Philosophische Praxis

Interview im Rahmen des Salzburger Nachtstudios (Ö1) vom 10. 2. 1999

 

Nikolaus Halmer: Was verstehen Sie unter einer Philosophischen Praxis?

Eugen-Maria Schulak: Philosophische Praxis ist für mich der Versuch, philosophisches Wissen, philosophische Einsichten, Werthaltungen weiterzugeben, außerhalb des universitären Rahmens. Ich denke, daß Philosophie an den Universitäten vor allem als Philologie betrieben wird, d.h. in Form von Textinterpretationen, und nicht auf die konkreten, persönlichen Anliegen, existentiellen Anliegen der Menschen eingeht, eingehen kann und auch eingehen will. Das würde den universitären Rahmen sprengen. Für mich wesentlich ist, eine möglichst große Vielfalt an philosophischen Stellungnahmen zu einem konkreten Thema auszubreiten, um die Bandbreite des Möglichen, der möglichen Denkstile, Denkrichtungen anschaulich zu machen. Das dient einem Besucher, einem Klienten insofern, als er Gegenpositionen, zusätzliche Positionen zu seinen eigenen Werthaltungen bekommt, dadurch einerseits seine eigenen Argumentationen verschärfen kann, verschärfen muß, andererseits andere Positionen zu hören bekommt, darauf reagieren muß, und dadurch eine gewisse Spannung, eine Lust am Diskutieren, eine dialektische Situation entsteht, die in der Regel vom Besucher als befriedigend, in gewissem Sinne sogar als heilsam erlebt wird.

Nikolaus Halmer: Die Philosophische Praxis unterscheidet sich aber meines Wissens grundsätzlich von psychotherapeutischer Beratung.

Eugen-Maria Schulak: Was den Unterschied zwischen Philosophischer Praxis und Psychotherapie betrifft, so denke ich, daß Psychotherapeuten in der Regel bestimmten Schulen, bestimmten Therapierichtungen anhängen, somit ein ganz bestimmtes, professionell geformtes Weltbild- und Menschenbild haben, und denjenigen Menschen, der zu ihnen kommt, in dieses Weltbild einreihen. Daß heißt, es kommt meist zu einer Art von gezielter Verdächtigung und Unterstellung - ich meine das jetzt gar nicht in einem unguten Sinn, sondern einfach von der Ausbildung her, wobei der Mensch im Rahmen dieser oder jener Therapieschule interpretiert wird. Das, was ich im Rahmen meiner Praxis versuche, ist freilich nicht ganz leicht und nur bedingt möglich, aber ich versuche, den Besucher so zu nehmen, so wahrzunehmen, wie er sich mir zeigt, wie er sich mir darbietet. Freilich muß auch ich interpretieren, aber ich werde meinen Klienten prinzipiell ernst, also beim Wort nehmen. Daß bedeutet, ich werde ihn nicht verdächtigen, daß er etwas nur deshalb sagt, weil etwas anderes so oder so gewesen ist, sondern das, was er sagt, das gilt, das passiert jetzt, und ich werde mich daran orientieren.

Nikolaus Halmer: Können Sie beschreiben, wie Philosophische Praxis tatsächlich funktioniert?

Eugen-Maria Schulak: In der Regel ist es so, daß es ein Vorgespräch gibt, in dem der Klient seine Anliegen, über die er gerne diskutieren will, seine Fragen, über die er gerne informiert werden will, formuliert. Ich werde dann eine gewisse Zeit der Vorbereitung brauchen, d.h. ich werde Recherchen machen und versuchen, zu diesen vorgebrachten Themen eine möglichst breite Diskussionsbasis anzubieten. Das wird meine erste Aufgabe sein.

Nikolaus Halmer: Welche Themen werden hier angefragt?

Eugen-Maria Schulak: Die Themen sind ganz unterschiedlich. Es ist kaum möglich, einen idealtypischen Fall zu schildern, weil die Menschen ihre Fragestellungen auch von den verschiedenen Berufsgruppen her zu mir bringen. Ich habe mit Managern zu tun, mit Leuten aus dem Sozialwesen, etwa mit Ärzten; es war auch ein Rechtsanwalt bei mir und eine Künstlerin. Das heißt, es sind völlig unterschiedliche Berufsgruppen und demnach auch völlig unterschiedliche philosophische Bedürfnisse.

Nikolaus Halmer: Braucht es eine einschlägige Vorbildung seitens des Klienten, um von einer Philosophischen Praxis etwas profitieren zu können?

Eugen-Maria Schulak: Wenn ein ernsthaft interessierter Klient von sich behauptet, von Philosophie keine Ahnung zu haben, bedeutet dies meist nur, daß er seine konkrete Ideenwelt noch nicht mit der Philosophie in Verbindung gebracht hat, daß er mit seinen Ideen mehr oder weniger isoliert ist und noch keine Querverbindungen herstellen kann. Jene Themen, welche den Besucher interessieren, über die hat er sich ja bereits Gedanken gemacht, denn sonst würde er ja nicht mit mir darüber diskutieren wollen. Eine Art von privater Vorbildung ist demnach so gut wie immer gegeben.