"Die Kirche mischt sich in alles ein"

Ein Gespräch mit dem Theologen und Philosophen Hans Küng

 

Auszug aus dem offiziellen Protokoll der Academy of Life
Veröffentlicht in der Wiener Zeitung vom 24. Dezember 2004
Redigiert von Eugen-Maria Schulak

 

Ausgebildet am römischen Eliteinstitut "Collegium Germanicum" und in Rom zum Priester geweiht, erregte der gebürtige Schweizer und älteste Sohn einer wohlhabenden Handelsfamilie schon früh wissenschaftliches Aufsehen. Wie später bekannt wurde, führte bereits seine Dissertation, eine katholische Reflexion der protestantischen Lehren Karl Barths, zur Anlage eines Inquisitionsdossiers, was seine weitere kirchliche Karriere jedoch keineswegs behinderte. Nach Jahren praktischer Seelsorge an der Hofkirche in Luzern wurde Hans Küng mit 32 Jahren zum ordentlichen Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Tübingen und zwei Jahre später von Papst Johannes XXIII. zum offiziellen theologischen Konzilsberater ernannt. Seine Tätigkeit im Rahmen des Konzils machte ihn auch mit Kardinal König bekannt, der einer seiner ersten Förderer wurde. Mehrmals brachten ihn seine Publikationen in ernste Gegensätze zur päpstlichen Kurie. Im Dezember 1979 schließlich bot Küngs Text "Kirche" dem römischen Lehramt den Anlass, ihm die "Missio Canonica", die kirchliche Lehrbefähigung, zu entziehen. Küng schied aus der Fakultät der Universität Tübingen aus, blieb aber Professor für ökumenische Theologie und Direktor des Institutes für ökumenische Forschung. Damit gab es in Deutschland erstmals einen Lehrstuhl für christliche Theologie, der rechtlich keiner Kirche zugeordnet war. Weltberühmt wurde Küng mit seiner 1990 erschienenen Programmschrift "Projekt Weltethos", in der er für den Dialog der Religionen und für eine Rückbesinnung auf die allen Religionen gemeinsame ethische Grundstruktur plädiert. Das folgende Interview fand im Rahmen der Siemens Academy of Life statt, in die Hans Küng als eine der wichtigsten theologischen Autoritäten Europas eingeladen war.

Wiener Zeitung: Ihr Weg in der Theologie begann damit, dass Sie sich zuerst einmal für den Dialog mit den Protestanten eingesetzt haben. Wodurch kamen dann die anderen großen Weltreligionen in Ihr persönliches Blickfeld?

Hans Küng: Schon als Student in Rom – im Jahr 1954 – reiste ich aus Interesse an anderen Kulturen nach Nordafrika. Später dann, als man mir die Lehrbefugnis entzog, habe ich damit angefangen, systematisch Dialoge mit dem Islam, dem Hinduismus und dem Buddhismus zu führen. Mit der Zeit habe ich dabei erkannt, dass dies nicht bloß eine akademische, sondern eine hoch politische Angelegenheit ist. Die Dringlichkeit eines fruchtbaren Dialogs zwischen den Weltreligionen ist heute offenkundiger den je.

Wiener Zeitung: Sie vertreten in manchen Fragen freilich Positionen, von denen konservative Kreise der Meinung sind, dass sie nicht dem Willen Roms entsprechen. So plädieren Sie beim Zölibat für das freiwillige und nicht für das Zwangszölibat. Auch bei der Frage der Empfängnisverhütung sind Sie liberaler als der "harte Kern" der katholischen Kirche. Wie weit sind Sie in Ihren Meinungen unterstützt worden von Leuten wie etwa Kardinal König?

Hans Küng: Zunächst einmal ging es mir um die Frage der Unfehlbarkeit. Im Zuge des Konzils schrieb ich mehrere Reden zu diesem Thema. Kardinal König hat damals eine dieser Reden von mir gehalten: Jene über die Unfehlbarkeit der Schrift. Meine Rede ist damals gut aufgenommen worden. Dabei gibt es sogar viele fundamentalistische Protestanten, die der Ansicht sind, dass es in der Bibel keine Irrtümer gibt. Für sie ist die Bibel der papierene Papst. Am Ende des Konzils bekam ich dann eine Privataudienz bei Papst Paul VI., den ich sehr schätzte. Ich war daher einigermaßen entsetzt, dass er tatsächlich glaubte, das Problem der Pille, d.h. die Bewertung der Empfängnisverhütung als Unsittlichkeit, sei eine Frage der Unfehlbarkeit. Daraufhin habe ich zu diesem Thema ein Buch mit dem Titel "Wahrhaftigkeit" geschrieben. Es kam 1970 heraus, hat aber letztlich nichts bewirkt. Zu Beginn der Amtszeit von Papst Johannes Paul II. griff ich das Thema dann neuerlich auf und fragte, ob wir tatsächlich auf dem richtigen Kurs wären. Ich plädierte damals für die Geburtenregelung, für die Freiwilligkeit des Zölibats und für Frauen in der Kirche, eine Haltung, die neuesten Umfragen zufolge heute von 90 Prozent der Schweizer Katholiken vertreten wird. Das, was ich vertrete, ist also im Grunde das, was der übergroßen Mehrheit der Katholiken – von den Protestanten gar nicht zu reden – entspricht. Der Bischof müsste sich also eigentlich rechtfertigen, warum er eine andere Position vertritt. Ich glaube außerdem – und das ist mein eigentliches Kriterium – unser Herr Jesus selbst würde heute wie der Großteil der Bevölkerung denken. Oder können Sie sich vorstellen, dass Jesus von Nazareth heute für ein Verbot der Pille eintreten würde? Ist vorstellbar, dass er, der von seinen eigenen Jüngern nicht erwartet hat, dass sie unverheiratet sind, Priestern die Ehe verweigern würde? Es gibt in der Heiligen Schrift dazu nur ein Wort: "Wer es fassen kann, der fasse es". Dagegen gilt heute: Wer es nicht fassen kann, muss es auch fassen. Den Zölibat aber haben uns die Päpste aus dem 11. Jahrhundert, die Päpste der gregorianischen Reform, beschert. Da wird man ja fragen dürfen, ob das für das 3. Jahrtausend auch noch gelten soll. Ich kämpfe für alle bereits genannten Anliegen bis heute, und zwar deshalb, weil ich die Kirche nach wie vor als meine Kirche betrachte, die ich nicht irgendeinem Apparat überlassen möchte.

Wiener Zeitung: Worauf ist Ihrer Ansicht nach das schlechte Image der heutigen Kirche zurückzuführen?

Hans Küng: Sie ist das einzige absolutistische System in der westlichen Welt, das sich nach der Französischen Revolution noch gehalten hat. Die Kirche gibt vor, alles zu wissen: Sie schreibt Frauen vor, ob sie die Pille nehmen dürfen oder nicht; sie schreibt dem Pfarrer vor, ob er mit dem evangelischen Pfarrer zusammen das Abendmahl feiern darf oder nicht; sie mischt sich in ökumenische Trauungen ein. Im Grunde mischt sich die katholische Kirche in alles ein, aber so funktioniert unsere Gesellschaft nicht mehr. Eine solche Kommandostruktur von oben nach unten hat zur Folge, dass unten Frustration herrscht. Der katholischen Kirche ist es, im Gegensatz zur Politik, nicht gelungen, langsam den Parlamentarismus einzuführen. Der Papst ist nach wie vor der Gesetzgeber, die Exekutive und die Judikative in einem. Wenn die Kirche die Französische Revolution vermeiden will – und auch das Köpferollen – dann muss sie sich verändern.

Wiener Zeitung: In Europa leben heute 25 Millionen Muslime. Sehen Sie Lösungsansätze, die ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen auf Dauer ermöglichen?

Hans Küng: Lassen Sie mich mit einem Beispiel antworten: Wir haben in Baden-Württemberg eine Lehrerin, eine Deutsche, die in Afghanistan geboren wurde und sich in Saudi Arabien dem islamischen Gauben zugewandt hat. Sie meint, dass sie das Kopftuch tragen muss und hat ihren Fall bis zum Bundesverfassungsgericht durchgekämpft. Meiner Ansicht nach sollte man versuchen, derartige Fälle außergerichtlich zu lösen. Wenn diese Lehrerin von der Kultusbehörde oder vom zuständigen Schulamt gefragt wird: "Sind Sie bereit, den christlichen Charakter der christlichen Gemeinschaftsschule grundsätzlich anzuerkennen? Achten Sie die Religionsfreiheit der anderen? Sind Sie bereit, das Kopftuch abzulegen oder das Lehramt aufzugeben, wenn es in der Klasse ernsthafte Schwierigkeiten gibt und der Schulfriede dadurch gestört wird?" Wenn die Lehrerin all diese Fragen bejahen kann, dann kann sie meines Erachtens das Kopftuch tragen.

Wiener Zeitung: Lassen Sie uns noch über Ihr großes Projekt sprechen, mit dem man Sie vor allem verbindet: das Projekt Weltethos.

Hans Küng: Was wir Menschen heute brauchen, ist ein Minimum an elementaren Standards, die jedermann, ob Christ oder Nichtchrist, ob gläubig oder nicht gläubig, ob alt oder jung, einhalten muss. Damit meine ich nicht eine allen gemeinsame Ethik im Sinne eines ethischen Systems. Sehr wohl aber kann man sagen, dass sich seit der Menschwerdung des Menschen langsam gemeinsame ethische Normen herausgebildet haben, zum Beispiel unschuldige Menschen nicht einfach umzubringen, anderen ihr Eigentum nicht wegzunehmen oder nicht unwahrhaftig zu sein. Das sind Regeln, die Sie auch bei den Aborigines in Australien finden, eigentlich in allen Kulturen, und diese Regeln sind auch nicht kompliziert. Man hat natürlich immer gelogen und gestohlen, aber man sollte sich doch einmal vorstellen, was wäre, wenn wir die Zehn Gebote nicht hätten, die anderer Form auch im Koran stehen. Was, wenn diese Grundsätze völlig in Vergessenheit gerieten? Wir sind fast schon an die Situation gewohnt, dass es Jugendliche gibt, die offenkundig keine Ehrfurcht mehr vor dem Leben gelernt haben, die nie gehört haben: "Du sollst nicht morden". Es war früher undenkbar, dass Kinder andere Kinder oder Lehrer ermorden. Aber entsprechende Grundsätze müssen ja nicht neu erfunden werden, wir brauchen das "Rad des Ethos" als Menschen des 21. Jahrhunderts nicht neu erfinden. Es genügt ein Rückgriff auf jene uralten Regeln, die im Grunde nur wieder bewusst gemacht werden müssen. Und genau das macht unsere Stiftung, das Projekt "Weltethos". "Tu nicht dem anderen an, von dem du nicht willst, dass man es dir antut", ja wenn das wieder allen klar wäre! Wenn Sie einen Konzern haben, in dem diese goldene Regel eingehalten wird, dann haben Sie mit Sicherheit ein gutes Betriebsklima. Wenn diese Regel nicht eingehalten wird, wenn man kein Vertrauen mehr haben kann, dann wird die Arbeit zur Hölle. Auch das möchten wir mit dem Weltethos deutlich machen. Aber selbst von den Mächtigen und Politikern darf man erwarten, dass sie einen nicht anlügen, dass sie nicht einen gesamten Krieg erlügen. Ich habe den Irakkrieg von Anfang an als Orwell`sches Manöver angesehen, von Anfang an konnte man das durchschauen. Jetzt muss sich die New York Times entschuldigen, weil sie nicht immer richtig berichtet hat, weil sie einseitig war und nur Regierungspropaganda gebracht hat. Ja, da merkt man, dass einfach Maßstäbe abhanden gekommen sind. Aber es ist natürlich ein gewaltiger Unterschied, ob ein Politiker überhaupt noch irgendwelche sittliche Normen annimmt oder ober er nur noch taktiert. Ich sehne mich immer wieder nach der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zurück. Die großen Leute, die damals Europa gebaut haben, haben nicht ständig nur taktiert. Männer wie Charles De Gaulle, Konrad Adenauer, Schuhmann oder de Gasperi – sie alle waren auf ihre Weise mit Sicherheit auch Füchse und keine harmlosen Leute. Aber sie hatten eine Linie, ein Programm, ein Konzept. All das hängt wesentlich vom Charakter ab, und der Charakter hängt an gewissen ethischen Normen. So läuft schließlich alles zusammen. Natürlich kann man behaupten, die Moral komme weder gegen die Wirtschaft noch gegen die Politik an. Langfristig wird es auch Bush noch teuer zu stehen kommen, auch meinem Freund Tony Blair, der in Tübingen auf meine Einladung hin die erste Weltethosrede gehalten hat. Niemand hatte damals gedacht, dass er kommen würde. Er hat die Rede gehalten, er wurde bejubelt und war eine Identifikationsfigur für die Studenten. Nach seiner Rolle im Irak-Krieg könnte ich ihn heute nicht mehr einladen. Es ist wirklich erschütternd, was alles kaputt geht, wenn sich ein Politiker nicht an ethische Normen hält.

Wiener Zeitung: Im Laufe Ihres Lebens haben Sie mehr als vierzig Bücher geschrieben und nicht bloß Griechisch und Latein, sondern auch noch viele andere Sprachen erlernt.

Hans Küng: Das Erlernen der Sprachen war harte Arbeit. Aber bereits im "Germanicum" in Rom herrschte die Regel, dass man den ganzen Tag über studiert, und heute arbeite ich immer noch den ganzen Tag. Das macht mir Spaß. Oft sitze ich beim Schreiben im Freien auf meiner Terrasse und höre dabei klassische Musik, manchmal bleibe ich bis Mitternacht und betrachte den Sternenhimmel. Ich lebe sehr mit der Natur, wohne auch direkt am Wasser. Da tägliche Hinausschwimmen auf den See ist für mich beinahe ein mystisches Erlebnis, wenn man sich vergessen kann im See und nicht mehr weiß, wo man ist, und erschrickt, wenn plötzlich ein Schwan über einem fliegt, der mit seinen Flügeln ungeheuer laut knallt. All das gehört zu meinem Leben, das sehr interessant und sehr anstrengend ist und das Letzte fordert. Aber ich bin sehr zufrieden damit.