Der Philosoph als Liebender

Vier Folgen der Sendung "Radiokolleg" (Österreich 1) (11. bis 14. Juli 2005)
Konzeption und Gestaltung: Nikolaus Halmer

 

Sprecher: Ein Mensch, der liebt, tritt sozusagen aus allen übrigen Gerichtsbarkeiten heraus und steht bloß unter den Gesetzen der Liebe. Es ist ein höheres Sein, in welchem viele andere Pflichten, viele andere moralische Maßstäbe nicht mehr auf ihn anzuwenden sind.

Sprecherin: Liebe als Ausnahmezustand, der den grauen Alltag des Lebens aufbricht. So beschreibt der Schriftsteller und Philosoph Friedrich Schiller das facettenreiche Phänomen der Liebe: Die Liebe, das Kennzeichen des Menschlichen, zählt zu den Erfahrungen im Leben, die man durchlebt und nicht theoretisch bewertet. Als tiefgreifende Gefühlsbewegung entzieht sie sich jeder Definition. Die Liebe lässt sich auch nicht durch ein rationales Kalkül bestimmen, das von Philosophen so sehr geschätzt wird. Die Königin der Wissenschaften hat Schwierigkeiten, sich auf das aufwühlende Erleben von Liebe einzulassen. Zwar verstehen die Philosophen ihre Tätigkeit als ein Projekt, das von der Liebe zur Weisheit geleitet wird, meint der in St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä, die konkrete Liebe zu den Menschen wird dabei jedoch vernachlässigt.

Dieter Thomä: Es soll ungewöhnlich sein, dass Philosophen über die Liebe nachdenken und darüber schreiben. Wir lieben die Weisheit, und außerdem beschäftigen wir uns mit der Frage, wie zu leben sei, das ist die Urfrage der Philosophie. Demnach ist es fatal, wenn die Philosophie sich von jenen Themen fernhält, die uns Menschen im Alltag, und darüber hinaus in den Sonderstunden, in den Feierstunden des Lebens beschäftigen. Und dazu gehört nun mal die Liebe.

Sprecherin: Die Liebe zur Weisheit führt die Philosophen häufig dazu, den körperlichen Aspekten der Liebe zu misstrauen. Ein erfülltes Sexualleben, ein Ausleben der Triebe, stellt nämlich eine ernsthafte Bedrohung für die weltabgewandte Kontemplation der Philosophen dar, wie die Philosophin Cornelia Klinger vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien erläutert.

Cornelia Klinger: Denn das liegt am Tage, dass sich die Philosophie sozusagen mit dem Geist, der Vernunft, der Rationalität, mit dem Immateriellen befasst hat. Das Ausblenden der Liebe, der Sinnlichkeit, der Sexualität, ist gewissermaßen in der Geschichte der Philosophie eine Selbstverständlichkeit gewesen. Man macht sich eigentlich gar keine besonderen Gedanken darüber, warum es so ist, es gehört einfach zur Philosophie dazu, es konstituiert die Philosophie, so dass man also diese Frage gar nicht stellt, sondern schon eine Position, einen Standpunkt außerhalb haben muss, um sie überhaupt zu formulieren und zu erörtern.

Sprecherin: Eine grundlegende Spaltung hat die Geschichte der Philosophie geprägt. Die Welt der körperlichen Sinnlichkeit wurde dem Reich des Geistigen gegenübergestellt. Diese Zweiteilung erfuhr dann auch eine Bewertung: Körperliches Begehren, Emotionen und Triebe galten als etwas Minderes, sogar Abstoßendes, während der Geist als höchstes Prinzip fungierte. Begründet wurde diese Abwertung der Sinnlichkeit durch Platon. Für ihn war die Liebe zur Weisheit ein Unternehmen, das den Bereich der Sinnlichkeit hinter sich zurückließ. Die Konsequenzen einer solchen Spaltung beschreibt Dieter Thomä.

Dieter Thomä: Natürlich gibt es diese große Tradition von der wir übrigens bis heute bestimmt sind der Spaltung zwischen dem Vernünftigen und dem Körperlichen. Wenn wir die Spaltung aufrechterhalten, dann können wir natürlich über Liebe reden als Sex. Oder wir können über Liebe reden als geistige Liebe. Aber wenn wir uns als Menschen betrachten, dann stellen wir fest, dass die Liebe, von der wir eigentlich am meisten befallen sind, sozusagen etwas ist, was dazwischen stattfindet. Und das ist auch deshalb interessant, weil wir heutzutage auch angesichts der genauen Gehirnforschung und anderer Diskussionen merken, dass wir nicht einfach sagen können, dass wir zweigeteilt sind, in das Vernünftige und in das Körperliche.

Sprecherin: Das angesprochene Zwischenreich findet sich jedoch bereits in bestimmten Werken bei Platon, wie Burckhart Schmidt, Professor für Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach erläutert. Für ihn ist die viel zitierte platonische Liebe, also eine Liebesbeziehung ohne körperliches Begehren, eine unzulässige Verallgemeinerung.

Burckhard Schmidt: "Platonische Liebe" ist eine Redewendung, die zu unserem deutschsprachigen Sprachschatz gehört, und sie zeigt, wie falsch dieser Begriff eigentlich verwendet wird. Unter platonischer Liebe versteht man gemeinhin jene Liebe, die so gar nichts mit dem Sexuellen zu tun hat. Das widerspricht dem platonischen Denken. Man wende sich nur Platons Grundschrift zu, dem Symposion.

Sprecherin: In Platons Werk "Symposion", das Otto Apelt übersetzte, steht der Gott Eros im Mittelpunkt. Bei einem Trinkgelage von Philosophen und Dichtern wird er als Urheber der größten Wohltaten für alle Menschen bezeichnet, als glücklichster unter den Göttern und Muster der Tugendhaftigkeit. Der Komödiendichter Aristophanes schildert die irdische Seite des Eros, die sich in der körperlichen Vereinigung zweier Liebender artikuliert. Die Sehnsucht nach Verschmelzung erläutert Aristophanes durch den Mythos vom Kugelmenschen. Ursprünglich habe es zweigeschlechtige Wesen in kugelförmiger Gestalt von großer Stärke gegeben, die selbst den Göttern gefährlich werden konnten. Aus Furcht vor ihrer Kraft teilte Zeus den Kugelmenschen in eine männliche und eine weibliche Hälfte, die nach der Wiedervereinigung strebten.

Sprecher: Fügt es sich nun, dass der Liebhaber auf seine eigene andere Hälfte trifft, dann wird er von wunderbaren Gefühlen der Vertraulichkeit und Liebe ergriffen und möchte am liebsten auch keinen Augenblick vom andern lassen. Die Begierde also und das Streben nach dem Ganzen ist es, was man Liebe nennt.

Sprecherin: Die philosophische Erörterung der Liebe, begleitet von ausgiebigem Weingenuss, erschöpft sich keineswegs in der Darstellung der so genannten platonischen Liebe. Auch der körperliche Zeugungsakt spielt eine wichtige Rolle, wie Sokrates von der Priesterin Diotima erfahren hat.

Sprecher: Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich. Ihr Körper nicht bloß, sondern auch ihr Geist. Und sobald sie das gehörige Alter erreicht haben, trägt unsere Natur Verlangen nach Zeugung. Zeugen aber kann sie nicht im Hässlichen, wohl aber im Schönen. Die Vereinigung nämlich von Mann und Frau ist Zeugung. Es ist dies aber ein göttlicher Vorgang, und das sterbliche Geschöpf trägt dieses beides, die Schwangerschaft und die Zeugung, als unsterbliche Beigabe in sich.

Sprecherin: Wesentlich ist im Zeugungsakt die Hinwendung zum Schönen, darüber sind sich die Teilnehmer am Symposion einig. Die Orientierung am Schönen beginnt bereits bei der körperlichen Liebe und endet in der Schau des ewig Schönen, Guten und Wahren.

Burckhard Schmidt: Das Schöne wird nahegebracht durch die Liebe zu schönen Knaben. In der homosexuellen Geistesatmosphäre des Altgriechischen muss man die Liebe zu schönen Mädchen oder zur schönen Frau aber ebenso gleich mithören, was damals, sehr frech, in Entsprechung gesehen wurde zur Liebe, die man für schöne Pferde haben kann. Etwas entspannter wäre es dann, wenn es um schöne Landschaften geht, schöne Gärten, schöne Meeresküsten und Ähnliches. Das alles wird hineingezogen, und es qualmt da vor Ineinander von Sexualität, Erotik und Schönheitserleben in Natur wie Kunst.

Sprecherin: Die Hinwendung zum Schönen, Wahren und Guten auf der metaphysischen Ebene bedeutet aber zumindest im "Symposion" keineswegs einen völligen Verzicht auf die körperliche Begierde. Der Mensch wechselt ständig zwischen den verschiedenen Intensitätszonen.

Burckhard Schmidt: Das ganze Symposion ist verflochten durch das, was alle platonischen Dialoge beherrscht hat, nämlich dass der Mensch dauernd verkehrt zwischen den Ebenen des Vorstellens und des alltägliche Realen, immer zwischen diesen Ebenen verkehrt. Um zu wissen, was dann die höheren Ansichtsweisen und Perspektiven meinen, muss man sich auch immer wieder zurückbegeben, und deswegen: Platonische Liebe ist nicht asketisch, ist nicht die Ausschaltung des Sexuellen.

Sprecherin: Obwohl die körperliche Liebe von der antiken Philosophie thematisiert wurde, war die Tendenz zur Askese vorherrschend. Nicht so sehr aus moralischen Gründen, so Burckhard Schmidt, sondern als Schutz vor vermeintlichen Gefahren. So etwa empfahl der griechischen Philosoph Epikur einen maßvollen Umgang mit der körperlichen Lust.

Burckhard Schmidt: Nicht, weil das wirkliche Triebleben, die Sexualität und Erotik das Niedrige und Schmutzige wäre, sondern weil daraus so viel Unglück entsteht. Darum wäre es klug und weise, sich dem zu enthalten und sich bei dem aufzuhalten, was man kontrollieren kann, wo man sich beruhigen, entspannen kann, und das ist eben ein nicht in die Wirklichkeit eingewickeltes Vorstellungsleben.

Sprecherin: Ähnlich argumentierte der römische Philosoph und Dichter Lukrez, der im 1. vorchristlichen Jahrhundert lebte. In seinem Lehrgedicht "Über die Natur", das Hermann Diels übersetzte, beschrieb er die körperliche Liebe als eine Art Ringkampf.

Sprecher: Denn selbst bei dem Akt der Umarmung schwanket der Liebenden Brunst in taumelnder Irrnis. Sie wissen kaum, wo zuerst sich ersättigen soll der Blick und die Hände. Was sie ergreifen, erdrücken sie fast. Sie misshandeln den Körper schmerzhaft, ja sie zerbeißen sich oft mit den Zähnen die Lippen, pressen sie Küsse darauf. Sie leitet nicht reiner Genusstrieb, sondern ein heimlicher Stachel, den Gegenstand selbst zu verletzen, wer es auch sei, der die rasende Wut in dem Herzen entfacht hat. Freilich, im Liebesgenuss weiß Venus die Qualen zu lindern. Und die schmeichelnde Lust hemmt leicht die gefährlichen Bisse, denn es betört sie die Hoffnung, die brünstige Flamme zu löschen.

Sprecherin: Lukrez plädierte zwar für ein Ausleben der Sexualität, warnte aber davor, sich zu sehr emotional zu engagieren, so Eugen Maria Schulak, der in Wien eine Philosophische Praxis betreibt.

Eugen Maria Schulak: Lukrez bezieht sich auf die epikuräischen Vorstellungen von der Liebe, ist demnach von der Liebe insgesamt nicht sonderlich überzeugt. Von der Freundschaft hält er natürlich, wie Epikur, sehr viel. Die Liebe hingegen ist ihm eine Bewegung, die eher ins Gefährliche oder ins Überflüssige geht. Er schreibt vom Liebeswahn, wo der Mensch sich verausgabt, Schmuck, teures Essen kauft, mit der Geliebten sein Geld verprasst und dann letztendlich leer ausgeht, weil ihm die Liebe zwischen den Fingern zerrinnt.

Sprecher: Unterdessen zerrinnt das Vermögen. Aus Persien kauft man Decken, am Fuß muss ein niedlicher Schuh aus Sykion glänzen. Große Smaragde, natürlich, mit grün durchscheinendem Lichte, werden in Gold gefasst. Der Purpur wird ständiges Hauskleid und der misshandelte Stoff saugt voll sich vom Schweiße der Liebe. Was die Väter erwarben, verwandelt sich in Diademe oder in Mäntel und Kleider aus Chios oder Alinda.

Sprecherin: Ähnlich wie Epikur nimmt Lukrez eine distanzierte Haltung zur Liebe ein. Der Philosoph als Liebhaber der Weisheit sollte sich von den Niederungen der Sinnlichkeit möglichst fernhalten. Ein kleines Lüstchen war ihm zwar gegönnt, um das physische Bedürfnis zu stillen, die Kontrolle über sich selbst sollte er sich jedoch bewahren, um seine Würde nicht zu verlieren.

Eugen Maria Schulak: Es geht hier nicht um die spontane, feurige Lust, sondern um eine lang anhaltende, milde Lust, die Dauer haben kann. Die Liebe, so Epikur und Lukrez, kann keine Dauer haben. Sie ist ein kurzes Strohfeuer und in der Öffentlichkeit auch mit einer gewissen Lächerlichkeit verbunden. Wenn der Weise dann letztendlich zurückblickt, wird er erkennen, dass er sich das alles auch hätte sparen können.

Elisabeth von Samsonov: Man muss einen erotischen Trieb annehmen und setzen, dass das diesbezüglich höchste Erkenntnisobjekt auch tatsächlich eines ist, dass es sich wirklich lohnt, dass man sich lebenslänglich nach ihm verzehrt.

Sprecherin: Philosophie als lustvolle erotische Tätigkeit, die sich nicht als rigorose Abgrenzung zur Sinnlichkeit versteht: Auch dieser Aspekt der Liebe zur Weisheit findet sich in der philosophischen Tradition. Elisabeth von Samsonov, die an der Hochschule der Bildenden Künste in Wien tätig ist, verweist in diesem Zusammenhang auf den italienischen Renaissancephilosophen Giordano Bruno, der ketzerische Freigeist, dem laut Peter Sloterdijk der Ruf pantheistischer Ruchlosigkeit und kosmologischer Kühnheit anhaftet, und der im Jahr 1600 auf dem Scheiterhaufen in Rom verbrannt wurde. In seinem Hauptwerk "Von den heroischen Leidenschaften", das Christiane Backmeister übersetzte, bezeichnete Bruno die Liebe als den entscheidenden Antrieb der menschlichen Existenz.

Elisabeth von Samsonov: Giordano Bruno definiert das menschliche Wesen durch die Liebe, durch einen Zustand, der zwischen Mangel und Überfluss oszilliert, also durch einen dauerhaften appetitus charakterisiert ist: Man hat andauernd Lust, andauernd Appetit, der sich dann wieder, wenn man gesättigt wird, in Unlust und Überdruss verwandelt, genauso wie das in der Liebe der Fall ist. Es ist so, dass Giordano Bruno ein Wesen zeichnet, das undicht ist, das eigentlich keine Grenzen hat, durch seine Ess-, Fress- und erotische Lust gekennzeichnet ist, alles Akte, die eben auch die Erkenntnis charakterisieren. Man nimmt ständig etwas auf, wird ständig von etwas durchzogen, ist nicht abgeschlossen, ist kein identisches, in sich zur Ruhe gekommenes, stabiles Wesen. Deswegen ist die Liebe ein anthropologisches Charakteristikum. Also wenn man Menschen verstehen will, dann muss man sie eben von dieser Seite her verstehen, dass sie Liebende sind.

Sprecherin: Die Liebe verglich Bruno mit einer magischen Kraft, die den statischen Rahmen des Individuums sprengt. Er plädierte für eine exzessive Überschreitung, für eine lustvolle Ekstase, die von der antiken Philosophie als Gefahr für den souverän denkenden Weisen angesehen wurde.

Elisabeth von Samsonov: Bei Bruno ist das auch der wichtigste Punkt, weil die Liebesfähigkeit des Menschen zeigt ja eines, dass er in der Lage ist, außer sich zu geraten. Und das ist die wesentliche Vorbedingung dafür, dass er als Heros einen höheren Seinsraum erklimmt. Das ist das Thema der heroischen Leidenschaften: Außer-sich-sein-können bedeutet, dass man aufsteigen kann, indem das Geliebte ein Edles, Hohes, vielleicht das Höchste ist. In der Liebe gerät man zu diesem Höchsten außer sich, verwandelt sich in dieses Höchste. Also die Liebe geht auch immer einher mit einer Ontologie der Metamorphose, mit einer Verwandlung. Bruno sagt, dass, wenn man verliebt ist, man auch im Körper des anderen Platz nimmt. Man lässt seinen eigenen verwaist zurück und zieht um, zieht in den Körper des Geliebten ein.

Sprecher: Mir, der ich das edle Banner der Liebe trage, sind eisig die Hoffnungen und die Wünsche siedend heiß. Im selben Moment erzittere ich, erstarre zu Eis, brenne und lodere hell, bin stumm, erfülle den Himmel mit glühenden Schreien. Aus dem Herzen lasse ich Funken stieben und aus den Augen Wasser tropfen. Ich lebe und sterbe, lache und klage. Die Wasser sind lebendig, und das Feuer stirbt nicht, denn in meinen Augen sitzt Thetis und im Herzen Vulkan.

Sprecherin: Die Komödie "Der Kerzenzieher", Brunos Erstlingswerk in italienischer Sprache, ist bereits ein Schauplatz erotischer Verwicklungen. In diesem Stück, das im Milieu von Prostituierten, Kleinkriminellen, Scharlatanen und Päderasten spielt, werden viele Facetten der Liebe aufgezeigt.

Elisabeth von Samsonov: Also "Der Kerzenzieher" behandelt eben diese Verliebtheit als Zustand. Die Leute sind alle vollkommen außer sich, sind alle gefesselt von irgend einem Geliebten. Das ist natürlich auch eine Erkenntnislehre: Wenn man ständig in seinem Kopf gefesselt ist von irgend einem Objekt, das es vermocht hat, seine Kräfte in einen hineinzubringen durch die Sinne. Der Held dieser Komödie, der Kerzenzieher, geht auf der Bühne hin und her und befindet sich in einem Verliebtheitsdelirium. Er ist sozusagen hypnotisch außer sich. Und das ist das, was Bruno sozusagen als Modell der Erkenntnis interessiert.

Sprecherin: Eine ganz konträre Einschätzung der Liebe findet sich bei dem französischen Philosophen Michel de Montaigne, der von 1533 bis 1592 lebte. Er ging von der Widersprüchlichkeit des Menschen aus und war davon überzeugt, dass der Mensch aus krummem Holz geschnitzt sei. Moralische Vorschriften, die das individuelle Leben regelten, betrachtete er von einer kulturrelativistischen Perspektive aus. Das Individuum war für ihn keine unveränderliche Größe, sondern ein ständig wechselndes Gebilde. Daher hielt Montaigne auch wenig von der einzigartigen romantischen Liebe, die dann in der Ehe institutionalisiert wurde. Er empfahl eine Kunst der Erotik, die der in Wien tätige Philosoph Eugen Schulak beschreibt.

Eugen Maria Schulak: Was die Liebe betrifft, so beschreibt Michel de Montaigne zum einen das Abenteuerliche an der Liebe. Er meint, dass der Mensch Abwechslung braucht, dass der Mensch ein Neugieriger ist, gerade auch in der Liebe, und dass das Abenteuer der Liebe erst eigentlich die Würze gibt. Er beschreibt eine Verordnung des Lykurg, des alten Gesetzgebers, der gemeint haben soll, dass die Ehegatten sich nur verstohlen begegnen sollen, dass es gleich schimpflich für Ehegatten sein soll, so wie für Unverheiratete, beim Beischlaf angetroffen zu werden. Es ist eben so, meint Montaigne, dass die Schwierigkeit den Dingen erst ihren Wert gibt. Also wenn eine Beziehung zu selbstverständlich, zu eingespielt, zu alltäglich geworden ist, dann verlieren die Liebenden den Reiz aneinander, das heißt, es ist stets wichtig, sich interessant zu machen, und deswegen gibt es eben auch das Phänomen des Fremdgehens und der Abenteuer, weil das ein wichtiger Punkt in der Liebe ist.

Sprecherin: In seinem umfangreichen Werk "Essays", das in einer Übersetzung von Herbert Lüthi vorliegt, bewertete Montaigne die Liebe als intensives Gefühlserlebnis, das jedoch nur kurzfristig andauere und noch dazu vergänglich sei.

Sprecher: Das Liebesfeuer ist, wie ich zugeben muss, eingreifender, brennender und peinigender, aber zugleich ist es mutwillig, unbeständig, flatternd und sich wandelnd, eine Art Fieberglut, die auf und abschwillt, ein Feuer, das nur Teile von uns versengt. Außerdem ist das Wesentliche bei der Liebe ein unstillbares Sehnen nach einem Ziel, das immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft übertritt, das heißt wenn die Herzen sich finden, verlieren sie an Feuer und Kraft. Ihre Erfüllung ist ihr Ende. Denn das Ziel, das nun erreicht ist, ist ein körperliches, und damit zieht die Gefahr der Übersättigung herauf.

Sprecherin: Ähnlich wie bei Aristoteles stellte Montaigne die lang andauernde, verlässliche Freundschaft dem ekstatischen Moment der erotischen Liebe gegenüber.

Eugen Maria Schulak: Montaigne meint, dass das Wesentliche bei der Liebe dieses unstillbare Sehnen nach einem Ziel ist, das aber immer entweicht, sobald die Liebe in das Gebiet der Freundschaft hinübergreift, das heißt, wenn die Liebe in Freundschaft übergeht und somit milde und angenehm wird, schwindet sie gewissermaßen dahin. Statt dessen wird aber etwas Wertvolleres gefunden. Wenn die Liebe nicht in Freundschaft übergeht, besteht die Gefahr, dass sie schal wird und dass man sich in der Folge wieder neuen Personen und Objekten zuwendet, gleichsam wieder das Abenteuer sucht.

Sprecherin: Eine ganz andere Facette der Liebe thematisierte der französische Aufklärungsphilosoph Jean Jacques Rousseau. Er rückt die Selbstliebe in den Mittelpunkt seiner Reflexionen. Dabei unterscheidet er deutlich zwischen Selbstliebe und Eigenliebe, wie der in St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä anmerkt.

Dieter Thomä: Es gab eine große Debatte im 18. Jahrhundert um den Gegensatz zwischen Eigenliebe und Selbstliebe. Das klingt so, als wäre es dasselbe, aber gemeint sind unterschiedliche Dinge. Eigenliebe ist eigentlich Egoismus, d. i. nur an sich denken, andere vergessen, benachteiligen. Die Selbstliebe hingegen ist etwas, das von Rousseau in einer ganz überraschenden Wendung ins Spiel gebracht wird. Damit versucht er einem Dilemma zu entkommen, nämlich dass wenn man sich auf sich selbst bezieht, um mit sich selbst im Reinen zu sein, man sofort in den Verdacht gerät, dass man sich damit auch zugleich gegen andere wendet. Und das muss ja nicht sein.

Sprecherin: Wie Rousseau die Selbstliebe charakterisiert, ist in seinem von Henning Ritter übersetzten Buch "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" nachzulesen.

Sprecher: Kam der Abend heran, so verließ ich die Höhe der Insel und setzte mich gern an dem sandigen Ufer des Sees in irgend einen verborgenen Winkel. Das Geräusch der Wellen dort und die Bewegung des Wassers fesselten meine Sinne, brachten jede andere Bewegung in meiner Seele zum Erliegen und ließen sie in eine angenehme Träumerei eintauchen. Und sie genügten, um mich meine Existenz mit Vergnügen fühlen zu lassen, ohne die Mühe des Denkens zu haben.

Sprecherin: Die Selbstliebe stand für Rousseau am Beginn jeder sozialen Beziehung. Nur, wenn ich mich selbst liebe, so lautete seine These, bin ich auch fähig, andere zu lieben

Dieter Thomä: Wenn ich mir zugetan und mit mir im Reinen bin, dann ist es sogar im Gegenteil eher eine gute Voraussetzung dafür, um mich gelassener anderen zuwenden zu können. Das heißt der Durchbruch, den Rousseau erzielen will, besteht darin, dass er sagt: Wir müssen ein positives Verhältnis zu uns selbst entwickeln, ohne gleich in den Verdacht des Narzissmus oder Egoismus zu geraten. Das ist der Kern der Rousseau'schen Idee der Selbstliebe, mit der er dann dem Egoismus, den er heftig kritisiert, kontern will, ohne die Instanz des Individuums, das im heilig ist, aufzugeben.

Sprecherin: Die Eigenliebe verstand Rousseau als Produkt der zeitgenössischen Gesellschaft. Sie definiert das Individuum nur nach gesellschaftlich anerkannten Kriterien wie Erfolg, Macht und Durchsetzungsvermögen. Der Einzelne ist somit gezwungen, sein Selbstverständnis über ein soziales Rollenspiel zu definieren. Seine authentische Persönlichkeit tritt dabei in den Hintergrund.

Dieter Thomä: Die Gegenüberstellung von Eigenliebe und Selbstliebe bei Rousseau ist teilweise gekoppelt mit dem Gegensatz zwischen einer Zivilisation, die den Niedergang der Menschheit zu bringen droht, und einem ursprünglichen Zustand, der intakt ist und in dem alles funktioniert. Rousseau war kein Feind der weiteren Entwicklung von Gesellschaften, aber er war ein Feind dieser künstlichen Konversationskultur im 18. Jahrhundert Frankreichs. Dagegen versucht er dann auch diese Selbstliebe zu setzen, die nicht so schrecklich verheddert ist in das soziale Leben.

Sprecherin: Die Selbstliebe führt zu einer besseren Kenntnis der Person. Sie wird resistent gegen eine gesellschaftlich organisierte Maskerade, die den Einzelnen bis zu Unkenntlichkeit deformiert. Erst die Selbstliebe, die auch den Bereich des Unbewussten akzeptiert, ist dann in der Lage, den anderen lieben zu können.

Dieter Thomä: Liebe ist bei Rousseau manchmal verbunden mit der Figur des Rückzugs von der Menschheit, des Rückzugs von der Gesellschaft. Das muss man nicht durchgängig so verstehen und auch Rousseau hat dies nicht immer durchgängig so verstanden. Denn wenn man es richtig versteht, dann ist Selbstliebe eigentlich geradezu die Voraussetzung oder eine wichtige Stütze dafür, dass man auch in einer positiven Weise mit anderen zusammen handeln kann, auf andere zugehen kann.

Sprecher: Ich habe es einmal gesehen, das Einzige, das meine Seele suchte und die Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis ans Ende der Welt, die habe ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da. Ich frage nicht mehr, wo es sei, es war in der Welt. Es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgener in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei, ich habe es gesehen. Ich habe es kennengelernt.

Sprecherin: Die einzigartige, vollendete Liebe, wie sie der Schriftsteller und Philosoph Friedrich Hölderlin in seinem Roman "Hyperion" hymnisch preist, gilt als Inbegriff der romantischen Liebe. Der Kreis der Romantiker um Friedrich Schlegel hatte am Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept der Liebe entwickelt, das von der absoluten Liebe ausgeht. "Jede wahre Liebe ist einzig und ganz unendlich", notierte Friedrich Schlegel. Das wichtigste Dokument, in dem die romantische Liebe zu Wort kommt, ist Schlegels Aufsehen erregender Roman "Lucinde", der 1799 erschien. Darin wird die bis in die Antike zurückreichende Skepsis gegenüber der körperlichen Liebe aufgegeben. Die romantische Liebe versteht sich als Einheit von sinnlicher und seelischer Liebe, wie die Philosophin Cornelia Klinger vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien erläutert.

Cornelia Klinger: Diese Dualismen von Weiblichkeit und Männlichkeit, Vernunft und Sinnlichkeit, Form und Materie, Himmel und Erde versuchen die Romantiker gewissermaßen zu überwinden. Sie versuchen, an diese Stelle ein Ideal zu rücken, das gewissermaßen das Licht und die Finsternis, die Form und die Materie, das Männliche und das Weibliche in Eines verbindet.

Sprecher: Die Liebe ist nicht bloß das stille Verlangen nach dem Unendlichen. Sie ist auch der heilige Genuß einer schönen Gegenwart. Sie ist nicht bloß eine Mischung, ein Übergang vom Sterblichen zum Unsterblichen, sondern sie ist eine völlige Einheit beider. Es gibt eine reine Liebe, ein unteilbares und einfaches Gefühl ohne die leiseste Störung von unruhigem Streben. Jeder gibt dasselbe was er nimmt, einer wie der andere. Alles ist gleich und ganz in sich vollendet.

Sprecherin: Der Roman "Lucinde" wurde von einem Teil des Lesepublikums und der Literaturkritik als skandalös empfunden. Friedrich Schlegel hatte es nämlich gewagt, persönliche Erfahrungen in das Werk einfließen zu lassen.

Cornelia Klinger: Das, was bei Schlegel als romantische Liebe in der "Lucinde" und in anderen Texten seinen Niederschlag gefunden hat, zeigt sich auch in seiner eigenen Biographie, in seiner Beziehung zu Dorothea Veit, einer geschiedenen älteren Frau, die er heiratet und mit der er dann gemeinsam zum Katholizismus übertritt. Das ist interessant und revolutionär genug vor dem Horizont des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Sprecherin: Das Experiment der romantischen Liebe als schrankenlose Verausgabung fand bald ein Ende. Der Austausch von intensiven Emotionen wurde kanalisiert und kodifiziert. Die Ausfahrt in ozeanische Gefilde endete im sicheren Hafen der Ehe.

Cornelia Klinger: Wenn Sie sich diese romantischen Lebenskonstellationen ansehen, die damals auf einen ganz kleinen Kreis beschränkt waren, so bildeten sie die Grundlage der bürgerlichen Ehe, etwas, was sich dann im 19. und 20. Jahrhundert auf sehr breite Kreisen der Gesellschaft ausgeweitet hat. Es ist nicht zufällig, dass wir diese Zeit heute als die Geburtsstunde unseres Modells vom Privatleben auffassen. Es handelt sich um die Integration des amour fou in ein gesellschaftliches Verhältnis. Das ist ja eigentlich das Absurde, Paradoxe, Interessante an diesem bürgerlichen Ehe- und Familienkonzept, dass etwas stattfindet, was bis dahin niemandem eingefallen wäre, nämlich den amour fou als Grundlage einer bürgerlichen oder gar einer religiös geheiligten Institution den zu nehmen. Das ist aber das, was wir heute gewissermaßen in unserem Alltag leben. Wir denken alle, das einzig legitime Motiv einer Ehe und Familiengründung ist diese romantische Liebe, das heißt wir leben ein Familienkonzept, das diese flüchtige Liebe, die natürlich im Augenblick diesen Ewigkeits- und Absolutheitsanspruch hat, in eine Institution übersetzt.

Sprecherin: Das romantische Modell der Ehe wurde auch von dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard sehr geschätzt, obwohl er den Romantikern sonst skeptisch gegenüberstand. Allerdings erfuhr dieses Modell eine Modifikation. Die romantische Einheit von sinnlicher und geistiger Liebe wurde revidiert. Vorrang hatte wieder der Himmel des Geistigen. Es ging darum, sich von der flüchtigen Welt des Sinnlichen zu distanzieren, wie dies an einer von Immanuel Hirsch übersetzten Passage deutlich wird.

Sprecher: Die Ehe ist Einheit von Gegensätzen noch mehr als die erste Liebe. Denn sie enthält einen Gegensatz mehr: das Geistige, und dadurch das Sinnliche in noch tieferem Gegensatze. Je ferner man aber dem Sinnlichen ist, um so größere ästhetische Bedeutung erhält es. Denn ansonsten wäre ja der Instinkt der Tiere das am meisten Ästhetische. Aber das Geistige in der Ehe ist höher denn das in der ersten Liebe. Und je höher der Himmel über dem Brautbett ist, um so besser, um so schöner, um so ästhetischer. Und über der Ehe wölbt sich nicht der irdische Himmel, sondern der Himmel des Geistes.

Sprecherin: Kierkegaards Plädoyer für die Ehe als bestes Modell einer Liebesbeziehung erscheint vor dem biographischen Hintergrund paradox, wie der in Wien tätige Philosoph Eugen Maria Schulak ausführt.

Eugen Maria Schulak: Kierkegaard überhöht die Liebe. Er packt in die Liebe alles hinein, was man nur hineinpacken kann. Er stellt sie vor als das größte Glück, das ein Mensch haben kann. Er selbst hat sich an diesem Glück probiert, indem er sich verlobt hat, mit einer gewissen Regine Olsen, doch hat er sich diese Verlobung dann letztlich doch nicht zugetraut, hat sich wieder entlobt, hat darunter gelitten, hat darüber philosophiert, ob man diese Verlobung eventuell wiederholen kann, ist aber dann zum Schluß gekommen, dass kaum Chancen bestehen, weil nämlich die Reflexion dazwischentritt und man diese Reflexion nicht ausschalten kann. Die Chance ist also vertan und dahin.

Sprecherin: Im Gegensatz zu Kierkegaards Auffassung der Liebe scheuten sich die Romantiker keineswegs, die Vorteile einer erfüllten Liebe zu betonen. Die körperliche Liebe war dabei ein wesentlicher Bestandteil der Liebesbeziehung. Selbst Novalis, die schöne Seele der Romantik, Botschafter der verheißungsvollen Poesie der blauen Blume, kannte die Staffeln der Liebe. Von der zärtlichen Liebkosung bis zum Geschlechtsakt, in der sich alles zu einer einzigen Wonne löst. Cornelia Klinger verweist auf eine andere Passage, die sich auf die geschlechtliche Liebe bezieht.

Cornelia Klinger: Es handelt ich um eine Vorstellung, die auch bei Friedrich Schlegel vorhanden ist, nämlich dass das weibliche Geschlecht gewissermaßen das Pflanzliche repräsentiert, und das männliche Geschlecht das animalische Prinzip. Das hat etwas mit Aktivität und Passivität zu tun. Die Pflanze ist passiv, das Tier ist aktiv. Auf dieser Vorstellung basiert das folgende Zitat, das aus den meisten Novalis-Sammlungen vorsichtshalber weggelassen wurde.

Sprecher: Wir fressen die Pflanzen, und sie gedeihen in unserem Moder. Was uns das Fressen ist, ist den Pflanzen die Befruchtung. Empfangen ist das weibliche Genießen, Verzehren das männliche. Umarmen ist Genießen, Fressen. Das Weibliche ist alle Tage immer wieder speisefähig.

Cornelia Klinger: Das geht bei Novalis stark hin in eine äußerste Esoterik und Übersinnlichkeit, bis hin zum ätherischen Sichauflösen ins Unendliche, ins Absolute. Dem gegenüber steht dieses ganz Sinnliche, teilweise brutal Sinnliche, ziemlich unvermittelt.

Sprecherin: Ein Hinweis für die Bedeutung des Geschlechtstriebes findet sich auch bei einem Philosophen, der eher für seine Weltverneinung bekannt ist. Für Arthur Schopenhauer ist der Geschlechtstrieb der Motor der menschlichen Existenz, so Eugen Maria Schulak. Am deutlichsten artikuliert er sich im Geschlechtsakt.

Eugen Maria Schulak: Schopenhauer ist für unser Thema insofern wichtig, als er im Grunde die Position vordenkt, die Sigmund Freud dann später einnehmen wird. Schopenhauer meint, alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe. Das ist eine Vorstellung, die der Liebe ihre Pietät nimmt, ihre seelische Qualität, ihre Esoterik und ihre Metaphysik. Da wird alles hinuntergebrochen auf den Geschlechtstrieb, der obendrein gar nicht mein individueller Geschlechtstrieb ist, sondern bei dem es sich um den Geist der Gattung handelt, der bloß in mir waltet, der sich bloß in mir materialisiert hat und dort in mir auf Fortpflanzung, auf Vermehrung aus ist.

Sprecher: Wenn man mich frägt, wo denn die intimste Erkenntnis jenes inneren Wesens der Welt, jenes Dinges an sich, das ich den Willen zum Leben genannt habe, zu erlangen sei, oder wo jenes Wesen am deutlichsten ins Bewusstsein tritt, oder wo es die reinste Offenbarung seines Selbst erlangt, so muss ich hinweisen auf die Wollust im Akt der Kopulation. Das ist es. Das ist das wahre Wesen und der Kern aller Dinge. Das Ziel und der Zweck alles Daseins.

Eugen Maria Schulak: Schopenhauer meint, dass der Geschlechtstrieb deshalb eine so wesentliche Bedeutung hat, weil dadurch die Zusammensetzung der nächsten Generation bestimmt wird. Die Wahl, die ich mit meinem Geschlechtspartner treffe, durch diese Wahl entsteht nichts weniger als die Zusammensetzung der nächsten Generation. Deswegen ist das Ganze keine Kleinigkeit, sondern etwas hoch Dramatisches.

Sprecherin: Schopenhauer selbst hatte noch im Alter mit dem Geschlechtstrieb zu kämpfen, den er als die eigentliche Macht ansah, die den Menschen hindere, den Idealzustand des Nirwana, des Nicht-mehr-Wollens zu erreichen.

Eugen Maria Schulak: Für Schopenhauer war es ganz klar, dass der Mensch, solange er gesund ist und ein gewisses Alter nicht überschritten hat, sich geschlechtlich betätigt. Im Alter von fast achtzig Jahren meinte er, er sei sehr froh darüber, dass sein Geschlechtstrieb nun langsam nachlasse, weil er so viel Scherereien durch ihn gehabt habe. Er sei nun wirklich dankbar, dass jetzt alles endlich ein Ende habe.

Sprecherin: Schopenhauer verstand den Geschlechtstrieb als anonyme Macht, die den Menschen überwältigt. Die Entscheidung für einen Liebespartner ist dann nicht wie in der romantischen Liebe der Ausdruck absoluter Liebe, sondern die Wahl eines austauschbaren Liebesobjektes.

Eugen Maria Schulak: Was Schopenhauer macht: Er kritisiert an der Liebe dieses spezielle Objekt, das geliebt wird; er meint, es geht hier nicht um das spezielle Objekt, es geht generell um eine Frau und generell um einen Mann. Und wir bilden uns nur ein, dass es genau diese oder genau dieser sein muss. Aber das ist eben der Geist der Gattung, der in uns spricht, und der uns diese Frau als ein ideales Objekt zur Fortpflanzung präsentiert.

Burckhard Schmidt: Liebe ist ein changierendes Wechselwesen. Gerade, wenn man das Modell der sexuell-erotischen Liebe hernimmt, dann ist sie so differierend in sich, kennt so viele Farben, so viele Muster, so viele Strukturen, so viele Intentionalitäten, dass das absolute Versinken ineinander, wie es ja Wagner besonders in Tristan und Isolde musikalisch wie theatralisch zu gestalten sich bemüht hatte, das Wesen der Liebe kaputtmacht.

Sprecherin: Die Darstellung der erotischen Vielfalt beherrscht den philosophischen Liebesdiskurs im 20. Jahrhundert, meint Burkhard Schmidt, der an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Philosophie lehrt. Schmidt wendet sich gegen ein philosophisches Deutungsmonopol, das Liebe als ein in sich geschlossenes Phänomen betrachtet. Gefragt ist vielmehr die Relativierung der Liebe, wie sie etwa der Philosoph und Soziologe Georg Simmel vornahm.

Burckhard Schmidt: Es löscht nämlich die vielen differierenden Strukturen, Muster, Intentionalitäten, Intentionsgrade aus. Und diese Vielfalt des Liebensphänomens, das kann dann nur so ein impressionistisches Denken wie das von Simmel bringen. Simmel nennt man ja auch gern den Impressionisten des deutschen Denkens. Ich meine damit so: Die Impressionisten haben festgestellt, dass sich im Laufe eines Vormittags durch das Wechseln der Beleuchtung die Landschaft hundertmal ändert. Es gibt so und so viele Perspektiven, Perspektivenverschiebungen, in denen eine Sache oder ein Umstand oder eine Intention, auf die man sich vorstellend richtet, plötzlich wieder eine ganz andere wird. Für dieses Chamäleonswesen hat Simmel dann einen Sinn entfaltet, der sich gegen die Verabsolutierung der Liebe, etwa auch im Liebestod, richtet. Nicht weil das nicht ginge, sondern weil das dem Wesen der Liebe widerspräche.

Sprecherin: Eine äußerst eigenwillige Sichtweise entfaltete der französische Schriftsteller George Bataille, der von 1897 bis 1962 lebte. Bataille gilt als ein Theoretiker, der die Ekstase und die Grenzüberschreitung als zentrales Thema seiner Schriften bezeichnete. Er verstand sich dabei nicht als akademischer Philosoph, sondern als Entdecker von maximalen Intensitätszonen, die er vor allem in der Erotik aufsuchte. In seinem Buch "Der heilige Eros", das Max Hölzer übersetzte, verstand er die Erotik als eine Trance der Organe, die sich immer außerhalb des gewöhnlichen Lebens ereignet.

Sprecher: Die Konvulsion des Fleisches fordert das Schweigen. Der fleischliche Trieb ist dem menschlichen Leben merkwürdig fremd. Er entfesselt sich außerhalb von ihm unter der Bedingung des Schweigens und der Absenz. Wer sich diesem Trieb hingibt, ist nicht mehr menschlich. Er gehorcht in einer blinden Gewaltsamkeit.

Sprecherin: Bataille ging in seiner Erkundung der menschlichen Erotik von zwei Komponenten aus, die das erotische Verhalten konstituieren. Von der Scham und von der Angst. Es sind dies rein menschliche Eigenschaften, die bei der tierischen Sexualität nicht vorhanden sind. Eugen Maria Schulak, der in Wien eine Philosophische Praxis betreibt, weist darauf hin, dass eine gelingende Erotik diese psychischen Defizite überwinden muss.

Eugen Maria Schulak: George Bataille unterscheidet zwischen Sexualität und Erotik. Die Sexualität ist ihm geschlechtliche Aktivität ohne Scham, Erotik hingegen geschlechtliche Aktivität mit Scham. Also die Scham, die etwas typisch Menschliches ist, tritt dazwischen. Dadurch, dass die Scham vorhanden ist, muss in der erotischen Aktivität eine Barriere überwunden werden, die Schambarriere. Der Mensch ist nun nicht mehr nackt wie das Tier, sondern der Mensch ist angezogen, und er muss sich ausziehen, damit er sich geschlechtlich betätigen kann. Und das ist eine Überwindung. Hier muss eine Grenze überschritten werden.

Sprecherin: Gelingt die erotische Grenzüberschreitung, kann es zu ekstatischen Erlebnissen kommen, die den Visionen der religiösen Mystiker ähnlich sind. Bataille spricht von einer göttlichen Trunkenheit und von einer orgiastischen Entfesselung.

Eugen Maria Schulak: In dem ekstatischen erotischen Erleben, so Bataille, liegt ein gewisser mystischer Augenblick, auch ein gewisses religiösen Erleben, das ist sehr interessant. Er sagt, viele Mystiker und Mystikerinnen haben in ihren mystischen Erlebnissen genau solche Situationen beschrieben, die andere wieder in ihren erotischen Erlebnissen beschreiben: die Verzückung. Bataille schreibt, dass Bonaventura berichtet hat, dass er im Zuge seiner Meditationen von den Wassern eines fleischlichen Flusses befleckt wurde. Es gibt in der erotischen Handlung also ein metaphysisches Element, das einer religiösen Handlung sehr ähnlich ist.

Sprecherin: Das vielfältige Spektrum der Liebe thematisierte auch der französische Literatur- wissenschafter und Zeichentheoretiker Roland Barthes, der zu den unkonventionellsten Intellektuellen Frankreichs im 20. Jahrhundert zählt. Dem Phänomen Liebe ging er in seinem Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe" nach, das Hans Horst Henschen übersetzte. Das 1977 erschienene Werk wurde ein intellektueller Bestseller, obwohl es sich als ein komplexes, fragiles Gebilde von Verweisen auf literarische und philosophische Passagen zur Liebe präsentiert. Die an der freien Universität in Berlin lehrende Theaterwissenschafterin und Romanistin Doris Kolesch beschreibt die Intention, die Barthes bei seinen Meditationen über die Liebe geleitet hat.

Doris Kolesch: Barthes entwickelt in diesem Buch gleichsam eine Choreographie des Liebesdiskurses. Also er sagt nicht, was ist eigentlich Liebe als substanzielles Gefühl, sondern er schaut sich an, wie verhält sich ein Liebender, was sind gleichsam typische Situationen, typische Sprechweisen. Und da geht er auch wirklich etymologisch auf diesen Begriff des Diskurses zurück. Diskurs kommt vom lateinischen discurrere, hin- und herlaufen. Und er sagt, was eigentlich im Liebenden passiert, ist ein beständiges Diskurs- und Sprachgewitter in seinem Kopf.

Sprecher: In der ganzen Spanne des Liebeslebens tauchen die Figuren im Kopf des liebenden Subjekts ohne jede Ordnung auf. Denn sie hängen jeweils vom inneren oder äußeren Zufall ab. Bei jedem dieser Zwischenfälle, das, was ihn überfällt, was ihm einfällt, schöpft der Liebende aus dem Vorrat der Figuren, je nach den Bedürfnissen, den Weisungen oder den Lüsten seines Imaginären. Jede Figur blitzt auf, vibriert allein wie der aus einer Melodie herausgelöste Ton oder wiederholt sich bis zum Überdruss, wie das Motiv einer in sich kreisenden Musik.

Doris Kolesch: Beständig fallen ihm Szenen, Redeweisen ein, die die geliebte Person gesagt oder nicht gesagt hat, was er selbst beim nächsten Treffen sagen könnte, und so reiht er auch verschiedene Figuren, die Figur des Wartens, des Hoffens, des Bangens, die Figur der Katastrophe, wenn man eine Beziehung beendet, in diesem Buch aneinander und versucht, in einer Art kleinen Phänomenologie von Alltagssituationen, aber auch der Lektüre zentraler literarischer Werke zuliebe unter anderem Proust, Goethes Werther - eine Art Topik des Liebesdiskurses zu entwerfen.

Sprecherin: Der Philosoph Michel Foucault, neben Roland Barthes und Gilles Deleuze einer der wichtigsten Vertreter der so genannten französischen Postmoderne, interessierte sich mehr für die Sexualität als die Liebe im allgemeinen. Er untersuchte in seinem dreibändigen Werk "Geschichte der Sexualität" die Rolle von Geboten und Verboten, die das sexuelle Verhalten regulieren. Dabei widersprach er der gängigen Repressionsthese, die Elisabeth von Samsonow, Philosophin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien erörtert.

Elisabeth von Samsonow: Er hat gezeigt, dass durch die Repression der sexuelle Diskurs ungeheuer an Bedeutung gewonnen hat, dass seitdem die Repression im Gange war, also seit dem 18. Jahrhundert, nie so viel über Erotik und Sexualität geredet und geschrieben wurde und dass die Politik der Lust von dieser Form der Repression profitiert hat.

Sprecherin: Im letzten Band der Trilogie über die Sexualität kehrte Foucault zum antiken Griechenland zurück. Dort entdeckte er die "Sorge um sich", die Selbstliebe, die es dem Menschen überließ, seine eigene Erotik auszuleben. Hier fand Foucault noch eine Erotik vor, die sich als Lebenskunst verstand. Sie wurde dann, so seine These, von der christlichen Moral und den Disziplinierungen der neuzeitlichen Philosophie ersetzt. Die Selbstsorge, allerdings in einem anderen Kontext, ist auch das Thema des renommierten amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt. Für ihn ist die herkömmliche Auffassung der Selbstsorge mit einer egoistischen Haltung verbunden, die in der Liebe nur eigene Interessen verfolgt. Diese Haltung revidiert Frankfurt, wie der in St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä anmerkt.

Dieter Thomä: Die Interessen haben letzten Endes immer eine Beliebigkeit. Daraus gewinnen sie ihre Würde, dass wir sie als Individuen eben jetzt artikulieren. Und was dabei einfach unbeachtet bleibt, ist, dass man im Grunde genommen in eine Beliebigkeit hineingerät. Heute kann ich dieses Interesse artikulieren, und dann müssen alle anderen es ernst nehmen, weil ich als Individuum die Freiheit dazu habe. Morgen kann ich wieder irgendwelche anderen Interessen artikulieren. Was uns dabei im Grunde genommen entgeht, sind Erfahrungen, von denen wir merken, dass die uns wirklich wichtig sind. Und das sind nun eben genau Erfahrungen, bei denen man sich typischerweise nicht unbedingt entscheidet, etwas wirklich wichtig zu finden, sondern man merkt, dass es einem sehr wichtig ist, dass z. B. eine andere Person einem sehr wichtig ist.

Sprecherin: Harry Frankfurt versteht seine Konzeption der Liebe als interesselos. Er bezieht sich hier auf Immanuel Kant, der die menschliche Person nicht als Mittel zum Zweck verstand, sondern als Zweck an sich. Interesselosigkeit darf nicht mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt werden, sondern bedeutet, dass die Person um ihrer selbst willen geliebt wird, ohne auf sich selbst zu vergessen. Die eigentliche Schwierigkeit besteht nun darin, die selbstlose Liebe zur anderen Person, die den gesellschaftlichen Normen nicht entspricht, so zu gestalten, dass der Rahmen einer sozialen Verträglichkeit nicht gesprengt wird. Darin liegt das eigentliche Verdienst von Frankfurts Theorie, in der sich verschiedene Traditionen des philosophischen Liebesdiskurses bündeln.

Dieter Thomä: Wenn wir in verschiedene soziale Beziehungen involviert sind, dann gibt es durchaus auch einen großen Widerspruch, den wir in uns tragen, mit dem wir auch umgehen müssen. Also Erfahrungen, bei denen wir hingerissen sind, bei denen wir auch unsere Autonomie einbüßen, bei denen wir uns ganz stark auf das Schicksal anderer stürzen. Das sind Erfahrungen der Selbstüberwindung, der Selbstvergessenheit. Es gibt Erfahrungen der Selbstvergessenheit und der Selbstüberwindung, die konträr sind zu diesem Insistieren auf Selbstbestimmung und Kontrolle. Da haben wir gerade als moderne Menschen eine enorme Spannung in uns. Das eigentliche Kunststück besteht so darin, dass wir uns eben nicht Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten unseres Lebens zerstören lassen, indem wir uns entweder von Erfahrungen der Selbstvergessenheit verabschieden oder indem wir dann einfach die Autonomie in den Wind schießen und uns nur noch irgendwie hingeben. Beides würde etwas von unserer Menschlichkeit wegnehmen. Und die Kunst besteht in der Balance.