Unendliche Sinne

Philosophischer Nihilismus muss nicht zwangsläufig in Depression enden - als Lob der Vielfalt kann er Bescheidenheit lehren

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 26. Mai 2000

 

Schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhundert haben mitteleuropäische Denker damit begonnen, Begriffe wie "wirklich" oder "wahr" quasi unter Anführungszeichen zu setzen. Das Wirkliche wurde sukzessive zu etwas Relativem, gleich einem Standpunkt oder einer Perspektive. Nach dem zweiten Weltkrieg, spätestens aber mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus war der philosophische Nihilismus in Europa dann in aller Munde. Die etablierten Weltbilder zersplitterten und dementsprechend wuchs die allgemeine Unsicherheit.

Das philosophische Denken, so scheint es, hat heute Abschied genommen von der Idee, alles auf einen Nenner und einen Punkt bringen zu müssen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Es präsentiert sich mehr denn je als Vielfalt und als schillerndes Panoptikum. Die zeitgemäße Utopie ist es, fixe Punkte nicht mehr zu brauchen. Der Trend geht dahin, die traditionelle Harmoniebedürftigkeit ad acta zu legen, um vor dem Chaos endgültig zu ernüchtern. Diese philosophische Berücksichtigung aller möglichen Kontexte, d.h. letztlich die Demut vor dem Unermesslichen und Unabwägbaren, hat freilich etwas Erschütterndes an sich. Fehlt nämlich das Bewusstsein für die Kraft des Absoluten, löst sich die Welt in Relationen auf.

 

Wahrheit ist Menschenwerk

Dieses Problem wurde in Ansätzen bereits in der Antike formuliert. Schon die Sophisten stellten die Möglichkeit absoluter Erkenntnis grundsätzlich in Frage. Ihr berühmtester Vertreter, Protagoras, behauptete, "dass man über jede Sache mit gleichem Recht nach beiden Seiten diskutieren kann" und die Wahrheit folglich zu den "relativen Dingen" gehört. Und dies deshalb, weil "dem einen die Dinge anders erscheinen und sind als dem anderen". Die Menschen, so Protagoras, "erfassen bald das eine, bald das andere, entsprechend ihren eigenen verschiedenen Zuständen". Sie sind in das, was sie erfassen, notwendig involviert.

Das Erfasste, die Erkenntnis, wird jeweils einen Stempel tragen, der von den Zielen und den Zwecken eines Menschen zu berichten weiß. Und dieser Mensch ist nicht allein. Auch er verweist auf etwas, steht in Beziehung und Verflechtung mit der Kultur und mit den Werten seiner Zeit. Nun sind "Werte" und "Kultur" aber Produkte menschlicher Bemühungen. Und so ist letztlich alle Wahrheit immer selbstgemacht, aus Menschenhand. Hier steckt kein Absolutes, keine göttliche Ideenwelt dahinter, auf die man sich verlassen könnte: "Der Mensch", so Protagoras, "ist der Maßstab aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind". Der Mensch ist die Zentralfigur, der Wertmesser und Mittelpunkt, alle Beziehungen gehen von ihm aus.

Wenn aber jede Einsicht, jede Wahrheit bloß am Menschen hängt, alles nur relativen Wert und relative Gültigkeit hat, dann muss der, der solches denkt, will er konsequent sein, auch seine eigene Relativität behaupten. Protagoras ist sich dessen bewusst. Und so kann man, behauptet er, nicht nur "über jede Sache mit gleichem Recht nach beiden Seiten diskutieren", sondern auch "eben darüber, ob sich über jede Sache nach beiden Seiten diskutieren lasse". Damit wird letztlich alles zu hinterfragen sein, selbst der eigene Ansatz. Dem Ansatz selbst tut dies in seinen Zwecken keinen Abbruch - im Gegenteil.

Dass sich alles von verschiedenen Standpunkten aus betrachten lässt, scheint unmittelbar verständlich zu sein. Doch dass die Vielfalt zu Bewusstsein kommt und dann der Einfalt auf die Sprünge hilft, ist überaus selten. In der Regel klammern wir uns, Ertrinkenden gleich, an jenem Stückchen Wahrheit fest, das uns durch allerlei Zufall zuteil geworden ist. Wir meinen, dass unser Selbst an diesem Stückchen seine Wurzeln hat. So erreichen wir viel. Doch wir verlieren auch: Ganz bewusst verdichten wir das Denken um gewisse Regionen, fördern deren Durchblutung und nehmen in Kauf, dass uns der Rest der Welt verloren geht. Freilich: Tun wir dies nicht, haben wir auch nichts Konkretes in der Hand. So konzentrieren wir uns. Wir wählen und entscheiden, und indem wir uns für etwas entscheiden, entscheiden wir uns in einem Zug auch gegen das, was diesem Einen dann entgegensteht.

Wir sollten deshalb, so Nietzsche in diesem Kontext, einmal "das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen [...] und die ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht". Wir sollten "die notwendige Ungerechtigkeit in jedem Für und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unablösbar vom Leben". Die Welt wird uns dann "noch einmal unendlich" werden, da wir die Möglichkeit keineswegs ausschließen können, dass sie "unendliche Interpretationen" in sich birgt. Es wird uns zu Bewusstsein kommen, dass es nicht eine Wahrheit, einen Sinn, sondern "unendliche Sinne" zu entdecken gilt, und dass sie niemals Tatsachen sind, denn: "Gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen". Jede Erkenntnis ist ihrem Wesen nach "etwas Setzendes, Erdichtendes, Fälschendes"; jede Philosophie, die sich im Vollgefühl der Wahrheit glaubt, bloß eine "lächerliche Unbescheidenheit".

Für Nietzsche ist das Phänomen des Nihilismus auch ein Kennzeichen gesellschaftlichen Umbruchs. So ist er einerseits "Symptom davon, dass die Schlechtweggekommenen keinen Trost mehr haben", den sie in Form der Religion in früheren Zeiten durchaus hatten. Die Folgen sind generelle Unlust am Dasein, das Gefühl eines allgemeinen "Umsonst", Resignation und Passivität. Andererseits ist "Nihilismus" aber auch das "Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen". Im Gegensatz zum Nihilismus der schlecht Weggekommenen tritt dieser aktive Nihilismus vor allem "bei günstiger gestalteten Verhältnissen auf. Schon, dass die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein relatives Wohlleben". "Nihilismus" ist für Nietzsche demnach nur insofern von Vorteil, als er einen auch nicht psychisch ruiniert. Für schlecht Weggekommene, für Menschen ohne Esprit und Lichtblick ist er das reinste Gift.

 

Relativität der Sprache

Auch das Problem der Relativität der Sprache warf bereits in der Antike nihilistische Gedanken auf. "Das Organ", so der griechische Philosoph Gorgias, "wodurch wir etwas mitteilen, ist das Wort. Das Wort aber ist nicht das Ding, das existiert. Wir teilen unseren Mitmenschen also nicht die Dinge mit, sondern Worte, die von den Dingen selber ganz verschieden sind". Die Dinge und die Worte, welche die Dinge bezeichnen wollen, sind miteinander nicht ident. Dinge repräsentieren unsere Außenwelt, Worte unsere Gedanken. Beide stehen freilich in Beziehung zueinander. Diese Beziehung kann einfach, doch auch problematisch sein, "denn auch die Skylla und die Chimaira", so Gorgias, "und vieles andere, was nicht existiert, kann man sich denken". Umgekehrt gibt es Dinge, von denen sich nur mit Mühe sprechen lässt, obwohl sie zweifellos zu existieren scheinen.

Doch selbst wenn das Verhältnis zwischen Ding und Wort ein klares wäre, hätte man das Problem der Sprache damit noch keineswegs gelöst. Denn "wenn es auch möglich ist, ein Wort zu vernehmen, ja genau zu vernehmen - wie ist es möglich, dass sich der Hörende dasselbe wie der Redende darunter vorstellt?" - "Wo nun solche Schwierigkeiten aufgeworfen sind", so Gorgias, "ist das Kriterium der Wahrheit zunichte gemacht". Bloß: Die Sprache, ist das Medium der Philosophie.

Wie sich aber "Sprache" als Gesamtphänomen nur in der Vielfalt ihrer weltweiten Ausprägungen zeigt, ist auch die Einzelform für sich erst in den vielfältigen Arten ihres Gebrauchs greifbar. Die Sprachen der Dichter, Arbeiter, Jäger und Computerfachleute werden unter Umständen um nichts weniger differieren als jene der Chinesen, Deutschen, Araber und Eskimos. Auch ob man ein und dasselbe Wort innerhalb eines Befehls, eines Theaterstücks oder eines Witzes verwendet, ob man mit diesem Wort "bittet, dankt, flucht, grüßt oder betet", wie Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen schreibt, ist für die tiefere Bedeutung dieses Wortes keineswegs gleichgültig.

Der Sinn der Worte entsteht demnach erst innerhalb eines praktischen Zusammenhanges. Diesen Kontext nennt Wittgenstein "Sprachspiel". Denn wie beim Spielen eines Brettspiels, bei dem wir die Spielfiguren nach bestimmten Regeln nach und nach verschieben, setzen wir auch beim Spielen eines "Sprachspiels" Worte und Sätze regelhaft ein. Diese Regeln sind freilich komplexer als jene eines Brettspiels. Gleich Organismen entziehen sie sich der vollständigen Analyse.

Die Komplexität der Sprache ergibt sich aus dem Umstand, dass es sich beim Sprechen eben nicht bloß um den Gebrauch von Wörtern und Sätzen handelt. Gebärden, psychische Verhaltensmuster, implizite Bedeutungen, Ziele, Zwecke, Vergangenheit und Zukunft, ja der komplette soziale Kontext, in dem sich der Sprecher und sein(e) Hörer befinden, geben dem Gesagten erst seine volle und wahre Bedeutung.

Ein "Sprachspiel" zu beschreiben, kommt dem Erzählen einer langen, vielleicht unendlichen Geschichte gleich. Sprache, so Wittgenstein, ist "Teil einer Tätigkeit". Sich diese Tätigkeit umfassend vorstellen, heißt, "sich eine Lebensform vorstellen". Das "Sprachspiel", das ich spiele, die Lebensform, die ich lebe, bestimmt mein Weltbild. Und wie es nicht nur ein Spiel gibt, gibt es auch nicht nur eine Wahrheit. Diese Mannigfaltigkeit gilt es philosophisch zu verkraften und letztlich zu verstehen. Denn: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt".

In der "Zerstreuung von Sprachspielen", so Lyotard im Anschluss an Wittgenstein, "scheint sich das soziale Subjekt selbst aufzulösen. Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, dass dieses Selbst wenig ist". Versucht man dem Gewirr an Stimmen eine klare Linie zu geben, tut man der Heterogenität der Sprachspiele zwangsläufig Gewalt an. Und zwar deshalb, weil "eine universale Urteilsregel in Bezug auf ungleichartige Diskursarten im Allgemeinen fehlt". Gerechterweise lässt sich die Welt nur in einer Vielzahl von Lebensformen, Differenzen, Widersprüchen und Gegensätzen fassen. Der Wunsch nach Einfachheit und klarer Linie kommt dagegen einer Kriegserklärung gleich. Als Ziel der Diskussion den Konsens anzusehen, ist blanke Aggression.

 

Verhängnisvolle Ganzheit

"Wir haben die Sehnsucht", so Lyotard, "nach dem Ganzen und dem Einen [...] teuer bezahlt". Das kollektive Ziehen an einem Strang, der Gedanke des einen Ziels, an dem alle beteiligt sein sollen, an dem alle mitarbeiten müssen, hat letztlich die Schreckensherrschaft des Kommunismus wie den Faschismus produziert. Die Subsumierung vieler unter ein einziges Ziel erwies sich als verhängnisvoll. Demgegenüber "muss nunmehr die Betonung auf den Dissens gelegt werden". Dies "verfeinert", so Lyotard, "unsere Sensibilität [...] und verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen".

Dem philosophischen Nihilismus, so könnte man zusammenfassend sagen, geht es vorrangig um die Zerstreuung von Macht, um die Auflösung jeder Form von überindividuell fundierter Ganzheit, da diese als die Wurzel des Terrors und der Ungerechtigkeit begriffen wird. Stattdessen wird der Vielfalt an Perspektiven, Lebensformen, Denkstilen und Sprachspielen weitgehend Tribut gezollt.

Dies hat die Auflösung des Wahrheitsbegriffes und eine fundamentale Skepsis zur Folge. Ob dieser Nullpunkt allen Denkens Paralyse und Dekadenz bedeutet oder den Sprung ins Wunderland der Philosophie, wird eine Frage der Konstitution des Einzelnen sein. Die Euphorie freilich ist in jedem Fall gedämpft: Das Philosophieren übt sich in maßvoller Bescheidenheit, der Weg wird zum Ziel der Bewegung.