Management der Natur - System der Zukunft?

Die Natur braucht Management

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak
Vortrag anlässlich der EMAS-Konferenz, 2. Juni 2005, Congress-Center Villach
veranstaltet vom Lebensministerium (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft)

 

Wer hätte noch vor hundert oder hundertfünfzig Jahren gedacht, dass man unsere Umwelt einmal wird managen müssen, so wie heute.

Bis noch nicht vor allzu langer Zeit war die Natur weitgehend eine Wildnis, mit unüberwindbaren Hindernissen. Als sich damals etwa die Amerikaner nach Westen durchschlugen, als sie Schienen und Straßen durch die Wälder und Steppen Amerikas bauten, versuchten sie diese wilde Natur zu bezwingen. Mit Sicherheit glaubten sie damals, dass die Natur letztlich immer die stärkere und der Mensch in der Defensive sein wird. Aber sie bemühten sich, nahmen viele Strapazen in Kauf, um die Natur für sich nutzbar zu machen und um den eigenen Einflussbereich auszudehnen.

Heute, zumindest in unseren Regionen, scheint es, als wäre die Natur gegenüber uns Menschen die schwächere geworden. Hier in Europa gibt es keine Tsunamis und keine Ozonlöcher. Hier in Österreich gibt es keine unbezwingbare Natur mehr, vor der wir uns in Acht nehmen müssten. Ja freilich, dann und wann eine Überschwemmung oder ein kleines Erdbeben. Aber das war es dann auch schon. Der Schaden ist behebbar. Würde man die großen Flüsse des Landes in den für den Menschen gefährlichen Regionen mit seitlichen Metallwänden versehen, die man in Gefahrenzonen und bei Bedarf auf Knopfdruck hochfahren kann, dann wäre die Hochwassergefahr in Österreich weitgehend gebannt.

Ich gehe davon aus, dass es in Österreich so etwas wie eine unberührte Natur gar nicht mehr gibt. Und zwar insofern, als man die wenigen echten Urwälder des Landes ja gar nicht mehr betreten kann. "Eintritt strengstens verboten. Geschütztes Gebiet" steht vor diesen Urwäldern. Ohne eine Sondergenehmigung biologischer Institute kann man diese Wälder so etwa jenen bei Gutenstein oder bei Wildalpen gar nicht mehr betreten. Es handelt sich gleichsam um Forschungsstätten oder um für die Öffentlichkeit gesperrte Museen, in denen sich die Natur abspielt. Und man weiß auch offensichtlich nicht, was man mit dieser Natur eigentlich anfangen soll, denn man betritt sie kaum, verwaltet sie bloß, managt sie eben, unter wissenschaftlicher Aufsicht.

Natur ist also zum Museum geworden. Für den gewöhnlichen Konsumenten ist dieses Museum begehbar mit Hilfe des Fernsehers. Nicht umsonst sind Formate, Fernsehsendungen wie "Universum" derart populär. Hier kann man die Natur bestaunen, kann eine Dose Red Bull oder Bier öffnen oder die Schokolade auspacken, die Füße hochlagern, - so lange, bis man an der Natur satt geworden ist und sie wieder abdreht. Bilder der unberührten Natur sind so zu einem Konsumartikel geworden.

Wohlhabendere Menschen nehmen ein Flugzeug, fahren etwa auf die Galápagosinseln und sehen sich dort gleichsam "live" satt, und fahren anschließend durch was auch immer gestärkt wieder heim. Jene, die uns auf den Galápagosinseln empfangen, sind zweifellos Manager, also hochdotierte Angestellte der dortigen Grundbesitzer bzw. des dortigen Staates. Diese Manager versuchen, die Natur, die selbst dort nicht mehr unberührt ist, zu erhalten und sie gleichzeitig optimal zu vermarkten.

Diese Manager können deshalb von jener speziellen Tätigkeit leben, weil ein Markt vorhanden ist, der in einem steigenden Ausmaß auf die Galápagosinseln drängt. Es drängt sich demnach auf, dass die Natur gemanagt wird, gemanagt werden muss. In jedem Fall ist selbst diese Natur dort in weiter Ferne, dort auf den Inseln, eben weil sie gemanagt wird und gemanagt werden muss keine wirkliche Natur mehr, sondern ein Reservat, ein Refugium, ein Museum.

Aber warum versuchen wir eigentlich die Natur zu erhalten? Was bringt uns dieses mittlerweile kostspielige Unterfangen? Ist es deshalb, damit wir noch mehr und noch schönere Naturfilme drehen können, die wir uns dann genüsslich im Fernsehen ansehen? Ist es deshalb, damit wir noch ausreichend schöne Reservate und Naturmuseen haben, die wir dann um teures Geld und vorsichtig, wie eine Kirche, betreten können?

Erinnern sie sich noch an die große und panische Diskussion um den sauren Regen vor etwa zwanzig Jahren? Man meinte, der Wald werde in absehbarer Zeit sterben. Sehen sie sich um in Österreich, gehen sie spazieren wo sie wollen von einem sterbenden Wald werden sie nichts bemerken. Jene, die uns damals weismachen wollten, dass der Wald stirbt, werden es schwer haben, uns einen solchen Tatbestand heute glaubhaft zu beweisen.

Vielleicht wird man in absehbarer Zeit auch das Ozonloch "stopfen" können. Und vielleicht wird man Photosynthese-Maschinen erfinden, die genügend Sauerstoff produzieren. Vielleicht wird man auch die gefährlichen Kohlenwasserstoffe neutralisieren oder ins Weltall ableiten können. Vielleicht wird man die Natur in der Tat einmal restlos bezwingen, d.h. total kontrollieren können. Dann wäre das Werk vollbracht. "Macht euch die Erde untertan" heißt es in der Bibel. Wir sind am besten Weg dazu.

Es fällt mir zugegeben schwer, diese Entwicklung prinzipiell zu kritisieren. Wer sagt denn, dass wir tatsächlich am falschen Weg sind? Seit dem großen französischen Aufklärer und Philosophen Jean-Jacques Rousseau sind wir der Meinung, zur Natur zurückkehren zu müssen. Als ob das natürliche Leben heute noch irgend jemanden ernsthaft interessieren würde! Wir benutzen die Natur als Erfrischung, als Erholung, als Museum, als einen Guckkasten. Aber wir sind sehr froh, dass wir nach ein paar Gelsenstichen und Sonnenbränden dann wieder in unsere High-Tech-Wohnungen zurückkehren können, in denen alles auf Knopfdruck funktioniert.

Wir sind Romantiker, wenn wir uns für ein paar Tage der Natur überlassen, etwa um einen Berg zu besteigen, angeln zu gehen oder über Hügelketten zu wandern. Aber wir wollen nicht wirklich in der Natur sein, wenn wir in der Natur sind! Dies ist so zu verstehen, dass wir nicht mehr in der Natur leben wollen, eben deshalb, weil wir keine Tiere mehr sind. Nur ein Tier fühlt sich in der Natur wirklich wohl, in dem Sinne, dass es dort leben möchte; der Mensch fühlt sich in der Natur auf Dauer nicht wirklich wohl.

Aber wir wissen nicht einmal, ob sich die Tiere in der Natur wirklich wohl fühlen. Denn die Natur ist kein Guckkasten. Wissen wir wirklich, ob sich etwa das Reh, wenn wir ihm bei einem winterlichen Waldspaziergang begegnen, wohl fühlt? Wir finden es so romantisch dieses Reh im winterlichen Wald. Aber vielleicht fällt dieses Reh, während wir in unseren warmen Winterschuhen über die nächste Waldlichtung schlendern, hinter uns tot um, weil es erfroren oder verhungert ist. Das Reh traut sie ja kaum uns Menschen um Nahrung oder einen geschützten Stall anzubetteln. Es weiß auch nichts von diesen prinzipiellen Möglichkeiten. Aber wir Menschen meinen, präpotent wie wir sind, dass dieses Reh es gut hat in der Natur, dass es dort hingehört. Dass es sich in der Natur und nur in der Natur wirklich wohl fühlt.

Ich bin mir sicher, dass wenn man das Reh fragen könnte, ob es im Winter nicht lieber Asyl in einem geheizten Stall und regelmäßige Fütterung statt wilde Natur will, - ich bin mir sicher, dass wenn man das Reh fragen könnte, es sich für das Asyl und für die regelmäßige Fütterung entscheiden würde. Ich meine dies einfach deshalb, weil jedes Lebewesen nach Lust strebt, sobald es geboren ist und auch während seines ganzen Lebens lang, wie bereits der alte griechische Denker Epikur bereits sehr klar und deutlich dargelegt hat; weil jedes Lebewesen, so auch der Mensch, es gut und bequem haben will, was die Natur beim besten Willen nicht zu bieten hat.

Die Natur ist weder gut noch bequem. Solche Leistungen können nur vom Menschen erbracht werden. Es sind Leistungen der menschlichen Kultur, die sich aus der Natur herausentwickelt hat. Natur und Kultur sind demnach Gegensätze. Dort, wo Natur ist, gibt es keine Kultur. Dort wo Kultur ist, gibt es keine Natur, zumindest keine, die etwas anderes wäre, als ein Garten, ein Reservat, ein Biotop, ein Museum eben. Aber warum finden wir uns mit dieser Tatsache nicht einfach ab?

Wir finden uns deshalb mit dieser Tatsache nicht ab, weil wir Angst haben, unsere Grundlagen zu zerstören, die biologische Basis, auf Grund derer wir alle und ausnahmslos leben. Wir wissen heute, dass wir die Natur geschädigt haben und wir meinen, uns um unser Überleben Sorgen machen zu müssen. Unser Überleben, so sagt man, sei in Gefahr.

Es geht uns demnach gar nicht um die Natur, so wie sie ist, um die Natur als solches, sondern es geht uns um das Überleben unserer Kultur. Unsere Kultur hängt, was ihre Ressourcen betrifft, von der Natur ab. Die Natur ist eben lebensnotwendig, um nichts weniger aber auch um nichts mehr. Das heißt, wir benötigen ihre Quellen Wasser, Luft, Erde, Holz und Bodenschätze.

Diese Quellen haben wir stets dazu gebraucht, uns von der Natur wegzuentwickeln. Das war die große Aufgabe und der große Sinn der gesamten Entwicklung. Wollen wir heute zur Natur zurückkehren, so ist dies wahrscheinlich wirklich nichts anderes als ein Akt der Romantik, den wir unmöglich wirklich ernst meinen können.

Was bleibt demnach? Es bleibt die Aufgabe, die Natur, die eine lebensnotwendige Ressource und darüber hinaus auch eine Quelle der Schönheit darstellt, der Erholung, der Poesie und der Wunder, -- es bleibt uns die Aufgabe, diese Natur bestmöglich zu managen. Mehr können wir für die Natur in unserem Sinne und für unsere Zwecke nicht tun.

Die Debatte um die Natur ist damit mehr oder weniger beendet und wird von einer Debatte um das bestmögliche Management abgelöst. Die Natur muss gewissermaßen denaturiert und gemanagt werden, damit sie in unsere Kultur passt. Wir brauchen ein schöne, berechenbare und vor allem funktionierende Natur, die uns keine Schwierigkeiten macht.

Dem EMAS-Management, das aus Fachleuten besteht, die etwas von der Natur, der Umwelt, die etwas von Wissenschaft, Technik und Technologie verstehen, ist zu wünschen, dass sie ihrer Aufgabe, nämlich die Umwelt zu managen, gewachsen und so für uns alle erfolgreich sind. Menschen, die sich an derartigen Projekten beteiligen, tragen dafür Sorge, die Erholungsräume und Ressourcen für alle zu erhalten.

Und so wünsche ich allen Beteiligten viel Kraft, Ausdauer und Glück, denn Sie tragen mit ihrer Arbeit eine große Verantwortung für uns alle. Nur eine gut gemanagte Natur ist eine solche, in der es sich auch leben lässt.