Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen

Interview im Rahmen der Sendung "Leporello" (Österreich 1) vom 13. 10. 2004

 

Sprecherin: Es kommt, wie es kommen muss. Eines, wenn auch noch so fernen Tages wird auch der gesündeste Philosoph einen Arzt brauchen. Der umgekehrte Fall hingegen ist nicht selbstverständlich. Denn Gedanken über die letzten Dinge des Lebens machen sich Mediziner zumeist selbst.

Eugen Maria Schulak: Ein Arzt kann einen Philosophen brauchen, weil er heutzutage eine hauptsächlich technische Ausbildung hat und im Zuge seiner Studien über prinzipielle, grundlegende Fragen seines Berufes - sein Berufsverständnis - kaum mehr die Möglichkeit hat zu diskutieren. Das Philosophicum für Mediziner ist vor hundert Jahren abgeschafft worden. Es gibt keine philosophischen Prüfungen mehr für Mediziner, und es ist eigentlich ganz erstaunlich, wie viele Ärzte sich dennoch für Philosophie interessieren.

Sprecherin: Nun geschah es, dass ein junger Philosoph und ein erfahrener Arzt über ein paar Jahre hinweg in einen immer dichter werdenden Dialog verstrickt waren. Aus einem umfangreichen E-Mail-Verkehr zwischen dem emeritierten Universitätsprofessor und Gründer des Universitätsinstituts für Chemotherapie, Karl Hermann Spitzy, und dem 41-jährigen Philosophen Eugen Maria Schulak entstand ein von Kremayr und Scheriau verlegter Ratgeber für Ratgeber "Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen".

Eugen Maria Schulak: In diesem Buch wird philosophiert. Es geht darum, darüber nachzudenken, wie man an die Menschen und konkret auch an die Patienten am besten geistig herankommt. Die Grundfrage, die am Anfang gestellt wird, ist: Was macht den erfolgreichen Arzt aus? Ist es seine Stellung in der Gesellschaft, ist es seine Ausbildung? Was ist es eigentlich? Und im Zuge dieses Dialogs entwickelt sich die Vorstellung, dass der erfolgreiche oder der gute Arzt eigentlich einer sein muss, der einen Kontakt, womöglich einen innigen Kontakt mit seinen Patienten herstellen und entfalten kann.

Sprecherin: Angetastet, oder vielmehr abgetastet, werden auch die Grenzen zur Religion im allgemeinen, wobei streng gehütete konfessionelle Standpunkte ebenso respektiert werden wie das Zweifeln und Suchen. Wie sich die jeweiligen Positionen des Mediziners, aber auch des Patienten, auf einen erwarteten Genesungsprozeß auswirken können, wurde in dem interdisziplinären Dialog ebenfalls gesucht.

Eugen Maria Schulak: Es ist anzunehmen, dass ärztliches Handeln in vielen Fällen gar nicht greifbar, ja gar nicht möglich wird, wenn keine Beziehung zwischen Arzt und Patient hergestellt werden kann. Und ich rede jetzt nicht von einfachen chirurgischen Eingriffen, von gebrochenen Beinen oder gebrochenen Armen, sondern von Krankheitsbildern, die komplex sind, wo der Arzt auch nie wirklich eine Rückmeldung bekommt oder nie wirklich sicher sein kann, ob das, was er tut, zur Gesundung des Patienten geführt hat, oder ob er nicht von selber auch gesund geworden wäre, wenn er nicht beim Arzt gewesen wäre. Der Arzt hat diese Sicherheit nicht unbedingt, der Patient hat sie auch nicht unbedingt.

Sprecherin: "Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen" ist kein Supervisionsinstrument, kein Nachschlagewerk in Momenten des Zweifels. Der philosophierende Mediziner Spitzy und der praktizierende Philosoph Schulak kommen vielmehr zu dem Schluß: Die Liebe ist ein zentrales Element ärztlichen Handelns und der Weisheit letzter Schluß.

Eugen Maria Schulak: Das, was die Gesundung wirklich befördern kann und von dem wir beide glauben, dass es das wahre ärztliche Handeln ist, ist der Aufbau eines Verhältnisses zwischen Arzt und Patient, so dass Vertrauen und Verantwortung entstehen kann und sich der Patient wohlfühlt. Erst dann beginnt die Arbeit des Arztes.