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Karriere mit Kant und Hegel

Gute Zeiten für die einstigen Hauptopfer der Akademikerschwemme: Absolventen der Studienrichtung Philosophie sind in den Firmen zunehmend gefragt. Als Ergänzung zu Betriebswirten sollen sie neue Sichtweisen einbringen.

von NIKOLAI SOUKUP
veröffentlicht in Format vom 20. Juli 2007

 

Ein wenig Bauchweh hatte Christian Köllerer, 36, schon, als er 2000 seinen Job als Produktmanager beim Handy-Marktführer Mobilkom antrat. Schließlich schien sein Bildungsweg so gar nicht zu einer Marketingkarriere zu passen: Köllerer hat nicht etwa Betriebswirtschaft studiert, sondern Philosophie, kombiniert mit Germanistik. "Ich war ziemlich überrascht, als ich feststellte, dass in diesem Bereich auch Absolventen wirtschaftsuntypischer Richtungen wie Ethnologie oder Physik arbeiteten", meint der nunmehrige Senior Manager im Mobilkom-Produktmarketing. Nicht seine Kollegen mussten ihre Vorurteile gegenüber Geisteswissenschaftlern ändern, sondern vielmehr er die seinen über die vermeintlich oberflächliche und von reinem Profitdenken getriebene Wirtschaft.

Begonnen hat seine berufliche Laufbahn als Literaturkritiker. Als solcher agiert er, auf einer Online-Plattform, nebenbei noch immer. An den Wochenenden schmökert er am liebsten in klassischen oder zeitgenössischen philosophischen Werken, um sich, wie er sagt, Impulse für seinen beruflichen Alltag zu holen. "Es gibt in der Wirtschaft ganz allgemein viel mehr intellektuellen Hintergrund, als gemeinhin angenommen wird", sagt er.

Nicht nur Mobilkom-Manager Köllerer ist nach dem Studium von Kant, Hegel und Schopenhauer in die Welt der Zahlen und Märkte gewechselt. Immer öfter dringen die einst als lebensfremd verschrienen Philosophie-Absolventen in die Wirtschaft vor -- als Unternehmensberater oder Führungskräfte. Für Management-Aufgaben empfehlen sie sich unter anderem wegen ihrer generalistischen Sichtweise und ihrer Fähigkeit zum analytischen und strukturellen Denken.

Doch Bernhard Wundsam, Geschäftsführer von Uniport, einem Karriereservice der Universität Wien, sieht einen anderen Hauptgrund für den neuen Boom der Philosophen in der Ökonomie. "Sie können überraschende Perspektiven und Denkweisen einbringen. Dieser Trend ist ein internationales Phänomen, und ich gehe davon aus, dass er sich angesichts der dynamischen Entwicklungen in der Wirtschaft, die ständig neue Ansätze erfordert, in Zukunft noch verstärken wird."

Unternehmensberatungen wie die Boston Consulting Group (BCG) setzen ebenfalls bereits auf Quereinsteiger aus Orchideenfächern. Nur noch rund die Hälfte der BCG-Berater haben ein klassisches BWL-Studium hinter sich, immer mehr Mitarbeiter bei derartigen Consultingfirmen kommen aus "exotischen" Fachrichtungen wie Philosophie, Theologie, Geschichte, Sinologie und naturwissenschaftlichen Fächern. Erst jüngst veranstaltete BCG in Berlin eine Recruiting-Messe, zu der ausdrücklich nur Absolventen nicht wirtschaftlicher Studienrichtungen eingeladen wurden. "Im angelsächsischen Raum ist es schon lange selbstverständlich, dass Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft Karriere machen", meint Roland Haslehner von BCG Österreich. Weshalb es nicht verwunderlich sei, dass dieser Talentepool nun auch in Österreich entdeckt würde.

Geplant waren die Managerkarrieren der Philosophen selten. Zumindest nicht bei Studienantritt. Lange war es für Philosophen eine Zitterpartie, überhaupt einen Job zu finden, sie waren die Hauptopfer der Akademikerschwemme und wurden als Taxifahrer mit Doktorhut zu deren Sinnbild. "Für Philosophie-Absolventen gab es, abgesehen von der Uni-Laufbahn, nie eine maßgeschneiderte Karriere wie bei Medizinern, Architekten oder Juristen", analysiert Karriere-Experte Bernhard Wundsam. "Sie mussten deshalb am Arbeitsmarkt immer besonders flexibel agieren und haben vielfach gelernt, ihre persönlichen Qualitäten herauszuarbeiten und richtig zu vermarkten."

Entsprechend unorthodox verlief so die Karriere der heute 41-jährigen Michaela Keplinger-Mitterlehner. Für eine Fächerkombination aus Philosophie, Psychologie und Geschichte entschied sie sich einst aus dem hehren Motiv, in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Denkweisen eine möglichst breite Basis für ihre Weltsicht zu finden. "Wenn Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt hätten, was ich beruflich machen will, wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, dass ich einmal bei einer Bank landen würde." Ist sie aber. Nachdem Keplinger-Mitterlehner zuvor schon als oberösterreichische Landesdirektorin der BA-CA wirkte, ist sie seit Anfang Juni dieses Jahres Vorstand der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich.

Ihre Wurzeln verleugnen die Philosophen trotzdem nicht. Katrin Gatterbauer, seit Anfang 2006 in der Topposition der Personalchefin für ganz Österreich bei BIPA tätig, sah ihren Job anfangs nur als Übergangslösung. Doch mittlerweile ist die Lehramts-Absolventin der Fächer Philosophie und Geografie mit ihrer Aufgabe eins geworden und findet sich darin trotz ihres ungewöhnlichen Bildungsweges wieder. "Das Philosophie-Studium ist eine Übung in abstrakter und globaler Sichtweise und dem Denken in großen Zusammenhängen. Das ist bei der Entwicklung konzeptioneller Strategien in der Personalentwicklung sehr hilfreich." Das Auswahlverfahren des Assessment Center, bei dem sie vor einem Jahr die Jury von sich überzeugen konnte, gestaltet die 28-Jährige mittlerweile selbst. Auch dabei zieht Gatterbauer Nutzen aus ihrem Studium. Schließlich muss sie feststellen, ob die Einstellungen potenzieller Mitarbeiter mit der BIPA-Firmenphilosophie harmonieren.

Hauptproblem bei derartigen Karriereverläufen: Ohne wirtschaftliches Basiswissen geht trotz höherer Perspektive im Geschäftsleben gar nichts. Dieses müssen die Philosophen deshalb in Form von Crashkursen oder zeitweilig durchaus anstrengendem Praxistraining nachholen. So kämpfte sich Mobilkom-Manager Köllerer anfangs durch die Standardwerke des Marketings, und Bankerin Keplinger-Mitterlehner holte ihre wirtschaftlichen Kenntnisse durch einen BWL-Unilehrgang und eine umfassende Bankausbildung nach. "Ich musste mir vieles selber aneignen", denkt sie an die Anfangsjahre ihres steilen Aufstieges zurück. Im Bankwesen, das noch stärker als andere Branchen von Konventionen geprägt ist, stieß sie als "Bildungs-Exotin", anders als Christian Köllerer bei der Mobilkom, anfangs auch auf Zweifler. "Ich musste zuerst einmal beweisen, dass ich sehr wohl etwas vom Fach verstehe." Inzwischen hat sie die Bewährungsproben längst überstanden. Und anderen Bankern gegenüber hat sie immer noch den Vorteil, dass sie jetzt gleich in zwei, scheinbar so gegensätzlichen Welten, zuhause ist.

Philosophen bringen ihre Sichtweisen zunehmend auch als Unternehmensberater ein. Nicht alle davon heuern zu diesem Zweck bei Unternehmen wie der Boston Consulting Group oder McKinsey an. Unter Philosophen ist es auch schon en vogue geworden, ihr spezielles Know-how als selbständige Unternehmer feilzubieten. "Wir Philosophen sollten nicht unser ganzes Leben im Elfenbeinturm verbringen", meint Eugen-Maria Schulak, Gründer der ersten philosophischen Praxis in Wien, um einen standesgemäßen Vergleich zu ziehen. "Wie Sokrates sollten wir auf den Marktplatz gehen und mit den Leuten ins Gespräch kommen." Aufträge, bei denen seine Expertise gefragt ist, beschreibt er dann zum Beispiel so: "Wenn sich ein Manager fragt, was gerechter Lohn ist, geht es zuerst auch einmal darum, was Gerechtigkeit überhaupt ist." Dabei muss er das Rad nicht neu erfinden, vielmehr vertraut er auf sein reich bestücktes Bücherregal. "Ich benutze die Erkenntnisse dieser Werke genauso, wie man aus einem Steinbruch Steine herausbricht." Schulak kam aus echter philosophischer Obsession auf sein Geschäftsmodell. Nach dem Studium machte er zuerst sein Hobby zum Beruf und ein Tonstudio auf, bis er feststellte, dass die von ihm produzierten Werbejingles "nicht von bleibender Bedeutung sind". Jetzt geht er es als philosophischer Berater wieder grundsätzlicher an. Vor zwanzig Jahren, meint er, wäre der Erfolg seiner Praxis noch nicht möglich gewesen.

Einer der Aufträge seines Branchenkollegen Wolfgang Pauser, selbstständiger Berater für Unternehmenskultur mit philosophischer Ausbildung, bestand darin, die Bedeutung des Mercedes-Sterns zu klären, und zwar für Mercedes selbst. Auch Pausers Karriere war nicht auf dem Reißbrett geplant: Zuvor verfasste er kulturwissenschaftliche Analysen von Gebrauchsgegenständen wie Staubsaugern und Autozubehörteilen. Dabei erkannte er das Interesse der Unternehmen an fundierten Analysen der Botschaften ihrer Produkte. Auch Multis wie Swarovski und Volkswagen bediente er schon.

Stellt sich die Frage: Was genau können Philosophen, das BWL-Absolventen nicht können? Elisabeth Nemeth, Leiterin des Philosophieinstituts der Uni Wien, betrachtet die Absolventen ihres Faches dank ihrer Schlüsselkompetenz des analytischen Denkens als kreative Problemlöser, die über den Tellerrand hinausblicken können. Ähnlich die Analyse von Harald Katzmair, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts FAS Research und selbst promovierter Philosoph: "Dieses Studium befähigt in besonderem Maß dazu, sich schnell einen Überblick über die Gesamtheit einer Sache zu verschaffen. Deshalb werden Philosophen in den Führungsetagen des 21. Jahrhunderts immer gefragter werden." Dazu kommt eine Art konterkarierender Kreativität. "Betriebswirtschafter sind dort gut aufgestellt, wo es darum geht, vorhandene Bedürfnisse möglichst kostengünstig zu befriedigen", meint Philosophie-Berater Pauser. "In einer Welt der gesättigten Märkte geht es aber auch darum, neue potenzielle Bedürfnisse zu erfinden". Dies sei deshalb eher die Sache von Philosophen, die gelernt haben, das Funktionierende infrage zu stellen.

Wie weit es Philosophen bringen können, hat etwa Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) bewiesen, der ebenfalls von sich meint, dank seines Philosophiestudiums Spezialist für das Hinterfragen eingefahrener Muster zu sein. Zuvor war er auch schon Vorstandsvorsitzender des milliardenschweren Glücksspielriesen Novomatic. "Ich war bei meinen Jobs in der Wirtschaft teilweise im positiven Sinne der Hofnarr, weil sich ein Quereinsteiger zu jedem Thema äußern und Fragen stellen darf, mit denen sich etablierte Manager blamieren würden". Worin Hahn eine gewisse Innovationskraft ortet.