Doktor der Gedanken

Interview im Rahmen der Sendung "Leporello" (Ö1) vom 11. 07. 2001

 

Eugen-Maria Schulak: Ich glaube, dass Philosophie Freude machen kann, dass sie etwas Lustvolles, etwas Fröhliches ist, das man mit Freunden teilen kann.

Sprecher: Eugen-Maria Schulak, ein Philosoph der besonderen Art. Der junge Wissenschafter möchte die hehren Lehren, die seiner Meinung nach an Universitäten und in Denkerstuben ein allzu weltabgewandtes Dasein führen, unters Volk bringen. Vor drei Jahren hat Eugen-Maria Schulak in Wien die erste Philosophische Praxis eröffnet. Niemand geringerer als Konrad Paul Liessmann, der einstige Lehrer des findigen Philosophen, zollt seinem Schüler heute Beifall ob der Pioniertat.

Konrad Paul Liessmann: Herr Schulak hat hier einen sehr eigenwilligen Weg beschritten, nämlich so etwas wie ein Lebensbegleiter, ein Berater, ein Weisheitslehrer zu sein, wo der Philosoph sich also wieder in die Rolle begibt, die er ursprünglich auch innegehabt hatte, und wo die Philosophie also durchaus die Funktion hat, bei den unmittelbaren Lebensproblemen des Alltags eine klärende, eine beratende, eine begleitende Aufgabe zu erfüllen.

Sprecher: Die Klienten des Philosophen wollen zumeist ihren Horizont erweitern. Es sind durchwegs erfolgreiche Menschen, so Doktor Schulak, die sich größtenteils bereits selbst verwirklicht haben und nun ihre Beziehung zur Umwelt bereichern wollen. Rechtsanwälte sind darunter, die etwa die neuesten Theorien der Gerechtigkeit diskutieren möchten, oder Ärzte, die Austausch über Fragen der Ethik und der Moral mit der medizinischen Praxis suchen. Und andere wollen wissen, was denn wohl ein gelungenes Leben ausmache.

Eugen-Maria Schulak: Ein gelungenes Leben ist ein Leben, das Entfaltung bedeutet. Wünsche gibt es viele, das heißt aber nicht, dass ein Leben nur dann ein gelungenes ist, wenn sie sich alle erfüllen oder wenn man sie alle abhaken kann, sondern auch, wenn man mit dem Gebotenen, das einem gegeben wurde oder das man sich erarbeitet hat, leben kann.

Sprecher: Vergangene Woche hat Eugen-Maria Schulak auch ein Buch auf den Markt gebracht. Das Werk mit dem Titel "Daimon" bietet einen leicht lesbaren Überblick über die verschiedenen Denkweisen der Philosophie sowie deren mögliche Auswirkungen auf den Alltag. Zur Buchpräsentation ins Wiener Siemens Forum kam auch der Schauspieler Götz Kauffmann. Den Unterschied zwischen psychoanalytischer und philosophischer Praxis beschreibt er so:

Götz Kauffmann: Das eine ist ein Sein-Lassen, ein mit sich Geschehen-Lassen, wenn man mit sich in der herkömmlichen Praxis arbeitet, und das andere ist ein Miteinander. Das bedeutet auch, andere verstehen zu wollen und nicht nur sich selbst, und zwar in einem Maße, das eine Ausgewogenheit bietet. Und das, das ist für mich gescheit.

Sprecher: Zu Gast bei der kleinen Philosophenfeier war auch der verdiente und unlängst emeritierte Universitätsprofessor Norbert Leser. Er scheint den Weg aus dem Elfenbeinturm der Philosophie ebenfalls gefunden zu haben. Immerhin bringt er demnächst eine CD mit Wienerliedern unters Volk. Knapp vor seinem Ruhestand hat Leser entdeckt, was viele noch suchen: "In vino veritas" lautet der letzte Schluss seiner Weisheit. Und das Wienerlied birgt den philosophischen Gottesbeweis.

Norbert Leser: Ja das Wienerlied ist nämlich ein sehr philosophisches Lied. Es kommen die wichtigsten Motive und Themen vor: Liebe, Tod, der Herrgott - als Krönung des Ganzen -, und der Wein - es wird a Wein sein und wir werdn nimmer sein, s`wird schöne Madln geben und wir werdn nimmer leben -, diese Grundgefühl ist ein ausgesprochen philosophisches. Oder zum Beispiel das Lied "Wenn der Herrgott net will, nutzt des gar nix", mehr kann auch ein Professor der Theologie letzten Endes nicht sagen.