eugen-Maria Schulak: Nachdem ich hier in Wien wohne und es mit Wienern zu tun habe, sind die Welten, was das Objektive betrifft, was die äußeren Rahmenbedingungen betrifft, durchaus ähnlich.

Rainer Rosenberg: Halbwegs wohlhabend, halbwegs gebildet bis sehr gebildet.

Eugen-Maria Schulak: Es gibt eine gewisse Schicht, die sich angesprochen fühlt, eine gewisse Bildungsschicht eben. In der Regel sind es aber Leute, die durchaus nicht Philosophie studiert haben. Ich habe nur einen gehabt, der einmal ein bißchen Philosophie studiert hat. Das heißt, es gibt ein allgemeines Interesse, das nicht unbedingt auf ein Studium zurückgreifen kann. Die Leute kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, manchmal Ärzte, manchmal Anwälte, viele Leute sind aus der Wirtschaft, es gibt auch Künstler, die zu mir gekommen sind. Das heißt, das Klientel ist breit gefächert und die Anliegen sind sehr, sehr unterschiedlich.

Rainer Rosenberg: Von, bis?

Eugen-Maria Schulak: Von der Aufarbeitung des beruflichen Werdegangs bis hin zu konkreten Fragestellungen, wie etwa zum Begriff der Freiheit, zur Freiheit des Willens, zur Gerechtigkeit, zu den Gottesbeweises sowie zu Fragen der Ästhetik.

Rainer Rosenberg: Gibt es auch Fälle, wo Menschen eigentlich das Gefühl haben: "Na, auf mein Leben kann ich den kategorischen Imperativ eigentlich nicht anwenden, darum bin ich ein bißchen unglücklich".

Eugen-Maria Schulak: Dieser konkrete Fall ist mir noch nicht untergekommen, aber es gibt durchaus konkrete Fragen. Ich habe es teilweise mit Leuten zu tun, die sich in ein Thema bereits sehr vertieft haben und dieses Thema dann noch weiterspinnen wollen. Also es kann sehr ins Detail gehen, wenn es gewünscht wird.

Rainer Rosenberg: Ist es da auch so, daß Sie, wenn jemand schon ein wenig eingelesen ist, den Menschen quasi auch die Augen öffnen können, und zwar durch andere Perspektiven zu demselben Thema? Wenn man liest, sucht man sich ja oft das aus, was man gerne hat. Bringen Sie dann auch solche Inhalte, die nicht so gut ins Weltbild Ihrer Klienten passen?

Eugen-Maria Schulak: Das ist eine zentrale Aufgabe für mich. Das passiert fast immer. Da haben Sie etwas angesprochen, das fast immer passiert. Jemand kommt mit seiner Werthaltung, mit seinem Weltbild zu einem speziellen Thema, das ihn interessiert. Meine Aufgabe ist es dann, ein möglichst breites Spektrum an Zugängen, an Werthaltungen, an Einstellungen zu diesem Thema auf den Tisch zu legen.

Rainer Rosenberg: Da gibt es auch etwas anderes.

Eugen-Maria Schulak: Da gibt es auch etwas anderes; und es gibt noch ein Drittes, noch ein Viertes und noch ein Fünftes. Es gibt Argumente, die einfach dazu passen ...

Rainer Rosenberg: ... so wie vorher bei Prof. Leser zum Thema "Transzendenz". Da sind Sie mit dem Schopenhauer gekommen. Der hat irgendwie dazu gepaßt.

Eugen-Maria Schulak: Ja. Es gibt aber auch Argumente, die wirklich krasse gegenteilige Werthaltungen und Meinungen darstellen.

Rainer Rosenberg: Das haben Sie in dieser Situation aber nicht getan, ihrem ehemaligen Lehrer gegenüber.

Eugen-Maria Schulak: Nein. Weil ich in gewissem Sinne ja auch zustimme.

Vierter Anrufer: Ich habe eine Frage an den Herrn Doktor Schulak. Und zwar, ob er auch über Erkenntnistheorie gearbeitet hat?

Eugen-Maria Schulak: Erkenntnistheorie ist eigentlich etwas, das vorwiegend im akademischen Raum bearbeitet wird, etwas, was Klienten bis jetzt noch selten an mich herangetragen haben.

Vierter Anrufer: Es ist so, daß ich in meiner praktischen Arbeit in einem Kunstdiskurs die Erkenntnistheorie behandeln werde und dann natürlich ganz gut einen Gesprächspartner brauchen könnte. Wenn Sie dafür Zeit hätten, würde ich mich eventuell an Sie wenden.

Eugen-Maria Schulak: Das würde mich sehr freuen.

Rainer Rosenberg: Trifft man Sie auch außerhalb Ihrer Praxis? Weil das ist eine ziemlich exklusive Sache. Sie unterrichten ein wenig an Gymnasien, sie sind an Volkshochschulen tätig, das heißt, Schulak hören kann man nicht nur zu 960 die Stunde.

Eugen-Maria Schulak: Ja, wie gesagt, ich verstehe mich im weitesten Sinn als Lehrer. Ich unterrichte ein paar Klassen am Gymnasium und halte einige Kurse an Volkshochschulen. Ich halte aber ebenso Einzelvorträge und werde immer öfter zu Symposien und Kongressen eingeladen, um dort zu den unterschiedlichsten Themen zu referieren. Ich schreibe für Zeitungen und Zeitschriften, bin ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift für Philosophie, der größten Philosophiezeitschrift im deutschsprachigen Raum. Ich versuche, was die Philosophie betrifft, für mich ein möglichst breites Arbeitsspektrum zu verwirklichen.

Rainer Rosenberg: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die "Erfolgreichen, Vornehmen und Gebildeten" und auf das Elitäre. Ist es das Schicksal der Philosophie in diesem Umfeld stattzufinden? Oder gibt es die Möglichkeit des Ausbruchs?

Eugen-Maria Schulak: Es ist so, daß viele Leute, was die Philosophie betrifft, Schwellenängste haben. Die meisten glauben, daß man eine ungeheure Vorbildung braucht, um philosophieren zu können. Ich will das eigentlich verneinen, weil ich habe mit 17, 18Jährigen wunderbare philosophische Diskurse geführt, und diese jungen Leute können auf Grund ihres Alters diese Vorbildung gar nicht haben. Und trotzdem ergaben sich lange und sinnvolle Diskussionen, die durchaus fruchtbar und interessant waren.

Rainer Rosenberg: Das heißt, die Abstraktion, die man in der philosophischen Literatur findet, muß nicht im Gespräch stattfinden.

Eugen-Maria Schulak: Sie muß nicht im Gespräch stattfinden. Wenn man Vorlesungen an der Universität besucht, kann man sehr oft bemerken, daß je etablierter ein Professor ist, desto einfacher seine Sprache wird. Ich denke, daß dieses Herumwerfen mit komplizierten Formulierungen und Fremdwörtern letztlich auf eine gewisse Unsicherheit schließen läßt. Alles, was sich sagen läßt, läßt sich auch klar und deutlich sagen.

Rainer Rosenberg: Wenn man über den Weg der Informationen und vor allem über die gewaltige Menge an Informationen nachdenkt. Meinen Sie, daß das Philosophieren dabei hilft, diese Menge, die da jeden Tag auf uns zuströmt, zu ordnen?

Eugen-Maria Schulak: Das Philosophieren hilft mit Sicherheit unsere Gedanken und Informationen zu ordnen. Ein wesentlicher Sinn des Philosophierens, des Diskutierens und des Dialogs ist Klarheit zu gewinnen.

Rainer Rosenberg: Heißt das auch, wichtige von unwichtigen Informationen für einen selbst zu unterscheiden?

Eugen-Maria Schulak: Ja. Es geht letztendlich immer darum, eine persönliche Klarheit, einen persönlichen Sinn, eine persönliche Linie zu finden, sich selbst zu finden, sich selbst zu erkennen, gewisse Werthaltungen halbwegs klar vertreten zu können.

Rainer Rosenberg: Findet so ein Wettkampf der Argumente gesellschaftlich überhaupt statt? Ist es tatsächlich so, daß bloß die Argumente zählen? Oder geht es nicht vor allem um wirtschaftlichen Erfolg?

Eugen-Maria Schulak: Sagen wir es so. Es gibt in einem philosophischen Diskurs, wenn er zwischen Interessierten stattfindet, gewisse Regeln der Fairneß. Generell gibt es in Diskursen freilich immer wieder Untergriffe aller Art. Mir fällt schon wieder Schopenhauer ein. Er hat ein Buch geschrieben, welches er zeit seines Lebens nicht veröffentlicht hat, weil er sich ein bißchen dafür geschämt hat, offensichtlich. Diese Buch heißt: "Die Kunst, Recht zu behalten". Auf etwa 60 Seiten finden sich hier die fiesesten, miesesten Untergriffe. Es handelt sich um eine Art Anleitung dafür, wie man jemanden argumentativ über den Tisch ziehen kann.

Rainer Rosenberg: Die besten Killer-Argumente.

Eugen-Maria Schulak: Die besten Killer-Argumente, ja. Und Schopenhauer sagt in einem der letzten Paragraphen, daß, wenn alles nichts mehr hilft, man grob, gemein und beleidigend werden müsse. Im letzten Paragraphen sagt er allerdings, daß es wohl das Beste sei, sich seine Gesprächspartner wirklich gut auszusuchen, um eben diese Untergriffe nicht verwenden zu müssen. - Freilich, Sie haben recht, in der Praxis wird oft mit unfairen Mitteln gekämpft. Die Philosophie versucht, einen halbwegs geraden Weg zu gehen. Ohne Polemik wird man freilich nie wirklich auskommen. Es gibt jedoch Grenzen.

Rainer Rosenberg: Die Erfahrung mit Ihnen zeigt, daß, wenn man zusätzliche Argumente im Hintergrund hat, man klarer argumentiert, oder daß, weil man mehr weiß, auch zu mehr Arabesken neigt.

Eugen-Maria Schulak: Je besser ich mich auf einen Vortrag, auf eine Unterrichtsstunde oder auf ein Seminar vorbereite, desto leichter kann ich dann von meiner Vorbereitung weggehen und wirklich frei reden, wirklich frei sein, wirklich eingehen auf die anderen. Das heißt, je mehr ich für meine Zwecke im Hintergrund habe, je mehr ich schon gearbeitet habe, desto sicherer fühle ich mich.

Rainer Rosenberg: Eugen Maria Schulak, eine letzte Frage. Ihre Klienten, die zu Ihnen in die Philosophische Praxis kommen, sollen die nachher mehr wissen oder soll es Ihnen besser gehen?

Eugen-Maria Schulak: Ich würde sagen, daß das Ganze eine Verbindung ist. Ich denke, es sollte beides stattfinden. Es sollte eine Vermehrung des Wissens stattfinden und es sollte ein persönliches Wohlbefinden, eine Befriedigung stattfinden. Ich denke, Philosophie ist immer etwas - wenn es gelingt, wenn der Dialog gelingt -, das persönliches Wohlbefinden produzieren kann. Das ist das Ziel.