Ein Quantum Kälte und Härte

Nietzsches Denken bleibt auch im 21. Jahrhundert
eine gewaltige Herausforderung

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 25. August 2000

 

Friedrich Nietzsche, Sohn eines Pastors, wuchs religiös und von dominanten Frauen geführt auf. Stets war er krank, schüchtern, höflich, dicklich und ließ sich auf seinen Reisen von der Mutter Kakao und Würste nachschicken, wobei er letztere auch über seinen Schreibtisch zu hängen pflegte. Vor allem aber war Nietzsche außergewöhnlich begabt.

In seinen Zwanzigern zeigte sich seine Genialität zunächst auf dem Gebiet der alten Sprachen, in denen er rasch Professor wurde. Nietzsches erste größere Publikation, "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", von 1872 setzte seiner aufstrebenden Karriere als Philologe jedoch ein jähes Ende. In Fachkreisen empfand man sein Buch als unwissenschaftlich, ja geradezu verstiegen. Auf Grund seiner Liebe für die griechische Kultur des Geistes verließ er das Gebiet der Wissenschaft und wurde Philosoph. Nietzsche unterrichtete weiterhin an der Universität, hatte stets bloß eine Hand voll Hörer und musste nach etlichen Jahren dann krankheitshalber aus dem Lehrberuf ausscheiden. Zeit seines aktiven Lebens konnte er weder in seinem angestammten Fach noch als Philosoph mehr reüssieren.

Immerzu reisend, schreibend und weitgehend resonanzlos publizierend verarmte er schließlich. Seine Krankheit - wahrscheinlich Syphilis - und mit ihr der körperliche Schmerz wurden zunehmend unerträglich. Die letzten Jahre seines Lebens starrte Nietzsche dann nur noch sprachlos auf die Welt, geistig verfallen, im Rollstuhl und gelähmt. Darüber, dass die Welt ihn zunehmend zu entdecken begann und Richard Strauss ihm eine Tondichtung mit dem Namen "Also sprach Zarathustra" als Huldigung darbrachte, konnte Nietzsche sich nicht mehr freuen. Betrachtet man jene letzten Fotografien, welche noch kurz vor seinem Tod im Haus seiner ihn pflegenden Schwester in Weimar aufgenommen wurden, mit der Lupe, packt einen das Grauen.

 

Das Kampfspiel

"Leben" nennt Nietzsche das, was ihm der höchste Wert ist. Vor allem das menschliche Leben in seiner Pracht, in seiner Vitalität und vollen Spannkraft ist hier gemeint. Aus dieser Spannkraft ist der Maßstab allen Denkens, aus ihr sind auch die letzten Wahrheiten der Philosophie zu gewinnen. Ein Denken, welches die Wahrheit hingegen bloß im Logischen, im Toten und Abstrakten sucht, wird falsch und krank sein. Den Takt des Blutes immer nur zu überhören, bringt auch den Geist zu Fall, soviel steht fest. Und so hat Nietzsche Abscheu vor den Philosophen. Fast alle sind sie Biedermänner, Christen, gute Menschen. Und "gute Menschen reden nie die Wahrheit". Bis "in den Grund hinein verlogen und verbogen" wurde alles durch die Guten.

"Zu jedem ‚klassischen‘ Geschmack" hingegen - und nur ein solcher kann den Philosophen sicher tragen - gehört notwendig auch "ein Quantum Kälte, Luzidität und Härte". Die Wahrheit zu erkennen, erfordert Mut, denn sie ist keineswegs ein angenehmes Schmeichellied. Wer denkt und dabei nicht im Stande ist, dem Leben auf den harten Grund zu sehen, der kann nur lügen.

Der Sinn des Lebens ist ein festes, kräftiges Lebendig-Sein. Je mehr das Leben danach strebt und dies erreicht, desto eher findet es zu sich, zu seinem Wesen, ja zu dem, was seine Wahrheit ist. Dann kann es auch sich selbst genießen, sicher sein in seinem Tun. Und schließlich hat es damit auch erreicht, worum im Grunde sich doch alles dreht: sich stetig zu behaupten. Das Leben, so Nietzsche, sei zu definieren als ein "Prozess der Kraftfeststellungen", als ein "Kampfspiel". Was aber ist dabei unter Glück zu verstehen? - "Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird."

Nietzsches Parole ist überaus deutlich: "Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht - was erschöpft. Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert". Und wofür diese Kraft? - Um zu gewinnen, um Sieger zu sein, um im Vollgefühl der Stärke lachen zu können. "Ihr solltet lachen lernen", meint Nietzsche, denn er weiß, dass es den meisten schon vergangen ist.

 

Ja-Sagen zur Welt

Dionysos, der Gott des (schöpferischen) Rausches und der wilden Lebensart, wird für Nietzsche zur Symbolfigur all dessen, was ihm wertvoll ist. Ursprünglich thrakischer Herkunft, wurde der Dionysos-Kult im alten Griechenland rasch populär, mancherorts sogar zur "Plage". So sah man nachts hoch auf den Bergen Feuer brennen, hörte Flöten und Trommeln und wusste, dass die Jugend sich versammelt hatte. Besessen von der Tanzwut drehte sie sich in großen Gruppen im Kreise, so lange, bis der Gott in Gestalt des Stieres von ihr Besitz ergriff.

Dieser dionysische Zustand fasziniert Nietzsche vor allem deshalb, weil er uns helfen kann, die Ordnung zu brechen und über die Schranken der Normalität hinwegzukommen. In seinem Übermut, in seiner ungezügelten Begierde kann Dionysos uns Vorbild sein. Seine Welt muss wiedererinnert werden, bevor es zu spät ist, bevor wir im bürgerlichen Mittelmaß ersticken. Gemeint ist eine geistige Vorliebe für alles Subversive, "eine Sympathie für das Schreckliche und Fragwürdige, weil man, unter anderem, schrecklich und fragwürdig ist, [...] eine Rechtfertigung des Lebens, selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten, Lügenhaftesten".

Und so ist Nietzsche letztlich Pädagoge. Wir sollen das Leben nicht bloß ertragen, sondern lieben lernen. Das Leben ist und bleibt das Einzige, was wir haben. Und wenn wir es nicht lieben können, d.h. uns selbst nicht lieben können, leben wir umsonst. Das Kennzeichen einer dionysischen Lebensart ist demnach "das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen". "Werdet hart!", rät uns Nietzsche, und "liebt euer Schicksal".

Nietzsches Philosophie läuft demnach auf das Gegenteil von Resignation hinaus: auf ein Ja-Sagen zur Welt. Trotz ihrer Ungöttlichkeit bleibt sie der Spielraum allen Handelns. Das Furchtbare und Fragwürdige wird als Stimulation und Ansporn begriffen, das Dunkle zur Schärfung der Wahrnehmungskraft akzeptiert. Nur im Kampf, in der Feindschaft, nur Aug in Aug mit dem "Harten, Schauerlichen, Bösen und Problematischen" kann die Persönlichkeit reifen. - Erkenntnis ist eine Frage der beinharten Konfrontation.

 

Kampf ums Optimum

Entwicklung, das bewusste Heraustreiben und Auswickeln des Noch- Möglichen, der ewige Kampf um das Optimum, ist für Nietzsche geradezu eine Frage des Anstands, das Thema einer neuen, noch zu schaffenden Moral. In kultureller Hinsicht meint sie ein endloses Bemühen um die bestmögliche Manifestation, erfordert sie die heroische Existenz von Menschen, die sich leidvoll bewusst sind, dass das Bessere des Guten Feind ist. Und so zerreißen sie unaufhörlich Manuskripte, versetzen Noten, übermalen Bilder, bis sie sich endlich von etwas überzeugen oder es aus Kräftemangel gut sein lassen. Dabei geht es keineswegs um Glück, sondern bloß um "Entwicklung und weiter nichts".

Den leuchtenden Stern solchen Denkens nennt Nietzsche "Übermensch". Er ist Gleichnis und Symbol für den möglichen Gott innerhalb der menschlichen Gattung. Sich dieser Idee permanent annähern zu wollen, hat einen immanenten, gattungsspezifischen Sinn. Alles andere ist Resignation, Apathie, Verfall. "Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?"

Was haben wir getan, um uns zu überwinden, um uns in Optimalform zu bringen? Vielleicht lassen wir uns nur mehr treiben, lassen alles mit uns geschehen. Vielleicht sind wir bereits hohl, stumpf, bieder, mittelmäßig und merken es nicht einmal. Haben wir noch Mut und Kraft? Denken wir überhaupt noch weiter, als es unbedingt notwendig ist? - Wir sind zahme Haustiere geworden und insgeheim ekeln wir uns vor uns selbst. Nietzsches Zarathustra weiß Bescheid, ist verzweifelt, will in all seiner Verzweiflung rettend dazwischen schlagen: "Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel! Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet? Seht, ich lehre euch den Übermenschen: Der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!"

 

Kultivierung

Das Leben zeigt sich in seiner Pracht erst dann, wenn es sich im Kampf - mit und um sich selbst - stetig in die Höhe schraubt. Höchste Entfaltung bedeutet hier höchste Intensität, höchste geistige Spannkraft und Dichte, einen inneren Reichtum, der voll Stolz sich ganz nach außen kehrt. Im Vergleich dazu brennt das bloß bürgerliche Leben auf kleiner Flamme. Es ist das Bewahren-Wollen, das Glück in der Zufriedenheit, das eine Schwäche der Moral sofort verrät. Von Adel hingegen sind die, welche sich niemals zufrieden geben, welche ständig über sich selbst hinauswollen und ihr Leben bewusst im Zeichen von Ideen führen. Denn dies ist der "Grundgedanke der Kultur, insofern diese jedem Einzelnen von uns nur eine Aufgabe zu stellen weiß: die Erzeugung des Philosophen, des Künstlers und des Heiligen in uns und außer uns zu fördern und dadurch an der Vollendung der Natur zu arbeiten".

Kultur, so Nietzsche, ist "das Kind der Selbsterkenntnis [...] und des Ungenügens an sich". Sie ist die Folge einer tief sitzenden Unzufriedenheit: "Jeder Mensch pflegt in sich eine Begrenztheit vorzufinden, seiner Begabung sowohl als seines sittlichen Wollens, welche ihn mit Sehnsucht und Melancholie erfüllt; und wie er aus dem Gefühl seiner Sündhaftigkeit sich hin nach dem Heiligen sehnt, so trägt er, als intellektuelles Wesen, ein tiefes Verlangen nach dem Genius in sich". Dieses Verlangen manifestiert sich in solchen Menschen, die lieben können, deren Seele sich öffnet, die fähig sind, ihr Herz an etwas Großes und Bedeutendes zu hängen.

In der Ergriffenheit, in dieser "ersten Weihe", liegt nun der Keim zu jenem Wunsch, den Kampf auch aktiv aufzunehmen. Erst das schmerzliche Bewusstsein wahrer Größe - als Stachel des verfeinerten Gewissens - kehrt ein schlummerndes Talent nach außen und gibt ihm Willenskraft und Stärke. Denn "in die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: In weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten - darum braucht es Höhe! Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden".

 

Pathos der Distanz

Mit Platon, dem Christentum und vor allem mit der Philosophie der Aufklärung wurden in Europa und später in Amerika gewisse Wertvorstellungen publik, die durch die Arbeit demokratischer Bewegungen schließlich weltweit auch politisch wirksam wurden. Diese Macht, so Nietzsche im vorigen Jahrhundert, zeigt sich in der Tatsache, dass der "Herdenmensch" seine Werte und Ideale selbst den höchstentwickelten Mitgliedern der Gesellschaft als Moralkodex sukzessive aufzwingt. Werden jene Werte und Ideale tatsächlich von allen akzeptiert, ist das soziale Werk vollbracht: Alle setzen nun ihren Maßstab gemäß dem Durchschnitt.

Stellt für die "im Leben schlecht Weggekommenen", schreibt Nietzsche, das heißt für die in allen Formen des Glücks und der Begabung Minderbemittelten, die Erreichung eines durchschnittlich guten Lebens freilich etwas Wünschenswertes dar, so bedeutet er für die "gut Weggekommenen" den Blick nach unten, von dem sie keineswegs mehr nennenswerte Vorteile für sich abziehen können. Im Gegenteil: Sie werden hinuntergezogen. Sind Wert-, Qualitäts- und Kulturvorstellungen aber nicht mehr an den höchstentwickelten Mitgliedern der Gesellschaft orientiert, sondern an der Mehrheit, meint Nietzsche, führt dies zur kollektiven Degeneration. Dass der "Herdenmensch" am Ende gar den Sieg davonträgt und ihm die überlegeneren Kräfte dabei noch geholfen haben werden, geht Nietzsche wider den Geschmack. Der moralische Selbstmord der Privilegierten muss verhindert werden: "Das Höhere soll sich nicht zum Werkzeug des Niederen herabwürdigen".

Dieses "Pathos der Distanz", welches einer aristokratisch gestimmten Seele aus der Abwehr alles Niederen und Gewöhnlichen erwächst, ist die Bedingung für die "Herausbildung immer höherer, seltenerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus ‚Mensch‘". Und Zarathustra meint: "Denn so redet mir die Gerechtigkeit: ‚Die Menschen sind nicht gleich‘. Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche? Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: So lässt mich meine große Liebe reden! [...] Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen der Werte: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass das Leben sich immer wieder selber überwinden muss!".

 

Wille zur Macht

Die Forderung nach unentwegter Selbstüberwindung und Kultivierung, nach einer Moral der Entwicklung, erfährt ihre höchste Rechtfertigung in einem "Willen zur Macht". Diesen Willen beschreibt Nietzsche als "das innerste Wesen des Seins", als die "Essenz" der Welt, als das eine Prinzip, dem alles unterworfen ist. Das Wesentliche am Leben, das für Nietzsche "spezifisch ein Wille zur Akkumulation von Kraft" bedeutet, ist seine "ungeheure, gestaltende, von innen her formschaffende Gewalt, welche die ‚äußeren Umstände‘ ausnützt, ausbeutet". Hier ist Lust im Spiel. Wir sind nicht bloß am Leben, sondern permanent am Sprung, lauernd und geil. Und wir sind es deshalb, weil wir etwas, oder besser alles, für uns gewinnen wollen.

Nietzsches metaphysisches Konstrukt eines "Willens zur Macht" reicht freilich weit über die Phänomene des Alltagslebens hinaus. Als kosmisches Prinzip durchdringt es die Materie vom Größten bis zum Kleinsten. Das Wesen der Physik läuft demnach dahinaus, "dass jeder spezifische Körper danach strebt, über den ganzen Raum Herr zu werden und seine Kraft auszudehnen". Selbst das Atom ist wesenhaft machtausübend, ist charakterisiert durch "die Wirkung, die es übt, und die, der es widersteht", ist "ein Quantum Wille zur Macht". Und hätte Nietzsche von der Expansion des Alls gewusst, so hätte er dies mit Sicherheit als Einverleibung, als Vergewaltigung des Raumes interpretiert. Im Zucken der Amöbe wie in den Bewegungen des Geistes, im Rasen der kleinsten Teilchen wie im Strahlenkranz der Sterne waltet Natur in Form des unentwegten Vorwärtsdrängens, Vorwärtswollens, Vorwärtsstoßens. Alles strebt, strebt zu auf etwas, und "Streben ist nichts anderes als Streben nach Macht".

Ob sich die Macht in einem Mehr an Raum, Zeit, Nahrung, Sicherheit, Geld, Sex oder Bildung zeigt, ist bloß eine Frage, welche Wesenheit hier zur Macht will. An sich, in sich, ist alles wesensmäßig in der einen Bewegung. Diese zu erkennen ist die Aufgabe des letzten Metaphysikers: "Wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!".

 

Unendliche Sinne

Dass sich alles von verschiedenen Standpunkten aus betrachten lässt, scheint unmittelbar verständlich zu sein. Doch dass die Vielfalt zu Bewusstsein kommt und dann der Einfalt auf die Sprünge hilft, ist überaus selten. In der Regel klammern wir uns, Ertrinkenden gleich, an jenem Stückchen Wahrheit fest, das uns durch allerlei Zufall zuteil geworden ist.

Wir sollten deshalb, so Nietzsche, einmal "das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen[...] und die ganze intellektuelle Einbuße, mit der sich jedes Für, jedes Wider bezahlt macht". Die Welt wird uns dann "noch einmal unendlich" werden, da wir die Möglichkeit keineswegs ausschließen können, dass sie "unendliche Interpretationen" in sich birgt. Es wird uns zu Bewusstsein kommen, dass es nicht eine Wahrheit, einen Sinn, sondern "unendliche Sinne" zu entdecken gilt, und dass diese niemals Tatsachen sind, denn: "Gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen".

Jede Erkenntnis, so Nietzsche, ist ihrem Wesen nach "etwas Setzendes, Erdichtendes, Fälschendes"; jede Philosophie, die sich im Vollgefühl der Wahrheit glaubt, bloß eine "lächerliche Unbescheidenheit". "Je mehr Affekte wir über eine Sache zu Wort kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen, wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsere ‚Objektivität‘ sein".

 

Nihilismus

Für Nietzsche ist das Phänomen des Nihilismus letztendlich Kennzeichen eines breiten gesellschaftlichen Umbruchs. So ist er einerseits "Symptom davon, dass die Schlechtweggekommenen keinen Trost mehr haben", den sie in Form der Religion in früheren Zeiten durchaus hatten. Die Folgen sind generelle Unlust am Dasein, das Gefühl eines allgemeinen "Umsonst", Resignation und Passivität.

Andererseits ist "Nihilismus" aber auch das "Anzeichen für ein einschneidendes und allerwesentlichstes Wachstum, für den Übergang in neue Daseinsbedingungen". Im Gegensatz zum Nihilismus der Schlechtweggekommenen tritt dieser aktive Nihilismus vor allem "bei günstiger gestalteten Verhältnissen auf. Schon dass die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein relatives Wohlleben". "Nihilismus" ist demnach nur insofern von Vorteil, als er einen auch nicht psychisch ruiniert. Für Schlechtweggekommene, für Menschen ohne Esprit und Lichtblick, ist er das reinste Gift.

 

Der freie Geist

Das, was unsere geistige Entwicklung stets verhindert, so Nietzsche, ist unser Drang, alles festnageln zu wollen, unsere Sucht nach Theorien, nach Schemata, in denen es sich leichter denken lässt. Stets wollen wir Sicherheit und Ordnung, selbst in der Philosophie.

Das Offenhalten, das freie Fließen-Lassen der Interpretationen, die Lust an Vielfalt und Verwirrung, an überraschenden Wendungen, beunruhigt uns viel zu sehr. Erst als Fixierte finden wir Ruhe. Es wäre hingegen "eine Freiheit des Willens denkbar, bei der ein Geist [...] jedem Wunsch nach Gewissheit den Abschied gibt. Ein solcher Geist wäre der freie Geist par excellence". "Was zwingt uns", fragt sich Nietzsche, "überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ gibt? Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesamttöne des Scheins?"

In diesem Kontext bringt Nietzsche auch die Kunst ins Spiel. Den Schein gilt es stets dicht zu weben und nachhaltig in ihm zu leben, denn ohne ihn bleibt nur der kalte Schweiß: "Die Wahrheit ist hässlich: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen". Der Glaube an die Wahrheit, an die Verbindlichkeit des Denkens zerbricht dem Geist im Endeffekt die Flügel. Ist er ans Ziel gelangt, so bleibt er treu, hängt flatternd fest ein Leben lang.

Ein freier Geist hingegen wird an der Vielfalt sich berauschen. Denn "Nichts ist wahr" und "Alles ist erlaubt". Mit seinen Bildern und Worten und seiner Liebe im Herzen wird der freie Geist fliegen und tanzen wollen. Freilich weiß er, dass alles bloß "umsonst" sein wird. Doch er weiß auch, dass er dies keineswegs zu akzeptieren braucht.

 

Nie ganz aus der Mode

Die Beschäftigung mit Nietzsches Werk und Leben anlässlich seines hundertsten Todestages hat kaum viel dazu beigetragen, dass die Gedanken dieses brillanten Meisterschreibers auch heute noch Objekt der philosophisch-literarischen Begierde sind. Denn Nietzsches Schriften sind niemals völlig aus der Mode gekommen. Dem Philosophen ist tatsächlich vieles durch den Kopf gegangen, was uns zwangsläufig irritiert und bei eingehender Prüfung keineswegs gleichgültig sein kann.

Seine fein gearbeiteten Sätze sind nach wie vor fähig, im Leser Spuren zu hinterlassen, wie es Texten nur selten gelingt: Man wird zornig mit Nietzsche, man wird aber auch bestärkt, angewidert, unterhalten, analysiert, beschämt und erhoben.