"Ein Wissenschafter muss Neuland betreten"

Ein Gespräch mit der Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann über ihren Werdegang, über Umfragen, Medien und die Schweigespirale

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 17. April 2003
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Der internationalen Fachwelt ist die heute 86-jährige "Pythia vom Bodensee" seit Jahrzehnten ein Begriff. Im Alter von 24 Jahren promovierte sie über "Meinungs- und Massenforschung in den USA". Sieben Jahre später, 1947, gründete sie das erste Meinungsforschungsinstitut auf europäischem Boden, das "Institut für Demoskopie" in Allensbach, das sie bis heute leitet. Seitdem hat sie mit Hilfe von mittlerweile 100 Angestellten und rund 1.900 freien Mitarbeitern mehr als 80.000 Interviews pro Jahr und etwa 5.000 Umfragen zur Erforschung von Meinungen, Verhaltensweisen und Motiven in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur durchgeführt. Ihr erfolgreichstes Buch "Die Schweigespirale" wurde in acht Sprachen übersetzt. Nach Wien kam Frau Professor Noelle-Neumann auf Einladung der Siemens Academy of Life - in ihrer Rolle als "Grande Dame der Demoskopie".

Wiener Zeitung: Sie wurden 1916 in Berlin geboren, im sogenannten Kohlrübenwinter.

Elisabeth Noelle-Neumann: Ja, das war ein Winter, in dem es kaum etwas zu essen gab. Ein Jahr hindurch nahm ich einfach nicht zu und meine Eltern sagten: "Die stirbt". Dann wurde ich zu einer Tante, einer Schwester meines Vaters, geschickt. Die hatte die Aufgabe bekommen, mich zu ernähren.

Wiener Zeitung: Wie viele Geschwister hatten Sie?

Elisabeth Noelle-Neumann: Eine ältere Schwester und zwei jüngere Brüder. Doch meine Eltern schickten mich bald weg, in eine Schule nach Göttingen, weil sie meinten, ich verdürbe meine Brüder. Dort ging ich aber kaum in die Schule, sondern viel lieber gleich auf die Universität. In meinem Abiturzeugnis war zu lesen, dass ich 180 unentschuldigte Fehlstunden hatte.

Wiener Zeitung: Ganz ordentlich.

Elisabeth Noelle-Neumann: So war das. Aber es war ja niemand da, der mir eine Entschuldigung hätte schreiben können. Doch im Grunde war das alles sehr gut, denn auf diese Weise war ich schon an die Universität gewöhnt. Ich war einfach sehr eigenwillig. Ich war so wahnsinnig eigenwillig, dass mich meine Eltern nacheinander in drei verschiedene Internate geschickt haben und jedes dieser Internate teilte meinen Eltern nach einer gewissen Zeit mit: "Nehmen Sie bitte Ihre Tochter raus!" Die Beziehung zu meinen Eltern war maßlos stürmisch. Sie mussten es ertragen, dass ich bereits mit zwölf, dreizehn Jahren spät nachts aus Bars nach Hause kam ...

Wiener Zeitung: Sie wollten ursprünglich in Wien studieren. Wie kommt man als gebürtige Berlinerin auf diese Idee?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ich hatte damals einen Freund, der in Wien lebte. Ich war verliebt und er war wirklich sehr charmant.

Wiener Zeitung: Was hätten Sie da studiert, wenn es geklappt hätte?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ach, das war mir damals ganz egal. Ich wollte eigentlich immer nur Journalistin werden. Der Weg dorthin war mir ganz gleich.

Wiener Zeitung: Woher kam der Wunsch nach Amerika zu gehen?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ich wollte nur weg aus Deutschland, dem damaligen Deutschland. Ich war bereits in der Schule die Einzige, die in keiner Naziorganisation war. Deutschland war einfach zu klein für mich und ich war immer schon eine Einzelgängerin. Deshalb wollte ich weg.

Wiener Zeitung: Und konnten Sie in Amerika sofort Kontakt zu den dortigen Meinungsforschern finden?

Elisabeth Noelle-Neumann: Mein Professor hatte mir aufgegeben, ich solle in Amerika Material für eine Doktorarbeit sammeln, nämlich was amerikanische Zeitungen tun, um ihre Leser zu fesseln. Genau über dieses Thema hat 1928 George Gallup gearbeitet. Persönlich lernte ich Gallup erst in den 50er Jahren kennen. Bei meinem ersten Amerikabesuch las ich bloß seine Kolumne in der Zeitung. Die Gallupschen Umfrageergebnisse wurden damals zweimal pro Woche in über hundert Zeitungen veröffentlicht.

Wiener Zeitung: Versuchte man nicht, Sie für die nationalsozialistische Propaganda zu gewinnen?

Elisabeth Noelle-Neumann: Goebbels hatte meine Doktorarbeit "Meinungs- und Massenforschung in den U.S.A." entdeckt und wollte, dass ich für ihn Meinungsforschung betreibe. Aber natürlich kann man in einer Diktatur überhaupt keine richtige Meinungsforschung machen. Goebbels schickte einen Adjutanten, der zu mir sagte: "Der Minister will einen Beitrag zur Kriegsanstrengung leisten und will von seinen drei Adjutanten einen an die Front schicken und bittet Sie, sein Adjutant zu werden". Da wurde ich aber sofort krank. Ein halbes Jahr später bin ich erst wieder aufgestanden. Dann wollte Goebbels mir Berufsverbot geben. Drei Mitglieder der Frankfurter Zeitung haben eine Woche lang in Berlin für meine Rehabilitierung gebettelt. Dann durfte ich wieder schreiben.

Wiener Zeitung: 1946 heirateten Sie den Journalisten und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Erich Peter Neumann, mit dem gemeinsam Sie ein Jahr später das "Institut für Demoskopie" in Allensbach gründeten. Ihre Karriere ging rasch voran. Ist Ungeduld ein Erfolgskriterium eines Wissenschafters?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ein Wissenschafter muss mehrere Bedingungen erfüllen. Er muss erstens einmal standfest sein und Spott und Hohn ertragen lernen. Wissenschafter werden sehr oft ausgelacht und viele haben sich darüber derart gegrämt, dass sie sogar das Fach gewechselt haben. Weiters muss ein Wissenschafter bis an die Grenze des Neuen gehen, sich sozusagen auf Neuland begeben. Und er soll den Mut haben, ein Ergebnis als einen Weg in die Zukunft darzustellen. Außerdem muss ein Wissenschafter ungeheuer viel arbeiten. Ich habe mein Leben lang zwölf Stunden pro Tag gearbeitet, zwei Stunden lang etwas gegessen und den Rest geschlafen. Das ist natürlich eine merkwürdige Lebensform, aber sie führte zu außerordentlich vielen Veröffentlichungen.

Wiener Zeitung: Wie sieht Ihr derzeitiger Tagesablauf aus?

Elisabeth Noelle-Neumann: Eigentlich sehr geregelt. Selbst die verlockendsten Fernsehsendungen sehe ich mir nicht an, weil ich ab 22 Uhr schlafe bis 8 Uhr morgens. Ich schlafe zehn Stunden ohne Schwierigkeiten, Nacht für Nacht. Um 9 Uhr rufe ich dann die Fragebogenkonferenz am Allensbacher Institut an. Derzeit haben wir das Thema "Antiamerikanismus", ein sehr aktuelles Thema. Ganz generell schreibe ich sehr viel. Ich bin ja noch immer Journalistin bei der FAZ. Eine meiner wichtigsten Tätigkeiten ist das Schreiben von Gutachten im Zuge meiner Arbeit an der Universität. Und dann lese ich auch sehr viel, praktisch Tag für Tag fünf Zeitungen, und zwar gründlich.

Wiener Zeitung: Zu Ihren Mitarbeitern am Institut in Allensbach zählen auch 1900 nebenberufliche Interviewer. Können Sie ausschließen, dass Ihre Interviewer die Fragebögen fälschen und sich so die Arbeitszeit verkürzen?

Elisabeth Noelle-Neumann: Vor ungefähr zwei Jahren hat die Zeitschrift "Der Spiegel" in einem Artikel beschrieben, wie die Meinungsforschungsinstitute betrügen, wie die Interviewer anstatt Interviews zu machen daheim am Küchentisch sitzen und die Fragebögen alleine ausfüllen. Und dann, merkwürdigerweise, wurden alle Institute in Deutschland angeführt, nur Allensbach nicht, weil Allensbach nämlich von einem Amerikaner das Geheimnis mitgebracht bekommen hat, wie man Fälscher entdeckt, und zwar folgendermaßen: Sie fragen am Anfang des Interviews: "Welche englischsprachigen Zeitschriften lesen Sie?" Und am Ende des Interviews befindet sich eine Frage, bei der eine Liste englischsprachiger Zeitschriften beigefügt ist: "Können Sie mir nocheinmal sagen, welche von diesen englischsprachigen Zeitschriften Sie lesen?" Die falschen Interviewer schreiben irgendwelche Titel aus dieser Liste ab. Aber ungefähr jeden zweiten Titel aus dieser Liste gibt es überhaupt nicht. Auf diese Weise wissen wir, welche Interviewer fälschen und welche nicht.

Wiener Zeitung: Ihr Buch "Die Schweigespirale" wurde ein ungeheurer Erfolg. Wie kamen Sie zu diesem Erfolgstitel?

Elisabeth Noelle-Neumann: Es waren Beobachtungen aus der Politik, die mich zu diesem Titel führten. Ende 1964 war es so, dass die beiden großen Parteien Deutschlands, CDU und SPD, im Zuge der damaligen Bundestagswahl etwa gleich stark an Stimmen waren. Und dann geschah Folgendes: Die SPD blieb gleich und die CDU stieg unaufhaltsam an. Ich fragte mich, wie das denn möglich sein konnte. Das war eine sehr schwierige Frage. Sieben Jahre habe ich gebraucht, bis ich einmal auf die Entdeckung kam, dass die SPD-Anhänger immer schweigsamer wurden und die CDU-Anhänger immer lauter. Letztere hatten das Gefühl, sie würden getragen von der öffentlichen Meinung, und Erstere hatten das Gefühl, als würde man ihnen die kalte Schulter zeigen. Ich hatte die Idee, dass der Prozess der öffentlichen Meinung sich damit erklären lässt, dass ein Lager sich für schwach erklärt und schweigsamer wird und das andere Lager immer lauter und lauter, bis man das eine Lager fast gar nicht mehr hört. Dazu fiel mir dann der Titel "Schweigespirale" ein. Ich trug meine Idee zum ersten Mal auf einem internationalen Psychologen-Kongress in Tokyo vor. Es gab eine große Diskussion. 1980 erst veröffentlichte ich diese Idee in Buchform. Mittlerweile wurde dieses Buch bereits in sieben Sprachen übersetzt, augenblicklich gerade ins Arabische. Also das freut mich schon sehr.

Wiener Zeitung: Ouml;ffentliche Meinung definieren Sie als "soziale Haut". Andererseits schreiben Sie aber auch, dass Öffentlichkeit eine anonyme Urteilsinstanz ist. Wie lassen sich diese beiden Aussagen vereinen?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ich schrieb einmal einen Artikel mit dem Titel "Öffentlichkeit als Bedrohung", auf den ich mich in der Beantwortung Ihrer Frage beziehen möchte. In diesem Artikel behaupte ich, dass sich bei normalen Menschen, die sich anziehen und außer Haus gehen, das komplette Ich-Gefühl verändert. Sie sind plötzlich der Öffentlichkeit als Bedrohung ausgesetzt. Sie müssen es einmal an sich selbst ausprobieren. Wenn man aus der Haustür geht, wird man ein anderer Mensch, weil man von allen gesehen wird.

Wiener Zeitung: Sie waren nie bei einer Partei. Trotzdem gelten Sie als eine Lebensfreundin von Helmut Kohl. Wie haben Sie Helmut Kohl kennengelernt?

Elisabeth Noelle-Neumann: Ich hielt einmal einen Vortrag an der Universität Mainz, vor der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Und als ich geendet hatte, da waren die Professoren ganz außer sich vor Begeisterung und wollten, dass ich einen Lehrstuhl an ihrer Fakultät bekomme. Ich stimmte zu, doch der damalige Kunst- und Kulturminister weigerte sich über ein Jahr lang, mich zu berufen. Dann sagte man mir, dass der Einzige, der die Sache für mich in Ordnung bringen könne, der junge Helmut Kohl sei. Kohl war damals 33 Jahre alt und der jüngste Vorsitzende einer Landtagsfraktion, nebenbei auch Rädelsführer im Chemieverband BASF. Man verschaffte mir also einen Termin bei Helmut Kohl. Als ich ihn zum ersten Mal traf, hatte er einen riesigen Hund dabei, den er zwischendurch, während unseres Gesprächs, immer wieder anfeuerte "Igo, fass den Soz, fass den Soz". Verstehen Sie das?

Wiener Zeitung: Ja, inhaltlich.

Elisabeth Noelle-Neumann: So war meine erste Begegnung mit Helmut Kohl. Und dann brachte Kohl alles für mich in Ordnung. Wir gingen gemeinsam zum Minister, mussten vormittags um 11 Uhr Weißwein trinken, der Minister wurde fröhlicher und fröhlicher und sagte schließlich: "Das mit Ihrer Berufung geht o.k.".

Wiener Zeitung: Ihre Beziehung zu Kohl hat auch umfasst, dass Sie in den Allensbacher Studien immer wieder gefragt haben, wie die Menschen über eine mögliche Vereinigung von West- und Ostdeutschland denken. Bereits früh konnten Sie nachweisen, dass es eine sehr hohe Zustimmung zu dieser Frage gab.

Elisabeth Noelle-Neumann: Das ist eines der interessantesten Beispiele, wozu die Demoskopie gut ist. Wir konnten damals natürlich keine Umfragen in der DDR machen, daran war nichts zu ändern. Aber die Westdeutschen waren überwiegend der Meinung, dass die Ostdeutschen ihre Landsleute sind. Dass die Westdeutschen die Wiedervereinigung abgeschrieben hätten, so wie es in den Medien vielfach behauptet wurde, war einfach falsch.

Wiener Zeitung: Sind Sie der Meinung, dass Ihre Grundpostulate, die Sie damals in Ihrem Buch "Die Schweigespirale" formuliert haben, heute ebenso noch Gültigkeit haben? Oder hat sich in den letzten 20 Jahren diesbezüglich etwas geändert?

Elisabeth Noelle-Neumann: Kohl erzählte mir einmal, er sei in Japan mit dem Ministerpräsidenten zusammengetroffen, der gerade eine Wahl verloren hatte. Und da habe er ihn gefragt, wie das denn passiert sei. Darauf habe der Ministerpräsident geantwortet: "Nun, Sie wissen ja, wir hatten die Schweigespirale gegen uns". Es ist praktisch heute so, dass Sie in jedem Land Lexika aufschlagen können und unter dem Stichwort "Schweigespirale" eine Eintragung finden.