back

Platos Urenkel

Denken Sie nicht so viel, lassen Sie auch einmal denken! Zum Beispiel in der philosophischen Praxis des Eugen-Maria Schulak.

von ISABELLA STRAUB
Kleine Zeitung (Magazin, 24. 03. 2001)

 

Da lebt man fröhlich dahin, denkt an nichts, freut sich sehr - und im nächsten Moment tut sich die Erde auf und man blickt geradewegs in die dunklen Abgründe des Daseins. Dorthin, wo man eigentlich nicht vorhatte hinzuschauen. Zu allem Überfluss springen einem dann auch ausgesprochen lästige Fragen an die Gurgel: Was soll ich tun? Was kann ich glauben? Was darf ich hoffen?

Beruhigend zu wissen, dass sich das schon andere vor uns gefragt haben. Aristoteles, Nietzsche, Kant und wie sie alle heißen. Allesamt Liebhaber der Weisheit (philos: Freund; sophia: Weisheit), aber nicht immer unsere Freunde. Dunkel nur erinnern wir uns daran, dass der kategorische Imperativ nix mit Grammatik zu tun hat; dass der besserwisserische Sokrates mit seinen hinterhältigen Fragen im Columbo-Stil bestenfalls platonische Gefühle hervorrief; dass der Wittgenstein`sche Tractatus uns einst traktierte. Und über aller Ver(w)irrung immer die Frage der Fragen: Was hat Philosophie eigentlich mit dem richtigen Leben zu tun?

"Viel", sagt Eugen-Maria Schulak uns schlägt die Beine übereinander. Wir sitzen in tiefen Fauteuils, zartlila, keine Couch weit und breit, nur Bücher über Bücher und ein nackter Schreibtisch mit Computer. Schlösselgasse, 8. Wiener Gemeindebezirk, Altbau: In seiner ehemaligen Studentenwohnung empfängt Wiens einziger "praktischer Philosoph" seine Klienten. Ruhig ist es, das Licht gedämpft, die Gedanken fließen zäh, aber beständig wie der Verkehr in der Alserstraße.

Wer bei ihm philosophischen Rat einhole? Vor allem Freiberufler, sagt Schulak. Ärzte, Psychiater, Neurologen, Anwälte, Schriftsteller. Eine Tänzerin, die an einer Performance arbeitet und erfahren möchte, was die Philosophen über Jugend und Alter geschrieben haben. Ein Arzt, der eine kleine Klinik in Wien hat und schlicht und einfach Privatunterricht nimmt. Ein Wirtschaftsmagnat, der mit ihm über Macht, soziale Gerechtigkeit und Umverteilung diskutiert: "Im Geschäftsleben muss er Härte und Unbeirrbarkeit ausstrahlen, da ist kein Platz für Irritationen. Doch jemand, der Milliarden bewegt, ist natürlich irritiert."

Neugierde erweckte Schulak bei seinen Freunden, als er noch an der Universität Wien studierte: Also wie ist das jetzt mit der Moral? Mit der Freundschaft? "Ich wurde als Philosoph eingefordert, so wie man einen Steuerberater fragt, was man mit den Zetteln machen soll." Und mit dem faustischen Wissensdrang spross auch eine wundersame Erkenntnis: "Die Leute interessierten sich für Philosophie!" Schulak besuchte ein philosophisches Café in Amstetten und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: "Das Lokal war gesteckt voll - und es ging um den Begriff der Wirklichkeit!"

In existenzialistisches Schwarz ist der 38-Jährige gewandet und er will gar nicht in das Bild passen, das von Berufsdenkern in der Öffentlichkeit kursiert: Wirklichkeitsfremd bis hin zur Lebensuntüchtigkeit, blass über die Gänge der Universität wankend, unverständliches Zeug vor sich hin murmelnd. So stellen sich viele Leute eine Philosophen vor, weiß Schulak. Kein Wunder, schließlich bekämen sie kaum je einen zu Gesicht. Und falls doch, reagierten sie "entweder überheblich oder unterwürfig. Manche glauben, ich kann keinen Nagel einschlagen", sagt er und deutet lachend auf das Regal, "dabei habī ich das selbst zusammengebaut."

Und was muss er sonst noch können, der Denker? "Ein Philosoph ist der Spezialist für das Allgemeine", sagt Schulak. Das bedeutet: "Man ist verpflichtet, überall seine Nase reinzustecken, auch in Fächer, mit denen ich mich zuvor wenig beschäftigt habe, wie Astronomie oder Genetik".

Dass einer wie er nicht am Hungertuch nagen muss, erklärt sich Schulak mit einer gewissen Krise der Psychotherapie: "Man hat gemerkt, dass nicht alles therapiewürdig ist. Dass es nicht immer um ein Defizit geht, das ein anderer ausmerzen muss." Eines ist klar: "Wenn jemand an seiner Partnerschaft leidet oder den Sinn des Lebens verloren hat, dann schicke ich ihn zum Therapeuten. Ich möchte eine rationalen Diskurs führen und nicht gemeinsam mit den Leuten ihre Wunden lecken." Worum es aber sehr wohl gehen kann: um existentielle Fragen, wie bei jenem Schriftsteller, mit dem er eine Nihilismusdebatte führt. Großer Vorteil der Philosophie: Sie ist nicht dogmatisch. Gepflegt wird der pluralistische Dialog; mit Wertungen und Urteilen hält Schulak sich tunlichst zurück.

Im Vorjahr kam eine junge schwangere Frau, um mit ihm über Abtreibung zu sprechen. "Sie wollte alles durchdenken, alle ethischen Positionen überlegen, alle Möglichkeiten und Folgen durchdenken. Sie hat dann ihre eigene Entscheidung getroffen, ich habī ihr keinerlei Tipps gegeben. Ich versuchte nur, möglichst genau zu sein." Nicht um "Trauma-Aufarbeitung" sei es dabei gegangen, sondern um Befreiung, "damit erst gar kein Trauma auftritt. Auch das kann Philosophie leisten." Hilfe bekam auch jene Musikstudentin, die in die Fitnessbranche hineinrutschte und die gemeinsam mit dem Philosophen retrospektiv alle Wegkreuzungen ihres Lebens analysierte: Wann hatte sie sich wie entschieden und weshalb? Mit dieser Sicherheit stieg die Lebenszufriedenheit.

Schulak stand ebenfalls mehrmals an Weggabelungen. Eigentlich wollte er ja Musiker werden, neben dem Studium spielte er in Bands, produzierte Werbejingles für Radio und Fernsehen. Bis die Geschwindigkeit der Branche ihm die Lust raubte: "Alle machen alles in allerletzter Sekunde und sind irrsinnig stolz drauf." Die Getriebenen sind jetzt seine Klienten: "Ich kenne Manager, die leben wie Sklaven, wie Kohlenarbeiter vor 100 Jahren." Unheimlicher Arbeitsbelastung, gepaart mit Einsamkeit am Arbeitsplatz und kaputten Beziehungen - das ist der Boden, auf dem das Unglück gedeiht. "Diese Menschen wollen dann wissen: Was ist das gute Leben?"

Haken wir hier ein: Führen Sie denn ein gutes Leben, Herr Philosoph? Vor zweieinhalb Jahren habe er die Praxis eröffnet, sagt Schulak. Als sich die Arbeitsbelastung erhöhte, reduzierte er bewusst seine Termine, um "nicht nur große Reden zu schwingen, sondern auch das schöne Leben zu führen". Als Epikureer bezeichnet er sich, als Freund des lustbetonten Lebens, "ohne aber auf Luxusbedürfnisse hereinzufallen". Und schließlich sei es doch die Liebe, die alles zusammenhalte, sagt Schulak. Nur liebende Menschen könnten wahrhaft faszinieren: "Wer ein inneres Glühen hat, das ihn antreibt, um den herum gruppieren sich andere. Das ist einfach so!"

Kontakt: Dr. Eugen-Maria Schulak, Schlösselgasse 24, 1080 Wien
Tel.: (01) 402 12 40
Homepage: www.philosophische-praxis.at
Mail: schulak@philosophische-praxis.at