back

Philosophie für Manager

Auch das gibt es: Einen Philosophen, der das hohe Lied kleiner und mittelständischer Betriebe singt.

von WOLFGANG WIRZ
veröffentlicht in: a3 ECO, Wirtschaftsinformation für Unternehmer, 11/2008

 

 

Philosophie: Dabei denkt man zunächst an Unternehmensphilosophie. Also die Geschichte mit dem Kunden, der selbstverständlich immer im Mittelpunkt steht -- natürlich gleichwertig neben dem Mitarbeiter -- und dem Erfüllen, nein: dem "Übererfüllen" der Kundenerwartung. Sie wissen schon. Nicht nur davon, und wenn, in einer präziseren Sprache; aber davon auch, spricht Eugen-Maria Schulak, der im 8. Wiener Gemeindebezirk eine Philosophische Praxis hat. Wie er dazu gekommen ist, der promovierte Mittvierziger? "Ich war schon immer selbstständig", sagt Schulak. "Zunächst in der Werbebranche." Im eigenen Tonstudio habe er Werbespots gemacht. Und irgendwann etwas anderes gesucht, etwas mit längerem Atem.

Jetzt gehört der Mitbegründer der "Academy of Life", dem Siemens Forum für Jungunternehmer und Nachwuchsmanager, zu den weltweit rund 150 Betreibern einer Philosophischen Praxis. Dort führen wir auch unser Gespräch. Um uns Bücher, Pflanzen, und nochmals Bücher.

Wie er da so sitzt - schwarzer Anzug, schwarzes Hemd -, sieht er aus wie einer, der er auch ist: ein Intellektueller. Aber einer, der anders spricht als erwartet. Etwa wenn er über akademische Wirtschaftswissenschafter mit leiser Stimme herzieht, sie als "Nettotransferleistungsbezieher" bezeichnet, die manchmal "mit erschütternder Unkenntnis" über die Wirtschaft redeten. Oder er -- fast bewundernd -- von den tausenden mittelständischen Unternehmen spricht, "die den Karren ziehen."

Sie seien nicht verantwortlich für die aktuelle Finanzkrise: "Das waren die Popstar-Manager der Versicherungen und Banken". Denen müsste man nun auch die Rechnung vorlegen, für das Brechen -- nicht erst seit gestern -- von Regeln, die jeder kleine Unternehmer sich wahrscheinlich nur sehr kurze Zeit erlauben könnte. Aber natürlich hätten da deren Kunden auch mitgespielt. Dass jetzt der Staat in die Bresche springt, hält er für falsch -- auch wenn er natürlich weiß um die potenziellen Folgen seiner Medizin: "Dann ginge es uns vielleicht einige Jahre so richtig schlecht. Aber so verspielt man den pädagogischen Effekt." Die Gründe für die Intervention der Staaten? "Sie haben jahrelang sehr gut daran verdient und ein massives Interesse daran, dass diese Zockerei weitergeht." Die Steuern all dieser Unternehmen trügen dazu bei, den Sozial- und Wohlfahrtsstaat zu finanzieren.

Die meisten seiner Klienten sind Manager und Unternehmer. ("Leider gibt es immer mehr Manager und immer weniger Unternehmer"). Sie kommen zu ihm oder er zu ihnen. Und sie sprechen über sie bewegende Fragen aus dem Arbeitsalltag. Soll ich die Mitarbeiterin, die ihre Arbeit zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt, aber Alkoholikerin ist und daher einige Tage im Monat nicht zur Arbeit erscheint, kündigen? Wie verhalte ich mich als Manager eines internationalen Unternehmens in der Bredouille zwischen eigener Weisungsgebundenheit "von oben" und meinem Verständnis für die Interessen meiner eigenen Mitarbeiter?

Ein vom Mitarbeiter zum Chef mutierter Biologe wollte wissen, wie er sich im Falle von Gehaltsforderungen seiner Ex-Kollegen verhalten solle? Schulak: "Die Frage dahinter lautete: Was ist ein gerechter Lohn?" Die Frage dahinter, die Frage nach dem allgemeinen Prinzip hinter einem konkreten Anlassfall, das ist das, was eine philosophische Herangehensweise ausmacht.

Der Neo-Chef lernte im Dialog mit Schulak ("Ich halte keine Monologe oder verkünde Lehren") -- unterschiedliche Positionen zur Frage des gerechten Lohnes kennen. Und kam zu der Entscheidung, die er nun auch argumentieren konnte, dass es keine allgemein gültige Messlatte gebe -- nur Vereinbarungen zwischen zwei Partnern.

Partner könnten auch Philosophie und Unternehmertum werden, sagt Schulak. "Allein schon, um Besserwissern bei Podiumsdiskussionen ordentlich Paroli bieten zu können".