"Ich bin keine Predigerin"

Die Krimi-Autorin Donna Leon im Gespräch

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 7./8. Februar 2003
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Ihren ersten Krimi schrieb sie im reifen Alter von fünfzig Jahren. Seitdem versorgt die 1942 in New Jersey geborene Literaturprofessorin ihre Fangemeinde bereits über ein Jahrzehnt lang kontinuierlich mit neuem Lesestoff. Vor allem in Europa, und hier vorwiegend im deutschsprachigen Raum, erfreuen sich ihre Romane, mittlerweile zehn an der Zahl, steigender Beliebtheit. Donna Leon, die heute in Venedig lebt und dort auch ihre Krimis sowohl schreibt als auch handeln lässt, befand sich vor ihrer Karriere als Autorin bereits in den unterschiedlichsten beruflichen Situationen. Sie arbeitete als Fremdenführerin, als Werbetexterin und kam als Lehrerin für englische Sprache sogar in den Iran, nach China und nach Saudi-Arabien. Nach Wien kam Donna Leon auf Einladung der Siemens Academy of Life - in ihrer Rolle als eine der derzeit meistgelesensten Autorinnen.

Wiener Zeitung: Frau Leon, Sie wuchsen in New Jersey auf ...

Donna Leon: Ich hatte eine durchschnittliche Kindheit, wenn man von der Tatsache absieht, dass ich überdurchschnittlich viel las. Mein Vater arbeitete als Buchhalter und meine Mutter als Teilzeitsekretärin. Wir waren eine gewissenhafte, weiße, typische Mittelschichtfamilie. Ich hatte Glück, dass ich 1942 geboren wurde. Amerika gewann den Krieg und damit die Zukunft. Dies löste einen ökonomischen Aufschwung aus, der uns allen Wohlstand und Erfolg brachte. Doch wie viele Menschen meiner Generation wuchs ich ohne jegliche Ambitionen auf. Niemals wollte ich erfolgreich, reich oder mächtig werden. Ich wollte einfach ein friedliches Leben führen, viel lesen und Musik hören, reisen, Freunde haben.

Wiener Zeitung: Sehr bald schon machten Sie Karriere an der Universität. War es Ihr Traum, Professorin für Literatur zu werden?

Donna Leon: Nein, dieser Job ist mir einfach passiert. Nach der Universität arbeitete ich vorerst einmal ein Jahr lang als Werbetexterin in New York. Dann begleitete ich eine italo-amerikanische Studienkollegin, die Malerei studieren wollte, nach Neapel, denn damals, 1966, durften anständige junge Mädchen noch nicht alleine verreisen. Ich hatte niemals daran gedacht nach Italien zu gehen. Doch bereits als das Schiff in den Hafen einlief, war ich vollends begeistert. Ich wusste damals nicht, wie schön es dort ist. In Italien blieb ich etwa ein Jahr, so lange, bis mir das Geld ausging. Dann arbeitete ich ein paar Monate in London, kehrte aber, als ich in der Zeitung von einer interessanten Aufführung in La Scala las, wieder zurück. Ich gab meine Stellung auf, um in die italienische Oper zu gehen. In diesen Jahren wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ständig in Italien zu leben und einfach nichts zu tun. Sobald man allen Ehrgeiz fallen lässt, ist das Leben sehr viel einfacher.

Wiener Zeitung: Sie arbeiteten aber auch im Iran, in China und in Saudi-Arabien.

Donna Leon: Es gab eine Periode in meinem Leben, in der ich jedes Jahr auf einem anderen Kontinent verbrachte. Ich war ständig unterwegs. In den 70er Jahren ging ich für vier Jahre in den Iran, bis zur Evakuierung. Dort brachte ich Helikopterpiloten Englisch bei. Dann bot man mir einen Job in China an, unweit von Shanghai. Das war ein anstrengendes Jahr, psychisch anstrengend, da wir ständig überwacht wurden. Es war in den 80er Jahren, am Ende der kulturellen Revolution. Jeder, der mit mir sprach, wurde von den Behörden ausgefragt. Dann ging ich nach Saudi-Arabien, was ebenfalls höchst unerfreulich war. Alles verlief stets nach dem gleichen Muster: Ich beendete den Job, gab all mein Geld aus, musste einen neuen Job finden und arbeiten, hörte wiederum auf, gab das ganze Geld aus und so weiter und so fort.

Wiener Zeitung: Und dann beschlossen Sie auf Dauer nach Venedig zu gehen.

Donna Leon: Ja, weil ich Venedig in den 60er und 70er Jahren ohnehin ein- bis zweimal pro Jahr besuchte. Im Zuge dieser Besuche entwickelten sich überaus enge Freundschaften, entstand gleichsam meine zweite Familie. Ich wollte einfach in einer friedlichen Umgebung leben, wo mich die Menschen liebten und auch ich die Menschen lieben konnte. Also zog ich dorthin, nicht wegen der Schönheit der Stadt und der Museen, sondern wegen der Menschen. Ich wusste, dass ich mich dort niederlassen und ein ruhiges Leben führen konnte. Freilich brauchte ich auch dort einen Job. So begann ich unweit von Venedig, in Vincenca, wo es eine amerikanische Universität gibt, wieder zu unterrichten.

Wiener Zeitung: Was brachte Sie schließlich auf die Idee Kriminalromane zu schreiben?

Donna Leon: Ich besuchte mit Freunden, unter denen sich auch ein sizilianischer Dirigent und seine Frau befanden, eine Generalprobe in La Fenice. Nach der Vorstellung begannen wir über einen anderen uns bekannten Dirigenten zu sprechen, den aber keiner von uns sonderlich mochte. Und dann kam es zu einer Eskalation: Wir planten, wie wir diese Person im Umkleideraum ermorden könnten. Und ich dachte: "Was für eine großartige Idee für einen Kriminalroman!" Ein Freund riet mir später, diesen Text bei einem japanischen Krimiwettbewerb einzureichen. Dabei hatte ich zwanzig Jahre lang bloß Briefe geschrieben. Tatsächlich gewann mein Text den ersten Preis und ich bekam einen Vertrag für zwei Bücher bei Harper & Collins in New York. Nachdem ich das zweite Buch beendet hatte, erhielt ich Angebote von deutschen Verlegern, eines von Bertelsmann und eines von Diogenes in Zürich. Ich entschied mich für Diogenes und es war die richtige Entscheidung.

Wiener Zeitung: Ihre Karriere als Autorin begann vor etwa zehn Jahren. Ihre ersten Romane verkauften sich damals denkbar schlecht. Weshalb schrieben Sie dennoch weiter?

Donna Leon: Ein Buch zu schreiben macht Spaß, es bringt mich zum Lachen. Ich fühle mich gut dabei, einen Mordfall zu entwerfen und seine Hintergründe nach und nach aufzuklären.

Wiener Zeitung: Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb Sie gerade in Europa so erfolgreich sind?

Donna Leon: Man sagte mir, dass ein Kriminalroman, der sich nicht auf Amerika oder England bezieht, in Amerika wenig Chancen auf Erfolg habe, weil Amerikaner in der Regel nicht an fremden Ländern interessiert seien. Erst ab dem vierten Roman wurden meine Bücher bekannt, verkauften sich in großen Mengen in deutscher Sprache und brachten jede Menge Geld ein.

Wiener Zeitung: Wieviele Bücher wurden bis jetzt weltweit verkauft?

Donna Leon: Ich weiß es nicht, es ist mir gleichgültig.

Wiener Zeitung: Wie hat sich Ihr Leben durch den Erfolg Ihrer Bücher verändert?

Donna Leon: Vor kurzem erst unterschrieb ich einen Vertrag, der die Publikation meiner Bücher in Amerika zum Inhalt hatte. Ich rief sofort Allen Curtis in Florenz an und sagte: "Allen, ich habe gerade einen Vertrag in Amerika unterzeichnet. Lass uns im nächsten Jahr zwei Opern aufführen." Auf diese Art gebe ich mein Geld aus. An Spielzeug bin ich nicht interessiert. Mein Computer ist sieben Jahre alt. Ich besitze kein Mobiltelefon. Ich habe kein Bedürfnis nach einem neuen Auto. Ich bin, was mein Konsumverhalten betrifft, ganz aus der Mode.

Wiener Zeitung: Aber Sie lieben es, Freunde zu treffen und auch neue Freundschaften zu schließen.

Donna Leon: Ja, ich will viel lachen, viel Spaß haben. Der Besitz eines Spielzeugs, sei es ein Mobiltelefon oder ein Maserati, hat mich nie glücklich gemacht. Ich weiß, dass diese Dinge viele Menschen glücklich machen. Doch glauben Sie mir, ich bin keine Predigerin. Ich bin nicht Savonarola, der Ihnen befiehlt, Ihren Maserati zu verbrennen. Ich führe bloß ein unzeitgemäßes Leben. Wirklich sonderbar, ja fast unheimlich ist, dass ich manchmal den Eindruck habe, ich müsse mich für meine Art zu leben entschuldigen. Denn ich merke auf Schritt und Tritt, wie anders mein Leben im Vergleich zu den Leben anderer Leuten verläuft. Ich denke, es ist wirklich tragisch, dass so viele Menschen ihre Zeit damit zubringen, ihre Zukunft oder gar ihren Ruhestand zu planen.

Wiener Zeitung: Welche Regeln sind für Sie beim Schreiben von Kriminalromanen am wichtigsten?

Donna Leon: Darüber erzähle ich liebend gerne. Was mir am wichtigsten erscheint, ist, den Leser nicht zu befremden, nicht arrogant zu wirken, nicht auf den Leser herabzublicken. Für einen Autor ist es sehr leicht, herablassend zu sein oder Bemerkungen zu machen, die der Leser als anstößig empfindet. Ich sehe keinen Grund dafür, dies zu tun. Das Wichtigste für einen Autor ist, den gesunden Respekt für seine Leser niemals aus den Augen zu verlieren, den Leser nicht gleichsam unter den Tisch zu reden, ihn und seine Intelligenz nicht zu beleidigen.

Ein Autor sollte ständig bedenken, dass der Leser auf das, was er schreibt, auch antworten wird. Deshalb ist es ratsam, immer einen gewissen guten Ton aufrechtzuerhalten, um das Interesse des Lesers nicht zu verlieren. Es ist die Aufgabe des Autors, Sympathien zwischen Leser und Buch aufzubauen. Es ist schlichtweg unklug - und wahrscheinlich denke ich deshalb so, weil ich 1942 geboren wurde und man Mädchen damals zu jungen Damen erziehen wollte - in einem Buch vulgäre Aussagen zu machen. Denn, taktisch gesprochen: Sobald man den Leser verletzt, wird er das Buch beiseite legen. Und das ist ja genau das, was ein Autor verhindern will. Deshalb glaube ich, dass geschmacklose und vulgäre Bemerkungen absolut unangebracht sind.

Wiener Zeitung: Welche persönliche Beziehung erachten Sie in Ihrem Leben als die wichtigste?

Donna Leon: Vermutlich meine Beziehung zur Sprache. Ich sehe mich als eine Art Sprachpolizei. Ich unterrichtete fünfundzwanzig Jahre hindurch Literatur auf Universitätsniveau, und alles, was ich lernte, lernte ich in Worten. Deshalb ist von allen Beziehungen, die ich habe, meine Beziehung zur Sprache die dominanteste. Was die Sprache betrifft, bin ich geradezu eine Faschistin. All jenen, denen es in ihren sprachlichen Formulierungen an Klarheit und Aufrichtigkeit mangelt, möchte ich sagen: "Das, was ihr schreibt, ist einfach nicht wahr!" Ich bin ein Workaholic was Sprache anbelangt, kenne keinen Unterschied, keine Grenze zwischen meinem Gefühlsleben und meinem Job. Es ist ja durchaus nicht so, dass ich nach neun Monaten aufwache und mein Manuskript unter meinem Kopfpolster vorfinde. Ich arbeite unentwegt. Alles, was nicht Musik ist, ist in meinen Augen Arbeit. Ich schreibe oder lese mindestens acht Stunden täglich. Und wenn ich lese, gehe ich sicher, dass ich etwas lese, worüber ich nachher schreiben werde. Auch liebe ich es, bei Gesprächen zuzuhören. So gesehen arbeite ich unentwegt, selbst wenn ich bloß ruhig dasitze und lese oder an einer Konversation teilhabe.

Wiener Zeitung: Denken Sie, Sie könnten außer Kriminalromanen auch andere Texte schreiben?

Donna Leon: Ich habe einige Essays geschrieben und rezensiere Bücher für die "London Sunday Times". Aber ich habe kein Verlangen danach, so etwas wie ein richtiges Buch zu schreiben.

Wiener Zeitung: Sind Ihre Bücher denn keine richtigen Bücher?

Donna Leon: Ich denke hier an ernsthafte Romane. Kriminalromane sind bloß insofern interessant, als der Leser versuchen muss, herauszufinden, warum eine gewisse Person ermordet wurde und von wem. In einem komplexeren Roman geht es um weitaus mehr. Hier werden die handelnden Personen tiefer und vielschichtiger gezeichnet. Man liest nicht "Krieg und Frieden" um herauszufinden, dass die Russen gewannen. Man liest nicht "Anna Karina" um herauszufinden, dass sie starb. Aber Kriminalromane liest man aus einer relativ einfachen Motivation heraus, ohne kulturelle Ansprüche zu heben. Man möchte wissen, warum etwas passiert ist und auch, wer es getan hat, und man möchte wissen, ob der Täter bestraft wird oder nicht. Und ich weiß, wie man das macht. Ich bin wie ein Tischler. Ich weiß, wie man ein Möbelstück anfertigt. Aber ich habe nicht das geringste Verlangen, eine Künstlerin zu werden, kunstvolle, ernsthafte und intellektuelle Romane zu schreiben. Das ist einfach nicht das, was ich mache.

Wiener Zeitung: Sie scheinen ein wunderbares Leben zu führen.

Donna Leon: Ja, ich hatte Glück, ohne diesen Hang zu Reichtum, Macht und Erfolg geboren worden zu sein. Ich hatte außerordentliches Glück.

Wiener Zeitung: Denken Sie, Sie werden in 10 bis 15 Jahren Ihr 25. Buch geschrieben haben?

Donna Leon: Ich hoffe diese Bücher weiterhin schreiben zu können, so lange, bis ich keine Lust mehr dazu habe, bis sie nicht mehr gut genug sind, bis sie mich nicht mehr unterhalten und erfreuen. Und dann werde ich aufhören zu schreiben.