"Es ist ein Brand von solcher Art,
dass ich brenne, aber nicht verbrenne."

Über das Wesen der Leidenschaft

 

Copyright: Eugen-Maria Schulak / Orac-Verlag
Veröffentlicht in: Harald Koisser / Eugen Maria Schulak, Wenn Eros uns den Kopf verdreht. Philosophisches zum Seitensprung, Wien 2005.

 

Leidenschaft ist ein stürmisches, oft überbordendes Begehren, das nicht bloß im Zusammenhang mit dem Geschlechtlichen zu Tage tritt, sondern gelegentlich auch Sammler, Forscher, Künstler, Feldherren oder Religiöse drängt und durch ihr Leben treibt. Leidenschaft bedeutet Aufopferung und bedingungslos Hingabe, eine Art Verschwendung von Zeit, Kraft und materiellen Mitteln an Dinge, Menschen oder höhere Ideen. In ihren stärksten Formen gleicht sie dem Laster oder auch der Sucht, zumindest ist sie aber ein verwirrendes Gefühl, gemischt aus Hoffnung, Euphorie und Gier, gespickt mit Wut, seelischem Schmerz und Angst. Das bedeutet, dass sie in der Regel nicht durch den Verstand beherrscht werden kann und vor allem auch nicht beherrscht werden will , sondern sich ihrerseits die Schärfe des Verstandes für ihre Zwecke unterwirft.

Leidenschaft zeigt sich demnach als starke Kraft. Von einem generellen Trieb ist sie jedoch insofern zu unterscheiden, als sie nicht allen Menschen gemeinsam und in gleichem Maße zukommt, sondern sich auf Einzelne, auf Individuen beschränkt. Sie zieht den Einzelnen in ihren Bann. Wird nun ein solcher Einzelner von Leidenschaft erfüllt und stark bewegt, so hat er auch ein Ziel, einen geschärften Blick. Sein Auge ist zentriert. Er sieht die Quelle seiner Leidenschaft ganz klar vor sich. Und doch macht sie ihn, wie das Sprichwort sagt, auch blind, etwa Gefahren gegenüber, die wie das Schwert des Damokles ihm selbst und all den anderen, die ins Geschehen einbezogen werden, drohen. Körperlichen Verfall, finanziellen Ruin, strafrechtliche Verfolgung oder gar Tod nimmt der von Leidenschaft Getriebene in Kauf und mutet sie auch andern zu. So ist es nur ein kleiner Schritt der ihn zum Täter oder gar Verbrecher macht, zu einem, der nicht bloß brennen, sondern auch verbrennen will, und dem es schließlich ganz egal wird, wer oder was mit ihm zu Grunde geht.

Gleichwohl und aller intellektuellen und moralistischen Abwertung ungeachtet, gilt die Leidenschaft mit Fug und Recht als Mutter aller Schaffenskraft, als Bedingung dafür, Großes und Bedeutendes zu tun. Wie anders, wenn nicht in Form einer Passion, wäre denn der totale Einsatz eines Menschen zu verstehen? Wohl niemand würde etwas gemeinhin Aussichtsloses wagen, wenn ihn nicht Leidenschaft gepackt und in die Bahn geworfen hätte. Und so treten Menschen dann an, um etwa die Baupläne des Lebens zu enträtseln oder um ganze Kontinente zu unterwerfen. Uns guten Europäern, die wir gebrannte Kinder sind, erscheint dies alles überzogen, verdreht und wider die Moral. Wir meinen, dass Ansprüche solcher Art zurückzuschrauben seien, der Mensch, wenn überhaupt, auf Sparflamme zu brennen und seinen Leidenschaften abzuschwören habe. Doch bereits Georg Wilhelm Friedrich Hegel hielt solches Denken für "psychologische Kleinmeisterei", im Grunde für verlogen: "Alexander von Makedonien hat zum Teil Griechenland, dann Asien erobert; also ist er eroberungssüchtig gewesen. Er hat aus Ruhmsucht, Eroberungssucht gehandelt [...] Welcher Schulmeister hat nicht von Alexander dem Großen, von Julius Cäsar vordemonstriert, dass diese Menschen von solchen Leidenschaften getrieben und daher unmoralische Menschen gewesen seien? Woraus sogleich folgt, dass er, der Schulmeister, ein vortrefflicherer Mensch sei als jene, weil er solche Leidenschaften nicht besitze und den Beweis dadurch gebe, dass er Asien nicht erobere, den Darius, Porus nicht besiege, sondern freilich wohl lebe, aber auch leben lasse". (1) So gesehen lässt sich durchaus behaupten, dass Moral als Phänomen erst dann entsteht, wenn wir die Kraft zu großen Leidenschaften gar nicht haben oder die Kraft uns nachhaltig abhanden kommt. Reklamieren wir diese Schwäche respektive den Verlust der Kräfte als Verzicht, also als Resultat von Einsicht und als freie Wahl, so ist dies in der Tat nichts anderes als Heuchelei.

Freilich, es ist gefährlich, wenn man den Leidenschaften freien Lauf lässt, zweifellos. Doch will das Leben, wie uns Friedrich Nietzsche zu verstehen gibt, nicht "in die Höhe"? Will es nicht "in weite Fernen" blicken "und hinaus nach seligen Schönheiten"? (2) Sind wir nicht alle zahme Haustiere geworden, kränklich, mittelmäßig und jeder Passion abhold? "Nicht eure Sünde", schreibt er, "schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in der Sünde schreit gen Himmel! Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?" (3) Gerade dieser Wahnsinn war es immer schon, der so viel Licht und Schatten, so viel Erfreuliches und auch Prekäres mit sich brachte.

Hitze, Wollust, Rausch und eine bittersüße Verwirrung sind Momente, die auch den erotischen Leidenschaften eignen. In einem ihrer berückenden lesbischen Lieder fängt Sappho einen dieser sinnlichen Momente ein, beschwört den Augenblick, in dem die Vernunft schwindet und die Seele gleichsam zu taumeln beginnt:

Und Eros verdreht mir den kopf
wie der wind wenn er vom berg
herab in die eichen fällt
(4)

Ihr Zeitgenosse Alkaios, ein kriegerischer Edelmann, tut es ihr gleich. Er zeigt das brütende Verlangen verschwitzter Leiber, den Durst und auch die Ohnmacht, dieses dauerhaft zu stillen, die Kraft der Schenkel und die Kraftlosigkeit der Glieder im August:

Netz die Kehle mit Wein! Weißt ja, der Stern zieht seines Kreises Bahn.
Alles dürstet und lechzt matt in der Glut. Schwer ist die Zeit im Jahr.
Von den Bäumen nur süß aus dem Gezweig tönt der Zikade Lied.
Disteln blühen am Rain. Heiß wie noch nie sind jetzt die Frauen, doch schlaff
Alle Männer, das Haupt schwer, und die Knie dörret des Hundsterns Glut.
(5)

Stets geht es um das Hier und Jetzt, um einen magischen Moment, um einen Akt höchster Konzentration, um den Augenblick, in dem die Kanäle der Wahrnehmung sich öffnen und das Gebotene fixieren, sich die Sinne ins Extrem verschärfen und überlastet dabei unscharf werden und ins Gleiten kommen. Dieses Gleiten und Schlingern, als ein Vorbote der Epilepsie und Ohnmacht, lässt im Leidenschaftlichen die Körpersäfte steigen und richtet die Glieder wieder auf. Nur nicht schwach werden! Neue Kräfte schießen ein. Wie Blasbälge fegen sie über die glühende Seele und entfachen ein Feuer, einen Brand. Zuerst blitzen die Augen, dann blitzt die Verwegenheit ins Land und vielleicht blitzt bald ein Messer, um das Begehrte seinen Beschützern zu entreißen:

Als alle schliefen schlich ich mich ins lager. da sah ich sie:
ihre arme die läufe eines langhalsigen kamels ein junges
das noch nie geworfen hat lohfarben und licht. ihre brüste
weich und so weiß wie ein schmuckkästchen und
eingelegtes elfenbein das grobe finger nie noch öffneten
ihr rücken hoch und schlank doch ihre schenkel schwer
und rund. ihr hintern satt im fleisch dass die enge spalte
mich fast in den wahnsinn trieb. ringe und kettchen
klingelten an beinen glatt wie marmor oder alabaster
... (6)

Im Zustand der Brunst glänzt Philosophie nur mehr in ihrer totalen Abwesenheit. Auch das Gewissen zieht sich verschämt zurück. Was bleibt, ist eine Sucht nach Sog, die sich den Trieben und Instinkten überlässt. Meilenweit von jeder Nüchternheit und Reflexion entfernt, von jeder Mäßigung und Mitte, führt uns die Leidenschaft ins Zwielicht, reißt uns umher und spaltet uns entzwei. Der von der Leidenschaft Getriebene liegt so "im äußersten Widerstreit". Er "zittert", wie Giordano Bruno, der große Philosoph der Renaissance bemerkt, "in eisigen Hoffnungen und brennt in siedendheißen Wünschen. Vor Begierde schreiend, ist er stumm vor Furcht". (7) Zerrissen, aber doch auch krank vor Seligkeit, weiß er nicht mehr wie im geschieht. Doch weiß er, das er leben, ewig so weiterleben will und brennen, ohne zu Asche zu verglühen.

Wenn der Schmetterling zu dem ihm lieblichen Glanz fliegt,
weiß er nicht, dass die Flamme letztlich nicht angenehm ist.
Wenn der Hirsch, weil er vor Durst vergeht, zum Fluß läuft,
weiß er nichts von dem bitteren Pfeil.
Wenn das Einhorn zur schützenden Höhle rennt, sieht es die
Schlinge nicht, die sich ihm dort bereitet:
Ich sehe im Licht, in der Quelle, im Schoß von meinem Gut die
Flammen, die Pfeile und die Ketten.
Wenn süß mein Schmachten ist,
weil jene erhabene Fackel mich so zufriedenstellt,
weil der göttliche Bogen mich mit so süßen Wunden bedeckt,
weil in jenem Knoten meine Sehnsucht gebunden ist,
dann mögen gern ewig lästig sein
Flammen dem Herzen, Pfeile der Brust und der Seele Schlingen
(8)

Wollen wir in solche Zustände geraten? Mit Sicherheit! Wir betrachten sie als Sternstunden unseres Lebens und bewahren sie sorgfältig in unserer Erinnerung auf. Kleinode sind es, die Zeugnis davon geben, dass wir es doch verstanden haben, uns dann und wann dem Alltag zu entziehen. Wenn wir am Ende unseres Lebens dann müde und verdorrt beim Ofen sitzen und es ans Sterben geht, werden es wohl jene besagten Momente sein, die uns Gewissheit geben, ausreichend gelebt haben. Doch so oder so, sei es im hohen Alter oder im Zuge aktuellen Geschehens: Die Zeit des Taumels geht vorbei. Die Hitze verraucht, Ernüchterung stellt sich ein, mit Sicherheit. Unter Umständen, eingedenk des Meers an Tränen, das man verursacht hat, tritt noch die Reue und das Schuldgefühl hinzu. Das, was einst in "ästhetischer Indifferenz" erschien, wie Sören Kierkegaard bemerkt, offenbart sich, "indem das aufgeschreckte Gewissen und die Reflexion hinzutreten", dem Reuigen als "Sündenreich". Dann aber "ist Don Juan [längst] tot und die Musik verstummt". (9)


1: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: Eva Moldenhauer, Karl M. Michel (Hrsg.), Werke in 20 Bänden, Frankfurt am Main 1986, Bd. 12, 47f.
2: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von den Taranteln, in: Giorgio Colli, Mazzino Montinari (Hrsg.), Kritische Studienausgabe (KSA) in 15 Einzelbänden, München Berlin New York 1988, Bd. 4, 130.
3: ebd., Vorrede 3, 16.
4: Sappho, in: Raoul Schrott, Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren (Auswahl und Übersetzung von Raoul Schrott), Frankfurt am Main 1997, 127.
5: Alkaios von Lesbos, in: Carl Fischer (Hrsg.), Antike Lyrik, Wien o. J. (Lizenzausgabe Artemis Winkler), 39.
6: Amr Ibn Kultum, in: Raoul Schrott, 254.
7: Giordano Bruno, Von den heroischen Leidenschaften, 82.
8: ebd., 90.
9: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder, in: Digitale Bibliothek Bd.2, Philosophie, 65570f. (147f.)